Kriegsgefangenenlager als Erinnerungsorte 2 – Lamsdorf/Łambinowice als Lernort

Łambinowice ist heute ein unscheinbarer Ort, der in der Woiewodschaft Opole liegt. Der deutsche Ortsname ist vielen bekannt und im Gedächtnis geblieben: Lamsdorf. Dort gab es seit dem deutsch-französischen Krieg wiederholt Kriegsgefangenen-, Arbeits- und Durchgangslager.

Mir sagte das nichts bis zur Studienfahrt vor zwei Wochen, auf der wir einen ganzen Tag in Łambinowice selbst sowie einen halben Tag im Kriegsgefangenen-Museum und -Archiv in Oppeln verbracht haben. Der Ort hat mich tief beeindruckt. Ich vermute, dass sowohl der historische Ort als auch sein didaktisches Potential bei deutschen Lehrkräften wenig bis gar nicht bekannt ist, deshalb möchte ich beides in diesem Blogbeitrag darstellen, in der Hoffnung den ein oder anderen vielleicht zur einer Fahrt dorthin motivieren zu können.

Die Geschichte eines Militärstandorts in Lamsdorf reicht bis in die preußische Zeit zurück: 1860 begannen die Planungen zur Einrichtung eines Truppenübungsplatzes wurde in der Nähe des Orts. Den Namen Lamsdorf erhielt der Truppenübungsplatz ab 1900. Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurde der Ort zum ersten Mal als Lager für französische Kriegsgefangene genutzt. Gräber der französischen Gefangenen finden sich noch auf dem alten Friedhof heute und sind die ältesten erhaltenen Überreste. Nach 1871 war der Ort wiederum Exerzier- und Übungsplatz. Zahlreiche Fotos und Postkarten dokumentieren diese Zeit und lassen sich gut im Unterricht einsetzen.

Im Ersten Weltkrieg erfolgte ein größerer Ausbau und wiederum eine Nutzung als Kriegsgefangenenlager. In Lamsdorf waren u.a. russische,

Gräber rumänischer Soldaten. Datierung des Krieges auf den Gedenkplaketten: 1916-1919

französische, britische, rumänische  und serbische Soldaten interniert. Über 7000 von ihnen starben durch Auszehrung und Unterernährung.

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Abtretung von Teilen Oberschlesiens an das wieder errichtete Polen richtete man im ehemaligen Kriegsgefangenlager ein Sammelzentrum für Aussiedler aus den nun polnischen Gebieten Oberschlesiens ein. Danach wurden während der Weimarer Republik hier Sportstätten und ein Stadion errichtet, die dann von den Nationalsozialisten in der Folge auch für die Neuorientierung der Sporterziehung zur Wehrertüchtigung von Schülern genutzt wurden. Spätestens ab dem 26. August 1939 wurden auf dem daneben weiter existierenden Militärgelände mit der Neueinrichtung eines Kriegsgefangenenlagers konkrete Kriegsvorbereitungen unternommen.

Zunächst war Lamsdorf ein Durchgangslager (DuLag) und wurde dann ab Mai 1940 mit dem Eintreffen britischer Gefangener zu den größten Stammlagern (StaLag) der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs. Im Lauf des Kriegs wurden hier fast alle Gegner Deutschlands interniert: u.a. Franzosen, US-Amerikaner, Griechen, Jugoslawen, Polen (besonders aus dem Warschauer Aufstand als über 6000 Aufständische nach Lamsdorf gebracht wurden) und vor allem Soldaten der Sowjetarmee.

Entsprechend der NS-Ideologie erfuhren die Gefangenen eine sehr unterschiedliche Behandlung. Die Soldaten der Sowjetunion waren in eigenem Lagerkomplex untergebracht und bildeten mit insgesamt rund 200.000 Gefangenen, von denen über 40.000 gestorben sind, die bei weitem größte Gruppe. Für sie wurden auch keine Einzel-, sondern nur noch Massengräber angelegt.

