Lyonel Kaufmann gibt in seinem Blog eine Zusammenfassung des Twitter- und Blogprojekts auf Französisch. Für alle, die des Französischen mächtig sind, bietet Lyonel Kaufmann, der in der Lehrerfortbildung an der Haute Ecole Pédagogique in Lausanne in der Schweiz arbeitet, umfangreiche Seiten, von denen der Blog nur ein Teil ist, mit zahlreichen Informationen, Anregungen und Überlegungen rund um den Geschichtsunterricht und vor allem dessen Entwicklung mit digitalen Medien. #Lesenswert!
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eTwinning und Geschichte in Riga
Am Wochenende fand in Riga das erste eTwinning-Seminar für Geschichts- und Sozialkundelehrer statt. Die Atmosphäre war – eTwinning-typisch – sehr gut, es wurde viel diskutiert und ausgetauscht, nur leider blieb neben dem dichten Programm nur wenig Zeit, um die wunderschöne alte Hansestadt zu besichtigen.
Eingeladen zu dem Seminar waren Lehrkräfte aus Lettland, Estland, Litauen Polen und Deutschland. Während die Geschichtslehrpläne und -bücher weiterhin die nationale Geschichte betonen, bietet eTwinning die Möglichkeit die nationale Perspektive in Projektarbeit mit Partnerklassen aus Europa zu erweitern und so zu multiplen Perspektiven auf dieselben Ereignisse zu kommen.
Durch die Diskussionen und Vorträge auf dem Seminar kristallisierten sich einige Themen heraus, die für diese multiperspektivische Erweiterung der nationalen Sichtweise im Rahmen der fünf beteiligten Ländern besonders geeignet erscheinen. Einige mögliche Ideen für eTwinning-Projekte zwischen Deutschen und Polen und/oder einem der baltischen Länder möchte ich hier gerne als Anregung weitergeben:
Auf der Hand liegt natürlich das Thema „Hanse“. Die Schüler könnten sich in ihrer Stadt auf die Suche nach Spuren, baulichen Überresten, Straßenschildern etc. begeben, diese fotografieren und die Fotos im virtuellen Klassenraum von eTwinning, dem Twinspace, online stellen. Die Partnerschüler suchen die fotografierten Orte z.B. auf google maps und recherchieren Informationen zu diesen im Internet. In einem weiteren Schritt könnten sie zudem auf dieser Grundlage ein Quiz oder Rätsel erstellen, das wiederum von der anderen Gruppe jeweils gelöst werden muss.
Es ist in Deutschland wenig bekann, aber der Adel in der Polnischen Republik machte rund 10% der Bevölkerung und stellte damit eine größeren Anteil von Wahlberechtigten als in England der Frühen Neuzeit. Während im Unterricht oft England mit seiner konstitutionellen Entwicklung und das „absolutistische“ Frankreich gegenübergestellt werden, könnte ein Vergleich der Wahlmonarchien des Reichs und Polen-Litauens mit ihren Einrichtungen und Verfahren mindestens ebenso interessant sein. Gleichfalls ließen sich die Ereignisse der polnischen Teilungen mit den politischen Reformbestrebungen und der Mai-Verfassung neben die Besprechung der französischen Revolution stellen.
Einen interessanten Vergleich verspricht auch das Thema Universität: Wie verbreitete sich die Idee der Universität in Europa? In Mittel- und Osteuropa finden sich dabei mit die ältesten Universtitäten nördlich der Alpen. (Prag 1348, Krakau 1364, als älteste Universität des Baltikums gilt die Gründung von Vilnius 1578). Nimmt man als Beispiel die Universität von Tartu/Dorpat, die 1632 vom schwedischen König gegründet wird, lassen sich sehr schön die multiplen Identitäten der Neuzeit vor dem Aufkommen des Nationalismus aufzeigen: Nach der Neugründung 1802 war es völlig normal an der deutschsprachigen Universität als Wissenschaftler aus Estland im Dienste des Russischen Zaren zu stehen; ebenso übrigens wie für Militärs wie den berühmten Admiral Adam Johann von Krusenstern.
Weitere mögliche Themen sind die Verbreitung von Architekturstilen von vom Festungs- und Kirchenbau des Mittelalters über die Renaissance und Barock bis zum Jugendstil, an denen sich die Verbreitung von Ideen und die Vernetzung der Menschen in transregionalen Kommunikationsräumen eindrucksvoll nachvollziehen lassen. Vergleichbares ist natürlich auch in fächerübergreifenden Projekt mit Kunst oder Musik möglich.
