„Heute gucken wir einen Film“ (Buchtipp)

Das vorliegende Buch ist eine veröffentlichte Masterarbeit von Britta Wehen, die an der Universität Oldenburg entstanden ist. Der ein oder andere Leser hat vielleicht auch zur Entstehung der Arbeit mit der Teilnahme an der Umfrage beigetragen, die auch hier im Blog verlinkt war.

Es ist eine Arbeit, die die Veröffentlichung gelohnt hat und in die jeder Geschichtslehrer, der bei Zeiten einen Film im Unterricht einsetzt, zumindest mal einen Blick werfen sollte.

Die Kernbotschaft der Arbeit ist klar formuliert:

Die große Möglichkeit für den Geschichtsunterricht liegt […] im grundlegenden Konstrukt- und Erzählcharakter des Films: Ein historischer Spielfilm verstanden als historische Narration, kann als Ergebnis eines Re-Konstruktionsprozesses der Vergangenheit de-konstruiert werden. (S. 34)

Die Ergebnisse ihrer Umfrage legen nahe, dass ein solcher Umgang im Unterricht wie aber auch ein entsprechendes Verständnis von historischen Filmen und Geschichte selbst als Konstrukt bei Lehrkräften wenig verbreitet ist.

Wehen stellt überzeugend dar, dass „die Frage nach der Korrektheit der Darstellung […] für sich allein genommen zu keiner historischen Erkenntnis“ (s. 36) führt, da es sich hier nur um einen Abgleich handelt. Daher müsse die „Leitfrage für die De-Konstruktion eines Geschichtsspielfilms […] immer die Frage, auf welche Weise im Spielfilm erzählt und gehandelt wird“ sein. (S. 36)

Obwohl Geschichtsspielfilme enorm populär sind und einen wichtigen Teil der Geschichtskultur, auch insbesondere der Lebenswelt der Schülerwelt, ausmachen, gibt es aus geschichtsdidaktischer Sicht bislang weder umfangreiche Studien zur Wirkungsweise dieser Filme noch dazu ob sie, wie von einer großen Mehrheit der befragten Lehrkrafte angenommen, die Entwicklung historischer Sachkompetenz fördern können.

Insgesamt gibt die Arbeit von Britta Wehen einen Einblick in ein spannendes, noch weitgehend unbearbeitetes Forschungsfeld, das nah am Unterrichtsgeschehen ist. Sie zeigt interessante Perspektiven auf, die dazu anregen, über den Filmeinsatz im eigenen Unterricht zu nachzudenken und diesen in Richtung einer stärkeren Kompetenzorientierung zu verändern.

Britta Wehen, „Heute gucken wir einen Film“. Eine Studie zum Einsatz von historischen Spielfilmen im Geschichtsunterricht (Oldenburger Schriften zur Geschichtswissenschaft 12), Oldenburg 2012.

Geocaching als Teil der Geschichtskultur

Was Geocaching ist, brauche ich hier nicht zu erklären. Wer das nicht weiß, kann das auch an anderer Stelle nachlesen (z.B. hier oder hier). Der Blogbeitrag fasst eigentlich nur eine kleine Beobachtung der Geocaching-Touren der letzten Wochen zusammen.

Geocaching ist in den letzten Jahren zu einer Art Massen- bzw. Volkssport geworden. Hat man erstmal ein paar Caches an seinem Wohnort gehoben, fällt einem erst auf, nicht nur viele Caches überall im Land versteckt sind, sondern viele Leute sie Tag für Tag und natürlich vor allem am Wochenende heben.

Dabei gelangt man nicht nur zu den ungewöhnlichen, schönen oder sonstwie interessanten Plätzen, eine Großzahl der versteckten „Traditional“-Caches führt zu historischen Orten, die mehr oder minder vergessen, ein wenig ab vom Strom und der Aufmerksamkeit liegen…

In der Beschreibung vieler Caches begründen dies die Besitzer der Caches oft ausdrücklich damit, dass der Ort kaum beachtet wird, sie diesen aber interessant finden. So hat uns die Schatzsuche an reichlich zufälligen Städten und Orten in den letzten Wochen zu einer ehemaligen Synagoge geführt, die heute als Kulturcafé und Bibliothek genutzt wird, zu den abseitig gelegenen Fundament eines Limesturms, einer denkmalgeschützten, mehrere hundert Jahre alten Eichen, deren Name auf alte Handelswege verweist, und einem weitgehend unbeachteten frühneuzeitlichen Meilenstein.

