Die Geschichtsdidaktik und das Netz – Teil 2

Mit dem zweiten Beitrag kann ich direkt an den Artikel von Alex anschließen. Ich denke auch, es geht im Kern um die „Selbstverständlichkeit“ der Nutzung digitaler Medien, die Demantowsky am Ende des Interviews anspricht. Er bezieht dieses, wie Alex in seinem Beitrag schon deutlich gemacht hat, jedoch auf die alltägliche Mediennutzung und nicht auf wissenschaftliches Arbeiten oder historisches Lernen. Und genau da liegt der entscheidende Punkt der Debatte.

Was in vielen Beiträgen zum Thema durchscheint – und um das Argument von Demantowsky aus dem Interview einmal perspektivisch umzudrehen – ist, dass das Web 2.0 als Austausch- und Publikationsort von vielen Akademikern in den „Geisteswissenschaften“ in einem von einem elitären Wissenschaftsverständnis geprägten Habitus des analogen Eltfenbeinturms ignoriert und/oder abgewertet wird. Dabei geht es gar nicht um einen „Hype“, und ich denke auch nicht um einen „digital turn“. Es gibt auch keine zwei Welten, eine vermeintliche Trennung in eine reale und eine virtuelle Welt, sondern das Digitale mit seinen Möglichkeiten und Risiken ist integrativer Bestandteil unserer Welt. Diese künstliche und wenig hilfreiche Trennung in den Köpfen aufzuheben, wäre das ein wichtiger Schritt.

Es geht auch nicht um jung und alt oder das Überbordwerfen wissenschaftlicher Methoden. Es geht um die Veränderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen. Wie verändert sich Gesellschaft, der Umgang mit Wissen unter den Bedingungen des Digitalen und welche Auswirkungen hat das auf die Geschichtswissenschaft, -didaktik und den Geschichtsunterricht? Es ist hier also um die Frage nach der Reflektion und Integration des Digitalen in die Disziplin.

Das scheint mir noch ein weites, aber durchaus drängendes Aufgabenfeld. In ihren Interviews auf dem L.I.S.A.-Portal machen Mareike König und Marko Demantowsky bereits deutlich, wie sich die Arbeit von – sagen wir mal etwas weltzugewandter – Gesellschaftswissenschaftlern verändert. Auf den Geschichtsuntericht gemünzt müssten daraus zumindest für einen wissenschaftspropädeutisch ausgerichteten Fachunterricht der Oberstufe gleichfalls Veränderungen folgen, die andere Formen Kommunikation und Kollboration, der Recherche, Verarbeitung und Präsentation von historischen Inhalten beinhalten.

Neben der Veränderung der wissenschaftlichen Arbeitsweise sehe ich noch drei wesentliche Auswirkungen auf Geschichtsunterricht:

– Die Schulen (wie die Universitäten übrigens auch) spürten die Auswirkungen mit als erste und kämpfen seit Jahren in aufreibenden Rückzugsgefechten oft in Form von Verbotsversuchen (Handys, Wikipedia, Youtube, Facebook usw.), um so (weitgehend vergeblich) ihre bisherigen Verfahren, Aufgaben- und Prüfungsformen beibehalten zu können. Die Bedingungen des Digitalen verändern Schule, das Lernen und damit eben auch den Fachunterricht. Um nur wenige Beispiele zu nennen:

Während bei einer unbeantworteten Frage im Unterricht vor 20 Jahren die Lehrer in der Regel einen Schüler rauspickten, dem sie auftrugen, das zuhause mal nachzuschlagen (in der Regel war gerade der oder die dran, die vermeintlich etwas Interesse hatte durchblicken lassen und die Aufgabe dann, so zumindest bei mir, wie eine Strafarbeit empfand – wem das noch so ging, bitte die Hand heben!). Das Vorgehen macht aber keinen Sinn mehr, wenn mir die gesuchte Sachinformation mit Hilfe eines Rechners im Klassenzimmers oder eines Smartphones innerhalb von Sekunden zur Verfügung steht.

