Ein Blick auf die Geschichte der US-Außenpolitik – am Beispiel Panamas

Es kommt nicht so oft vor, zumindest bei mir, in einem Land Urlaub zu machen, in dem sich vergangene und aktuelle Weltpolitik so stark bündelt, wie das in Panamá der Fall ist. Auch wenn der Urlaub bereits vorbei ist, möchte ich ein paar Gedanken noch teilen.

Dieses Blog hat seinen Ursprung vor allem in Fragen nach Methodik und Medien – aber zunehmend beschäftigen mich angesichts der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen zunehmend Fragen der Didaktik. Viele Lehrpläne scheinen angesichts der zugleich sehr schnellen wie auch nachhaltigen Veränderungen veraltet (Stichwort: multiple Krisen). So greift z.B. die oft zu findende Darstellung der USA in Geschichtsschulbüchern vor allem als Verteidiger der Demokratie und Pfeiler multilateraler Vereinbarungen, internationaler Verträge und Bündnisse historisch zu kurz. Deshalb möchte ich am Beispiel der Geschichte Panamás versuchen aufzuzeigen, wie sich die nur auf der Folie eines positiven USA-Bilds radikal neu erscheinende Außenpolitik Trumps, speziell die gerade erfolgte Intervention in Venezuela, historisch einordnen lässt:

Als der Panama-Kanal im Jahr 1914 eröffnet wurde, war dies nicht nur ein ingenieurtechnisches Meisterwerk, sondern ein weltpolitisches Signal. Der Kanal verkürzte die Seewege zwischen Atlantik und Pazifik drastisch, machte die USA zur dominierenden Macht über einen der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Weltwirtschaft – und markierte zugleich einen entscheidenden Schritt auf ihrem Weg zur Weltmacht. Erstmals kontrollierten die Vereinigten Staaten ein strategisches Nadelöhr des globalen Handels außerhalb ihres eigentlichen Staatsgebiets. Militärisch wie wirtschaftlich veränderte dies ihre Position grundlegend: Die US-Marine konnte nun schnell zwischen beiden Ozeanen verlegt werden, und die Vereinigten Staaten wurden zu einem zentralen Ordnungsmachtfaktor im westlichen Teil der Welt.

Der Weg zum Bau dieses Kanals zeigt bereits ein zentrales Muster amerikanischer Außenpolitik, das bis heute immer wiederkehrt: Zunächst verhandelten die USA mit Kolumbien, zu dem das Gebiet des heutigen Panama damals gehörte, über den Bau und die Kontrolle des Kanals. Als das kolumbianische Parlament den Vertrag ablehnte, änderten die USA ihre Strategie: Sie unterstützten 1903 die bis dahin weitgehend unbedeutende Unabhängigkeitsbewegung Panamas politisch, diplomatisch und militärisch. Kaum war der neue Staat gegründet, unterzeichnete dessen Vertreter – ohne echte Verhandlungsmacht – den Hay-Bunau-Varilla-Vertrag, der den USA praktisch unbegrenzte Rechte in der sogenannten Kanalzone einräumte. Panama war formal souverän, doch ein zentraler Teil seines Territoriums stand unter faktischer US-Kontrolle.

Diese Konstruktion führte über Jahrzehnte immer wieder zu Spannungen. Als Beispiel sei der sogenannte Flaggenstreit von 1964 genannt: In der von den USA kontrollierten Kanalzone durfte lange Zeit nur die US-Flagge gehisst werden, obwohl eigentlich Teil des Staatsgebiets von Panamá. Seit 1960 galt, dass in dieser Zone beide Flaggen gehisst werden sollten. Als im Januar 1964 an einigen US-Schulen nur die US-Flagge gehisst wurde, versuchten panamaische Schüler am 9. Januar 1964 ihre Flagge an einer dieser Schulen in der Kanalzone zu hissen. Es kam zu Auseinandersetzungen, bei denen die panamaische Flagge zerrissen wurde. Daraus entwickelten sich landesweite Proteste und schwere Unruhen, bei denen mehr als 20 Panamanier und mehrere US-Soldaten starben. Der 9. Januar ist bis heute als „Día de los Mártires“ ein nationaler Feiertag in Panama. Politisch markierten diese Ereignisse einen Wendepunkt: Sie beschleunigten die Verhandlungen, die schließlich 1977 in den Torrijos-Carter-Verträgen mündeten und den schrittweisen Übergang des Kanals an Panama bis 1999 regelten.

Dennoch blieb der amerikanische Einfluss groß – und er wurde auch militärisch durchgesetzt. Das zeigte die US-Invasion in Panamá 1989, durch die der Diktator Manuel Noriega gestürzt, in die USA gebracht und dort vor Gericht gestellt wurde. Diese Intervention hatte weder ein UN-Mandat und noch eine völkerrechtliche Legitimation. Die UN-Generalversammlung und die Organisation Amerikanischer Staaten verurteilten das Vorgehen. Zwar rechtfertigten die USA ihr Handeln mit dem Schutz eigener Bürger, der Bekämpfung des Drogenhandels und der Wiederherstellung der Demokratie, doch international wurde dies überwiegend als Verletzung der Souveränität Panamas gesehen.