Es ist eine wunderbare Art, sich ohne Reiseführer in unbekannten Städten von den Caches zu den besonderen Orten der Gemeinde führen zu lassen und diese so zu entdecken. Tausende von Menschen verstecken in Deutschland kleine Boxen und Dosen an historischen Orten, auf die sie damit aufmerksam machen und erinnern wollen. Und noch mehr Menschen machen sich auf diese Schätze zu entdecken und entdecken dabei auch immer unbekannte Orte und ihre Geschichte oder lernen bekannte Ort neu zu sehen.

Auch hier dienen digitale Medien nicht dem Abtauchen in „virtuelle Welten“, sondern dem Erkunden der eigenen Welt, lokaler und regionaler Geschichte(n) des Ortes, an dem man sich gerade befindet. In einer ausführlichen Beschreibung findet sich in der Regel eine Kopie des Wikipedia-Artikels oder sonstiger Kurzinfos zu dem jeweiligen Ort. Das wirkt oft ein bisschen lieblos, aber woher sollte man denn auch mehr oder andere Informationen bekommen. Und wer mal ein paar Jahre zurückdenkt, selbst wer einen Brockhaus zuhause stehen hatte, konnte darin kaum etwas über die Geschichte der kleinen Kapelle am Bach nachlesen.

Was für ein Teil im besten Sinne populärer und lebendiger Geschichtskultur!

Wenig überraschend ist, dass die Geschichtsdidaktik das Thema noch nicht entdeckt hat (zumindest ist mir nichts bekannt, für Hinweise bin ich dankbar). Die außerschulische und die politische Bildung ist hier (wiederum) weiter und wegweisend. Wer sich dafür interessiert, kann sich im Blog von Jöran Muuß-Merholz kundig machen und z.B. die beiden Projekte in Düsseldorf (Landtagsgeschichten) und Berlin (Martin Luther King) anschauen.

Das didaktische und methodische Potential von „Educaching“ für historisches Lernen auch gerade im schulischen Kontext liegt auf der Hand, ob nun Lehrkräfte einer Schule an einem Studientag gemeinsam eine Tour für ihre Klassen erstellen oder Schüler dies selbst tun im Rahmen eines Projekts im Unterricht oder in einer AG.

Gemeinsam mit dem Leiter der Stadtbildstelle Koblenz, die seit einiger Zeit auch GPS-Geräte für Schule zur Ausleihe anbietet, habe ich Projektanträge eingereicht, in denen wir zusammen mit Schülern  unterschiedliche Touren zur Geschichte von Koblenz erarbeiten wollen. Hoffentlich klappt das mit den Förderung, das würde uns durch die Unterstützung eine etwas professionellere Gestaltung erlauben.

Frisch aus der Druckerpresse: Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts

Im März ist das neue Handbuch in zwei Bänden erschienen. Das Werk soll auf „Grundlage des plausibel gemachten narrativistischen Paradigmas“ (Barricelli/Lücke, Bd. 1, S. 12) Geschichtsunterricht für das 21. Jahrhundert beschreiben und das mehrfach aufgelegte Handbuch der Geschichtsdidaktik ablösen. Die Herausgeber definieren dabei die Aufgabe der Sammelbände nicht im Abdruck von „wohlfeilen Rezepten für einen ‚erprobten‘ Geschichtsunterricht“, sondern das Ziel sei „das besonnene Vor- und Nach-Denken von Praxis.“ (beide S. 13)

Gemäß des Titels und Schwerpunkt dieses Blogs habe ich bislang nur einen schnellen Blick in das sechste Kapitel „Medien des historischen Lernens“, das sich im zweiten Band befindet, geworfen. Auf einen einleitenden Artikel von Michael Sauer folgen Beiträge zu Text- und Bildquellen, digitalen Medien und Filmen. Auf eine gelungene Systematik zu „Medien“ im Geschichtsunterricht muss man weiterhin warten. Vielmehr gibt es zwischen den Beiträgen einige Überschneidungen.