Generelle Verbote von Handys im Unterricht (natürlich nicht zum Telefonieren, aber warum nicht zu einer sinnvollen Nutzung als Hilfsmittel zulassen?) oder der Wikipedia macht ebensowenig Sinn. Die Lösungen zu den vielen Aufgaben in den Schul(geschichts-)büchern kann ich innerhalb von Sekunden im Netz finden; oft auch entsprechenden Lösungseiten oder gleich das Lehrerhandbuch als PDF-Download. Wie viel Sinn machen diese Aufgaben dann noch? Wie müssen sich Schulgeschichtsbücher unter diesen Bedingungen verändern?

Was ich schneller und ebenso zuverlässig im Netz finde, schlage ich auch nicht mehr in Büchern nach. Warum sollten Schüler dies tun? Sie müssen aber lernen z.B. die Zuverlässigkeit von Informationen einzuschätzen. Und das nicht so holzschnittartig, wie oft in der Praxis erlebt: Wikipedia sei demnach nicht nach vertrauenswürdig, weil dort jeder schreiben könne… Blogs, die anonym oder unter Pseudonym geführt werden, ebensowenig. Wenn  Historiker die gleichen Maßstäbe an ihre Quellen anlegen würden, wäre wohl ein Großteil nicht verwendbar.

Es braucht veränderte Lernarrangements, die eben diese Bedingungen, in denen Lernen heute stattfindet, miteinbeziehen und fachdidaktisch reflektieren an Schulen, Studienseminaren und Universitäten.

Die Fachdidaktik sollte aber auch nicht die hier nur in Bruchstücken dargestellten veränderten Bedingungen historischen Lernens in einer digitalen Welt unterschätzen. Dabei geht es nicht um eine Technikbegeisterung, sondern um das Erarbeiten von allgemein und fach- didaktischer Kriterien für eine sinnvolle Nutzung im Unterricht und zur Vermittlung in der Lehreraus- und weiterbildung; eine zentrale Aufgabe einer wissenschaftlichen Fachdidaktik.

– Bereits ein Topos, aber zutreffend: Es war noch nie so viel Geschichte. Die Bedeutung der Geschichtskultur hat in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen. Lange vorbei sind die Zeiten  behüteter  Geschichtsvermittlung durch Autoritäten wie  Universitäten, Familie, Lehrer und Schulbuch. Diese spielen natürlich weiterhin eine Rolle, gleichzeitig erleben wir aber eine Explosion multimedialer Geschichtsdarstellungen, seien es nun Computerspiele, Internetseiten oder Videos. Die Geschichtsdidaktik beschäftigt sich schon länger mit dem Thema. In Lehrplänen, Schulbüchern und Klassenzimmer ist es bisher weniger bis gar nicht präsent. Die Allgegenwärtigkeit historischer Deutungen in Zeugnissen der Geschichtskultur verlangt entsprechende Kompetenzen der Leser, Zuschauer und Nutzer. Auch deshalb ist die Kompetenzorientierung so wichtig.  Aber ob digitale Formen der Geschichtskultur weiterer oder anderer Kompetenzen bedürfen, und falls ja (man denke nur die Möglichkeiten digitaler Bild- und Filmmanipulation, der Reinfall auch von etablierten Zeitungen auf gefälschte Twitter-Accounts und Blogbeiträge), wie diese aussehen könnten, ist in der Disziplin allenfalls angedacht. Erarbeitet wurden die Kompetenzmodelle an den klassischen Materialien des Geschichtsunterrichts. Das Digitale ist auch hier weitgehend Blindstelle.

Verstanden in diesem Sinn, nämlich der Berücksichtigung und Reflektion der Bedingungen des Digitalen, bedarf es meines Erachtens einer ‚digitalen‘ Geschichtsdidaktik als integrativer Bestandteil der Wissenschaft.

– Ergänzend dazu gibt es einen vierten Punkt in etwas anderer Blickrichtung. In den letzten Jahren hat der Geschichtsunterricht an den Schulen an Bedeutung eingebüßt. Fast überall wurden Stundentafel gekürzt, in einigen Ländern und Schulformen auch die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer gleich ganz zusammengelegt. Innerhalb des Fächerkanons der Schule stehen die einzelnen Disziplinen unter einem Rechtfertigungszwang.

