Liberale Bewegungen im 19. Jahrhundert: Deutschland und Mexiko im Vergleich

Die Revolutionen von 1848 gelten in Deutschland bis heute als wichtiger Bezugspunkt für Demokratie und nationale Einheit. In Schulbüchern stehen oft die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, die schwarz-rot-goldene Fahne und das Scheitern der Revolution im Mittelpunkt. Weniger bekannt ist allerdings, dass sich zur gleichen Zeit auch Mexiko in einem tiefgreifenden politischen Umbruch befand – und dass dort liberale Kräfte am Ende deutlich erfolgreicher waren als im Deutschen Bund.

Ein Vergleich beider Entwicklungen eröffnet interessante Perspektiven für den Geschichtsunterricht: Warum scheiterte die liberale Nationalbewegung im Deutschen Bund, während sich in Mexiko die liberale Republik letztlich durchsetzen konnte?

Der Deutsche Bund: Nationalliberalismus und Scheitern der Revolution

Im Deutschen Bund verbanden sich seit den 1830er Jahren zwei zentrale Forderungen miteinander: nationale Einheit und politische Mitbestimmung. Liberale und demokratische Gruppen kritisierten die restaurative Ordnung nach dem Wiener Kongress 1815. Pressezensur, politische Überwachung und die Macht der Fürstenhäuser prägten viele Staaten des Deutschen Bundes.

Die Revolution von 1848 schien zunächst einen Durchbruch zu bringen. In vielen deutschen Staaten wurden Verfassungen angekündigt, Zensurmaßnahmen aufgehoben und Parlamente gewählt. Die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche erarbeitete erstmals einen gesamtdeutschen Verfassungsentwurf. Ziel war ein deutscher Nationalstaat mit Grundrechten und parlamentarischer Ordnung.

Doch die Revolution scheiterte letztlich an mehreren Faktoren: an den Interessengegensätzen zwischen Liberalen und Demokraten, am Widerstand der Monarchen und vor allem daran, dass die Nationalversammlung keine eigene militärische Macht besaß. Als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die ihm angebotene Kaiserkrone ablehnte, verlor das Projekt seine Grundlage. Die verbleibenden revolutionären Kräfte wurden militärisch geschlagen und in vielen deutschen Staaten setzte die politische Reaktion ein.

Besonders symbolisch für dieses Scheitern wurde die Hinrichtung von Robert Blum. Blum war Journalist, Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung und einer der bekanntesten Vertreter des demokratischen Flügels der Revolution. Während des Wiener Oktoberaufstands 1848 unterstützte er die Aufständischen politisch und wurde nach der Niederschlagung durch österreichische Truppen verhaftet und am 9. November erschossen.

Die Hinrichtung hatte enorme symbolische Bedeutung: Österreich ignorierte damit bewusst die parlamentarische Immunität eines Abgeordneten der Nationalversammlung. Vielen Zeitgenossen wurde klar, dass die alten Mächte bereit waren, die Revolution mit Gewalt zu beenden. Robert Blum gilt heute als Märtyrer der deutschen Demokratiebewegung. Straßen und Schulen tragen seinen Namen, doch im öffentlichen Bewusstsein ist er kaum noch präsent, in jedem Fall deutlich weniger als andere Figuren der deutschen Nationalgeschichte.

Mexiko: Liberale Reformen und Kampf um die Republik

Auch Mexiko war im 19. Jahrhundert von politischen Konflikten, Bürgerkriegen und Machtkämpfen geprägt. Nach der Unabhängigkeit von Spanien 1821 blieb das Land politisch instabil. Konservative Kräfte verteidigten die privilegierte Stellung von Kirche und Militär, während Liberale eine moderne Republik nach republikanisch-verfassungsstaatlichem Vorbild anstrebten.

In den 1850er Jahren setzten die Liberalen unter Führung von Benito Juárez weitreichende Reformgesetze durch. Die sogenannte „La Reforma“ zielte auf die Trennung von Kirche und Staat, die Einschränkung kirchlicher Privilegien und die Schaffung eines modernen Verfassungsstaates. 1857 wurde eine neue liberale Verfassung verabschiedet.