Im Januar erfolgte die Evakuation des Lagers mit Märschen ins Zentrum Deutschlands. Kranke und Schwache wurden im Lager zurück und sich  selbst überlassen. Mitte März befreite die Rote Armee die Gegend und damit auch das Lager.

Ab Juli 1945 bis zum Herbst 1946 wurde in der Nähe ein Arbeits- und „Umsiedlungs“-Lager für Schlesier aus den umliegenden Dörfern errichtet. In der Erinnerungsliteratur ist dieses auch als „Hölle von Lamsdorf“ (so der Titel des Buchs von Heinz Esser) bezeichnet. Man schätzt, dass ca. 1000-1500 Menschen in diesem Lager gestorben sind.

Heute befinden sich auf dem riesigen Gelände der verschiedenen Lager noch Überreste einzelner Baracken, zahlreiche Denk- und Mahnmäler aus unterschiedlichen Zeiten, ein Friedhof sowie ein Museum. In seiner Kontinuität dürfte der Ort einmalig sein. An der kurzen Zusammenfassung seiner Geschichte lässt sich erkennen, dass hier nicht nur deutsch-polnische, sondern wie in einem Brennglas 150 Jahre europäischer Geschichte anschaulich und erfahrbar werden.

Als Einstieg vor Ort oder im Klassenzimmer kann der im Januar 2012 sehr professionell und aufwändig erstellte Film zur Geschichte des Ortes dienen, der auf der DVD auch in einer deutschsprachigen Version verfügbar ist. Auf Youtube findet sich eine kurze Zusammenfassung auf Polnisch, die aber einen guten Eindruck des insgesamt etwa 20 Minuten langen Films vermittelt:

Die Wikipedia-Artikel sind noch etwas dürftig und in der deutschen Version fokussiert auf das Nachkriegslager. Als Einführungslektüre kann ich den Sammelband von Edmund Nowak empfehlen, der auch auf Deutsch vorliegt und der auch einige Statistiken und Fotos beinhaltet, mit denen im Unterricht gearbeitet werden kann:

Edmund Nowak (Hg.), Lager in Lamsdorf/Łambinowice (1870-1946), Opole 2009 (Polnische Originalversion 2006).

Das Museum in Łambinowice bietet ein pädagogisches Programm auch auf Deutsch an. Auch deutschsprachige Arbeitsmaterialien für Schülergruppen sind vor Ort verfügbar. In der Regel kommen Schülergruppen ab 15 Jahren sowie Studierende.

Die Ausstellung im Museum besteht aus drei Räumen, von denen der erste Anfang dieses Jahres komplett neu gestaltet wurde und das Thema Kriegsgefangenenschaft allgemein in den Blick nimmt.

Ein Eindruck der musealen Inszenierung des neu gestalteten ersten Raumes der Dauerausstellung.

Die Inszenierung ist auf den ersten Blick fesselnd. Die Kollegen der Studienfahrt fanden allerdings, dass die Texte zu den Objekten deutlich zu tief angebracht sind und durch die verschiedenen Multimediastationen und Videoinstallationen mit offener Lautsprecherbeschallung eine zu hohe Lautstärke ensteht.

Die beiden weiteren Räume sind der Geschichte der Lager in Lamsdorf sowie der Geschichte von Katyn gewidmet. Dieser Ausstellungsteil ist bereits einige Jahre alt und soll demnächst überarbeitet und ergänzt werden. So ist z.B. die Geschichte des Nachkriegslager zwar im Film aufgegriffen, in der Ausstellung aber noch ausgespart. Ein Denkmal wurde 1995, der Friedhof für die deutschen Nachkriegsopfer 2002 eingeweiht.

Interessant in diesem Zusammenhang, eventuell auch als Material für den Unterricht, sind ein Artikel im Spiegel zum zweiten Prozess gegen den polnischen Lagerkommandanten 2001 sowie eine Besprechung der FAZ zur 2004 erschienen deutschen Übersetzung des Buches zum System der Nachkriegslager im Oppelner Schlesien von Edmund Nowak.

