Spanien und Franco – ein Lexikon macht Skandal

In Spanien sind in dieser Woche die ersten 25 Bände (bis zum Buchstaben H) des spanischen biographischen Lexikons (Diccionario Biográfico Español) der Real Academia de la Historia erschienen. Der Artikel über Franco darin schlägt Wellen. Der Bericht über den Artikel von gestern in El País zählt aktuell 484, der in Público 442 Kommentare.

Worum geht es? Es geht um die Deutung und Bewertung von Geschichte.

Diese ist in Spanien gerade in Bezug auf die Zeit der Diktatur hoch umstritten und politisch aufgeladen. Es geht also um Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. In Spanien hat eine öffentliche Debatte über die Franco-Zeit erst in den letzten Jahren begonnen. So wurde das letzte Denkmal für Franco in Madrid erst 2005 entfernt. Es gab während der Demontage neben Beifallsbekundungen auch Buhrufe und Pfiffe gegen die Entfernung. 2007 folgte die Ley de la Memoria Histórica. 2008  Der Versuch von Baltasar Garzón die Verbrechen des Franco-Regimes juristisch zu ahnden, was ein vorläufiges Ende mit einer Anklage wegen Bestechungsvorwürfen, seiner Suspendierung und Abordnung nach Den Haag gefunden hat. Zuletzt hatte das spanische Justizministerium eine Online-Karte veröffentlicht, in der die (teilweise noch unbekannten) Massengräber der Opfer des Franquismus erfasst und verzeichnet werden sollen.

Der nun erschienene biographische Artikel verschweigt die politischen Verfolgungen und Opfer während des Bürgerkriegs und in der Zeit danach und stellt Franco als „katholischen, intelligenten und gemäßigten Herrscher“ dar. Franco wird in dem Artikel auch nicht als Diktator, sondern als „Generalísimo y Jefe del Estado español“ bezeichnet. Ebenso wenig wird in dem Artikel die militärische Unterstützung durch Italien und Deutschland im Bürgerkrieg (1936-1939) erwähnt. Mindestens ebenso interessant wie der Artikel selbst ist die Bibliografie, deren aktuellster Titel von 1977 (sic!) stammt. (Franco ist im November 1975 gestorben. Zur Rolle und Entwicklung der Zeitgeschichte und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Franquismus von der Transition und bis heute empfehle ich den lesenswerten Überblick von Bernecker und Brinkmann hier.)

Der Autor, Luis Suárez,  ist wohl (ich hab das nicht überprüft, die Info stammt von hier) Präsident des Verbandes zur Erhaltung von Francos monumentaler Grabstätte im Valle de los Caídos. Der vollständige Lexikoneintrag findet sich hier als PDF-Dokument.

Einige beispielhafte Passagen seien hier kurz übersetzt:

“Montó un régimen autoritario, pero no totalitario, ya que las fuerzas políticas que le apoyaban, Falange, Tradicionalismo y Derecha quedaron unificadas en un Movimiento y sometidas al Estado. Una guerra larga de casi tres años le permitió derrotar a un enemigo que en principio contaba con fuerzas superiores. Para ello, faltando posibles mercados, y contando con la hostilidad de Francia y de Rusia, hubo de establecer estrechos compromisos con Italia y Alemania”.

Er installierte ein autoritäres Regime, aber kein totalitäres, da die politischen Kräfte, die ihn stützten, die [faschistische] Falange, der [katholische] Traditionalismus und die [politische] Rechte in einer Bewegung vereint und dem Staat untergeordnet wurden. Ein langer Krieg von fast drei Jahren erlaubte ihm, einen Feind zu besiegen, dem im Prinzip größere Mittel zur Verfügung standen. Dafür, da ihm mögliche Märkte fehlten und Frankreich und Russland ihm feindlich gesinnt waren, musste er enge Verabredungen mit Italien und Deutschland treffen.

“Políticamente había dentro del Movimiento un sector importante que trataba de conducir al nuevo régimen hacia el totalitarismo. La admiración despertada por los primeros éxitos alemanes era muy considerable. Más difícil resultaba para Franco vender las suspicacias de la Santa Sede, que temía verle incluído en el ámbito de poder alemán. ”

Innerhalb der [frankistischen] Bewegung gab es politisch eine Gruppe, die versuchte, die neue Regierung in Richtung Totalitarismus zu führen. Die geweckte Bewunderung für die deutschen Anfangserfolge war beachtlich. Schwieriger war es für Franco den Argwohn des Heiligen Stuhls auszuräumen, der seinen Anschluss an den deutschen Machtbereich fürchtete.