Es würde sich meines Erachtens anbieten, die Chance zu ergreifen und auf die genuin fachdidaktischen Methoden und Kompetenzen des Geschichtsunterrichts, die grundlegende Fähigkeiten für den Umgang mit Informationen vermitteln, und darüber hinaus auf das, was Alexander König formuliert hat, verweisen: einen „Brückenschlag zu anderen Disziplinen im Feld (z.B. Medienbildung, Mediendidaktik, Medienpädagogik) im Sinne einer Geschichtsdidaktik als Integrationswissenschaft perspektivisch“ aufzuzeigen.

Es existiert eine hohe Schnittmenge von fachspezifischen Methoden und Kompetenzen und dem, was aktuell unter dem Label „Medienkompetenz“ firmiert. Hier begeben sich weder Didaktik noch Unterricht in eine defensive oder „dienende“ Position, wenn sie auf ihre daraus wachsende Bedeutung für das Lernen und Weltverständnis von Kindern und Jugendlichen  erkennen und herausstellen. Vielmehr könnte dies eine Position eines wachsenden Selbstbewusstseins des Fachs werden.

Die Geschichtsdidaktik und das Netz – Teil 1

Anlass für den Beitrag und Grundlage der Auseinandersetzung ist das Interview mit Jun.-Prof. Dr. Marko Demantowsky auf dem Wissenschaftsportal der Gerda-Henkel-Stiftung, das nun auch schon zwei Wochen alt ist. Eine Besprechung reizt mich schon seit dem ersten Hören, aber ich komme erst jetzt dazu.

Alexander König hat sich in seinem Blog bereits zu geäußert, mutig, ohne das komplette Interview gehört zu haben, aber die einzelnen Aussagen sind in Kurzüberschriften durch die Redaktion treffend zusammengefasst, so dass sich die wesentlichen Thesen in der Tat auch so erschließen lassen. Die berechtigten kritischen Fragen von Alex brauche ich hier nicht zu wiederholen und will mich deshalb auf andere Aspekte konzentrieren.

Zunächst einmal das Grundsätzliche: Demantowsky plädiert gegen einen Hype um digitale Medien. Den mag es geben. In der Geschichtsdidaktik sehe ich allerdings eher einen Nachholbedarf in der Auseinandersetzung mit der Digitalisierung und deren Folgen für die Wissenschaft, die Lehre und den Unterricht. Soweit ich das Feld überblicke, gibt es in der Praxis zahlreiche Versuche mit digitalen Medien zu arbeiten, diese keineswegs euphorisch aus reiner Technikbegeisterung einsetzend, sondern aus geschichtsdidaktischer Perspektive  für einen Einsatz im Unterricht prüfend. Eine meines Erachtens notwendige intensive  und breite theoretische Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Digitalisierung sehe ich weder für die Geschichtsdidaktik als Wissenschaft noch für die zwei Phasen der Lehrerausbildung oder die Unterrichtspraxis.

Das spiegelt sich auch in dem Interview wieder, wo diffus auf eigene (negative) Erfahrungen und Eindrücke verwiesen wird, in denen die beobachtete Praxis des eLearnings an der Universität vor allem als Materialaustasch in Lernplattformen wahrgenommen wird. In Demantowskys Beschreibung der Lernsituationen an der Uni, wo Studenten nicht mehr Kopien mitbrächten, sondern nur ihre Laptops aufklappten, so dass der Dozent nicht sehen könne, was sie im Seminar machen, spiegelt sich Angst vor Kontrollverlust und ein Unverständnis, dass Texte auch mit entsprechenden Programmen am PC gut be- und verarbeitet werden können (zugegebenermaßen nicht meine Arbeitsweise, ich arbeite auch lieber mit Papier, zumindest bei längeren Texten – eine Frage der Gewohnheit, des eigenen Lernens, aber keine des Besser oder Schlechter).