Besondere Perspektiven bietet die Kooperation mit Polen oder den baltischen Ländern für 1989 („Runder Tisch“ in Polen, „Singende Revolution“ im Baltikum) als auch für die unmittelbare Nachkriegszeit, die keineswegs positiv sondern als Beginn einer neuen Besatzung bewertet wird, die einhergeht mit massenhaften Deportationen nach Siberien und einer Fortsetzung des Krieg gegen die Sowjetunion, der in einigen Gegenden des Baltikums bis in die Mitte der 50er Jahre andauert. In dieser europäischen Perspektive relativiert sich die typische Frage aus den deutschen Geschichtsbüchern nach der Stunde Null. Ich denke aber, wir brauchen genau diese europäische Perspektive, um unsere Nachbarn zu verstehen. Lehrpläne und Schulbücher werden noch eine Weile brauchen, bis hier konsequent europäische Perspektiven einfließen. Bis dahin lässt sich eTwinning schon jetzt sehr gewinnbringend als Ergänzung im Geschichtsunterricht einbringen.
Entgegen der Befürchtung der Reduzierung der Inhalte auf den kleinsten gemeinsamen Nenner durch eine gemeinsame Europäisierung bietet eTwinning die Möglichkeit, die unterschiedlichen regionalen und nationlen Perspektiven nebeneinander zu stellen, miteinander zu vergleichen und somit einen multiperspektivischen Blick auf die Geschichte zu ermöglichen, der das Verstehen der Anderen und das Verständis von Geschichte von Konstruktion fördert.
Digitale Werkzeuge für Einsteiger
Das Plädoyer von Thomas Spahn für eine fachdidaktische Perspektive aus dem letzten Newsletter des Webportals Lernen-aus-der-Geschichte möchte ich an dieser Stelle gerne aufgreifen. Spahn stellt fest, dass es weitgehend noch an „didaktische[n] und methodische[n] Konzepte[n]“ fehlt, digitale „Medien sinnvoll in ihrem Fachunterricht zu integrieren“.
Bestätigt wird dies auch in meiner Arbeit als regionaler Koordinator im Landesprogramm Medienkompetenz macht Schule. Selbst viele Kollegen, die die Medienarbeit an ihrer Schule voran bringen wollen, kennen auch vermeintlich gängige Werkzeuge und Anwendungen nicht oder fragen sich nach allgemeinen Einführungen, wie sie diese sinnvoll in ihrem Fachunterricht einsetzen können.
In loser Folge möchte ich in den nächsten Wochen hier im Blog Ideen für den fachspezifischen Einsatz digitalen Medien zusammentragen und eigene Erfahrungen weitergeben, um so hoffentlich dem ein oder anderen Kollegen Anregungen für den Einstieg in die Arbeit mit diesen digitalen Werkzeugen zu geben.
Lesetipp Newsletter: Lernen aus der Geschichte
Der aktuelle Newsletter des Portals Lernen-aus-der-Geschichte widmet sich in seiner heutigen Ausgabe dem Schwerpunkt: Lernen mit digitalen Medien (pdf).
U.a. enthält der Newsletter einen lesenswerten Überblick von Thomas Spahn zu „Schule digital, Geschichtsunterricht digital? Ein Plädoyer für eine fachdidaktische Perspektive“, ein Debattenbeitrag zu „Erinnerungskulturen online“ von Dörte Hein sowie ein Hinweis zur „Arbeit mit Videointerviews in der Schule“ aus dem Projekt „Zeugen der Shoah“ in Berlin und Brandenburg.
An dieser Stelle dann auch gleich ein Dankeschön an die Redakteure für den sehr wohlwollenden Hinweis auf diesen Blog 😉
Ein wiki als interaktives Geschichtsbuch
Wiederum der Verweis auf ein Projekt von Alexander König, das er kurz in seinem Blog vorstellt: absolut lesenswert und spannender Ansatz. Ich bin gespannt auf die Fortführung. Vielleicht ließe sich das wiki auch durch Beiträge von Oberstufenkursen erweitern und ergänzen.
Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgt übrigens das in den kommenden Wochen (der Start wurde leider mehrfach verschoben) startende Projekt classroom4.eu [Seite existiert nicht mehr], das hier im Blog auch schon ausführlicher vorgestellt wurde. Aus einem kultur- bzw. zivilisationsgeschichtlichen Ansatz werden dort Schüler der Sekundarstufe II europaweit ihre regionale Geschichte erforschen und ihre Ergebnisse online publizieren. Sollte das Projekt erfolgreich sein, könnte auch hier in Form eines wikis ein Ansatz für ein interaktives Geschichtsbuch zur europäischen Kulturgeschichte entstehen, das in den kommenden Jahren gepflegt und ausgebaut werden könnte.