“En mayo de 1940 se produjo el hundimiento de Francia. Franco pasó de la neutralidad a la no beligerancia (…). Por eso ofreció sus buenos oficios a Petain para conseguir que se dulcificaran las condiciones del armisticio.”

Im Mai 1940 ging Frankreich unter. Franco wechselte von der Neutralität zur Nicht-Kriegsführung. […] Deshalb bot Petain er seine Dienste, um die Bedingungen des Waffenstillstands abzumildern.

“En 1953 Franco consiguió dos grandes éxitos: un concordato con la Sante Sede, que garantizaba una tolerancia religiosa más amplia para judíos y protestantes, y un acuerdo de cooperación con Estados Unidos que permitía el establecimiento de tropas y aportaciones sustanciales en dólares”.

1953 gelangen Franco zwei große Erfolge: ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl, das religiöse Toleranz garantierte und auch auf Juden und Protestanten ausweitete, sowie eine Kooperationsvereinbarung mit den Vereinigten Staaten, die die Stationierung von Truppen erlaubte und wichtige Einnahmen in Dollar brachte.

“Cuando en agosto de 1965, el presidente Johnson invitó a Franco a participar en la Guerra de Vietnam, éste demostró su capacidad militar recomendándole salir de una guerra que no podía ganar: los ejércitos modernos son impotentes frente a la voluntad de un pueblo que se expresa en las guerrillas”.

Als Präsident Johnson Franco im August 1965 bat, sich am Vietnam-Krieg zu beteiligen, zeigte dieser seine militärischen Fähigkeiten, indem er Johnson empfahl einen Krieg zu beenden, den er nicht gewinnen konnte: Die modernen Heere seien machtlos gegenüber dem Willen eines Volks, der Ausdruck in einem Guerilla-Krieg findet.

Der Präsident der Akademie der Geschichte erklärte, dass es die guten Beziehungen zum ehemaligen Ministerpräsidenten José María Aznar (Partido popular – die konservative, von einigen als postfranquistisch etikettierte Partei) gewesen seien, die das Projekt erst ermöglicht hätten.  Diese politische Unterstützung spiegelt sich wohl in vielen Beiträgen wieder (so auch in dem über Aznar selbst). Es sind eben auch solche offizielle Geschichtspolitik, die die Jugendlichen auf die Straße treibt. Der Protest auf der Straße ist auch ein Kampf und die Deutungshoheit der nationalen Geschichte.

In der deutschen Berichterstattung spielt dies kaum eine Rolle,  da hier der Fokus auf den wirtschaftlichen, demokratischen und globalen Forderungen der Demonstranten liegt. Vielleicht weil die historischen Bezüge zu komplex erscheinen; vielleicht aber auch, weil fast 50% Jugendarbeitslosigkeit ein hinreichendes Motiv sind. Die andauernden Proteste in Spanien haben sich allerdings eben auch an der parteipolitischen und staatlichen Geschichtspolitik und der aus Sicht der Protestierenden mangelnden historischen und juristischen Aufarbeitung der Franco-Diktatur entzündet. Die Veröffentlichung gerade jetzt ist wie das Gießen von Öl ins Feuer. So gab es schon vor einem Jahr die ersten Massenproteste bei Eröffnung der Gerichtsverfahren gegen Garzón. Einige daraus entstandene zivilgesellschaftliche Gruppen waren nun Mitorganisatoren der Bewegung #15M. Sicherlich untergeordnet richten sich einige der Forderungen der Protestierenden auch auf eine entsprechende Aufarbeitung der Diktatur. (Zu den Hintergründen und Zusammenhängen siehe den informativen Artikel auf Deutsch im Tagesspiegel Online von Bernardo Gutiérrez.)

