Klausurensammlung

In der Arbeit als Fachberater der letzten Jahre hat sich gezeigt, dass die Frage testdummy-800pxnach der Konzeption von Prüfungen – schriftlichen wie mündlichen – das Hauptarbeitsgebiet der Fachberatung darstellt. Die Nachfrage seitens der Fachschaften zu diesem Thema ist vergleichsweise groß. Auch deshalb habe ich beschlossen die Beitragspause im Blog über die Weihnachtsferien zu nutzen, um nach und nach einige ältere Geschichtsprüfungen zur Verfügung zu stellen. Teilweise finden sie sich leicht verändert als Beispiele bereits in der Handreichung zum Abitur im Fach Geschichte von 2013 veröffentlicht.

Alle Klausuren sind als Doc-Dateien runterladbar. Formal und inhatlich sind sie an den Vorgaben (Lehrplan, Abiturprüfungsordnung etc.) für Rheinland-Pfalz orientiert. Die verwendeten Materialien, eventuell auch die Aufgabenstellungen, sind für die mitlesenden Kolleginnen und Kollegen hoffentlich eine Hilfe, z.B. als Material für den Unterricht oder bei der Erstellung eigener Klausuren. Darüber hinaus können sie vielleicht aber auch Lernenden zum Üben vor Prüfungen dienen.

Mittelalter

Klausur 11 Frühes Mittelalter Königsherrschaft

Klausur 11 Mittelalter Königsherrschaft

Frühe Neuzeit

Klausur 11 Frühe Neuzeit Reichstag Worms 1521

Klausur 11 Frühe Neuzeit Reformation

Klausur 11 Frühe Neuzeit Absolutismus und Aufklärung

Klausur 11 Frühe Neuzeit Bürgerliche Revolutionen

Klausur 11 Frühe Neuzeit Französische Revolution Bewertung Jakobinerherrschaft

19. Jahrhundert

Klausur 12 19. Jahrhundert Industrialisierung und Vormärz (Analyse Lexikonartikel)

Klausur 12 19. Jahrhundert Bismarck

Klausur 13 19. Jahrhundert Reichsgründung

Klausur 13 19. Jahrhundert Deutsche Frage

20. Jahrhundert

Klausur 12 20. Jahrhundert Dolchstoßlegende

Klausur 13 20. Jahrhundert Hitlers Mein Kampf

Klausur 13 20. Jahrhundert Weimarer Republik

Klausur 12 20. Jahrhundert Ende der Weimarer Republik

Klausur 13 20. Jahrhundert Internationale Politik nach 1945

Klausur 13 20. Jahrhundert Nahostkonflikt

Neues von Euroclio

Im Rahmen des Historiana-Projekts von euroclio ist ein neues Modul zum Thema „Internment without a trial“ (also: Internierung bzw. Haft ohne einen Gerichtsprozess) online. Es umfasst schwerpunktmäßig Materialien zur NS-Diktatur sowie zum Kommunismus im 20. Jahrhunderts in Europa. Zugleich hat das Thema einen starken Gegenwartsbezug, der auch explizit aufgegriffen wird („bigger picture„), wenn Bastille-800pxman z.B. an Guantanamo denkt, aber auch an die Diskussionen über die Aufweichung oder Aufhebung von Grundrechten in europäischen Ländern zur vermeintlichen Abwehr von Terroranschlägen.

Das Thema besitzt auch eine historische Tiefe, die die Materialien von Euroclio allerdings nicht bieten. In dem Zusammenhang lassen sich z.B. auch der Habeas Corpus Act in England, die Bastille als Gefängnis und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (bes. Art. 7) während der Französischen Revolution thematisieren und als offenkundig immer wieder gefährdete Errungenschaften einordnen.

Beispielhaft ausgewählt wurden die Lager Buchenwald und Lamsdorf. Beide Orte haben eine über das Ende des 2. Weltkriegs hinausgehende Kontinuität, da sie sowohl durch die Nationalsozialisten wie auch anschließend als Internierungslager genutzt wurden. So lassen sich z.B. Haftgründe, Häftlingsgruppen und Haftbedingungen vergleichen, um so einen differenzierten Blick in beide Systeme unter dem Aspekt der Verfolgung und Unterdrückung zu bekommen. Speziell Lamsdorf auch Möglichkeit das Thema „Kriegsgefangenenschaft“ aufzugreifen und in einem Längsschnitt ab 1870/71 zu betrachten.

Materialien sind unter CC BY – Lizenz als Open Educational Resources (teilweise auch NC) veröffentlicht, allerdings nur auf Englisch verfügbar und außer in bilingualen Klassen vermutlich in der Regel nicht 1 zu 1 im Unterricht einzusetzen. Dennoch lohnt der Blick um vor allem anhand von Leitfragen, Aufbau, Einbettung und der Lehr-/Lernmaterialien zum Thema (als PDF und Word Dateien) didaktische und methodische Anregungen zu erhalten, die auch auf andere Beispiele oder Materialien angewendet werden und so den eigenen Unterricht bereichern können. Für Übersetzungen fehlen die finanzielle Ressourcen. Falls sich jedoch Freiwillige finden, die die Module und Materialien übersetzen, können über die Historiana auch andere Sprachversionen angeboten werden.

Euroclio hat im Rahmen des Historiana-Projekts auch begonnen, Online-Anwendungen speziell für den Geschichtsunterricht zu entwickeln. Das erste Tool, das bereits zur Verfügung steht, ermöglicht die Beschreibung und Analyse Text- und Bildquellen (siehe auch das Beispiel hier) durch Annotationen. Es funktioniert ähnlich wie z.B. das bekannte Thinglink (zum Einsatz von Thinglink im Geschichtsunterricht siehe den Beitrag im Geo&Ges-Wiki).