Herrscher, Stadt und Privilegien
Eine sehr schöne Bildquelle zur Beschäftigung mit dem Thema Schriftlichkeit und Herrschaft im Übergang von Mittelalter zur Frühen Neuzeit findet sich in dem Festbuch des Einzugs des späteren Karl V. als neuer Graf von Flandern 1515 in Brügge, das von der British Library zusammen mit anderen Festbüchern in einem ebenso informativen wie sehenswerten Internetauftritt veröffentlicht wurde.
Beim Herrschaftsantritt zogen die neuen Fürsten festlich in die Städte des Landes ein. Dieser Einzug wird als Adventus, Joyeuse Entrée oder Blijde Inkomst bezeichnet und stellte eine aufwändige Inszenierung der Verhältnisses der Stadt zu ihrem neuen Landesherrn dar. Intensiv erforscht werden diese Formen symbolischer Kommunikation u.a. seit 10 Jahren in dem Sonderforschungsbereich 496 an der Universität Münster.
Die Stadt wurde für den Ersteinritt des neuen Herrn mit umfangreichen, ephemeren Kunstwerken an verschiedenen Stationen geschmückt, die u.a. politische Botschaften transportierten. Zentral in den Inszenierungen waren Festbögen in den Straßen, durch die der Herrscher einzog. In der Renaissance wurden diese Einzüge in Büchern schriftlich und bildlich festgehalten. Ein besonders schönes Exemplar bietet die Joyeuse Entrée des jungen Karl 1515 in Brügge.
In einem der dokumentierten Bögen (siehe oben) wurden Karl zwei Szenen dargeboten, die ihn an seine Verpflichtungen als Herrscher erinnern sollten. Im Mittelpunkt der Herrschaftsübernahme stand die Zusicherung der urkundlich belegten Privilegien der Stadt. Im rechten Bogen ist eben jene Szene von einem von Karls Vorgängern zu sehen: Ludwig von Nevers (1322-46, Graf von Flandern) übergibt an Vertreter der Stadt die Urkunde mit den städtischen Privilegien. Er hatte die Privilegien der Stadt 1327 erneuert. Im linken Bogen ist Moses mit den beiden Tafeln der 10 Gebote zu sehen.
Was lässt sich an diesem Bild im Unterricht lernen?
Zum einen lässt sich ansatzweise das komplexe Verhältnis von Landesherrn und Stadt in Mittelalter und Früher Neuzeit thematisieren. Interessant erscheint mir aber insbesondere die Annäherung an die Bedeutung städtischer Privilegien und das zeitgenössische Verhältnis zu Schrift und Urkunden, die durch das Nebeneinanderstellen der 10 Gebote mit den städtischen Privilegien angedeutet wird. Wieder aufgreifen lassen sich die Ergebnisse wieder später im Unterricht, z.B. bei der Menschen- und Bürgerrechtserkärung die in der Präambel bekanntermaßen die nachfolgenden Recht als „unveräußerlich und heilig“ definiert.
Das Bild kann im Zusammenhang mit dem Thema Stadt im Mittelalter eingesetzt werden. Als Einstieg scheint es mir zu komplex, aber zur Vertiefung scheint es mir durchaus geeignet, da es einen wichtigen Aspekt bezüglich der Vielfalt der komplexen Herrschaftsverhältnisse aufzeigt, der in der vereinfachenden Gegenüberstellung freie Reichsstädte gegenüber „unfreien“ Städten vieler Geschichtsbücher zu kurz kommt.
Update1: Zum Thema Joyeuse Entrée/Blijde Inkomst besteht übrigens noch Arbeitsbedarf in der deutschen Wikipedia, wie ich gerade gesehen habe. In der englischen, französischen und niederländischen Wikipedia ist das Thema Zudem behandeln die englische und portugiesische Wikipedia das Thema des königlichen Einzugs.
Update2: Zur Einführung in das Thema Rituale und symbolische Kommunikation im alten (d.h. mittelalterlichen und frühneuzeitlichen) Europa eignen sich neben dem hervorragenden Band zur Ausstellung „Spektakel der Macht“, die bis Anfang Januar 2009 in Magdeburg gezeigt wurde, auch die kurzen Artikel auf der Webseite der Ausstellung.