Nach der Kritik am „Handbuch Medien im Geschichtsunterricht“, das bei der Überarbeitung die mediale Entwicklung der letzten 10 Jahre völlig verschlafen oder ignoriert hatte, stellte sich mir die Frage, wie dies im neuen Handbuch aussehen würde.

Digitale Medien sind ja ausdrücklich erwähnt und haben gar einen eigenen Beitrag erhalten. Positiv zu erwähnen ist, dass u.a. Blogs und interaktive Tafeln Aufnahme in den Artikel gefunden haben. Inhaltlich ist der Beitrag jedoch enttäuschend. Waldemar Grosch verweist mehrfach auf seine Beiträge zu Schulbüchern der Zukunft und Computern im Geschichtsunterricht von 2001 resp. 2002. Grundlegende neuere Veröffentlichungen zum Thema lässt er aber außen vor.

Ich möchte das hier gar nicht in der Breite diskutieren und stattdessen exemplarisch nur zwei Zitate herausgreifen, die die Ausrichtung des Beitrags gut auf den Punkt bringen. So hat Grosche für das Thema „Blogs und virtuelle Hefte genau zwölf Zeilen übrig, deren Hauptbotschaft ist:

Abgesehen davon, dass Eselsohren und Fettflecke oder unordentlich eingeklebte oder überstehende Arbeitsblätter so vermieden werden können, kommt das Schreiben mit der Tastatur den Gewohnheiten der ‚Digital natives‘ entgegen. (S. 137)

Für interaktive Whiteboards, die er unter dem Titel „Smartboards“ behandelt (das ist so wie „Tempos“ für „Taschentücher – umgangssprachlich ok, aber in einer wissenschaftlichen Publikation?), sind ein paar Zeilen übrig, die in folgenden Satz münden:

Besonders schwer wiegt aber die Tatsache, dass ein solches Gerät letztlich für ‚Präsentationen‘ konzipiert, also einen lehrerzentrierten Unterricht fördert. (S. 137)

Ja, genau, deshalb sind in den letzten Jahren auch überall in den Schulen die Kreidetafeln zusammen mit den Overheadprojektoren eingemottet worden… Auch der Rest der Darstellung ist in Auswahl und Inhalt zwar weiter als das Handbuch Medien von 2010, aber nichtsdestotrotz um Jahre hinter der aktuellen mediendidaktischen Diskussion, die sich anzuschauen in diesem Bereich publizierenden Fachdidaktikern dringend empfohlen sei.

Resümee: Es bewegt sich etwas, aber langsam. Oder anders ausgedrückt: Es ist schade, wieder wurde eine Chance verpasst. Diesmal nicht mit einer Überarbeitung, sondern in einer komplett neuen Publikation. Der Blick zu den Nachbardisziplinen lohnt sich: Die Politikdidaktik z.B. ist hier wesentlich weiter.

Mal schauen, wie lange es dauert, bis sich die Geschichtsdidaktik ernsthaft mit der Digitalisierung auseinandersetzt. Aber Barricelli und Lücke schreiben es bereits zur Einleitung im allerersten Satz:

Geschichtsunterricht war wohl noch nie, seit es ihn gibt, zeitgemäß. (S. 9)

Neues Blog: Geo&Ges

Die PH Karlsruhe bloggt nun auch, genauer gesagt die Abteilung für Geschichte und Geographie. Es gibt also ein neues Blog zu Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht. Gebloggt wird bereits seit Mitte Januar. Bis jetzt rund finden sich rund ein Dutzend Beiträge im Blog mit Hinweisen auf Webseiten, Materialien und Tagungen. Betreut wird der Geschichtsteil vun Ulf Kerber. Wer Facebook nutzt, findet dort auch alle Beiträge in regelmäßiger Aktualisierung. Ich freue mich, dass in dem Bereich ein nach längerer Zeit, wieder mal ein neues Blog dazukommt und hoffe auf regen Austausch, Diskussion und Vernetzung. Das kann der Geschichtsblogosphäre auf jeden Fall nur gut tun.