Weitere Anwendungen sind bereits geplant und werden in den nächsten Monaten folgen. Vorteile, der von Euroclio entwickelten Tools sind: Das Angebot ist kostenlos, es steht dauerhaft zur Verfügung und ist in mehreren Sprachen verfügbar. Da noch in Entwicklung befindlich wird ausdrücklich Rückmeldungen gebeten bei auftretenden Fehlern, aber auch bei Anregungen und Ideen für Verbesserung und Weiterentwicklung. Als Grundlage für die Entwicklung weiterer Apps gibt es auch einen kurzen Fragebogen zur „Computer- und Internetnutzung“ von Geschichtslehrkräften im Unterricht.

Der Klang der Geschichte

Was ist eine Quelle? Wie erfahren wir etwas über die Vergangenheit? Wo sind Grenzen historischer Erkenntnis? Das sind Fragen, die in einfacher Form im Anfangsunterricht Geschichte aufgenommen und diskutiert werden. Eine alternative Möglichkeit, um in das neue Fach Geschichte einzusteigen, bietet die nun von der NASA auf Soundcloud veröffentlichte „Golden Record“:

Die Voyager Golden Records (Wikipedia-Artikel) enthalten Ton- und Bildmaterialien, die 1977 mit zwei Raumsonden ins All geschossen wurden (neben den Tönen oben auch Grüße in verschiedenen Sprachen). Sie sollen möglichen außerirdischen Lebensweisen eine Vorstellung des Lebens auf der Erde vermitteln.

Für den Geschichtsunterricht bieten sich die Tondokumente für ein kurzes Projekt zum Einstieg ins Fach sowohl im Anfangsunterricht wie auch zu Beginn der Oberstufe an. Sie können als Quellen auch in eine Unterrichtseinheit zu Gesellschaft und Alltag für die Zeit nach 1945 integriert werden. Die „Golden Record“ ist dabei jeweils in dreifacher Hinsicht interessant.

1) Die Tondokumente der Golden Record sind selbst Quelle und können untersucht werden: Was waren typische Geräusche 1977 von der Erde? Was für Töne und Geräusche, die auch „typisch“ für die Menschheit sind, fehlen? Welches Bild wollte die NASA von The_Sounds_of_Earth_Record_Cover_-_GPN-2000-001978den Menschen und der Erde vermitteln? Gegenstand der Untersuchung sind also weniger die einzelnen Klänge als einzelne Quellen, sondern vielmehr ihre Auswahl und Zusammenstellung.

2) Platten und Plattenspieler dürften einigen Schülerinnen und Schüler mittlerweile fremd, wenn nicht sogar unbekannt sein. So kann auch der Träger der Tonquellen und das notwendige Abspielgerät selbst thematisiert werden. Wer kann die „Anleitung“ zum Abspielen der Platte auf dem Cover (rechts im Bild) entschlüsseln? Was benötigt man, um so diese Schall-Platte abzuspielen? Warum hat die NASA eine goldene Platte als Träger gewählt und war das medienhistorisch betrachtet eine gute Wahl? Was wären 1977 mögliche Alternativen gewesen?

3) Daran knüpfen sich Fragen des Gegenwartsbezugs an. Die meisten Eltern der aktuellen Schülerinnen und Schüler waren 1977 selbst Kinder. Das Jahr liegt historisch betrachtet und für die Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar noch nicht weit zurück. Trotzdem hat sich die Welt seitdem verändert. Eine mögliche Aufgabe könnte  sein: in Kleingruppen 3 oder 5 Töne zu wählen und mit dem Smartphone aufzuzeichnen, um im aktuellen Jahr eine neue „Golden Record“ aufzunehmen. Die Schülerinnen und Schüler präsentieren die gewählten Töne und erklären, warum diese ihrer Meinung nach für die Menschheit und Welt repräsentativ sind und was spätere Generationen oder auch „Außerirdische“ aus diesen Klängen für Informationen entnehmen könnten.

Ergänzend kann auch überlegt werden, welchen Träger man heute wählen würde: wieder eine Platte oder doch lieber einen USB-Stick mit MP3-Dateien? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um die Klänge in Zukunft damit hören zu können? Damit können Schülerinnen und Schüler an einem konkreten Beispiel an Probleme der Langzeitarchivierung sensibilisiert werden, die im übrigen nicht nur Archive betreffen, sondern angesichts der Medienbrüche biographisch jede/r im privaten und familiären Bereich (von Dia-Fotos über Super 8-Filme von Familienfeiern bis hin zu Floppy-Disketten und MiniDiscs) selbst erlebt und vermutlich in den nächsten Jahrzehnten auch weiterhin erleben wird.

Sound History oder Klang(geschichts)forschung ist für die Geschichtswissenschaft neu und spielt dort eine völlig randständige Rolle. In Geschichtsdidaktik und -unterricht gibt es dazu bislang auch kaum (keine?) Überlegungen. Klänge als Quellen bieten eine interessante Abwechslung mit einem anderen Zugang zu Geschichte, gerade auch im Sinne differenzierter Lernangebote in Ergänzung zu Text und Bild im Schulbuch, und bereichern das verwendete Quellenrepertoire im Unterricht.

Anregungen zur Arbeit mit dem Trickfilm „1989 – Unsere Heimat…“

Normalerweise mache ich den Fernseher aus, wenn eine Geschichts-Doku kommt. Vermutlich bin ich da zu sehr typischer Lehrer, eigentlich ein Besserwisser, der seine schlechte Angewohnheit zum Beruf gemacht hat. Für Bewohlfinden und Blutdruck ist das Nichtschauen in der Regel die beste Lösung.