Die Auseinandersetzung mit dem Ort Lamsdorf sollte auch die Geschichte und Gegenwart des (unterschiedlichen) Gedenkens mit umfassen. Die Ausstellung ist dazu noch nicht geeignet, die zahlreichen Denkmäler und Infotafeln auf dem Gelände sehr wohl. Auch die Eintragungen in den Gästebüchern können durchgesehen und thematisiert werden. So kommen z.B. viele Besucher auch aus Übersee, aus Australien oder den USA: Es sind die Enkel und Urenkel, der in den beiden Weltkriegen inhaftierten Soldaten und Offiziere, die über Familienerzählungen und Tagebücher ihrer Vorfahren den Wunsch entwickeln, diesen Ort zu besichtigen.

Zum offiziellen Gedenken fehlen noch Lernmaterialien. Am großen Ehrenmal finden mehrfach im Jahr Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen statt. Allerdings noch nie von einer offiziellen sowjetischen oder russischen Delegation, auch hier sind es die Nachfahren der Kriegsgefangenen, die den Ort aufsuchen. Gefangenenahme im Krieg wurde in der Sowjetunion als Verrat betrachtet. Die verstorbenen Kriegsgefangenen waren folglich keine Helden, die überlebenden Heimkehrer waren starken Repressionen ausgesetzt, viele von ihnen kamen nach ihrer Kriegsgefangenenschaft in ein sowjetisches GuLag.

Ergänzend zu Łambinowice lohnt sich der Besuch im zentralen Kriegsgefangenenmuseum und -archiv in Oppeln. Um genau zu sein, ist das Museum weniger lohnenswert, wenn man bereits vor Ort in Łambinowice war. Die kleine Ausstellung richtet sich vor allem an jene, die nicht zum Lager selbst fahren. Was sich hingegen sehr lohnt, ist das Archiv. Auch hier gibt es ein eigenes archivpädagogisches Angebot. Das Archiv hat umfangreiche Bestände von Kriegsgefangenenakten mit einem Schwerpunkt im Zweiten Weltktrieg. Die Aktenbestände stammen nicht nur aus Lamsdorf. Ergänzt werden die überwiegend auf Deutsch verfassten Akten durch eine große Fotosammlung. Nach Anmeldung und Absprache mit den Pädagogen kann hier an Archivalien in Form von Geschichtswerkstätten sowohl mit deutschen wie auch mit deutsch-polnischen Gruppen hervorragend projektorientiert geforscht und gelernt werden.

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Kriegsgefangenenlager als Erinnerungs- und Lernorte 1

Zwei Wochen ist es mittlerweile her, aber die Zeit zum Schreiben ist leider nicht immer da. Als Fachberater war ich Teilnehmer einer Lehrer-Studienfahrt in die polnische Partnerregion von RLP: die Woiewodschaft Opole. Organisiert wurde die Fahrt vom Referat Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit dem Oppelner Bildungskuratorium. Eine solche mehrtägige Veranstaltung wird bereits seit einigen Jahren angeboten, in der Regel als gemeinsame Fahrt von deutschen und polnischen Lehrkräften zu Gedenkstätten in beiden Regionen mit dem Fokus darauf, wie man dort mit Schülern in Begegnungs- und Austauschmaßnahmen arbeiten kann.

Besonders beeindruckt hat mich das Museum, der Friedhof und die Gedenkstätten in Łambinowice /Lamsdorf. Das Potential dieses ebenso schrecklichen wie vermutlich einmaligen Ortes für historisches Lernen werde ich in den nächsten Tagen versuchen in einem zweiten Beitrag aufzuzeigen.

Ich muss zugeben, dass ich mich zuvor nie mit Kriegsgefangenenlagern auseinandergesetzt habe. Unter den Teilnehmern der Fahrt war auch das Ehepaar Spietz, das seit 25 Jahren mit viel Engagement und wenig Unterstützung ein kleines Museum zum Kriegsgefangenenlager der Alliierten im rheinland-pfälzischen Bretzenheim aufgebaut hat (zur Geschichte des Lagers siehe den Beitrag auf den Seiten des Landeshauptarchivs).