Was hat das mit Geschichtsunterricht zu tun? Nun, das Thema ist relativ komplex, aber es ist Aufgabe des Geschichtsunterricht Jugendliche zu befähigen, Deutungen von Geschichte als solche erkennen zu können und sich damit von dem einfachen Verständnis als vermeintliche Aneinanderreihung von „Fakten“ zu verabschieden. Gerade der Streit um die Deutung des Franquismus würde sich hier aufgrund der starken Kontraste und zur Zeit auch aufgrund der Aktualität als Unterrichtsthema eignen, allerdings fehlen dazu bisher entsprechende deutschsprachige Materialien. Trotzdem lassen die aktuellen Ereignisse in Spanien im Unterricht thematisieren und reflektieren. Zum einen ausgehend von der Etikettierung #spanishrevolution und einer Überprüfung des verwendeten Revolutionsbegriffs, zum anderen aber auch mit dem Aufzeigen der historischen Dimension der Proteste, anhand kurzer Texte die unterschiedliche  Bewertungen der Franco-Zeit und einer Diskussion über die Bedeutung dieser Geschichtsdeutungen und der (öffentlichen) Erinnerungskultur für eine Gesellschaft.

Mit einem etwas anderen Fokus und anderen historischen Bezügen, die die spanische Protestbewegung in eine  Traditionslinie zum Mai 1968 stellt, wartet übrigens dieses Video auf, das sich auch zum Einstieg in die Diskussion und weitere Recherche eignet.

Memoria histórica: Map of graves

Das spanische Justizministerium hat eine Online-Karte veröffentlicht, auf der Gräber von Opfer des Bürgerkriegs und der anschließenden Diktatur verzeichnet sind. Die Karte kann nach Orten, Regionen oder Namen durchsucht werden.  Mit Klick auf die verschiedenfarbigen Flaggen der Karte erscheinen weitere Informationen zum Ort und den Opfern. Die Informationen sind auf Spanisch und Englisch verfügbar. Die Bürger sind aufgerufen weitere Info  mit einem einfachen Online-Formular einzureichen. Die Internetseite ist eines der Ergebnisse des Gesetzes zum historischen Erinnerung von 2007.

La memoria de Europa – The memory of Europe

Die aktuelle Ausgabe der von der Stiftung der europäischen Akademie in Yuste herausgebenen Pliegos de Yuste ist online. Die Artikel sind alle auf Englisch und Spanisch verfügbar und dem Oberthema der Erinnerungskultur gewidmet. Die meisten Beiträge beschäftigen sich mit der aktuellen Situation in Spanien. Dort beginnt man seit einigen Jahren die Aufarbeitung der Franco-Diktatur (1936/1939-1975), verbunden mit sehr kontroversen juristischen und politischen Debatten, die 2007 u.a. in ein Gesetz zur historischen Erinnerung (Ley de Memoria Histórica) durch die regierenden Sozialisten mündeten.

Im Heft ist übrigens auch ein kleiner Beitrag (PDF) meinerseits zu „Gipfel-“ bzw. Herrschertreffen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zwischen Karl V. und Franz I.

Um noch einmal auf das Thema der Tagung zurückzukommen…

Wer klickt bei einer solchen Nachricht auf „Gefällt mir“? Und warum? Bei der internationalen Version (siehe Bild unten) aktuell übrigens immerhin 118 Leute.

Was erwarten die Museumsleute in Auschwitz vom Posten solcher Nachrichten auf Facebook? Und was erwarten sie von ihren „Fans“ auf der Seite? Wie können/sollen sie darauf reagieren?

httpasts://digitalmemoryonthenet

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Die Konferenz ist rum und sie war gut. Es gab viel Input, einiges zum Nachdenken und durchaus konträre Positionen. Ich fand es sehr interessant zu verfolgen, wie unterschiedlich die Einstellungen der Podiumsdiskutanden und anderer Teilnehmer zu Internet, Öffentlichkeit und Web 2.0 sind. Da man aber nichts wiederholen braucht, was woanders schon beschrieben ist, verweise ich hier schlicht auf die von Kollega Hodel beschriebenen Eindrücke auf histnet, die die Sache gut zusammenfassen.

Die Tweets von der Tagung lassen sich auf Twitter noch nachlesen. Dort finden sich  ebenso wie hier auch einige Links aus den Präsentationen und von den Institutionen der Tagung.