Die Geschichte Panamás zeigt ein wesentliches Grundmuster der US-Außenpolitik: Für die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen waren die USA fast immer bereit, notfalls auch ohne internationale Zustimmung militärisch zu handeln. Dieses Muster ist keineswegs auf Panama beschränkt. In der Geschichte der Vereinigten Staaten lassen sich immer wieder Phasen erkennen, in denen sie ihre Macht offen und direkt einsetzen – etwa zur Durchsetzung der Monroe-Doktrin, im „Big-Stick“-Imperialismus Theodore Roosevelts oder zahlreichen weiteren Interventionen, besonders in Lateinamerika. Daneben gab es jedoch auch Phasen, in denen US-Präsidenten stärker auf internationale Kooperation, Völkerrecht und Zurückhaltung setzten – etwa unter Jimmy Carter oder zeitweise auch unter anderen Präsidenten. Die amerikanische Außenpolitik schwankt zwischen machtpolitischem Interventionismus und eher multilateralen, zurückhaltenden Ansätzen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Außenpolitik Donald Trumps historisch einordnen. Auf den ersten Blick wirkt sie radikal und neu: offen nationalistisch, wenig an internationale Institutionen gebunden, allein auf eigene wirtschaftliche und strategische Vorteile fixiert. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass nicht alle Elemente neu sind. Trumps Betonung einer amerikanischen Einflusssphäre in der westlichen Hemisphäre ist eine explizite Wiederaufnahme der Monroe-Doktrin und ihrer späteren, imperialistischen Auslegung. Auch die Bereitschaft, politischen Druck und notfalls militärische Mittel einzusetzen, um ohne eine dauerhafte militärische Besetzung eines Landes direkten Einfluss auf dessen Innen-, Außen- und Wirtschaftspolitik zu nehmen, hat zahlreiche historische Vorbilder in der US-Geschichte.

Besonders deutlich wird dies im Vergleich zwischen Panama 1989 und dem Vorgehen der USA gegen Venezuela. In beiden Fällen ging es um den Einfluss im selbst erklärt „Hinterhof“ der USA, einen Regimewechsel durch Entfernung des Regierungschefs und um auch wirtschaftliche Interessen – damals den Panama-Kanal, heute vor allem die riesigen Ölreserven Venezuelas. In beiden Fällen erfolgte das Vorgehen ohne UN-Mandat und gegen erhebliche internationale Kritik. Dennoch gibt es auch Unterschiede: In Panama war der amerikanische Einfluss das Ergebnis einer über 80 Jahre währenden direkten Präsenz und Kontrolle, während Venezuela trotz langer politischer und wirtschaftlicher Einflussversuche nie unter vergleichbarer US-Herrschaft stand. Zudem findet das heutige Vorgehen in einer deutlich multipolareren Welt statt, in der China, Russland und andere Mächte stärker reagieren können als noch 1989.

Gerade dieser Vergleich zeigt: Trumps Außenpolitik ist daher kein völliger Bruch mit den Traditionen der US-amerikanischen Außenpolitik als vielmehr eine Rückkehr zu einem besonders offenen und harten Machtpolitikstil, der in der US-Geschichte immer wieder auftaucht. Die Phasen größerer Zurückhaltung – etwa unter Carter oder zeitweise auch unter Biden – erscheinen im Rückblick eher als Ausnahmen denn als längerfristiger Normalzustand. Die Präsidenten der USA haben in den letzten 120 Jahren die angestrebte Rolle ihres Landes als Groß- und Weltmacht immer wieder aktiv, notfalls auch gegen interne und internationale Widerstände, durchgesetzt. Neben dem extremen Narzissmus Trumps unterscheidet sich diese Politik aber vor allem dadurch, dass sie unverhüllt daherkommt und sich auch gegen Europa richtet.

Wer die Geschichte kennt, kann das aktuelle Geschehen einordnen als radikale Erneuerung und gefährliche Zuspitzung eines alten Musters amerikanischer Machtpolitik. Für den Geschichtsunterricht lohnenswert wäre z.B. eine Unterrichtstunde zur Big-Stick-Politik Roosevelts anhand von Karikaturen, die sich u.a. leicht in der Wikipedia finden, oder auch eine Thematisierung der US-Invasion in Panamá 1989, um diese im Hinblick auf Ähnlichkeiten und Unterschiede zu Eingreifen in Venezuela heute zu untersuchen.

Lokalgeschichte in der Weltpolitik: der Abriss des chinesischen Denkmals am Panama-Kanal

Aktuell sind wir in Panamá im Urlaub und haben in den Nachrichten von einem Denkmal-Streit mitbekommen, der weltpolitische Kreise zieht. Das erscheint mir so bemerkenswert und vermutlich in Deutschland wenig berichtet, dass ich das, was ich aufgeschnappt habe, hier mal zusammenfasse und versuche, das Ganze etwas einzuordnen.

In der Nacht zum 28. Dezember 2025 beseitigten kommunale Behörden des Bezirks Arraiján ein Denkmal am bekannten Aussichtspunkt „Mirador de las Américas“, der einen tollen Blick auf den Panama-Kanal und die gleichnamige Brücke „Puente de las Américas“ bietet. Am Morgen lagen nur noch die Trümmer und zwei beschädigte steinerne Löwen am Straßenrand.