Das meiste geht gar nicht, ist historisch falsch oder zumindest fehlerhaft und schief dargestellt oder schlicht unglaublich langweilig und eignet sich für den Unterricht allenfalls zur Untersuchung und Dekonstruktion der Erzählung eingesetzten filmischen Mittel…

Als ich dann vor ein paar Monaten von einem Trickfilm zur friedlichen Revolution hörte, war ich entsprechend kritisch. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der irgendwie gelungen war. Nachdem ich mir die knapp 13 Minuten dann in der ARD Mediathek (dort noch online verfügbar bis zum 7.11.2015) angeschaut hatte, war alles anders: Ich war begeistert und bin es noch immer, obwohl ich den Film mittlerweile sicher ein Dutzend Mal angeschaut habe. Der Film ist gut gemacht und so detailreich, dass ich bislang jedes Mal noch etwas Neues entdeckt habe…

1989 BannerEs hat sich dann übrigens ergeben, dass der Autor des Films, Schwarwel, letzte Woche im Rahmen eine Workshop-Tour durch alle 16 Bundesländer, die von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wird, einen tollen Trickfilm-Workshop bei mir an der Schule gehalten hat – dazu in einem späteren Beitrag noch einmal ausführlicher.

Nachdem ich den Film nun schon so oft gesehen und in der Projektwoche mit den Schülerinnen und Schülern auch besprochen habe, habe ich mich mal ein paar Ideen für mögliche Aufgaben zusammengestellt, um mit dem Film „1989 – Unsere Heimat…“ im Geschichtsunterricht zu arbeiten. Gerade weil der Film weniger als eine Viertelstunde dauert und zugleich als Trickfilm Geschichte unterhaltsam, aber trotzdem historisch korrekt mit einer gelungenen Verbindung von weltgeschichtlichen mit nationalen Ereignissen und mit biographischen Elementen erzählt, eignet er sich sehr gut für den Unterricht.

Die Aufgabensammlung ist als Anregung gedacht. Die Aufgaben sind weder in der Reihenfolge noch in vollem Umfang sinnvoll. Sie müssen je nach Alter und Vorkenntnissen ausgewählt, an die Lerngruppe und- situation angepasst, vereinfacht oder ergänzt werden. Möglich ist auch durch unterschiedliche Aufgaben binnendifferenzierte Lernangebote zu machen.

Wer sich dafür interessiert, kann die Ideensammlung hier als ODT oder PDF runterladen.

Ergänzungen, Hinweise, Anregungen und Kritik sind wie immer willkommen. Der Film ist übrigens auch für 5€ als DVD bestellbar. Eine vergleichsweise kleine Anschaffung, die hiermit jeder Fachkonferenz Geschichte empfohlen sei.

Update: Das vollständige Video ist vom Verlag auf dem Videoportal Vimeo eingestellt worden: https://vimeo.com/269450025

Welterbe im Unterricht? Aufruf zur Blogparade

Bei der Arbeit an der Handreichung zur Welterbebildung am Beispiel Oberes Mittelrheintal ist mir aufgefallen, dass es keine deutschsprachige Literatur zum Thema Welterbebildung im Geschichtsunterricht bzw. zum gegenseitigen Verhältnis von Welterbebildung und historischem Lernen, auch außerhalb von Schule gibt. Zumindest habe ich nichts gefunden, für Hinweise auf existierende Veröffentlichungen, die ich übersehen habe, bin ich dankbar.

In der aktuellen Diskussion (Burgenbloggerin, FAZ) über das Welterbe Oberes Mittelrheintal taucht immer wieder die Frage der Jugend auf, von Vergreisung ist die Rede. Ein Baustein für die Zukunft lautet mehr Welterbe in die Schule! Die Ziele der Welterbeerziehung der UNESCO sind:

  • Welterbestätten kennen und achten und als gemeinsames Erbe der Menschheit verstehen.
  • Das  Welterbe  in  seiner  Vielfalt  schätzen:  Naturerbe,  Kulturerbe, Erinnerungsstätten,  Immaterielles Erbe.
  • Aktiv am Erhalt und der Pflege bestehender Natur- und Kulturerbestätten mitarbeiten.
  • Das UNESCO-Welterbe in Unterricht und Schulleben verankern und nutzen.
  • Die Welterbestätten als außerschulische Lernorte erleben.

Inwieweit findet das in den Schulen statt? In den UNESCO-Projektschulen, aber auch darüber hinaus. Für viele Fächer, besonders Kunst und Erdkunde, findet einiges, was vermutlich mit der Zusammensetzung des Arbeitskreises „World Heritage Education“ und den entsprechenden Lehrstühlen in Deutschland zusammenhängt. Für das kommende Jahr bereite ich deshalb gerade eine Tagung/Fortbildung zum Thema „Welterbebildung im Geschichtsunterricht“ vor gemeinsam mit dem Pädagogischen Landesinstitut RLP und unterstützt durch den Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal. Geplant ist die Fortbildungstagung für den 4. Mai 2016, muss aber noch durch die entsprechenden Gremien im Land genehmigt werden.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf einen interessanten Twitterchat hinweisen, der unter #OurUNESCO an jedem dritten Montag im Monat um 17 Uhr läuft und von Studenten des Ironbridge International Institute for Cultural Heritage der Universität Birmingham organisiert wird. Für die dazugehörige Zeitschrift gibt es auch aktuell einen interessanten Call for Papers zum Thema „Cultural Heritage in a Digital Age“ mit Deadline zum 14. August.OpenBook