Das ist ein schwieriges Thema, an dem sich auch eine größere gesellschaftliche Debatte der letzten Jahre festmacht. Auf der Fahrt kam im Gespräch dann die fast schon zu erwartende Replik, dass die deutschen Kriegsgefangenen ihre Haft und die Bedingungen quasi „verdient“ gehabt hätten und sich das Gedenken nicht auf die Deutschen als Opfer fokussieren dürfe.

Was mir persönlich auf dieser Fahrt erst klar geworden ist: Ehemalige Kriegsgefangenenlager als Orte der Erinnerung dürfen nicht den rechten Parteien und Organisationen überlassen werden. Diese bemühen sich zunehmend darum, Kriegsgefangenenlager als vergessene Orte deutscher Geschichte zu vereinnahmen. Das wird in den Berichten des Ehepaar Spietz über die Besucher des Museums klar, zeigt sich aber auch z.B. in Remagen, wo auch in diesem Jahr am 24.11. wieder ein Neo-Naziaufmarsch geplant ist.

Wie einem Bericht der Rhein-Zeitung von letzter Woche zu entnehmen ist, gibt es bereits seit 2005 in Remagen, wo es neben der berühmten Brücke ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager sowie einen Soldatenfriedhof gibt,  immer wieder rechte Demonstrationen.

Meiner Meinung reichen anlassbezogene Gegendemonstrationen nicht aus. Die alliierten Kriegsgefangenenlager müssen Thema der historisch-politischen Bildung werden. Das Feld darf nicht anderen überlassen werden, die sie für ihren revisionistischen Ziele missbrauchen.

Die Institutionen politischer Bildung müssen sich dieser Orte annehmen. Engagierte Einzelpersonen dürften damit in der Regel überfordert sein. Sie brauchen fachliche und organisatorische Unterstützung. Einen Auftakt in Rheinland-Pfalz hat die Landeszentrale für politische Bildung mit einer Fachtagung zum Thema im August gemacht.

Das Kreismedienzentrum Ahrweiler hat nun zum Kriegsgefangenenlager einen kurzen Info-Film produziert. Die Stimme aus dem Off erzählt für meinen Geschmack etwas anstrengend langsam und allzu moralisch mahnend. Als Geschichtslehrer hätte ich mir den Film informativer gewünscht. Nichtsdestotrotz ist der Film wichtig. Besonders um auch die historische Darstellung  des Themas auch im Netz zu besetzen. Der Film ist im Artikel der Rhein-Zeitung verlinkt, über Youtube verfügbar und sollte auch im Unterricht Verwendung finden.

Buch: Stadtführer Koblenz. Auf den Spuren des Nationalsozialismus

Am Freitag vor einer Woche öffentlich vorgestellt, liegt das dünne Büchlein nun auf meinem Tisch. Die Besprechung durch den Haushistoriker der Rhein-Zeitung war sehr positiv (nur in Printausausgabe). Die Kritik von Dietmar Bartz auf Archivalia hingegen anhand des PDF-Auszugs, der sich auf den Seiten des Stadtarchivs Koblenz findet, war ebenso prompt wie deutlich. Das machte natürlich neugierig.

Leider muss ich hier den Eindruck von Bartz bestätigen. Das Setzen von Anführungszeichen ist nicht immer nachvollziehbar und scheint teilweise eher zufällig erfolgt zu sein. Die Aufmachung des Bändchens (z.B. die Farbwahl des Covers) sowie besonders die Wahl der Überschriften hinterlassen einen in der Tat fragwürdigen Eindruck. Die Orte, die vorgestellt werden, sind natürlich nicht vollständig. Die getroffene Auswahl wird nicht begründet. Die Texte z.T., wie z.B. beim Reichsbankgebäude, eher anekdotisch. Es sind einige Artikel, die vor allem, wie Bartz schreibt, „kritikfreie allgemeine Organisationsgeschichte“ bzw. die Baugeschichte wiedergeben. Streit um das Gedenken, den Umgang mit dem baulichen Erbe der NS-Zeit sowie Kontinuitäten (vgl. Hakenkreuz-Ornamente am heutigen Bundesbankgebäude) bleiben unerwähnt.