Das Denkmal war 2004 errichtet worden zur Erinnerung an 150 Jahre chinesische Präsenz in Panama. Es ehrte die Leistungen chinesischer Migrant:innen, die im 19. Jahrhundert unter schwierigen Bedingungen zum Bau der interozeanischen Eisenbahn, die 1855 eröffnet wurde, und später zum Bau des Panama-Kanals beitrugen, der 1914 fertigestellt wurde und zusammen mit der umgebebenden Zone bis 1999 unter Kontrolle der USA war. Das Bauwerk war geprägt von traditionellen chinesischen Elementen wie einem Zeremonienbogen, geschwungenen Dachziegeln und steinernen Löwen, wie sie typischerweise als Wächterfiguren chinesischer Architektur vorkommen. Hier finden sich Fotos, die zeigen, wie das Denkmal vor seiner Zerstörung aussah – und zugleich lässt sich sehen, dass dieser Denkmal-Streit auch von den Nutzer:innen auf Google Maps aufgenommen und weitergeführt wird.

Für die in Panama lebende chinesische Gemeinschaft hat das Denkmal hat das Denkmal eine hohe symbolische Bedeutung – von den etwas über 4 Mio Einwohner:innen zählen immerhin rund 300.000 als Menschen mit chinesischen Wurzeln.

Die offizielle Begründung der Lokalverwaltung lautet, das Denkmal sei baufällig und stelle ein Sicherheitsrisiko dar. Nach Angaben der Gemeinde habe es sich um eine rein technische, nicht-politische Entscheidung gehandelt. Doch viele Beobachter bezweifeln diese Erklärung – nicht zuletzt weil der Abriss nachts und ohne Vorankündigung erfolgte. Die chinesische Regierung, lokale chinesisch-panamaische Vereinigungen und Teile der panamaischen Öffentlichkeit reagierten schockiert.

Die Volksrepublik China reagierte scharf: Der chinesische Außenministerssprecher Lin Jian bezeichnete den Abriss als „zwanghafte Zerstörung“ und „schwerwiegenden Eingriff in die freundschaftlichen Gefühle zwischen China und Panama“. Peking forderte eine gründliche Untersuchung, eine Richtigstellung der Maßnahmen der lokalen Behörden und die Wiedererrichtung des Denkmals am ursprünglichen Ort. Auch die chinesische Botschafterin in Panama kritisierte den Vorgang öffentlich und wies darauf hin, dass das Denkmal ein Symbol jahrzehntelanger chinesisch-panamaischer Geschichte und Gemeinschaft sei.

Der konservative Präsident Panamas, José Raúl Mulino, verurteilte den Abriss gleichfalls. Er nannte den Abriss eine „barbarische und unverzeihliche Handlung“ und kündigte an, das Denkmal in Zusammenarbeit mit der chinesischstämmigen Community in Panama wieder aufzubauen sowie eine Untersuchung einzuleiten.

Die Demontage des Denkmals fällt in eine Zeit wachsender geopolitischer Spannungen um den strategisch bedeutenden Panama-Kanal: Die Volksrepublik China hat in den vergangenen Jahren wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen zu vielen Staaten Lateinamerikas – darunter auch Panama – intensiviert. China investiert global in Infrastruktur- und Handelsprojekte, was oft als Teil seiner „neuen Seidenstraße“ interpretiert wird.

Die USA äußern zunehmend Bedenken über chinesischen Einfluss in der Region. Insbesondere um den Panama-Kanal, den historischen Knotenpunkt des Welthandels, sieht sich Washington von Peking herausgefordert. US-Politiker und -Medien haben wiederholt gewarnt, China könnte versuchen, seine Interessen am Kanal auszubauen oder zu nutzen.

Diese geopolitische Konkurrenz zwischen Washington und Peking macht jeden symbolischen Akt – wie den Abriss dieses Denkmals – zu einem möglichen Signal. Für viele Beobachter ist der Zeitpunkt und die Art des Abrisses nicht nur eine lokale Angelegenheit, sondern ein Zeichen der Spannungen um die Kontrolle, den Einfluss und die Wahrnehmung Panamas als neutraler Knotenpunkt internationalen Handels – zumal sowohl Hegseth wie auch Rubio bei ihren letzten Besuchen in Panamá genau dieses Denkmal öffentlich kritisiert hatten (zu den Hintergründen der Besuche und dem zunehmenden Druck der USA auf Panama siehe diesen Artikel).

Was ein lokaler Denkmalstreit sein könnte, ist tatsächlich weltpolitisch eingebettet und führt zu so etwas wie einer diplomatischen Krise, zumindest Verstimmung, in einer zunehmend konfrontativen geopolitischen Rivalität zwischen China und den USA, bei der die Kontrolle über den Panama-Kanal eine wichtige Rolle spielt.

    P.S. Abschließend noch kurz erwähnt: Das ist übrigens ein super Thema, weil ebenso aktuell wie spannend, für den fächerübergreifenden Unterricht z.B. in einem Fach wie Gesellschaftslehre, weil hier historische, wirtschaftliche, geographische und politische Perspektiven in den Blick genommen werden müssen, um die Vorgänge zu verstehen.