Mindestens ebenso interessant und von mir in dem Zusammenhang auch erst entdeckt, ist ein Wiki derselben Autoren mit „Ideen für kompetenzorientiertes Lernen mit digitalen Medien und Web 2.0 im Geschichtsunterricht“. Auf den ersten Blick wirkt das Wiki schon recht umfangreich. Dafür muss ich mir auf jeden Fall noch einmal mehr Zeit nehmen. Dort gibt es noch einige Web 2.0-Tools zu entdecken. Der Blick ins Wiki lohnt sich auf jeden Fall.

mBook – Projektziel: Multimediales Schulgeschichtsbuch

Bevor das Blog in die Weihnachts- und Winterpause geht noch eine, wie ich finde, sehr interessante Nachricht. Die Geschichtsdidaktik der Universität Eichstätt erarbeitet zur Zeit eine digitales multimediales Schulgeschichtsbuch für die deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens für Tablets. Die Informationen auf der Internetseite der Eichstätter Geschichtsdidaktik sind allerdings sehr knapp gehalten.

Etwas mehr Informationen, vor allem für den Rahmen der Kooperation finden sich auf den Seiten der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. So gibt es einen offiziellen Regierungsbeschluss von Ende Juni 2011 der regionalen Gemeinschaft, der die Uni Eichstätt offiziell mit dem Vorhaben betraut. Die Zusammenarbeit erfolgt im Rahmen eines von der EU geförderten multilateralen Comenius-Projekts.

Neben der Forschung und Erstellung des digitalen Schulbuch werden die Mitarbeiter aus Eichstätt dann auch die Geschichtslehrkräfte im Umgang mit dem neuen Medium schulen. Über den Bildungsserver soll das Buch allen Lehrkräften zur Verfügung gestellt werden. Noch finden sich dazu keine Informationen, aber würde es sich in diesem Entstehungszusammenhang nicht anbieten, dass (vermutlich erste deutschsprachige) digitale Geschichtsbuch dann gleich auch als Open Educational Resource unter CC-Lizenz allgemein zur Verfügung zu stellen?

Begleitet wird die Einführung des Buchs durch ein Pilotprojekt, bei dem fünf Klassen mit iPads oder anderen Tablets ausgestattet werden sollen. Der zeitliche Rahmen des Projekts inklusive erster Anpassungen und Optimierungen geht bis zum Schuljahr 2014/15.

Ein Datum für die erste Version des „mBooks“ habe ich nicht gefunden, aber entsprechend der Planung müsste dieses bis spätestens 2013 stehen, um es im Schuljahr 2013/14 testen und im Folgejahr ggf. Verbesserung noch im Unterricht ausprobieren und evaluieren zu können.

Ein sehr spannendes Projekt, das sich lohnt weiterzuverfolgen. Habe ich das verpasst oder ist der Eindruck richtig, dass das Vorhaben bisher wenig in die Öffentlichkeit getragen wurde? Auf den Seiten der KU Eichstätt ist bislang auch nicht nachvollziehbar, wer an diesem Projekt arbeiten wird.

Wer sich fragt, warum gerade die KU Eichstätt ein Projekt im östlichen Belgien betraut: Zumindest geografisch naheliegend ist das nicht und es werden bei dem Projektaufbau auch hohe Reisekosten entstehen, aber wenn ich die Regierungsmitteilung der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens richtig verstehe, hat die KU Eichstätt den Projektantrag bei der EU koordiniert und arbeitet mit insgesamt 10 europäischen Partnern; welche das sind, wird allerdings nicht klar sind.

Etwas bedenklich stimmt mich folgende Passage der kurzen Mitteilung:

Zudem ist ein Meilenstein in der Unterrichtsforschung in greifbarer Nähe, da sich die Benutzung der multimedialen Schulbücher durch Schüler und Lehrer genau nachverfolgen lässt. Die Interpretation dieser Daten verspricht tiefe Einblicke in Nutzerverhalten und Kompetenzausprägungen.