Der Bereich der Erinnerungskultur findet auf immerhin vier Seiten Platz, ist aber nur mit einer Nummer versehen. Diese Nummer wurde auch für die Verzeichnung von fünf Gedenkstätten im Stadtplan gewählt. Welche Monumente im Stadplan verzeichnet wurden, warum diese und andere nicht, wird nicht erläutert. Nicht nur für Auswärtige dürfte bei 5x Nummer 30 im Stadtplan nicht immer klar sein, welcher Gedenkort sich dort jeweils befindet.

Die Fotos sind reine Illustration und teilweise in schlechter Qualität, gerade da, wo durchaus Alternativen zur Bebilderung bestanden hätten. Sie sind zudem so klein gedruckt, dass sie z.B. für Kopien zur Arbeit in der Schule nicht herangezogen werden können. Zu einigen Themen wurden alternative, m.E. wesentlich aussagekräftigere Bilder aus dem Landeshauptarchiv nicht berücksichtigt (z.B. zur Festung Ehrenbreitstein als Propagandaort). In der Literaturauswahl wurden online zugänglich Aufsätze nicht berücktsichtigt bzw. die URL nicht angegeben (siehe z.B. hier).

Insgesamt bietet das Heftchen eine dünne, wenig hilfreiche Zusammenstellung. Auch persönlich finde ich es schade, dass ein bereits zwei Jahre altes Online-Projekt, das sich vor allem an Schüler und Lehrer richtet, und mögliche Stadtrundgänge zum Thema auf Google Maps aufgearbeitet hat, keine Erwähnung findet, obwohl die Handreichung dazu auf den Seiten des Landeshauptarchivs veröffentlicht wurde. Der Anhang des Büchleins zum „Internet“ enthält genau zwei Verweise: auf eine zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht online verfügbare Dissertation einer der beiden Autorinnen sowie zur Seite des Fördervereins Mahnmal e.V.

Eine Zusammenarbeit von Schule und Archiv wäre möglich und sinnvoll gewesen, um z.B. in Kooperation mit Schülern eine Erweiterung der bestehenden Google Maps-Karte vorzunehmen, aber man hat sich vermutlich sehr bewusst für eine exklusive, insgesamt aber leider wenig gelungene Publikation im Print entschieden.

Video: Fußballer in Auschwitz

Das Museum der Gedenkstätte Auschwitz hat heute über seine Social Media-Kanäle das oben stehende Video verbreitet. Ich finde es, ehrlich gesagt, etwas seltsam. Nun klar dass man als Institution den Besuch der bekannten Sportler auch nutzen möchte, aber irgendwie wirken die zusammengeschnippelten Statements in dem Video für mich wie die Auszüge aus „Interviews“ mit Spielern direkt nach einem Match – also weitgehend nichtssagend. Ich habe kurz überlegt, ob man den Film für den Unterricht nutzen kann. Ich denke eher nicht. Allenfalls als Einstieg in eine Diskussion über den Umgang mit der Erinnerung an den Holocaust heute – der Besuch der deutschen Nationalmannschaft war in den Medien kontrovers diskutiert. Zusammen mit den entsprechenden Zeitungsartikeln könnte der Film dann einen ganz guten Ausgangspunkt für diese grundlegendere Fragestellung sein. Interessant und ebenso kontrovers hierzu, soweit sprachlich zugänglich, sind auch die Kommentare der Facebook-Nutzer unter dem Video.