Die bisherigen Diskussionen auf Twitter sind unter dem Hashtag auch nachzulesen und gleichfalls auch in Form von Storify zusammengefasst. Dies sind die kommenden Termine und Themen:

15. Juni:- World Heritage and Industrial Heritage
20. Juli: 39th Session of the World Heritage Committee
17. August: World Heritage and Communities
21. September: Open Discussion

Bei der letzten Mal ging es um das Thema der Welterbebildung. Leider konnte ich daran nicht teilnehmen, die Tweets sind hier zusammengestellt. Einige der Fragen aus dem Twitterchat zur Welterbebildung möchte ich an dieser Stelle auf Deutsch noch einmal aufnehmen und zur Blogparade aufrufen. Die Fragen geben mehr her als man in 140 Zeichen sagen kann. Eine Blogparade zu Welterbe und Welterbebildung im Unterricht, nicht nur im Fach Geschichte, könnte einen interessanten Einblick über deren Stand in Deutschland aus unterschiedlichen Perspektiven bieten.

Hier als Auftakt also meine Antworten auf die Fragen:

1) Who was taken to a World Heritage Site (WHS) as a school pupil?

Ja. Wir waren sowohl im Kölner Dom wie auch einmal auf einem Zugausflug mit der ganzen Schule in Trier. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass uns Schülern damals jemand erklärt hätte, dass es sich um Welterbestätten handelt. Die römischen Überreste in Trier waren schon irgendwie beeindruckend, vor allem die Porta Nigra und die Kaiserthermen sind haften geblieben. Das Beste am Ausflugstag waren jedoch die zwei Stunden Freizeit, in denen ich auf einem Grabbeltisch beim Kaufhof meine erste Cure-Platte gekauft habe.

2) Who was taught about World Heritage in school?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass das irgendwann einmal in der Schule thematisiert worden wäre. Gibt es heute Lehr- und Rahmenpläne, in denen es verbindlich vorgeschrieben ist und nicht nur als Anregung drinsteht?

3) How important is teaching children about World Heritage in comparison with other narratives?

Das ist eine schwierige Frage. Durch den globalen Bezugsrahmen und die Einzigartigkeit der jeweiligen Welterbestätte haben diese natürlich einen herausgehobenen Platz. Da der Zeitrahmen des schulischen Geschichtsunterrichts jedoch begrenzt ist, steht die Welterbe-Bildung in Konkurrenz zu vorhanden Schwerpunktsetzungen und Erzählsträngen. Angesichts der Tatsache, dass eine globalgeschichtlicher Zugang kaum eine Rolle, wäre es eine Möglichkeit diesen über die Integration von Welterbebildung in den Geschichtsunterricht aufzubauen bzw. zu stärken. Dies kann besonders dann gelingen, wenn in vergleichender Weise über regionale vorhandene Welterbestätten hinaus weitere Beispiele herangezogen werden, um an diesen gegenseitige Abhängigkeit und Verflechtung von Kulturen zu erarbeiten. Die Integration von Welterbebildung in den Geschichtsunterricht könnte also einen wichtigen Beitrag leisten zum Aufbrechen nationaler und eurozentristischer Fokussierungen in den curricularen Vorgaben.

4) How does World Heritage fit into your curriculum?

Es passt (eigentlich) hervorragend in den Geschichtsunterricht. Wenn ich mal von meinem Arbeitsalltag ausgehe, dann haben wir gerade die regionalen Welterbestätten nicht nur vergleichsweise nah vor der Tür für Exkursionen, sondern an ihnen werden oft auch exemplarisch in den Schulbüchern einige Lehrplanthemen abgehandelt, z.B.:

  • Römische Geschichte: Trier und der Limes
  • Burgen im Mittelalter am Beispiel der Marksburg im Oberen Mittelrheintal
  • Kirchen(bau) im Mittelalter am Beispiel des Doms in Köln und/oder Speyer

Was fehlt? Eine Thematisierung des Welterbestatus und der damit verbundenen Ideen. Ich kann mich nicht erinnern, dass in Lehrplänen gefordert oder Schulbüchern angbeoten wird, zu thematisieren, warum es sich um Welterbestätten handelt, was sie so einzigartig macht und warum sie besonders erhaltenswürdig sind. Im Sinne der UNESCO auch die Ermutigung sich für den Erhalt dieser Stätten als Menschheitserbe einzusetzen. Angesprochen sind auf individueller Ebene Geschichtsbewusstsein ebenso wie auf gesellschaftlicher Geschichtskultur. Welterbebildung passt also bestens in den Geschichtsunterricht. Warum hat sie dort bislang keinen festen Platz gefunden?

5) What are the issues surrounding inclusion of world heritage into current lessons? How can Heritage help?

Einige Probleme habe ich oben bereits genannt: Es fehlt die Verbindlichkeit in den Vorgaben für den Unterricht sowie das Angebot in den Leitmedien des Unterrichts. Die Thematisierung ist zusätzlich und freiwillig und liegt damit im Ermessen der Lehrkraft, ist also abhängig von deren Interesse. Es gibt reichlich Anknüpfungsmöglichkeiten, aber keine explizite Festschreibung. Diese forderten die deutschen Welterbestätten auf ihrer Jahrestagung: Welterbe in die Lehrpläne (siehe hier). Ich sehe bei den mir bekannten neuen Lehrplänen in Geschichte nicht, dass dieser Appel eine Berücksichtigung gefunden hätte.