Die Möglichkeiten der Digitalisierung scheinen auch bei Wissenschaftlern Begehrlichkeiten zu wecken, die zumindest auf den ersten Blick datenschutzrechtlich bedenklich scheinen… aber vermutlich ist dies gar nicht so gemeint, wie es hier in der Kürze der Mitteilung verstanden werden könnte.

Allen Lesern frohe Festtage und ein gutes neues Jahr!!!

Online-Publikation: Writing History in the Digital Age

„Has the digital revolution transformed how we write about the past — or not? Have new technologies changed our essential work-craft as scholars, and the ways in which we think, teach, author, and publish? Does the digital age have broader implications for individual writing processes, or for the historical profession at large? Explore these questions in Writing History in the Digital Age, a born-digital“ volume edited by Jack Dougherty and Kristen Nawrotzki.

Wer in das spannende Projekt mal reinschauen will, hier geht’s zum Buch: Writing History in the Digital Age

Zur Debatte um Kompetenzorientierung

Ein interessant zu lesender Beitrag findet sich hierzu unter dem Titel „Thesen zur Debatte um kompetenzorientierte Bildungsstandards“ auf edumeres. Die Kritik, die in 10 Thesen von Peter Euler von der TU Darmstadt formuliert wird, bezieht sich  nicht speziell auf die „Kompetenzdebatte“ des Geschichtsunterrichts, lohnt aber das Lesen und Nachdenken nicht nur, aber auch in Bezug auf die fachdidaktische Diskussion über Kompetenzorientierung. Die Kritik an der Kompetenzorientierung schließt übrigens in einigen Punkten an das an, was hier im Blog im vorangehenden Beitrag unter dem Stichwort der Veränderungen durch die Digitalisierung diskutiert wurde. Die bestehenden Überschneidungen bzw. Schnittmengen der beiden Debatten (über Kompetenzorientierung und digitale Medien in der Schule) scheinten mir übrigens bisher auch noch nicht so richtig ausgeleuchtet und durchdacht zu sein, sondern vielmehr beide Debatten eher nebeneinander herzulaufen.

Twitter-Geschichtsprojekte

Der Account @RealTimeWWII eines Briten, der sechs Jahre lang den Zweiten Weltkrieg in Tweets nacherzählen will, erhält gerade relativ viel Aufmerksamkeit (siehe z.B. den Artikel in der NZZ) und hat auch viele, aktuell über 138.000  „Follower“ weltweit auf Twitter.

Jan Hodel hat sich gestern kritisch zu dem Projekt im Histnet-Blog geäußert, worauf eine kleine Diskussion sowohl dort im Blog als auch auf Twitter entstand.

Zunächst einmal sei angemerkt, dass solche Geschichtsprojekte nichts Neues sind. Verwiesen sei nur auf die Seite TwHistory.org, die nicht alle, aber vieler solcher Projekt dokumentiert, einige davon auch selbst organisiert hat.

Thomas Wolf hat dann die Frage konkretisiert, welche Kriterien man für die Qualität und das Gelingen solcher Twitter-Projekte benennen könnte. Jan Hodel hat dazu einen Beitrag angekündigt, dem ich nicht vorgreifen, anschließend an seinen Kommentar im Histnet-Blog aus der Praxis aber ein paar Überlegungen beisteuern möchte.

Mit zwei Oberstufenkursen habe ich letztes und vorletztes Jahr solche Twhistory-Projekte ausprobiert, das eine zur Geschichte der Paulskirche, das andere zur Eroberung des Atzekenreichs durch die Spanier.

Resümierend würde ich sagen, Twhistory-Projekte sind kein Königsweg, sondern nur eine methodische und mediale Alternative unter vielen. Twitter ist auch nicht per se besser oder bietet mehr als die Arbeit mit anderen Medien, besitzt  aber durchaus ein Potential für historisches Lernen in der Schule sowie in außerschulischen Projekten z.B. von Archiven. Ähnliches ließe sich sicher auch in Blogs oder stark reduziert als eine Art Schreibgespräch auch in Papierform umsetzen. Zentral für den Einsatz von Twitter scheint zunächst vor allem das Ausprobieren von Neuem, die Motivation durch die Integration dieses bekannten, aber für den Geschichtsunterricht eher ungewöhnlichen Tools  sowie der Chance en passant auch die Funktionsweise von Twitter kennenzulernen, was bekanntermaßen nicht nur einigen Journalisten auf Bundespressekonferenzen helfen könnte, sondern mittlerweile auch jedem einzelnen beim Nachrichtenschauen oder Zeitunglesen.