Daraufhin kam es zum Reformkrieg zwischen Liberalen und Konservativen. Anders als im Deutschen Bund endete dieser Konflikt jedoch nicht mit einer dauerhaften Niederlage der Liberalen. Zwar versuchten konservative Kräfte anschließend mithilfe Frankreichs und Kaiser Napoleons III., eine Monarchie unter dem österreichischen Erzherzog Maximilian von Habsburg zu errichten. Doch die mexikanische Republik unter Benito Juárez setzte den Widerstand fort.

Der Konflikt entwickelte sich damit zugleich zu einem Kampf um die nationale Souveränität Mexikos gegen europäische Intervention. Nach dem Abzug der französischen Truppen wurde Kaiser Maximilian 1867 gefangen genommen und schließlich – trotz massiver internationaler Proteste – öffentlich hingerichtet.

Die symbolische Wirkung dieses Ereignisses war enorm: Während im Deutschen Bund nach 1849 die monarchische Ordnung restauriert wurde, setzte sich in Mexiko die liberale Republik militärisch und politisch durch. Die Hinrichtung Maximilians markierte das endgültige Scheitern des monarchischen und imperialistischen Projekts in Mexiko.

Benito Juárez und Robert Blum – zwei sehr unterschiedliche Erinnerungsfiguren

Ein Vergleich zwischen Benito Juárez und Robert Blum ist historisch interessant. Beide stehen für liberale und republikanische Ideen des 19. Jahrhunderts. Beide wurden zu Symbolfiguren ihrer jeweiligen politischen Bewegung. Doch ihre historische Wirkung unterscheidet sich deutlich.

Robert Blum wurde zum Symbol eines gescheiterten demokratischen Aufbruchs. Die deutsche Nationalbewegung erreichte ihre Ziele der Einheit erst später – allerdings unter preußisch-monarchischer Führung und nicht als liberale Demokratie.

Benito Juárez dagegen wurde zum erfolgreichen Staatsgründer der liberalen Republik. Bis heute gehört er zu den wichtigsten historischen Persönlichkeiten Mexikos. Sein Bild findet sich auf Geldscheinen, Straßen und Städte tragen seinen Namen, zahlreiche Denkmäler erinnern an ihn. Sein Geburtstag ist nationaler Feiertag. Besonders hervorgehoben wird dabei seine Verteidigung der mexikanischen Souveränität gegen die französische Intervention. Juárez gilt in Mexiko bis heute als Symbol republikanischer Staatlichkeit und nationaler Unabhängigkeit.

Gerade hierin liegt ein spannender Unterschied der Erinnerungskultur: Während Deutschland lange Zeit stärker die nationale Einigung von 1871 erinnerte, blieb die gescheiterte Revolution von 1848 eher ein demokratischer Bezugspunkt kleinerer politischer Traditionen. In Mexiko dagegen wurde der Sieg der liberalen Republik selbst zum zentralen Bestandteil nationaler Erinnerung.

Perspektiven für den Geschichtsunterricht

Der Vergleich zwischen Deutschland und Mexiko zeigt, wie unterschiedlich liberale Bewegungen im 19. Jahrhundert verlaufen konnten. Beide Regionen standen vor ähnlichen Fragen: Verfassung oder Monarchie? Föderation oder Zentralstaat? Privilegien oder Gleichheit vor dem Gesetz? Doch die politischen Ergebnisse unterschieden sich erheblich.

Als Ausgangspunkt können zwei Gemälde dienen, die die Hinrichtung Robert Blums und Maximilians zeigen,um von diesen beiden Punkten die Entwicklungen, die dazu geführt haben, zu erarbeiten. Für den Geschichtsunterricht eröffnet dieser Vergleich die Möglichkeit, nationale Perspektiven zu erweitern. Die Revolution von 1848 erscheint dann nicht mehr nur als „deutsche“ Geschichte, sondern als Teil einer globalen Epoche liberaler und republikanischer Bewegungen.

Zugleich wird deutlich, dass Mexiko im 19. Jahrhundert in mancher Hinsicht politisch fortschrittlicher agierte als viele Staaten des Deutschen Bundes: Während dort nach 1849 die Reaktion siegte, setzte sich in Mexiko die liberale Republik dauerhaft durch – gegen innere Gegner und gegen die militärische Intervention europäischer Mächte.