Podcastreihe zu Veränderungen der Erinnerungskultur

In der Hörsaal-Sendereihe von DRadio Wissen läuft diese Woche eine sehr interessante Reihe über die Veränderungen der Erinnerungskultur.

Der erste Vortrag lief bereits am Montag und stammt von Frank van Vree. Unter dem Titel „Die Ästhetik des Schreckens – Aspekte und Probleme einer Visualisierungsgeschichte“ beschäftigt er sich mit der Geschichte der Darstellung des Holocausts in Literatur, Film und Fernsehen. Der Vortrag ist eine Aufzeichnung von einer Konferenz des Goethe-Instituts Paris zum Thema „Mediale Transformationen des Holocaust“ vom 29. Juni 2011.

Der zweite Vortrag beschäftigt sich speziell mit dem Einfluss der „neuen“ Medien auf die Erinnerungskultur. Thomas Weber referiert unter de Fragestellung „Wie werden wir uns erinnern? – Zum fortgesetzten Wandel von Erinnerung an den Holocaust in Film, Fernsehen und im WWW“. Der Vortrag ist gleichfalls eine Aufzeichnung von der oben genannten Tagung in Paris vom 30. Juni 2011.

Alle gelaufenen sowie die noch folgenden Beiträge lassen sich auf den Seiten von DRadio Wissen direkt anhören oder herunterladen.

Shoah-Überlebender erzählt seine Geschichte über Twitter

Boruch Szlezinger wurde 1925 geboren. Er hat den Holocaust überlebt und sich vor acht Tagen einen Twitter-Account zugelegt (@BSzlezinger). Er lebt in Frankreich und schreibt auf Französisch. Eigentlich schreibt er nicht selbst: Laut dem ersten Tweet vom 21. März hat sein Enkel für ihn das Konto angelegt hat und schreibt für ihn. Szlezinger möchte seine Geschichte erzählen und den Zugang zur Erinnnerung vereinfachen („Compte créé dans le but de faciliter la transmission de la mémoire de la Shoah.“). In der Twitter-Bio ist nur ein Artikel zur englischen Wikipedia verlinkt, der dort jedoch wegen mangelnder Relevanz gelöscht wurde (siehe die Diskussion hier). Ebenso in der französischen Version.

via Lyonel Kaufmann

https://twitter.com/BSzlezinger/status/185457837407862784

Schülerarbeit: Gedenkorte in Koblenz

In Ergänzung zu ihrer Facharbeit bei einer Kollegin hat eine Schülerin alle Stolpersteine sowie weitere Gedenkorte in der Stadt Koblenz auf einer Karte bei Google Maps eingetragen. Ein schönes und einfaches Beispiel dafür, wie auch Lernende  selbstständig digitale Karten nutzen können. Vielleicht geht ja auch der lokale Verein Mahnmal Koblenz hin und bindet die Karte auf seiner Seite ein. Das wäre eine gute Ergänzung zur reinen Auflistung, die bislang auf der Seite steht. Ergänzend ließen sich auf der Karte noch direkte Links zu den Biographien setzen, die sich auf der Seite des Verein befinden.

„Erinnerung ohne moralischen Zeigefinger“

Hier noch als Nachtrag der Link zur Mediathek des ZDF mit dem gestrigen Beitrag aus dem heute journal, wo das recht lange und wirklich interessante Vorgespräch mit dem Redakteur ein wesentlicher Grund für den längeren Blogbeitrag zum Thema war:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/228#/beitrag/video/1577238/Erinnerung-ohne-moralischen-Zeigefinger

Interviews zum Thema Erinnerungskultur in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung

Die meisten Interviews wurden zwischen dem 14.-16.04.2011 auf der Konferenz httpasts://digitalmemoryonthenet in Berlin aufgezeichnet.