Trotz dieser Vorrede sehe ich im Gebrauch eines Microbloggingdienstes auch einige fachspezifische Vorteile in Abhängigkeit von den Inhalten. Twitter (oder andere Dienste wie z.B. Edmodo) eignen sich mit Namenswahl und Profilbild besonders für die Personalisierung und das Nachspielen von Geschichte, daher ist der Begriff „virtuelles Reenactment“ durchaus zutreffend. Das  kann bei Jugendlichen das Verständnis komplexer Zusammenhänge erleichtern.  Es darf aber nicht auf der konkreten Ebene einzelner Personen stehen bleiben, sondern muss spätestens zum Abschluss auch noch einmal zu einer Reflexion des Ganzen führen.

Mehrere Accounts können verschiedene historische Personen repräsentieren und damit unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema eröffnen. Alle Tweets eines Projekts lassen sich dann in einer Liste sammeln. Die Interaktion von Akteuren lässt sich auf Twitter besser darstellen als in anderen Medien. Sie bietet zudem die Möglichkeit der  teilweisen Individualisierung durch die interessensgeleitete Auswahl der historischen Figur. Hinzu kommt im Sinne eines „Reenactments“ die Rekonstruktion der Chronologie über die Möglichkeit des vorprogrammierten zeitgenauen Versendens einer Nachricht.

So kann über Medieneinsatz Interesse für historische Inhalte zu geweckt und Ergebnisse in offenkundig ansprechender Form öffentlich präsentiert werden.

Aufgrund meiner Erfahrung würde ich sagen, dass sich solche Projekte, sofern sie materialgebunden sind, sehr gut zur Einführung in die Oberstufenarbeit eignen, da sie verknüpft werden können mit Einführungen bzw. Vertiefungen der Informationsrecherche, des Erstellens von Bibliogprahien, der Bibliotheks- bzw. Archivnutzung, sowie damit verbunden der Unterscheidung von Quellen und Darstellungen und  des Prinzips der Multiperspektivität (ggf. auch der Kontroversität) .

Abschließend stichwortartig ein paar sicher noch zu vervollständigende Ideen aus der Praxis:

Was macht die Qualität solcher Projekt in fachdidaktischer Perspektive aus?

– eindeutige Zuordnung der Perspektive zu Personen, idealerweise stellvertretend für eine gesellschaftliche oder politische Gruppe ausgewählt

– idealerweise führt die Arbeit an die Quellen heran und erfolgt die Erarbeitung der Tweets basierend auf Quellenmaterial. Die Nachrichten stellen dann nur Zusammenfassungen von Reden, Briefen oder anderen Äußerungen der verkörperten Person dar. Eine Parlamentsrede auf die Kernbotschaft(en) in einem oder mehreren Tweets von 140 Zeichen zusammenzufassen, stellt eine echte Herausforderung dar, durch das Medium ist der Arbeitsauftrag aber interessanter als das überlicherweise verwendete: „Fasse die Kernaussagen des Textes thesenartig zusammen!“

[Ebenso kann die Rekonstruktion auch über Darstellungen erfolgen und es wäre zu diskutieren, in Abängigkeit von der Teilnehmergruppe und der Lernintention, inwieweit sich die Teilnehmer mit ihren Personen von der Quellenvorlage lösen dürfen, sich in diese hineinzuversetzen und aus ihrer Perspektive mit den anderen historischen Personen direkt zu diskutieren. Dabei gilt es im Nachhinein zu diskutieren, inwieweit die Rollenübernahme gelungen ist. Einschränkend ließe sich die Vorgabe machen, dass nur Personen miteinander kommunzieren können, die sich auch zu dem Zeitpunkt in Ortsnähe befunden oder über entsprechende Kommunikationsmittel verfügt haben. Dies ist z.B. für die Abgeordneten in der Paulskirche kein Problem, wohl aber für Karl V. und Cortés – so ergab sich in letzterem Projekt  bei den Lernenden u.a. die Frage nach Art und Dauer von Nachrichtenübermittlung im 16. Jahrhundert.]