    Europa im Krieg – Exil in Mexiko

    Als in Deutschland die NS-Herrschaft Menschen verfolgte und zur Flucht zwang, war Mexiko kein Land, das automatisch für alle offenstand, entwickelte sich aber zu einem wichtigen Zufluchtsort für einige Gruppen — sowohl durch staatliche Entscheidungen als auch durch entschiedenes Handeln einzelner. Diese doppelte Logik von restriktiver Gesetzgebung für Einwanderung auf nationaler Ebene versus punktuelle humanitäre Öffnungen prägt die Geschichte des Exils in Mexiko und erklärt, warum dort sehr verschiedene Gruppen landeten: spanische Republikaner:innen, Kommun:istinnen, Intellektuelle, allerdings nur eine sehr kleine Zahl von Jüd:innen (siehe: Daniela Gleizer, Unwelcome Exiles. Mexico and the Jewish Refugees from Nazism, 1933–1945, Leiden/Boston 2014).

    Die rechtliche und administrative Grundlage war in den 1930er Jahren eher restriktiv. Bereits 1930/31 etablierte Mexiko bürokratische Regime wie Meldepflichten für Ausländer; die Migrationsverwaltung arbeitete mit Registern und Quoten, und Visa wurden erteilt unter Prüfung von „Integrations-“ bzw. „Wirtschafts“-Kriterien (Überblick zur Einwanderungspolitik PDF). Das heißt: Offiziell gab es keine offene Flüchtlingspolitik, vielmehr mussten die Einreisewilligen Sponsoren, ausreichende Mittel oder spezielle Genehmigungen vorweisen; die Behörden konnten nach ökonomischen Erwägungen ablehnen oder – selektiv – Aufnahmegenehmigungen erteilen. Diese restriktive Linie bleibt ein Grundmuster der mexikanischen Einwanderungspolitik jener Jahre.

    Gleichzeitig setzten einzelne politische Entscheidungen und diplomatisches Handeln markante Ausnahmen: Präsident Lázaro Cárdenas verfolgte in den späten 1930er Jahren eine Außenpolitik, die Solidarität mit Republikanern und Opponenten autoritärer Regime einschloss. Mexiko hatte zunächst die spanische Republik mit Geld und Waffen im Kampf gegen Franco unterstützt und öffnete dann 1939 nach der Niederlage die Türen für Verlierer:innen des spanischen Bürgerkriegs. Mexiko organisierte staatlich und zivilgesellschaftlich die Aufnahme weit über 20.000 spanischen Exilanten. Insgesamt waren es rund eine halbe Million Menschen, die für die spanische Republik gekämpft hatten über die Pyrenäen nach Frankreich geflohen und dort in Lagern interniert wurden. Die mexikanische Entscheidung, spanische Republikaner:innen aufzunehmen, erfolgte als bewusste politische Geste und wurde organisatorisch (Schiffsüberfahrten, staatliche Hilfen) umgesetzt. Mexiko war damit in der Region ein führender Aufnahmestaat für spanische Exilierte – so die offizielle Linie der mexikanischen Regierung, während Teile der Bevölkerung der Aufnahme so vieler „Linker“ skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden (PDF).

    Unter diesen Flüchtlinge waren auch zahlreiche Deutsche, vor allem Sozialist:innen und Kommunist:innen, die sich für die Republik gegen den aufkommenden Faschismus in unterschiedlichster Weise engagiert hatten. Insgesamt sollen ca. 2000 Deutsche als Flüchtlinge nach Mexiko gekommen sein. Entscheidend war die Rolle, die der mexikanische Konsul Gilberto Bosques in Marseille einnahm. In den Jahren 1940–1942 stellte er Visa aus und organisierte Transportwege aus dem besetzten Frankreich, womit er nicht nur Spanier:innen, sondern auch zahlreiche jüdische und deutschsprachige Verfolgte vor der Deportation in deutsche Konzentrationslager rettete. Bosques’ Tätigkeit meist so beschrieben: Er signierte in seinem Amtsbereich zehntausende Papiere und arrangierte Transporte; viele dieser Visa dienten tatsächlich Transitzwecken, d. h. Flüchtlinge nutzten ein mexikanisches Visum, um aus Europa zu entkommen und viele kamen auch tatsächlich nach Mexiko. Schätzungen nennen etwa 1800 jüdische Einwanderer, die mit Bosques-Papieren direkt nach Mexiko eintrafen; insgesamt soll Bosques bis zu 40.000 Visa ausgestellt haben, die Menschen Fluchtwege ermöglichten — entweder nach Mexiko oder als Transit nach Übersee.

    Vor diesem Hintergrund ist die deutschsprachige Community in Mexiko-Stadt zu sehen: Sie bestand bereits seit den 1820er Jahren. Institutionen wie das „Deutsche Haus“ sowie die deutsche Schule, das Colegio Alemán Alexander von Humboldt, organisierten deutsches Vereins- und Kulturleben. Um 1939 waren es ungefähr 3000 Deutsche, die in Mexiko-Stadt lebten. (PDF) Diese „Gemeinschaft“ war sozial und politisch sehr heterogen — mit Gruppen, die offen den Nationalsozialismus unterstützten , aber auch mit klar antifaschistischen Exilnetzwerken der neu angekommenen Flüchtlinge.

    Die 1938 gegründete „Liga pro cultura alemana“ war die erste Exil-Organisation in Mexiko, explizit antifaschistisch und eine wichtige Anlaufstelle für die Flüchtlingshilfe. Allerdings gab es starke politische Spannungen aufgrund der unterschiedlichen politischen Orientierungen innerhalb des linken Spektrums, die sich insbesondere in der Haltung zum „Hitler-Stalin-Pakt“ und später dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion entluden. Viele antifaschistische Exilanten organisierten sich in Mexiko-Stadt daraufhin ab 1941 im Heinrich-Heine-Klub, sowie besonders die Kommunisten unter ihnen rund um die in Mexiko herausgegebene Zeitschrift „Alemania Libre“ (Freies Deutschland).