Einstieg in die Arbeit mit Schriftquellen
Aus meiner Erfahrung tendieren viele Schüler dazu, Quellen als eher „objektiv“ und Darstellungen als eher „subjektiv“ anzusehen. Um im Anfangsunterricht den Übergang zur Arbeit mit schriftlichen Quellen zu erleichtern und zugleich für einen kritischen Umgang mit Schriftzeugnissen zu sensibilisieren, hier ein möglicher Unterrichtsvorschlag:
Zum Einstieg schreiben die Schüler spontan zu Beginn der Stunde einen kurzen Bericht z.B. über die vorangegangene Geschichtsstunde oder ein andere gemeinsam erlebte Situation aus dem Schulalltag, wie das letzte Schulfest oder den ersten Schultag des Schuljahres. Daraus können sich auch interessante Fragen ergeben, was das denn mit Geschichte zu tun habe, wie „Geschichte“ gemacht wird und was historisch „bedeutsam“ ist.
Einige der Schülerberichte werden vorgelesen. Es stellt sich sehr schnell heraus, dass jeder Bericht andere Fakten nennt und andere Eindrücke schildert.In der anschließenden Diskussion werden die Gründe für die Unterschiede herausgearbeitet und schriftlich gesichert. Genannt werden u.a.:
– Vergessen aufgrund zeitlicher Distanz
– Andere Wahrnehmung desselben Ereignisses
– Unterschiedliche Interessen und Einschätzungen
– Positive Selbstdarstellung
Daran anschließen können sich allgemeine Reflexionen über die Möglichkeiten aus einem bzw. mehreren Berichten Rückschlüsse auf ein vergangenes Ereignis ziehen zu können. Hieraus lässt sich dann ein Erkenntnislernziel formulieren und festhalten, das die Schüler bei der weiteren Beschäftigung mit schriftlichen Quellen immer wieder anwenden können.
Die Unterrichtseinheit kann auf die Arbeit mit Bildquellen ausgeweitet werden, in dem Schüler als Hausaufgabe den Auftrag erhalten, bei der nächsten Schulveranstaltung Fotos zu machen, eines auszuwählen und in den Unterricht mitzubringen. An der Auswahl lassen sich wiederum Probleme der Überlieferung und der Perspektivität von Bildquellen sehr konkret und schülernah deutlich machen, die dann als Transfer für die weitere Quellenarbeit im Unterricht zur Verfügung stehen.
„Traue deinen Augen nicht…“
Ein Vorschlag für eine Unterrichtseinheit zu Foto-Manipulation und digitaler Bildbearbeitung im Geschichtsunterricht ist gerade bei lehrer-online erschienen.
Secrets of Great History Teachers
„In these interviews distinguished teachers share their strategies and techniques. Good teaching is more often honored in rhetoric than reality. And great teachers are generally known locally within their own schools, but less often to a larger group of national colleagues. Our goal in this section is, in part, to identify and honor those people who have taught with excellence, dedication, and distinction. But more than that, we believe that these teachers have lessons to offer the rest of us and that there are remarkably few forums for hearing their wisdom.“
There is nothing to add, just read the interviews yourself. Very inspiring.
geschichtsdidaktik empirisch 09
Die Kollegen vom weblog.histnet.ch haben ja schon eine kurze Zusammenfassung der Tagung gegeben. Ergänzend möchte ich dazu den abendlichen Kurvortrag von Peter Seixas hier noch einmal herausstellen, ein kurzes aber helles Glanzlicht der Veranstaltung:
Wer sich je auch nur ansatzweise mit der deutschsprachigen Forschungsliteratur zum Thema Geschichtsbewusstsein auseinander gesetzt hat, wird begeistert von dem erfrischend pragmatischen Herangehen von Seixas sein. (So ging es mir zumindest!) In Deutschland viel zu wenig bekannt sind seine für die Praxis erarbeiteten Benchmarks of Historical Thinking.
Dabei haben er und sein Team sechs Punkte herausgearbeitet, die sie für besonders (nicht ausschließlich) relevant halten:
1) Herstellen von historischer Bedeutsamkeit
2) Beweisführung anhand von Quellen (Englisch: primary sources!)
3) Aufzeigen von Kontinuität und Wandel
4) Analyse von Ursache und Wirkung
5) Einnehmen historischer Perspektiven
6) Verstehen der moralischen Dimension von Geschichte
Unter der Fragestellung „Was sollen Schüler nach 12 Jahren Geschichtsunterricht wissen?“ stellt die dazugehörige Webseite eine hierzulande noch weitgehend vermisste Verbindung von geschichtsdidaktischer Forschung und praktischem Geschichts- unterricht her.
Kurz gehalten, ebenso anregend wie leicht verständlich… bezeichnend fand ich die Antwort auf eine Nachfrage von Bodo von Borries: Wie es ihm denn gelungen sei, Konsens bei Experten und Institutionen für dieses Konzept herzustellen? Seixas schien die Frage zunächst nicht zu verstehen… und antwortete dann ganz nordamerikanisch pragmatisch: Man habe einfach mal gemacht, das Konzept erstellt und veröffentlicht… well.