Die Implementierung von freiwilligen, zusätzlichen Themen ist immer schwierig. Helfen kann eine Zusammenarbeit der Welterbestätten mit den entsprechenden Instituten der Bundesländer im Schulbereich. Wichtig ist es aufzuzeigen, wie an regulären, verpflichtenden Lehrplan- und Prüfungsthemen exemplarisch mit Beispielen aus dem Welterbe gearbeitet werden kann und wie hierbei Aspekte der Welterbebildung einfließen können. Wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Schulinstituten deshalb, weil so die Chance steigt, dass die Ideen auch in den Schulen ankommen. Bei Vorschlägen und Materialien, die von einer Welterbestätte produziert werden, stellt sich immer die Frage, wie diese an die Lehrenden und Lernenden gelangt. Nur weil man etwas veröffentlicht, egal wie gut es ist, ob nun im Print oder digital, gelangt es noch nicht zu der gewünschten Zielgruppe.

Daher ist die (besonders regionale) Vernetzung und Zusammenarbeit ein zentraler Punkt. Diese sollte die UNESCO-Projektschulen einbinden, vielleicht sogar im besonderen Maße als Innovatoren und Multiplikatoren nutzen, aber zugleich über diese hinausgehen, da die Beschäftigung mit dem Welterbe nicht auf einige Projektschulen bleiben darf. Ist eine regionale Vernetzung mehrere Akteure gelungen, können gemeinsam Materialien erstellt und verbreitet und Fortbildungen für Lehrkräfte angeboten werden. Idealerweise werden die Materialien im Sinne der UNESCO als OER angeboten. Dies erhöht ihre Zugänglich- und Nutzbarkeit unabhängig vom Verfügen über ein gedrucktes Exemplar einer Handreichung, das vielleicht in der Schulbibliothek vorhanden ist, und frei anpassbar an die Bedürfnisse und Notwendigkeiten der jeweiligen Lerngruppe bzw. der einzelnen Lernenden.

Ein erfolgreiches Beispiel für so eine Kooperation ist die oben bereits erwähnte, im April diesen Jahres veröffentlichte Handreichung zur Welterbe-Bildung im Oberen Mittelrheintal, deren Beiträge und Unterrichtsmaterialien auch online als OER verfügbar sind und die die Möglichkeit der Veröffentlichung weiterer Beiträge bietet.

Um beispielhaft verschiedene methodische Zugänge zum Welterbe im Geschichtsunterricht aufzuzeigen, wäre auch ein Themenheft bei „Geschichte lernen“ oder „Praxis Geschichte“ eine gute Sache, um viele Lehrkräfte zu erreichen, die auf der Suche nach gelungenen Unterrichtsanregungen sind.

6) World Heritage Sites are multidisciplinary learning resources- any examples?

Welterbestätten bieten fantastische Möglichkeiten für fächerübergreifenden Unterricht. So kann man am Beispiel der Welterbestätte Oberes Mittelrheintal in herausragender Weise Mittelalter und/oder Romantik zugleich z.B. in Geschichte, Deutsch und Kunst thematisieren. Diese Herangehensweise eignet sich dann auch in besonderem Maße für individuelle Zugänge der einzelnen Lernenden in Form von Projektarbeit. In der Handreichung haben wir für das Obere Mittelrheintal weitere Ideen zusammengetragen:

Überblick: freie Bildungsmaterialien (#OER) für den Geschichtsunterricht

1df7e1d9Die Diskussion um Open Educational Resources (OER, freie Bildungsmaterialien) ist nun schon etwas älter, also ist es an der Zeit, mal eine Bestandsaufnahme zu machen, was es an freien Materialien für den Geschichtsunterricht gibt.

Dazu gilt es zunächst OER von Open Content, also freien Inhalten, zu unterscheiden. Während unter Open Educational Resources kurz gefasst:

Lehr-, Lern- und Forschungsressourcen in Form jeden Mediums, digital oder anderweitig, die gemeinfrei sind oder unter einer offenen Lizenz veröffentlicht wurden, welche den kostenlosen Zugang sowie die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung durch Andere ohne oder mit geringfügigen Einschränkungen erlaubt.“ (aus der Pariser Erklärung vom Juni 2012 UNESCO, Hervorhebungen durch den Autor).

Freie Inhalte sind hingegen „Inhalte, deren kostenlose Nutzung und Weiterverbreitung urheberrechtlich erlaubt ist. Dies kann nach Ablauf von gesetzlichen Schutzfristen zutreffen, so dass ursprünglich geschützte Werke als gemeinfrei gelten. Alternativ werden Inhalte als frei bezeichnet, wenn der Urheber oder Inhaber der vollumfänglichen Nutzungsrechte ein Werk unter eine freie Lizenz gestellt hat.“ (Wikipedia)

Für Geschichte bedeutet das: Quellen und Darstellungen unter entsprechender Lizenz, wie sie z.B. in den Wikimedia Commons zu finden sind, sind also keine OER, wohl aber Open Content. Damit lässt sich auch das Verhältnis der beide zueinander bestimmen: Freie Bildungsmaterialien sind ohne freie Inhalte nicht denkbar. Es braucht Open Content, um Open Educational Resources herzustellen. Ohne die einfache und kostenlose Verfügbarkeit digitalisierter Quellen, besonders n den Wikimedia Commons, wären z.B. weder Segu noch die Videos in meinem YouTube-Kanal möglich. Sie werden auch benötigt um durch Schülerinnen und Schüler selbst Lernangebote z.B. in den LearningApps zu erstellen. Im Bereich Geschichte sind wir in der sehr vorteilhaften Lage, dass, abgesehen von der Zeitgeschichte, ein Großteil der Quellen gemeinfrei und damit frei nutz- und veränderbar sind.