    Aber auch die NSDAP war mit eigenen Organisationen in Mexiko präsent: In den 1930er Jahren wirkten NS-Parteiorganisationen und lokale Sympathisanten in Orts- bzw. Landesgruppen der NSDAP / Auslandsorganisation in mehreren lateinamerikanischen Ländern, so auch in Mexiko. Es gab Aktionen, Propaganda und gelegentlich öffentliche Veranstaltungen, gegen die mexikanische Behörden, Gewerkschaften und linke Gruppen Stellung bezogen. In Mexiko hatte die NSDAP / AO rund 150 Mitglieder, nutzte das Deutsche Haus (Casino) als Treffpunkt und hatte einen grossen Einfluss auf die schon länger in Mexiko ansässigen Deutschen. Die Existenz dieser Gruppen verschärfte die Spannungen innerhalb der Community und war einer der Gründe für Misstrauen und Konflikte in der Stadt. Ähnliches gilt übrigens auch für die spanische Gemeinschaft, wo die Falangisten den Sieg Francos im April 1939 im Casino Español feierten und die antifaschistischen Spanierinnen und Spanier sich rund um das von ihnen neu eingerichtete spanisch-republikanisch Zentrum organisierten (PDF).

    Die Zusammensetzung der deutschsprachigen Exilgemeinde in Mexiko war divers sowohl was den Zeitpunkt der Ankunft in Mexiko wie auch den persönlichen Hintergrund und die politische Orientierung angeht: von politisch engagierten Kommunisten und Sozialisten über linke Intellektuelle und Künstler bis zu jüdischen Wissenschaftlern und Publizisten, so u.a.:

    Viele Flüchtlinge, darunter sowohl Deutsche wie auch europäische Jüdinnen und Juden, wollten in erster Linie in die USA; Mexiko sahen sie zunächst nur als Transitstation — sei es, weil US-Visakontingente ausgeschöpft waren oder weil Einreisebedingungen in den USA extrem restriktiv blieben. Bosques’ Pässe und Visa eröffneten oft genau diesen Fluchtkorridor: Einige Menschen blieben in Mexiko, viele nutzten die mexikanische Genehmigung jedoch „nur“ zum Weitertransport nach Übersee. Damit ist zu erklären, warum Bosques’ große Zahl an ausgestellten Visa nicht in gleicher Höhe zu Einreisen nach Mexiko führte.

    Die Alltags- und Integrations-Erfahrungen derjenigen, die in Mexiko blieben, sind differenziert dokumentiert: Einige Exilierte berichten in Memoiren und Interviews von Wärme, beruflichem Anschluss und produktiver Zusammenarbeit mit mexikanischen Kolleginnen und Kollegen; Künstler, Intellektuelle und Akademiker konnten oft an Universitäten, Verlagen oder in künstlerischen Werkstätten mitarbeiten. Andere Erzählungen schildern hingegen Schwierigkeiten: sprachliche Hürden, Bürokratie, prekäre Erwerbsbedingungen, gelegentliche Ressentiments gegenüber Ausländern. Bilanzierend lässt sich daher sagen: Mexiko war weder uneingeschränkt willkommend noch kategorisch abweisend — es bot einen Zufluchtsraum, der durch Administration, Kapazitäten und politische Prioritäten limitiert war.

    Was geschah nach 1945? Die Wege waren individuell: Manche Exilanten blieben dauerhaft und bildeten langfristige Bindungen (Stichworte: Einbürgerungen, Familiengründungen, berufliche Integration, andere kehrten nach Deutschland zurück, wieder andere zogen weiter in die USA oder Kanada. Einige wenige kamen auch erst nach Kriegsende nach Mexiko.

    Die mexikanische Exilgeschichte ist ein hervorragendes Fallbeispiel für Verflechtungs- und Transfergeschichte. Sie zeigt, wie nationale Migrationspolitik, internationale Diplomatie, persönliche Netzwerke und das Handeln einzelner zusammenspielen. Sie eröffnet auch Zugänge zu Fragen der Erinnerung: Wie werden „Gastfreundschaft“ und „Ablehnung“ erinnert? Welche Rollen spielt dieser Teil der Geschichte in Schulen, Denkmälern und Archiven?

    Neben den zahlreich veröffentlichten Memoiren sei ein Film als Lernmaterial besonders empfohlen. In Ausschnitten für den Unterricht geeignet lässt der Dokumentarfilm „Flucht nach Mexiko – Deutsche im Exil“ (1994) deutsche Geflüchtete in Zeitzeugeninterviews zu Wort kommen, die in Mexiko heimisch geworden sind, und geht auch kurz auf die Entwicklung der deutschen Auslandsschule in Mexiko-Stadt zur Zeit des Nationalsozialismus ein:

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    Auf Spurensuche: Mexikos Protest gegen den „Anschluss“

    Der “Anschluss”: Mit dem 12. März 1938 wurde die Republik Österreich in das nationalsozialistische Deutschland eingegliedert. Während die meisten Staaten untätig blieben oder den Anschluss stillschweigend akzeptierten, reagierte Mexiko ungewöhnlich klar. Am 19. März 1938 legte Mexiko als einziges Land beim Völkerbund offiziell schriftlich Protest gegen den „Anschluss“ ein.