Franco-Biografie? Nicht gelesen…

In einem Interview mit El País in der Samstagsausgabe meint der 79jährige Direktor der königlich spanischen Geschichtsakademie, Gonzalo Anes, er habe noch keine Zeit gehabt, den Artikel über Franco zu lesen. Außerdem habe er die Franco-Zeit erlebt und wisse, wie das gewesen sei. Auf die abschließende Frage, ob es nicht zumindest Konsens sei, dass Franco ein Diktator war, weicht er mehrfach aus, unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass er erschöpft sei und gehen müsse… sie bleibt bis zum Ende des Interviews unbeantwortet. Das Interview ist schon ein starkes Stück! Die Rufe nach einem Rücktritt von Anes werden sicher dadurch nicht leiser… danach hätte er auf jeden Fall wieder Zeit, auch den Eintrag über Franco mal zu lesen und mit seinen Erinnerungen abzugleichen…

Zwei weitere Punkte in dem fast zwei Seiten langen Interview finde ich interessant: Zum einen das Argument von Anes, dass es eine solche Debatte wie jetzt in Spanien in keinem anderen europäischen Land geben könnte. Damit liegt er ziemlich falsch. Das zeigen die zahlreichen Geschichtsdebatten in fast allen europäischen Ländern in den letzten Jahren. Vermutlich ist Geschichte selten so intensiv und kontrovers gesellschaftlich disktutiert worden. Zum anderen verweist Anes angesichts von Vorwürfen des nicht wissenschaftlichen Arbeitens und mangelnder Kontrolle auf die Schnelligkeit und Umfang der Veröffentlichung: insgesamt 50 Bände mit 43.000 Einträgen von mehr als 5000 Autoren; ein vergleichbares Projekt in Italien, das in den 60er Jahren begonnen wurden, sei heute beim Buchstaben „M“ angekommen.

Wäre es nach ihm gegangen, so sagt er weiter, wäre das ganze Werk nur online veröffentlicht worden. Das hätte natürlich Korrekturen, Ergänzungen und Aktualisierungen wesentlich vereinfacht. Die Online-Edition soll nun später folgen. Es stellt sich trotzdem die grundsätzliche Frage, wer heute noch ein solches Lexikon in dieser Form braucht und benutzt? Der Verkaufspreis liegt bei 3500€. Nicht nur angesichts der höchst problematischen Inhalte (das geht über das bisher hier Beschriebene hinaus: Artikel zu anderen Personen sind von deren Internetseiten „übernommen“ worden, zu den Infanten hat die Pressestelle des Königshauses den Artikel verfasst), ob sich die rund 6 Mio. Euro an öffentlichen Geldern für ein solches Projekt rechtfertigen lassen?

Die Akademie verweist auf die Verantwortung der Autoren für ihre Artikel und betont die Bedeutung des Gesamtwerks, erkennt aber an, dass die Kritik der vergangenen Tage in einzelnen Punkten berechtigt sein könnte. Sie behält sich vor, einzelne Artikel (nun!) intensiv zu prüfen und gegebenenfalls zu ändern (offizielle Stellungnahme der Akademie von 3. Juni als PDF). Zeitgleich entfacht die Debatte neu um das Mausoleum Francos im Calle de los Caídos, das nicht mehr rechte Pilgerstätte sein soll, sondern eventuell umgewandelt wird in ein Museum und eine Gedenkstätte für die Opfer. Es scheiden sich die Geister daran, ob Primo de Rivera und Franco in ihren Gräber dort bleiben dürfen oder rausgeholt werden müssen vor einer solchen Umwandlung. Darüber hinaus ist fraglich, was mit den Tausenden dort verscharrten Opfern des Franco-Regimes geschehen soll, von denen die Angehörigenverbände eine Exhumierung und Identifikation verlangen, was Gerichtsmediziner aber als schwierig einschätzen…

P.S. Artikel auf Deutsch zum Thema finden sich mittlerweile online u.a. in der taz, Welt und Zeit. Die Artikel lassen sich auch gut im Unterricht einsetzen, um z.B. Fragen nach „Objektivität“ von Geschichtsdarstellungen, wissenschaftlichen Standards u.ä. zu thematisieren.