Daran anschließend ergibt sich übrigens die Frage, ob das Erstellen von „Lernmaterialien“ tatsächlich zukunftsweisend für historisches Lernen innerhalb und außerhalb von Schule ist oder angesichts der ubiquitären Verfügbarkeit digitaler und digitalisierter Quellen und Darstellungen (zumindest ab einer gewissen Alterstufe) doch eher das Lernen mit und an diesen direkt (siehe auch den älteren Beitrag hier im Blog: scarcity vs. abundance).

Die OER-Liste für den Geschichtsunterricht umfasst nur deutschsprachige Angebote, ist aber naturgemäß trotzdem vermutlich unvollständig. Dazu gehören laut obiger Kurzdefinition auch die Geschichtsseiten der Wikipedia, die ich aber aufgrund ihrer Besonderheit als Lexikon und des hohen Bekanntheitsgrads absichtlich ausgelassen habe. Weitere fehlende Seiten sind aber in keinem Fall absichtlich weggelassen, sondern nur meiner Vergesslichkeit und mangelhaften Recherche anzulasten. Hinweise auf weitere Angebote bitte per Mail oder noch besser direkt als Kommentar hier ergänzen.

Überblick in alphabetischer Reihenfolge:

[Das] Alte Ägypten im Unterricht https://dasalteaegyptenimunterricht.wordpress.com/ Unterrichtseinheit zum Alten Ägypten für eine 7. Klasse mit Beschreibung des Stundenverlaufs und Unterrichtsmaterialien zum Download.

App in die Geschichte http://app-in-die-geschichte.de/ WebApp auf Deutsch mit verschiedenen Funktionen wie u.a. dem Erstellen von Zeitleisten und rund 80.000 digitalisierten Bildquellen aus verschiedenen Archiven.

LearningApps – Geschichte http://learningapps.org/index.php?category=9&s= Kleine Anwendungen wie z.B. ein Quiz, eine Zuordnungsübung oder ein Kreuzworträtsel, die selbst gestaltet, veröffentlicht und verändert werden können.

Lehrer-Online Geschichte http://www.lehrer-online.de/geschichte.php Vollständige Unterrichtseinheiten mit Arbeitsblättern. Veröffentlicht wurden die Arbeitsblätter schon immer in einem veränderbaren Format,die neueren Einheiten stehen explizit unter CC BY-S-Lizenz.

segu – Lernplattform für Offenen Geschichtsunterricht http://segu-geschichte.de/ Das Leuchturmprojekt im OER-Bereich für Geschichte: Die Plattform bietet für die Sekundarstufe I für alle Epochen vor allem Arbeitsblätter, die jeweils für eine Unterrichtsstunde konzipiert sind, in verschiedenen Modulformen angeboten werden, heruntergeladen und verändert werden können, darüber hinaus aber auch weitere Materialien und Unterrichtsanregungen.

Welterbe-Bildung im Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal http://bildung.welterbe-mittelrhein.de/index.php?id=5883 Didaktische Anregungen und vollständige Unterrichtseinheiten mit Arbeitsmaterialien zur Geschichte des Oberen Mittelrheintals (z.B. Burg im Mittelalter oder Nationaldenkmäler) für das Lernen vor Ort oder im Klassenzimmer.

Youtube-Kanäle

ZUM-Wiki Geschichte http://wikis.zum.de/zum/Geschichte Eine offene Plattform, die Lehrinhalte, Hinweise zu Unterrichtsmaterilien, Anregungen für Stundenentwürfe sowie didaktische Hinweise und vieles mehr umfasst.

Erstellen, teilen, verändern und weiter nutzen – Freies Bildungsmaterial (OER) im Geschichtsunterricht

Bild Prezi OERAm Montag findet in Leipzig das Symposium „HISTOdigitaLE#1“ statt. Die Geschichtsdidaktik an der Universität Leipzig hat sich auf den Weg gemacht und unter dem Label „HISTOdigitaLE – Geschichtslernen anders denken“ verschiedene spannende Teilprojekte zum historischen Lernen mit digitalen Medien gestartet, darunter u.a. die Erstellung eines OER-Portals für Geschichte.

Für meinen Beitrag beim Symposium habe ich eine Prezi erstellt, die ich hier bereits vorab eingesehen und diskutiert werden kann. Begleitend dazu habe ich auch ein Etherpad eingerichtet mit Hinweisen zu Texten, Informationen, Projektbeispielen & fachspezifischen Materialsammlungen.

Weitere Anregungen sind sehr willkommen und können direkt ins Etherpad eingetragen werden.

 

Welterbe-Bildung: Oberes Mittelrheintal – Unterrichtsmaterialien als OER

Welterbe Bildung HEader„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ Zum Welterbe Oberes Mittelrheintal liegt nun eine Handreichung mit Unterrichtsentwürfen und -materialien vor, die in Zusammenarbeit von Pädagogischem Landesinstitut Rheinland-Pfalz und Zweckverband erarbeitet wurde. Die Handreichung gibt es als Printversion (bestellbar hier) sowie als Open Educational Resources auf einer eigenen Website.

Dort finden sich alle Texte und Materialien der Handreichung zum Download in mehreren Formaten (pdf, doc, odt), so dass sie an die jeweilige Lerngruppe und Lernsituation angepasst werden können. Es sind (fast) alle Fächer vertreten, wobei besonders viele Unterrichtsvorschläge für Geschichte vorhanden sind.