    Der Protest wurde durch den mexikanischen Gesandten beim Völkerbund in Genf, Isidro Fabela, übermittelt, unter der Regierung von Präsident Lázaro Cárdenas, und bezeichnete die Annexion als Verstoß gegen das Völkerrecht und insbesondere als Angriff auf die politische Unabhängigkeit Österreichs.

    Gedenktafeln im Museo del Risco – ehemaliges Wohnhaus von Fabela, das er 1958 dem mexikanischen Volk geschenkt hat

    Aber auch der Völkerbund akzeptierte stillschweigend den Bruch internationalen Rechts durch Deutschland – die Trennung von Deutschland und Österreich in zwei unabhängige, souveräne Staaten war durch die Pariser Vorortverträge nach dem Ersten Weltkrieg festgeschrieben.

    In Mexiko-Stadt hingegen „hatten die deutschen Nationalsozialisten der NSDAP, Landesgruppe Mexiko […] ein ‚Fest für den vollzogenen Anschluss‘ vorbereitet“, das eine öffentliche Bücherverbrennung einschloss und zu der es „für Personen mit Verwandten in Deutschland oder Österreich ratsam“ sei hinzugehen.

    International wurde Mexikos Protest jedoch besonders von den demokratischen Staaten als ein aktiver Ausdruck von Solidarität und als moralischer Bezugspunkt anerkannt. Außenpolitisch pflegte Mexiko insbesondere unter Cárdenas eine Politik, die auf Nicht-Intervention, Selbstbestimmungsrecht der Völker und Rechtstaatlichkeit setzte. Der Anschluss Österreichs war für Mexiko ein Signal dafür, wie einzelne Staaten internationale Regeln missachten konnten. Mexiko sah in der Protestnote nicht nur symbolischen Wert, sondern verstand sie als Teil seiner Außenpolitik gegen aggressive Expansion.

    Und das durchaus im eigenen Interesse: 1938 geriet Mexiko zeitgleich in einen Streit mit den USA über die Verstaatlichung der Ölindustrie unter Präsident Cárdenas. Somit diente die Protestnote auch der Selbstbehauptung mexikanischer Souveränität. Gleichzeitig stand sie im Kontext der interamerikanischen Politik und der Monroe-Doktrin: Mexiko forderte die Abkehr von US-Dominanz und ein System gegenseitiger lateinamerikanischer Solidarität, das später auf der 8. Panamerikanischen Konferenz in Lima 1938 bekräftigt wurde.

    Spurensuche

    Viele exilierte Österreicher fanden in Mexiko vorübergehend Zuflucht. Die genaue Zahl der österreichischen Flüchtlinge in Mexiko ist nicht bekannt (es werden Zahlen zwischen 500 und 1500 genannt), da viele ihren Geburtsort aus der Zeit vor 1918 in den Grenzen des untergegangenen österreichisch-ungarischen Reiches nutzten, um mit einer anderen Staatszugehörigkeit einzureisen. Wer sich dafür näher interessiert: Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes hat Biographien von Verfolgten gesammelt und stellt diese online zur Verfügung.

    Als sichtbares Denkmal für Mexikos Schritt existiert in Wien der Mexikoplatz im 2. Wiener Gemeindebezirk (Leopoldstadt). Die Umbenennung erfolgte 1956, um an Mexikos offizielle Protestnote zu erinnern. Auf dem Platz befindet sich ein Gedenkstein, der 1985 enthüllt wurde, mit der Inschrift:

    „Mexiko war im März 1938 das einzige Land, das vor dem Völkerbund offiziellen Protest gegen den gewaltsamen Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich einlegte. Zum Gedenken an diesen Akt hat die Stadt Wien diesem Platz den Namen Mexiko-Platz verliehen.“

    2008 errichtete der Künstler Marko Lulić auf dem Mexikoplatz ein temporäres Mahnmal. Ausgehend von der Inschrift auf dem Gedenkstein mit dem Hinweis auf den “gewaltsamen Anschluss” setzte sich dieses Mahnmal kritisch dem Mythos von Österreich als „erstem Opfer“ des Nationalsozialismus auseinander, in dem es in über drei Meter großen Zahlen „99,73“ auf die Zustimmung in Österreich in der Volksabstimmung im April 1938 verweist. Auch wenn diese Abstimmung nicht unter demokratischen Bedingungen durchgeführt wurde, verweist das Mahnmal auch auf die hohe Zustimmung in der Bevölkerung zur Vereinigung mit Deutschland und zu den Ideen des Nationalsozialismus bereits vor dem „Anschluss“.

    Gedenkstein in Mexiko-Stadt von 2019

    Darüber hinaus gibt es seit 2005 in der Wiener Donau-City die Isidro-Fabela-Promenade, deren Strassenschild eine Tafel mit erklärendem Text umfasst. 