Bezeichnend folgt dann die Aussage, dass er Studierende getroffen habe, die stolz am Ende des Studiums erklärt hätten, kein ganzes Buch gelesen zu haben. Ich würde hier für einen Wechsel der Perspektive plädieren: Ist das die Schuld der Studierenden? Wie kann es sein, dass sie ohne Bücherlesen durch das Studium kommen (so die Aussage denn stimmt), wenn man das Lesen ganzer Bücher als grundlegend für die Disziplin erachtet. Vielmehr müssten sich meines Erachtens in solchen Fällen Universtitäten (ggf. auch Schulen) Fragen lassen, ob Aufgabenstellungen und Prüfungen angemessen sind, wenn man diese auch  ohne umfassendere Lektüre erledigen bzw. bestehen kann. Es  braucht eine alternative Lern- und Prüfungskultur und kein kulturpessimistisches Lamento über die Lernenden. Und da sind wir dann mitten in der Debatte über die Veränderungen von Lernen an Schule und Hochschule unter den Bedingungen des Digitalen und bei Konzepten von „eLearning“, eigentlich besser von Lernen ganz allgemein, das heute auch immer digitale Elemente umfasst.

Ein Bezug zu konkreten eLearning-Konzepten bleibt im Interview aus, ebenso eine An- oder Verknüpfung mit der zu Recht eingeforderten Betrachungweise ausgehend von der eigenen wissenschaftlichen „Matrix“. Hier finden sich m.E. bislang viel zu wenig beachtete Schnittmengen vor allem der geschichtsdidaktischen Kompetenzorientierung mit der Arbeit mit digitalen Medien.

Ich finde es begrüßenswert, dass Demantowsky sich für das Interview zur Verfügung gestellt und Position bezogen hat. Als Mitglied des Verbandes der Geschichtsdidaktikerinnen und Geschichtsdidaktiker würde ich mir viel mehr Auseinandersetzung und Positionierung in Bezug auf das Thema wünschen. Demantowsky präsentiert sich im Interview als etwas widerwilliger Nutzer des Web 2.0. Twitter würde er nur im Auftrag des Verbandes, den er als Referent für Öffentlichkeitsarbeit vertritt. Will der Verband in den öffentlich geführten Debatten im Netz Einfluss nehmen, braucht es solche Präsenzen.

Aber warum twittert Marko Demantowsky dann unter dem Namen ohkoller? Wer das Interview nicht gehört hat, wird hier keinen offiziellen Account des Geschichtsdidaktikerverbands vermuten. In der Bio verweist er zwar auf seine Rolle als Pressereferent, verlinkt aber dann seine Internetseite an der Uni und nicht die des Verbandes. Da ist der Geschichtslehrerverband mit dem von Christian Jung betreuten Auftritten im Netz deutlich durchdachter, profilierter und professioneller, wenn auch leider Facebook und Twitter dort nur als weitere Einbahnstraßenverbreitungskanäle für die eigenen Pressemitteilungen genutzt werden.

Fortsetzung

P.S. Ach ja, wer es noch nicht gelesen hat, sei mit dem etwas weiteren Blickwinkel „Geisteswissenschaften und Internet“ auch auf den (heftig diskutierten) Beitrag „Liebe Geisteswissenschaftler“ auf dem Blog von mspro sowie auf das Interview von Mareike König auf dem L.I.S.A.-Portal hingewiesen. Beide auf ihre unterschiedliche Art und mit unterschiedlichem Grundtenor sehr lesenswert.

Gedanken zum Konzept des „flipped classroom“

Engl. to flip sth. – etw. umdrehen. Es geht also um eine Art „umgedrehten Unterricht“. Klingt interessant. Aber was ist das?

Aufmerksam geworden auf das Konzept bin ich durch Beiträge von Christian Spannagel auf  Twitter und dann in einem längeren Beitrag auch in seinem Blog (mit weiterführenden Literaturangaben). Mittlerweile gibt es auch einen einführenden Beitrag im ZUM-Wiki mit weiterführenden Links. Auch auf Google+ gab es eine kurze Diskussion dazu (mein erster Eindruck bestätigt da übrigens andere Urteile, dass im Vergleich mit anderen sozialen Netzwerken und auch den Kommentaren in Blogs auf Google+ mehr und intensiver diskutiert wird).