– Dokumentation der verwendeten Quellen und Darstellungen sowie der Vorgehensweise z.B. in einem begleitenden Blog

– Abschließende Aufgabenstellung zur Reflexion des Gesamten und damit Lösen von der Einzelrolle

Was benötigt es zum Gelingen solcher Projekte?

– Motivation durch die gemeinsame Auswahl eines Themas, wobei zu klären ist, ob dafür genügend, auch detaillierte  Informationen verfügbar sind, um dieses mit verschiedenen Rollen „nachzuspielen“

– abhängig von Alter und Erfahrung der Teilnehmer: Vorrecherche, Bereitstellen der Materialien, ggf. auch deren Auswahl und Reduktion

– ausreichend Zeit zur Einführung in die Nutzung von Twitter, ggf. von Blogs, Archiv- und/oder Bibliotheksrecherche

– einen transparenten Zeit- und Arbeitsplan

– Zwischengespräche mit allen Teilnehmern zum Fortgang des Projekts, für Fragen, Hinweise etc.

Hier ist sicher noch einiges hinzuzufügen, zu präzisieren und ggf. auch zu korrigieren.

Wie das 2. Weltkriegsprojekt zeigt, besteht offenkundig ein Interesse an dieser Darstellungsform von Geschichte. Eine Frage, die sich mir noch stellt, wer liest denn solche „historischen“ Tweets und warum?

Inhalte versus Kompetenzen

Es ist jetzt in kurzer Zeit das x-te Mal, dass ich in einer Diskussionsrunde erlebe, wie versucht wird, die Idee eines Geschichtskanons gegen Kompetenzen auszuspielen. Die Argumentation läuft immer gleich ab: Es wird über das mangelnde Geschichtswissen der heutigen Schüler geklagt und behauptet, dass Kompetenzorientierung auf Kosten von „Inhalten“ gehen würde und weiter zu einer Auflösung einer vermeintlich bisher kohärenten historischen Faktenvermittlung führe.

Ehrlich gesagt, ich kann es nicht mehr hören. Ich weiß nicht, was daran so schwer ist. Aber schwer scheint es zu sein, wenn man sich anschaut, wie sogar in einzelnen „Kompetenz“modellen versucht wird, Daten und Namen unter dem dann falschen Titel als „Kompetenzen“ zu verkaufen. Das ist dann in der Tat nur alter Wein in neuen Schläuchen.

Mir ist es nicht verständlich, was so schwer daran ist, Kompetenzen und Inhalte als zwei unterschiedliche, aber aufeinander bezogene Bereiche zu verstehen. Was ich hier schreibe, ist ja nichts Neues. Ich kann nur beispielhaft auf den Beitrag von Andreas Körber verweisen, der hier im Blog bereits kurz vorgestellt wurde.

Ich habe einmal versucht das Verhältnis, so wie ich es verstehe, in einem  Schema abzubilden. Das ist sicher nicht ausgereift, stellt aber die Grundidee dar.

Gegenstände und Themen bleiben natürlich bestehen. Dafür benötigt es entsprechende Kerncurricula. Deren Inhalte werden durch gesellschaftliche Fragestellungen und politische Setzungen bestimmt und festgesetzt. Sie werden von Zeit zu Zeit überprüft, erneuert und ggf. angepasst, weil sich die Fragestellungen in Gesellschaft und Wissenschaft auch immer wieder verändern.

Es ist also keine Frage und führt auch nicht weiter, Kompetenzen und Inhalte als sich gegenseitig verdrängende Entitäten zu betrachten, sondern sie bilden vielmehr zwei aufeinander bezogene Bereiche von Lernen, bei denen das eine ohne das andere gar nicht möglich.

Ein solches Verständnis nähme viel Schärfe aus zum Teil unnötig heftig und emotional geführten Debatten um die Kompetenzorientierung.