Die Handreichung ist nicht nur für Schulen am Oberen Mittelrhein interessant, sondern darüber hinaus für alle, die das UNESCO-Welterbe exemplarisch im Unterricht aufgreifen wollen oder das Mittelrheintal für Exkursionen oder Klassenfahrten als Ziel wählen. Die Einheiten können differenziert aufgerufen werden, ob sie sich für den Unterricht im Klassenzimmer oder im Welterbe vor Ort eignen (siehe Wahlmöglichkeit „Lernort“).

Für mich ist das Projekt wegweisend für die Entwicklung von OER in Deutschland. Wenn sich die Aus- und Fortbildungsinstitute der Länder auf den Weg machen und ihre (ohne kommerziellen Interessen) erstellten Materialien als OER zur Verfügung stellen (siehe dazu auch hier), wird bereits vorhandenes Potential sinnvoll genutzt.

Allerdings ergibt sich daraus zugleich die weiterführende Frage nach der Auffindbarkeit der entsprechenden Online-Angebote. Auch über die Lizenzfrage, hier von den Herausgebern mit der Einschränkung NC gewählt, ließe sich noch einmal diskutieren. Aber angesichts der vorrangigen Erstellung, Veröffentlichung und Nutzung von OER in der Praxis sind das nachgeordnete Fragen und Probleme.

Open Educational Resources – nur ein Buch 2.0?

johnny-automatic-bellows-fileAuf Einladung der Piraten durfte ich gestern das Thema mit Dorothea Mützel vom Cornelsen-Verlag, Simon Köhl von serlo sowie CaeVye und Wilk Spieker von der Tellerand AG der Piraten, die sich mit Bildungsthemen beschäftigt, diskutieren. Der zur Diskussion gleichfalls eingeladene und angekündigte David Klett hat es zeitlich nicht mehr geschafft. Die Diskussion kann bei den Podcasts der NRW Piraten runtergeladen und nachgehört werden.

Die Diskussion ist sehr schnell vom eigentlich gesetzten Thema „Zukunft des (Schul-) Buchs“ hin zu Fragen von u.a. OER, Lernkonzepten, Learning Analytics, Schulsystem, Bildung im 21. Jahrhundert. Mir ist in der Diskussion noch einmal klar geworden, wie eng diese eigentlich getrennten Themen miteinander zusammenhängen und wie wichtig gleichzeitig die analytische Trennung und vor allem explizite Klärung ist, über was man gerade eigentlich spricht.

Um das noch einmal an einem Beispiel deutlich zu machen: Open Educational Resources sind vereinfacht gesagt zunächst einmal nichts anderes als Lehr- oder Lernmaterialien, die durch entsprechende Lizensierung frei zugänglich und verändert sind. Ich könnte also hingehen und einen simplen Multiple-Choice-Test oder eine Liste von W-Fragen zu einer TV-Geschichtsdoku unter CC Lizenz als odt-Datei online stellen.

Guten Unterricht, eine Veränderung von Lernen und Schule bringt das nicht. Wenn ich über letzteres sprechen möchte, dann ist eine Qualitätsdebatte von OER der falsche Weg, sondern es muss über Lernkonzepte, Lehrpläne und Prüfungen gesprochen werden. Womit es zurückgeht zum Ausgangsthema: Die Zukunft des Schulbuchs. OER scheint mir dabei, obwohl es zur Zeit in der öffentlichen Debatte sehr stark fokussiert wird, doch eher ein randständiges Thema. Viel zentraler sind meines Erachtens die alt bekannten Fragen nach Didaktik und Methodik:

1) Was sollen Kinder und Jugendliche heute lernen? (Kerncurricula, Lehrpläne, Kompetenzmodelle – nach diesen Vorgaben müssen Verlage wie auch potentiell alle anderen Anbieter Schulbücher erstellen und die Vorgaben machen in Deutschland hier die Länder)

2) Wie sollen sie das lernen? (Methoden, Arbeitsweisen, Sozialformen, Aufgabenformate, Medien etc. – hier stehen dann die zentralen Elemente, die die Gestaltung der „Schulbücher“ der Zukunft ausmachen).

Ein Schulbuch ist nicht deshalb gut, weil es OER ist. Qualität von Lehr- und Lernmaterialien liegen anderen Kriterien zugrunde. Erst nach der Klärung des „Was“ und des „Wie“ können dann passende Lehr- und Lernmaterialien entwickelt werden. Die Debatte um OER und die entsprechenden Initiativen sind nichtsdestotrotz wichtig: Wer digital arbeitet, Lehrende wie Lernende, braucht freie Materialien, um sie verändern, anpassen, neu veröffentlichen und teilen zu können. Dahinter steckt bereits eine Annahme meinerseits, wie Lernen mit digitalen Medien aussehen sollte.

Stopp! Schlecht argumentiert, werden einige – zu Recht – denken, denn genau dies ein Beispiel für die problematische Vermischung von zwei Themen, die in der Debatte deutlicher getrennt werden müssen. OER ermöglichen zwar die oben genannten Aktivitäten, hier liegt die zentrale Schnittstelle beider Themen; OER definieren aber eben noch nicht, wie Lernen und Schule in Zukunft aussehen werden.

Wieviel „Buch“ im traditionellen Sinn in ein paar Jahren oder Jahrzehnten in den Schulen noch übrig bleibt oder inwiefern sich andere Formen eines zentralen medialen Leitfadens für das Lernen in der Schule oder eventuell sogar noch fundamentalere Wandlungsprozesse in Form von Individualisierung ohne gemeinsames „Leitmedium“ entwickeln und etablieren, bleibt abzuwarten, wäre aber auch auf bildungspolitischer Ebene interessant zu diskutieren, um zukünftige Bildung zu gestalten und nicht von der technischen Entwicklung überrannt zu werden.