Von der Einleitung im ZUM-Wiki, die auf Mathematik und Naturwissenschaften abhebt, fühle ich mich als Geschichtslehrer leider gleich etwas ausgegrenzt und diskriminiert, dabei geht es eigentlich um ein Konzept, das alle Fächer betrifft und sicher auch bereits Anwendung findet, ohne entsprechend benannt zu werden.

Im Kern geht es darum, Informationsrezeption aus dem Unterricht in die Vorbereitung zu lagern, um dann im Unterricht Zeit für Aktitiväten zu gewinnen, die die Vorteile der gemeinsamen Anwesenheit  oder der Ausstattung nutzen, wie z.B. Diskussionen, Rollenspiele, Experimente.

Vor- und Nachteile des Ansatzes sind im ZUM-Wiki schön auf gelistet. „Revolutionär“ scheint mir das Konzept vor allem für Schulen/Länder mit fortgeführter Tradition frontaler Belehrung im Unterricht. So dann auch für die Vorlesungen an deutschen Universitäten. Der Informationsinput wird  im „flipped“ oder „inverted classroom“ nach Hause verlagert und die Arbeitsaufträge, die bisher vor allem als Hausaufgaben  vergeben wurden, im Unterricht bearbeitet werden.

Nach Lesen der Beiträge ist mir aufgefallen, dass ich dieses „Konzept“ vor allem in der Oberstufe oft einsetze, um die Unterrichtszeit besser zu nutzen, da das Lesen von Texten zuhause erledigt werden kann, der Meinungsaustausch darüber aber am besten in Präsenz geschieht. Mit Hilfe der digitalen Medien bietet sich weitere Möglichkeiten an: So können vorhandene oder von der Lehrkraft selbst erstellte Audio-Podcasts  oder Filme individuell gehört bzw. angeschaut werden. Besonders die selbst erstellten Materialien werden in dem Ansatz fokussiert, die (Lehrer-) Vorträge im Unterricht ersetzen. Hier können dann auch webbasierte Lernplattformen sehr gut eingesetzt werden.  Dementsprechend gibt es eine gewisse Schnittmenge mit den Konzepten des Blended Learning.

Für den Geschichtsunterricht meine ich mich zu erinnern, einmal gelesen zu haben, dass Untersuchungen (von von Borries?) gezeigt hätten, dass in den Unterrichtsstunden sehr viel Zeit für das gemeinsame (oft laute, fachdidaktisch unreflektierte) Lesen von Texten verwendet wird. (Eigene Beobachtungen bestätigen das.)

Wenn es nicht gezielt, um das Lernen und Einüben von Methoden der Texterschließung und -bearbeitung oder speziell beim lauten Lesen um spezielle Textsorten wie z.B. Reden, von denen keine Tonaufnahmen vorliegen, geht, sollte meines Erachtens öfters der Input in die individuelle Arbeit außerhalb der Unterrichtstunden verlagert werden. Vorausetzung ist sicher die gute methodische Schulung der Lernenden in der eigenständigen Erschließung von Texten und audiovisuellen Medien. Im Unterricht kann dann nach Klärung möglicher Verständnisschwierigkeiten zu Beginn der Stunde (idealerweise durch die Mitschüler) mit den Informationen aus den Texten/Filmen gearbeitet und so die gemeinsame Unterrichtszeit effektiver genutzt werden.

Back to school

Rheinland-Pfalz ist seit gestern zurück in der Schule. Die Ferien über habe ich im Blog nichts geschrieben, aber mangels Sommer trotzdem viel vor dem Computer gesessen. Für alle die, nicht auf Twitter oder neuerdings auf Google Plus sind, folgt hier eine kleine Zusammenfassung der Fundstücke der letzten Wochen. Vielleicht ist für den ein oder die andere etwas Interessantes oder Hilfreiches dabei.