    In Mexiko-Stadt gibt es seit 2019 einen Gedenkstein mit Inschriftentafel auf einer kleinen Grünecke mitten in einer breiten Autokreuzung, wo sich der Paseo de la Reforma und Insurgentes kreuzen, in Nähe des mexikanischen Senats. Der Text auf der Tafel würdigt Mexikos offiziellen Protest gegen die Annexion Österreichs. Die Skulptur hat der österreichische Künstlers Mathias Hietz geschaffen und ist ein Geschenk Österreichs an Mexiko als Dank für den offiziellen Protest.

    Das Thema im Unterricht

    Schrifttafel auf dem Gedenkstein in Mexiko-Stadt

    Der Protest Mexikos gegen den Anschluss ist mehr als ein historisches Randereignis. Er zeigt, dass auch Staaten, die nicht unmittelbar betroffen sind, moralische und völkerrechtliche Verantwortung übernehmen können. Für den Geschichtsunterricht bieten sich mehrere Lerngelegenheiten:

    Quellenarbeit: Die Protestnote (Digitalisat im französischen Original und Transkript auf Deutsch) und zeitgenössische Reaktionen ermöglichen ein differenziertes Bild und betten den “Anschluss” in eine globalgeschichtliche Perspektive ein.

    Erinnerungskultur: Die Straßenbenennungen und Gedenksteine in Wien und Mexiko zeigen, wie Geschichte in den öffentlichen Raum eingeprägt wird und wie Erinnerungspolitik und -kultur sich verändern. Die Orte in Wien bzw. Mexiko können auch Gegenstand von (virtuellen) Exkursionen und Erkundungen vor Ort sein.

    Politische Ethik und Sanktionen: Der mexikanische Protest ist ein Beispiel, wie internationales Recht und multilaterale Institutionen gestärkt oder geschwächt werden, je nachdem wie Staaten handeln, und kann im Unterricht mit der Appeasement-Politik kontrastiert werden.

    Zum Weiterlesen seien abschließend noch diese beiden online verfügbaren Artikel empfohlen:

    Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.), Österreicher im Exil. Mexiko
    1938–1947 (2002), https://www.doew.at/cms/download/81056/mexiko_protest.pdf

    Gerhard Hafner, A Swallow in Winter: The Mexican Protest in 1938 (2018), https://viennalawreview.com/index.php/vlr/article/view/121

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    Das Zimmermann-Telegramm: ein Wendepunkt der deutsch-mexikanischen Beziehungen?

    Das sogenannte Zimmermann-Telegramm gehört zu den bekannteren Episoden der deutsch-mexikanischen Beziehungen. Es wurde im Januar 1917 von Arthur Zimmermann, dem damaligen deutschen Außenminister, an die deutsche Gesandtschaft in Mexiko gesandt. Ein „Fiasko deutscher Außenpolitik“ so lautet das Urteil auf der Seite des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes. Der Inhalt: Falls die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg eintreten sollten, solle Mexiko sich auf deutscher Seite engagieren und im Gegenzug die Aussicht erhalten, die 1848 nach dem Krieg gegen die USA verlorenen Gebiete – Texas, New Mexico, Arizona – zurückzugewinnen. Das gleichfalls an die USA abgetretene Kalifornien wollte Deutschland wohl Japan geben

    Hintergrund und Zielsetzung

    Deutschland befand sich in einer zunehmend schwierigen Position. Die Seekriegsführung gegen Großbritannien hatte nicht den erhofften Erfolg gebracht. Mit dem Beginn des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs wollte man die britische Versorgung empfindlich treffen – nahm dabei aber bewusst in Kauf, die USA zu provozieren.

    Um das Risiko eines Kriegseintritts der USA zu verringern oder im Falle eines solchen die amerikanische Schlagkraft zu binden, suchte Berlin nach Möglichkeiten, die USA an anderer Stelle zu beschäftigen. Mexiko erschien aufgrund seiner geographischen Lage und der bestehenden Spannungen zu den USA als naheliegender Partner.

    Deutschland hoffte, Mexiko durch das Versprechen territorialer Gewinne für sich zu gewinnen. Die Idee war, die USA im Falle eines Kriegseintritts an einer zweiten Front im Süden zu binden und damit ihre militärische Handlungsfähigkeit in Europa einzuschränken.

    Das Telegramm blieb nicht geheim: Britische Kryptographen konnten es abfangen und entschlüsseln. London spielte die Information an Washington weiter. Präsident Wilson veröffentlichte den Text am 1. März 1917.

    Mexikos befand sich nach der Revolution in einer politisch und wirtschaftlich äußerst instabilen Situation. Ein Krieg mit den USA war völlig unrealistisch. Selbst wenn es gewollt hätte – Mexiko besaß weder die militärische Stärke noch die ökonomischen Mittel für ein solches Unternehmen. Anstatt die USA abzuschrecken, trug die Veröffentlichung des Telegramms erheblich dazu bei, die amerikanische Öffentlichkeit für den Kriegseintritt gegen Deutschland zu mobilisieren.

    Am 6. April 1917 traten die USA tatsächlich auf Seiten der Entente in den Krieg ein. Dieser Eintritt war kriegsentscheidend – und das Zimmermann-Telegramm wurde im Nachhinein als ein Symbol für die deutsche diplomatische Fehlkalkulation gesehen.