Für mich ergab sich eine gewisse Spannung aus der teilweise zeitgleich stattfindenden re:publica. Einige Teilnehmer bewegten sich auch zwischen beiden Veranstaltungen hin und her, so dass neben den Berichten im Netz auch immer wieder direkte Eindrücke ausgetauscht und verglichen werden konnten. Mir scheint, dass sich hier durchaus eine (doch noch große) Kluft bemerkbar macht. Wie Jan Hodel schreibt, war vor allem bei deutschen Institutionen eine starke Zurückhaltung und Skepsis in Bezug auf  den Einsatz von Social Media in der eigenen Arbeit zu spüren, sofern es um mehr als reine Distributionskanäle für ihre Informationen geht. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die strukturellen Ähnlichkeiten der Vorbehalte gegenüber der Arbeit mit digitalen Medien in Schule und außerschulischen Lernorten (die verschiedenen Institutionen aus meiner schulischen Sicht einfach mal zusammenfassend): In beiden Feldern scheint es wesentlich um die Angst vor Kontrollverlust und mangelndes Zu-/Vertrauen in die Nutzer/Besucher/Lernenden zu gehen.

Etwas schade fand ich persönlich, dass wenig Raum und Zeit für die Diskussion der Vorträge war. Die spannend heterogen zusammengesetzte Teilnehmergruppe hätte sicher an der ein oder anderen Stelle stärker einbezogen werden können. Das Potential zeigte sich als am Samstagmorgen als eine halbe Stunde zur Diskussion zur Verfügung stand. Gleiches gilt für eine fehlende Abschlussrunde nach den Workshops am letzten Tag. Ein Zusammenführen  der Eindrücke aus den verschiedenen Workshops mit Abschlussdiskussion wäre vermutlich schöner gewesen als das Auseinanderlaufen, hätte aber vielleicht den zeitlichen Rahmen in Hinblick auf Abreise etc. gesprengt.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hatte während der Konferenz einen Live-Stream, der wohl in den nächsten Tagen auf der Internetseite zum Nachschauen zur Verfügung gestellt werden soll für alle, die nicht live dabei waren, genauso wie einige Interviews mit Referenten sowie eventuell weitere Materialien. Auch das Portal Lernen aus der Geschichte plant eine Dokumentation der Tagung in Form von Podcast-Beiträgen.

Update: Gerade im Blog von Alexander König entdeckt der Link zum Beitrag von 3Sat Kulturzeit über die Tagung.

Update 2: Die Bundeszentrale für politische Bildung bieten auf ihren Seiten eine umfangreiche Dokumentation der Tagung mit Thesenpapieren der Vorträge und Workshops.

Die Teilnehmer des Workshops bekommen die Präsentation ja per Mail zugesandt. Wer sich sonst noch dafür interessiert, findet hier meine Präsentation zu Google Maps und selbst erstellten Stadtrundgängen mit den ensprechenden Links. An dieser Stelle auch nochmal Danke an Jöran für die nette und unkomplizierte Zusammenarbeit. Mir ist rund um Geocaching einiges klarer geworden und ich werde das sicher selbst mal bald ausprobieren 😉

Übrigens ist es auf Google Maps bisher nur möglich Bilder und Videos einzubetten, mit Audio-Dateien geht das noch nicht. Wer auf seinen Karten auf Google Maps Tonspuren einfügen möchte, muss zur Zeit noch einen Umweg gehen und diese bebildern, dann als Video abspielen und dann z.B. auf Youtube hochladen.

Virtuelle Erinnerungskultur

Unter diesem viel versprechenden Titel findet sich ein kurzer Beitrag in der aktuellen GWU Ausgabe zu „Erinnerungsorten“. Leider wird dort, der Beitrag fällt unter die Rubrik „Informationen neue Medien“, nur auf im Internet vorhandene Informationsportale und publizierte Texte über Erinnerungsorte hingewiesen. Auch wenn die Literaturhinweise durchaus interessant sind, fand ich das enttäuschend.

(Die Linkangaben sind übrigens bis zu drei Zeilen lang, weil u.a. die exakte URL eines PDF angegeben wird – ich habe es nicht geschafft, diese richtig abzuschreiben, wie ich nach Rückkehr aus der Bibliothek zu Hause dann gemerkt habe.)

Das ist schade, weil die Chance vertan wurde entsprechend des Titels auch das Thema von virtuellen Erinnerungsorten im Netz aufzugreifen und diese aktuellen geschichtskulturell hoch interessanten Entwicklungen einem vermutlich weniger medienaffinen, dafür aber breiterem Publikum vorzustellen. Was das „virtuelle“ im Titel des GWU-Beitrags sein soll, erschließt sich mir nicht. Die sonst um präzise Begriffe bemühte Geschichtswissenschaft scheint „virtuell“ weiterhin auf alles zu projizieren, was irgendwie mit dem Internet zu tun hat.