Viele werden es kennen, ich kannte es noch nicht. Ein Disney-Propagandavideo von 1942 „The Fuehrer’s Face“, ursprünglich geplanter Titel „Donald Duck in Nutzi Land“. Der Film wurde 1942 mit dem Oscar für den besten Animationsfilm ausgezeichnet:

Das Video ist auch für den Einsatz im Unterricht interessant als alternativer Einstieg ins Thema Nationalsozialismus, Fremdwahrnehmung Deutschlands und (alliierte) Propaganda. Recht umfangreiche einführende Informationen bietet der Wikipedia-Artikel, wobei es interessant ist, sowohl den deutschen als auch den englischen zu lesen und miteinander zu vergleichen.

Am 13. August 2011 jährt sich der Berliner Mauerbau zum 50. Mal. Der Jahrestag wird zu einem regelrechten Medienereignis hochgepuscht, so dass man weder im Printbereich, noch im Radio oder Fernsehen den Sonderbeiträgen entgehen kann. Auch viele Schulen werden den Jahrestag zum Anlass nehmen für die Organisation von kleinen Sonderausstellungen oder Zeitzeugengesprächen.

Wer das Thema im Unterricht aufgreifen möchte, der findet eine kleine Linksammlung zu Materialien auf meiner Fachberaterseite zusammengestellt. Auf drei Projekte möchte ich hier auch noch getrennt hinweisen: auf die kostenlose App für das iPhone zur Berliner Mauer, die im Auftrag von BpB in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung sowie dem Deutschlandradio erstellt wurde; auf den Twitter- und Facebookauftritt des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Auf Twitter werden noch bis zum 13.09. täglich kurze Nachrichten „eine Zeitreise vom 13.07. bis 13.09.’61 basierend auf Berichten der Staatssicherheit aus dem Archiv des BStU ergänzt durch andere Quellen“ bieten. Auf Facebook sammelt und verlinkt die Stasi-Unterlagen-Behörde aktuelle Presseberichte rund um das Thema Mauerbau und Stasi. Beide Angebote können auch ohne eigene Anmeldung auf Twitter oder Facebook genutzt werden.

Zum Thema Fotomanipulation in der Geschichte habe ich in den Ferien eine hervorragende englischsprachige Seite entdeckt. Die Seite Fourandsix. Photo Tampering Throughout History präsentiert veränderte Fotos von 1860 bis heute in mit kurzen Erklärungen. Ein tolle Fundgrube für das Thema im Unterricht und eine wichtige Linkergänzung zur auf lehrer-online veröffentlichten Unterrichtseinheit.

Weitere Fundstücke aus den Ferien folgen….

Lesen von Ganzschriften?

Lektüren, im Sinne von Lesen ganzer Bücher, ist im Deutsch- und im Fremdsprachenunterricht eine Selbstverständlichkeit. In Geschichte ist das nicht unmöglich, aber in der Regel nicht vorgesehen. Seit dem anregenden Vortrag von Simone Rauthe auf der Tagung geschichtdidaktik empirisch 09, in dem sie unter dem Titel „Historiografie im Geschichtsunterricht“ ihr Habilitationsprojekt vorgestellt hat, denke ich darüber nach, das einmal im Unterricht auszuprobieren. Nun habe ich einen (sehr guten) Leistungskurs, mit dem ich die Idee endlich in die Tat umsetzen möchte.

Darstellungen und Quellen finden sich in den Schulgeschichtsbüchern oft als „Schnipsel“, die nur die Entnahme von Einzelinformationen, aber nicht das Nachvollziehen ganzer Argumentationsstränge ermöglichen. Ich habe nun damit begonnen, mit dem LK zunächst einen ganzen wissenschaftlichen Artikel zu lesen. Nach den Ferien würde ich dann gerne mit der Lektüre und Analyse einer Ganzschrift einsteigen.

Theoretisch gibt es einige Argumente, die für den Einsatz von Ganzschriften im Geschichtsunterricht sprechen. Hier wären u.a. zu nennen: intensive Auseinandersetzung mit einem Thema, (in der gymnasialen Oberstufe) Spaß am Lesen und damit Motivation für das Fach, Kennenlernen einer typischen fachspezifischen Darstellungsform, Einüben textkritischer Analyse, Förderung der Entwicklung eigener narrativer Kompetenz. Hier ist sicher weniger an die umfangreichen Werke von Nipperdey oder Wehler zu denken, als inhaltlich interessante und vom Umfang her überschaubare Bücher, wie es sie z.B. in der Reclam-Geschichtsreihe gibt.