Arbeiten mit dem interaktiven Whiteboard – Analyse von drei Unterrichtsbeispielen

Mit etwas Verspätung hat Lehrer-Online gestern ein Dossier mit drei neuen Unterrichtseinheiten zum Mauerbau veröffentlicht. Das Thema ist für den Unterricht auch unabhängig vom Jahrestag des Mauerbaus aktuell, aber nicht nur deshalb lohnt der Blick. Der Schwerpunkt der drei Unterrichtseinheiten, eine davon stammt auch von mir, liegt auf dem Einsatz des Interaktiven Whiteboards, dazu gibt es insgesamt immer mehr Ideen und Beispiele, speziell für den Geschichtsunterricht allerdings weiterhin nur wenig. Deshalb lohnt es sich einmal hinzuschauen, wie in den Entwürfen das IWB eingesetzt werden soll.

1) Die Geschichte der Mauer – unsere Geschichte

In dieser Unterrichtseinheit wird zunächst eine Powerpoint-Präsentation auf dem IWB gezeigt, die ein Bild sowie mehrere Statistiken sowie für den zweiten Teil ein Video und zwei Karten umfasst. In einer Arbeitsphase sollen die Schüler nach einer kurzen Recherche in maximal 10 Minuten in Kleingruppen mit Handykameras nachgespielte Interviews zu den Gründen für die Ausreise aus der DDR aufnehmen. Einige der fiktiven „Zeitzeugen“-Interviews sollen dann auf dem Board für die ganze Klasse gezeigt werden.

2) Der Bau der Berliner Mauer im August 1961

Für den Einstieg werden auf dem interaktiven Whiteboard Fotos und ein Video gezeigt. Es dient darüber hinaus zur Vorstellung der Arbeitsaufträge, der Ergebnissicherung u.a. des Tafelbildes zur Fragensammlung sowie für die Präsentationen der Kleingruppen.

3) Mauerbau: Drei Perspektiven

Erste Stunde: Zum Einstieg wird das interaktive Whiteboard als Projektionsfläche für einen kurzen Film genutzt. Später zur Präsentation der von den Schülern erstellen Visualisierung der statistischen Zahlen.

Zweite Stunde: Projektion von zwei Fotos zum Einstieg als Redenanlass zur Wiederholung.

Dritte Stunde: Einstieg mit Vergleich und Analyse von zwei Fotos am IWB.  Für die Sek I: Schüler wählen im Internet Fotos aus und ergänzen diese um Denk- oder Sprechblasen mit Hilfe der Whiteboard-Software. Für die Sek II: Schüler nutzen die Whiteboard-Software zur Visualisierung von Fotoanalyse und Quellenkritik. Die Ergebnisse können jeweils auf dem IWB vorne projiziert werden.

Was bleibt, wenn man sich diese drei Einheiten, die gezielt den Einsatz des IWBs im Geschichtsunterricht aufnehmen sollten, vergleicht? Zusammenfassend könnte man sagen: Eine Tafel ist eine Tafel ist eine Tafel… und eben kein Wunderding oder irgendeine Form von Abhilfe gegen schlechten Unterricht. In allen drei Einheiten wird das interaktive Whiteboard zur Präsentation von Inhalten (Fotos, Videos, Statistiken) sowie von Schülerergebnissen (Videos, Tafelbild, Fotos etc.) verwendet. Daraus muss nicht zwangsläufig eine Rückkehr zum Frontalunterricht erfolgen, wie es oft in Argumentation gegen die Boards heißt.

Tatsächlich zeigen alle drei Beispiele, wie im Geschichtsunterricht sinnvoll handlungs- und produktorientiert,  kooperativ bzw. kollaborativ mit digitalen Medien gearbeitet werden kann. Vorteil gegenüber der Kreidetafel ist die  einfache Einbindung unterschiedlichster multimedialer Inhalte sowohl für den Input als auch für die Be-/Erarbeitung durch die Lernenden. Für die Projektionen, die in den Unterrichtseinheiten vorgesehen sind, würde allerdings (mit Ausnahme des „Tafelanschriebs“ in Beispiel 2 sowie der Bildanalyse und -bearbeitung  in Beispiel 3) auch ein Computer mit Beamer ausreichen. Das Potential der interaktiven Whiteboards und ihrer Software wird (noch?) nicht ausgeschöpft.