OER als offenes Tor für Lobbyismus?

meh„Sind OER Distributionen ein Einfallstor für Interessenvertretungen bzw. Ideologien? – Wer prüft das?“ So lauten zwei der ersten Fragen Etherpad zur Diskussionrunde der Piratenpartei zu OER (Infos und Podcast hier).

Ähnlich klingt es in einem Bericht von der Bildungskonferenz des Verbands Bildungsmedien vom November 2014. So wird Professor Joachim Kahlert wie folgt wiedergegeben: „Für den Einsatz in der Schule müssen OER laut Kahlert inhaltlich korrekt, passend zum jeweiligen Curriculum sowie rechtssicher sein. ‚Wer soll das prüfen? Lehrer sind damit überfordert’“. Darüber hinaus heißt es dann: „Er warnte vor Schulmaterialien aus dem Internet, mit denen Interessensgruppen zu Themen wie Gentechnik, Energieversorgung oder der Zukunft des Individualverkehrs einseitige Lobbyarbeit betreiben.“

Ehrlich gesagt überraschend mich Frage und Argumentation, weil Lobbying an Schule nicht OER-spezifisch ist. Wie sieht die Situation in der Schule denn aktuell aus?

In der Regel ist von der Konferenz des jeweiligen Faches jeweils die Einführung eines Schulbuchs beschlossen worden. Dieses wird von Ausnahmen abgesehen vermutlich von der Mehrarbeit der Kollegen als Leitmedium im Unterricht eingesetzt. Im Sinne der entstandenen Anschaffungskosten bzw. Ausgaben sowie der kiloschweren Schlepperei der Bücher im Ranzen zur Schule sollten die Bücher auch im Unterricht Verwendung finden.

Lehrkräfte ergänzen und erweitern die Arbeit mit dem Schulbuch schon seit Jahrzehnten durch eine Fülle von zusätzlichen Materialien, deren Umfang und Beschaffenheit immer vom jeweiligen Fach abhängt. Zu diesen Materialien gehören u.a. von Verlagen bereitgestellte Zusatzmaterialien wie Tandembögen oder Übungsaufgaben, selbst erstellte Arbeitsblätter oder verschiedene Fundstücke von einzelnen Aufgaben bis hin zu ganzen Videos oder Unterrichtseinheiten in Printpubllikationen oder im Netz.

Jede Lehrkraft nimmt dabei jeweils selbst die Bewertung der Qualität der Materialien vor. Das gilt für Kaufmaterialien ebenso wie kostenlose Materialien. Die Bewertung und Auswahl eines geeigneten Schulbuchs ist eine der Kernaufgaben der Fachkonferenz an dern Schulen. Die Fähigkeit, die Qualität von Unterrichtsmaterialien zu bewerten, ist – sofern nicht fachfremd unterricht wird – eine Selbstverständlichkeit für Lehrkräfte und dafür sind sie auch ausgebildet.

Das Suchen, Auswählen und Bewerten von Materialien für einzelne Stunden braucht natürlich Zeit, an der es Lehrkräften oft mangelt. Ihnen aber diese Fähigkeit abzusprechen, ist eine massive Unterschätzung der wissenschaftlich ausgebildeten Lehrkräften an deutschen Schulen.

Und das Problem mit dem Lobbyismus gibt es jetzt: Nicht nur dass viele Stiftungen und Unternehmen mit Wettbewerben versuchen, Themen und Inhalte, aber auch bestimmte Methoden in Schulen zu platzieren, vermutlich das bekannteste Beispiel für mehr oder weniger verdeckte Werbung ist die Kritik an einigen kostenlos angebotene Unterrichtsmaterialien der Stiftung Lesen (siehe dazu z.B. den Beitrag in der NOZ von 2011 oder den Beitrag der GEW von 2013) .

Ja, Lobbying ist ein Problem im Bereich Unterrichtsmaterialien, und zwar aktuell, aber es hat erstmal nichts mit Digitalisierung oder OER zu tun. Kostenlos ist nämlich keineswegs gleich OER. Die angebotenen Materialien sind zwar kostenlos verfügbar, aber eben nicht OER: Sie stehen unter Urheberrecht und sind nicht veränderbar. Und das mit gutem Grund: Welcher Konzern hätte denn ein Interesse daran, dass Schülerinnen und Schüler seine Werbetexte umschreiben und in veränderter Form im Netz erneut veröffentlichen?

Ob es eine zentrale Stelle braucht, um Unterrichtsmaterialien zu prüfen und für den Gebrauch in den Schule zuzulassen, darüber kann man streiten.Wobei gäbe es so eine Institution, dürfte man dann nicht mehr spontan einen Artikel aus der FAZ oder der taz mitbringen, einen Tweet oder eine Facebook-Seite zeigen und diskutieren, weil sie nicht offiziell zugelassen sind als Material für die Schule? Das wäre ziemlicher Quatsch und würde nur weiteren nach sich ziehen…

Ich traue es auf jeden Fall meinen Kollegen zu, selbst die Qualität angebotener Materialien zu prüfen. Diesen Aspekt stärker als bisher in der Lehrerbildung zu berücksichtigen, wäre auf jeden Fall sinnvoll. Das Thema Lobbying mit OER zu verbinden erscheint mir hingegen als ungerechtfertige Stimmungsmache gegen OER, der bei näherer Betrachtung die Grundlage fehlt.