Napoleon III., Bismarck – und Benito Juárez: Verflechtungen zwischen Europa und Mexiko

In deutschen Geschichtsschulbüchern wird bis heute in einer nationalen Engführung die Entstehung des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 in der Regel als Ergebnis eines komplizierten Zusammenspiels von innen- und außenpolitischen Faktoren beschrieben. Frankreich habe Preußen provoziert und schließlich den Krieg erklärt, weil die Kandidatur eines Hohenzollernprinzen für den spanischen Thron in Paris als Bedrohung wahrgenommen wurde. Kaiser Napoleon III. stand zusätzlich unter innenpolitischem Druck, endlich einen außenpolitischen Erfolg vorzuweisen. In dieser angespannten Lage wirkte die von Bismarck gekürzte und veröffentlichte Emser Depesche als eine gezielte Provokation – sie heizte die nationalistische Stimmung in Frankreich an und führte unmittelbar zur Kriegserklärung.

Auch Österreich spielt in dieser Darstellung eine Rolle. Nach der Niederlage von 1866 hatte das Habsburgerreich seine Großmachtposition eingebüßt. Bismarcks „milder“ Frieden nach Königgrätz und die innere Neuordnung als nun Österreich-Ungarn durch den Ausgleich von 1867 banden Wien. Eine belastbare Allianz mit Frankreich kam nicht zustande, und so entschied man sich für Neutralität – was Frankreichs Isolation noch verstärkte.

Doch was hat all das mit Mexiko zu tun? Überraschend viel.

Denn Frankreichs Niederlage im Krieg gegen Preußen steht in enger Verbindung mit einer außenpolitischen Episode, die man in Europa gerne übersieht, die aber in Mexiko bis heute eine große Rolle spielt: das französische „Abenteuer“ in Mexiko. Kaiser Napoleon III. hatte bereits 1862 Truppen entsandt, um dort ein Protektorat zu errichten. Mit Maximilian, dem Bruder Kaiser Franz Josephs von Österreich, installierte er ab 1864 einen Marionettenkaiser in Mexiko.

Die mexikanische Republik unter Führung von Benito Juárez organisierte jedoch einen entschlossenen Widerstand. Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs erhöhten auch die Vereinigten Staaten den Druck auf Frankreich. Napoleon III. musste seine Soldaten zurückziehen. Ohne die militärische Unterstützung Frankreichs brach Maximilians Regime rasch zusammen. 1867 wurde der „Kaiser von Mexiko“ in Querétaro gefangen genommen und nach einem Gerichtsprozess öffentlich hingerichtet – eine Szene, die Édouard Manet in einem berühmten Gemälde festgehalten hat, dessen vierte Fassung heute in der Kunsthalle Mannheim zu sehen ist. Teile einer anderen Fassung finden sich in der National Gallery in London.

Diese Niederlage schwächte Napoleon III. enorm: Es war nicht nur ein außenpolitischer Gesichtsverlust, sondern durch die hohe Kosten auch ein finanzielles Desaster, was zu einer grundlegenden Legitimationskrise seiner Herrschaft in Frankreich führte. Das Scheitern in Mexiko gilt daher als einer der Gründe, warum er anschließend – im Konflikt mit Preußen – so dringend einen außenpolitischen Erfolg suchte. Auch auf der persönlichen Ebene spielte Mexiko eine Rolle: Dass Napoleon III. trotz Zusage, seine militärische Unterstützung für Maximilian zurückzog, führte trotz symbolischer Annäherung zu einer Beeinträchtgung des Vertrauens in die Person Napoleons. Die ausbleibende Unterstützung im deutsch-franösischen Krieg war aber vor allem das Resultat von strategischer Vorsicht und innerer Schwäche Österreichs.

Für Mexiko hingegen ist Benito Juárez bis heute eine prägende Gestalt. Er war der erste indigene Präsident Mexikos und gilt als liberaler Reformer. Schulen, Straßen, Plätze in jeder noch so kleinen Stadt tragen seinen Namen, Denkmäler erinnern an ihn im ganzen Land. Auch der Flughafen der Hauptstadt ist nach ihm benannt. Mit dem erfolgreichen Widerstand gegen die französische Besatzung und der Entscheidung, Maximilian trotz internationaler Proteste hinrichten zu lassen, setzte Mexiko ein klares Signal: Die neu entstandenen Nationalstaaten in Lateinamerika würden ihre Unabhängigkeit mit allen Mitteln verteidigen – auch gerade gegenüber den nach imperialen Eroberungen strebenden europäischen Mächten.

Zurück zu Teil 2: „Nationalstaat und nation-building im Vergleich“.

Weiter zu Teil 4: Mexiko und Deutschland im Ersten Weltkrieg.