Mich würde interessieren, habt jemand das schon mal ausprobiert und Erfahrungen gesammelt mit dem Einsatz von Ganzschriften im Geschichtsunterricht? Und wenn ja, wie sehen diese aus? Welche Bücher sind gegebenenfalls empfehlenswert?

Die Rolle der Fiktion in der historischen Sinnbildung

Gestern habe ich einen Artikel von Wulf Kansteiner („Alternative Welten und erfundene Gemeinschaften: Geschichtsbewusstsein im Zeitalter interaktiver Medien“, in: Erik Meyer (Hg.), Erinnerungskultur 2.0. Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien, Ffm/N.Y. 2009, S. 29-54.) gelesen, der mich im positiven Sinn verunsichert, also zum Nachdenken angeregt hat. Folgt man der Argumentation von Kansteiner, so müsste das geschichtsdidaktische Konzept „Geschichtsbewusstsein“ grundlegend in Frage gestellt werden.

Das Geschichtsbewusstsein hat sich zu einer der zentralen Kategorien der Geschichtsdidaktik entwickelt. In der Darlegung der verschiedenen Dimensionen des Geschichtsbewusstsein geht Pandel von einem „Wirklichkeitsbewusstsein“ aus, das das Individuum dazu befähigt zwischem Real/Historischem und Fiktionalem/Imaginären zu unterscheiden. Die Möglichkeit dieser Unterscheidung ist grundlegend für das Konzept von Geschichtsbewusstsein. So wird eben auch immer wieder darauf hingewiesen, dass jüngere Kinder diese Unterscheidung eben noch nicht treffen können.

Quasi selbstverständlich wird man den meisten Erwachsenen diese Fähigkeit zubilligen. Sie können  (in der Regel) einen Roman von einem Sachbuch, einen Fantasyfilm von einer Dokumentation usw. unterscheiden und werden diese jeweils anders verarbeiten. Aus einigen Untersuchungen zur Oral History ist allerdings bekannt, dass Zeitzeugen in ihre Erzählungen Elemente fiktionaler Literatur und Filme einbauen, die sie als eigene Erfahrungen erinnern. Im Rückblick werden Fiktion und Realität offensichtlich nicht unterschieden, sondern werden zumindest teilweise in einer Erzählung miteinander verflochten. Mir ist nicht bekannt, dass dieses Phänomen in der Empirie oder Theorie zum Geschichtsbewusstsein bisher berücksichtigt worden wäre (Falls doch, wäre ich für entsprechende Literaturhinweise dankbar!).

Kansteiner geht von eben dieser Grundannahme aus, dass in der Erinnerung nicht mehr zwischen Real und Fiktiv unterschieden werden kann. Er argumentiert, dass die Verwischung sich durch die digitalen und interaktiven Medien, vor allem was Videospiele und virtuelle Welten angeht, in Zukunft verstärken wird. Erinnert wird in Abhängigkeit  von der Intensität ausgelöster Emotionen. Die Immersion in immer realistischer anmutende digitale (Alternativ-)Welten fördert emotionales Erleben bzw. zielt direkt darauf ab. Besonders trifft dies natürlich auf die Übernahme von Rollen als Handelnder in Spielen zu, in denen das einfache Nachspielen vorgegebener Handlungsstränge zugunsten interaktiver Möglichkeiten der Kreation eigener Erzählungen abnimmt.

Kansteiner geht nur kurz darauf ein, aber ich würde stärker betonen, dass die Übernahme von fiktionalen Elemente als Eigenes in die Erinnerung bei allen fiktionalen Werken, die ein Individuum berühren/ihm oder ihr nahe gehen, schon immer der Fall ist; und dies bei jedem, nicht nur bei Zeitzeugen. Diese erinnerten „Erfahrungen“ tragen natürlich auch zur historischen Sinnbildung bei, die damit also keineswegs so rational wäre, wie die geschichtsdidaktische Theorie bisher vorgibt (wenn ich das denn richtig verstanden habe).