In diesem Blog wurde schon mehrfach darauf hingewiesen: Zunehmend finden sich (sehr unterschiedliche) Formen des Gedenkens und der Erinnerungskultur im Internet, hier lässt sich dann in der Tat von „virtueller Erinnerungskultur“ sprechen. Die Bundeszentrale für politische Bildung organisiert Mitte April eine internationale Tagung in Berlin unter dem Titel „“httppasts://digitalmemoryonthenet“, die das Thema aufgreift und aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet:

Auschwitz bei Facebook. Anne Frank auf YouTube. Ein Tweet aus dem Holocaust Museum – Die Erinnerung an die Vergangenheit ist längst Teil der virtuellen Welt. Digitale Medien prägen somit nicht nur die heutige gesellschaftliche Kommunikation, sie bestimmen auch zunehmend unser Verständnis der Vergangenheit und schaffen neue Formen des Erinnerns und der Vermittlung von Geschichte: Hat das Geschichtsbuch bald ausgedient? Werden Gedenkstättenbesuche überflüssig? Wird es künftig ausschließlich virtuelle Zeitzeugenbegegnungen geben?

Mehr Informationen sowie das Programm finden sich auf der Website der Tagung.

Im Rahmen des Programms werden Jöran Muuß-Merholz und ich am letzten Tag auch einen gemeinsamen Workshop „Lernen (wie) im echten Leben – Geocaching, Mobile Apps und selbst gestaltete Stadtrundgänge“ anbieten.

Virtuelle Mahnmale in sozialen Netzwerken?

Brenna Ehrlich zeigt sich in ihrem Beitrag auf mashable recht begeistert von der Idee. Sie sieht darin ein Wiederbeleben der Opfer und „a fascinating use of social media as an educational tool“. Sehr viel kritischer beurteilt J. A. Heyer in ihrem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung die Einrichtung einer Facebookseite für den 1942 in Madjanek ermordeten Henio Zytormski, der 1933 im polnischen Lublin geboren wurde. Weitere Berichte finden sich u.a. in der Zeit, auf 3Sat-online sowie bei Café Babel.

Ein ähnliches Projekt lief übrigens letztes Jahr gleichfalls in Polen zur Erinnerung an den Warschauer Aufstand 1944. Unter dem Titel „Kumpel z powstania“ (Ein Freund aus dem Aufstand) berichteten Sosna und Kostek Dwadziesciatrzy 63 Tage lang vom Beginn bis zum Ende des Aufstands auf ihren Facebookseiten. Eine kurze Zusammenfassung des Projekts auf Deutsch findet sich auf scholar-online. So sieht die Seite von Sosna heute nach Ende des Projekts aus, inklusive personalisierter Werbeanzeigen auf der rechten Seite:

Eigentlich eine schöne Idee, trotzdem bin ich eher skeptisch, was den Unterrichtseinsatz oder noch weitergehend die Idee, wie in der SZ zu lesen, Schüler Tausende von Facebookprofilen für die gefallenen alliierten Soldaten „kreieren zu lassen“, angeht. Ein Projekt, das von den Schülern gewünscht und getragen wird, vielleicht, aber mit Sicherheit keine Vorgabe als abzuarbeitende Aufgabe von Seiten des Lehrers. Virtuelle Mahnmale bedürfen ebenso wie die  materiellen der dauerhaften Pflege und auch des Schutzes gegen eventuellen Missbrauch.

Wer über ein entsprechendes Projekt nachdenkt, sollte zumindest überlegen, ob werbefreie Blogs eine angemessenere Umgebung sein könnten (siehe  die Werbung auf dem Facebook-Screenshot oben). Allerdings fehlt Blogs der „Community“-Charakter eines sozialen Netzwerks, und da sich die Generation der sogenannten „Digital Natives“ bekanntlich vor allem in diesen Netzwerken aufhält, aber wenig bis gar nicht in Blogs, wird man auch weniger Jugendliche erreichen als auf facebook, wkw oder studiVZ. Die oben genannten Artikel und mehr noch direkt die entsprechenden Facebookseiten können aber sehr wohl dazu dienen, um mit Schülern ins Gespräch über Formen des Gedenkens und der Erinnerungskultur einzusteigen.