Was aber bedeutet es für die Theorie des Geschichtsbewusstsein, für historisches Lernen allgemein und den schulischen Geschichtsunterricht speziell,

– wenn der Einzelne zwar beim Anschauen, Lesen oder Spielen bewusst zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann (oder diese Unterscheidung z.B. im Geschichtsunterricht erlernt),

aber in der Erinnerung diese Grenze aufgehoben wird,

– fiktionale, kontrafaktische Geschichtserzählungen und Vergangenheitsdeutungen in Teilen als eigene Erfahrungen und Erkenntnisse erinnert werden

– und sich daraus Vorstellungen und Konzepte von Geschichte generieren?

Buch & Tagung: Kulturkonflikte – Kulturbegegnungen

„Neue Impulse für die interkulturelle Geschichtsdidaktik“: Tagung 20./21. Mai 2011 in Berlin (Den Flyer zur Veranstaltung inklusive Programm gibt es hier als PDF.)

Ein im Hauptitel gleichnamiges Buch herausgegeben von Gisbert Gemein ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen. Das Buch heißt im Gegensatz zur Tagung im Untertitel „Juden, Christen und Muslime in Geschichte und Gegenwart“.

Das Buch habe ich noch nicht gesehen, aber ob hier wirklich „neue“ Impulse für die Fachdidaktik gegeben werden, scheint mir angesichts des Tagungsprogramms zumindest fraglich. Allerdings können die Veröffentlichung und in kleinerem Umfang auch die Tagung dazu beitragen, die bestehende Kluft zwischen Theorie und Praxis des interkulturellen Geschichtslernens in der Schule zu verkleinern.

PS. Interessant übrigens, dass, obwohl die Diskussionspodien sehr heterogen besetzt sind, die universitäre Geschichtsdidaktik vollkommen fehlt.

Rezensionslink: Empirische Rekonstruktion von Kompetenzen

Offensichtlich ein lesenswertes Buch und ein wichtiger Beitrag zur Kompetenzdebatte:

Martens, Matthias: Implizites Wissen und kompetentes Handeln. Die empirische Rekonstruktion von Kompetenzen historischen Verstehens im Umgang mit Darstellungen von Geschichte (= Beihefte zur Zeitschrift für Geschichtsdidaktik). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010. ISBN 978-389971-596-5; 371 S.; EUR 53,90.

Rezensiert auf h-soz-kult von Simone Rauthe. Habe ich mir direkt mal zum Lesen bestellt.

 

Quellen im Geschichtsunterricht?

Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht sind nur teilweise internationale verknüpft. Die Diskurse über Geschichte und Geschichtsunterricht sind weithin national geprägt. Euroclio und die International Society for History Didactics sind sicher Ausnahmen, die aber zumindest nach meiner Beobachtung bislang eher zu einem Austausch über die verschiedenen Diskurse und nicht zu einem gemeinsam führen. Blogs bieten auch hier das Potential zu  internationaler Vernetzung, und Diskussion, wenn auch durch die Wahl der Sprache wiederum der Rezeption und dem Austausch Grenzen gesetzt werden.

Auf jeden Fall mag es deutschsprachige Didaktiker und Lehrer erstaunen, dass man in Kanada über den Einsatz von Quellen im Geschichtsunterricht diskutiert, und zwar grundlegend.

Im Blog Teaching the past. A Blog about Teaching History in Canada hat Lindsay Gibson gerade in zwei Beiträgen (laut) darüber nachgedacht, welche Probleme und welche Vorteile der Einsatz von Quellen im Geschichtsunterricht mit sich bringt.

Überheblichkeit, i.S. eines, wir sind da schon viel weiter, ist hier m.E. nicht angebracht. Vielmehr können die dargebotenen Überlegungen dazu anregen, über die in der Praxis oft unreflektierte Selbstverständlichkeit des Quelleneinsatzes einmal nachzudenken.