    Teil der deutsch-mexikanischen Beziehungsgeschichte

    Das Telegramm steht in einer längeren Linie deutsch-mexikanischer Kontakte:

    Schon im 19. Jahrhundert gab es wirtschaftliche Beziehungen, etwa durch deutsche Einwanderer, Handelsgesellschaften und wissenschaftlichen Austausch. Die deutsche Schule wurde z.B. 1894 in Mexiko-Stadt gegründet. Zur gleichen Zeit lud der damalige Diktator Porfirio Diaz europäische und auch deutsche Unternehmen ins Land, um Mexiko zu modernisieren und zu industrialisieren. So stammen u.a. die ersten Straßenlaternen in Mexiko von Siemens. Im frühen 20. Jahrhundert verstärkten sich dann die Wirtschaftsverflechtungen, insbesondere durch deutsche Industrie- und Handelsinteressen in Lateinamerika.

    Das Zimmermann-Telegramm zeigt, wie diese Beziehungen in einem Moment globaler Eskalation instrumentalisiert werden sollten. Mexiko wurde dabei von Deutschland nicht als eigenständiger Partner ernstgenommen, sondern als strategische Option zur Schwächung oder zumindest zur Ablenkung und Bindung der USA betrachtet. Für Mexiko wiederum zeigt sich, wie sehr das Land trotz interner Konflikte in globale Konstellationen eingebunden war und zugleich durch die öffentliche Ablehnung des deutschen Angebots eine klare Haltung demonstrierte.

    Didaktische Perspektive

    Für den Geschichtsunterricht bietet das Zimmermann-Telegramm mehrere Ansatzpunkte:

    • Quellenarbeit: Der Telegrammtext selbst ist erhalten und lässt sich gut mit Schüler:innen analysieren (Sprache, Intention, diplomatische Codes). Es liegt sogar über das politische Archiv des Auswärtigen Amtes als Digitalisat vor.
    • Verflechtungsperspektive: Das Telegramm eröffnet einen Blick auf die globalhistorische Perspektive zum ersten Weltkrieg kurz vor Kriegseintritt der USA und eignet sich, um deutsch-mexikanische Beziehungen nicht isoliert, sondern im Kontext globaler Machtverhältnisse zu betrachten.

    Das Zimmermann-Telegramm ist ein Beispiel, wie sich deutsch-mexikanische Geschichte beispielhaft nutzen lässt, um deutsche Geschichte in globalhistorische Perspektive einzubetten.

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    Napoleon III., Bismarck – und Benito Juárez: Verflechtungen zwischen Europa und Mexiko

    In deutschen Geschichtsschulbüchern wird bis heute in einer nationalen Engführung die Entstehung des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 in der Regel als Ergebnis eines komplizierten Zusammenspiels von innen- und außenpolitischen Faktoren beschrieben. Frankreich habe Preußen provoziert und schließlich den Krieg erklärt, weil die Kandidatur eines Hohenzollernprinzen für den spanischen Thron in Paris als Bedrohung wahrgenommen wurde. Kaiser Napoleon III. stand zusätzlich unter innenpolitischem Druck, endlich einen außenpolitischen Erfolg vorzuweisen. In dieser angespannten Lage wirkte die von Bismarck gekürzte und veröffentlichte Emser Depesche als eine gezielte Provokation – sie heizte die nationalistische Stimmung in Frankreich an und führte unmittelbar zur Kriegserklärung.

    Auch Österreich spielt in dieser Darstellung eine Rolle. Nach der Niederlage von 1866 hatte das Habsburgerreich seine Großmachtposition eingebüßt. Bismarcks „milder“ Frieden nach Königgrätz und die innere Neuordnung als nun Österreich-Ungarn durch den Ausgleich von 1867 banden Wien. Eine belastbare Allianz mit Frankreich kam nicht zustande, und so entschied man sich für Neutralität – was Frankreichs Isolation noch verstärkte.

    Doch was hat all das mit Mexiko zu tun? Überraschend viel.

    Denn Frankreichs Niederlage im Krieg gegen Preußen steht in enger Verbindung mit einer außenpolitischen Episode, die man in Europa gerne übersieht, die aber in Mexiko bis heute eine große Rolle spielt: das französische „Abenteuer“ in Mexiko. Kaiser Napoleon III. hatte bereits 1862 Truppen entsandt, um dort ein Protektorat zu errichten. Mit Maximilian, dem Bruder Kaiser Franz Josephs von Österreich, installierte er ab 1864 einen Marionettenkaiser in Mexiko.

    Die mexikanische Republik unter Führung von Benito Juárez organisierte jedoch einen entschlossenen Widerstand. Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs erhöhten auch die Vereinigten Staaten den Druck auf Frankreich. Napoleon III. musste seine Soldaten zurückziehen. Ohne die militärische Unterstützung Frankreichs brach Maximilians Regime rasch zusammen. 1867 wurde der „Kaiser von Mexiko“ in Querétaro gefangen genommen und nach einem Gerichtsprozess öffentlich hingerichtet – eine Szene, die Édouard Manet in einem berühmten Gemälde festgehalten hat, dessen vierte Fassung heute in der Kunsthalle Mannheim zu sehen ist. Teile einer anderen Fassung finden sich in der National Gallery in London.

    Diese Niederlage schwächte Napoleon III. enorm: Es war nicht nur ein außenpolitischer Gesichtsverlust, sondern durch die hohe Kosten auch ein finanzielles Desaster, was zu einer grundlegenden Legitimationskrise seiner Herrschaft in Frankreich führte. Das Scheitern in Mexiko gilt daher als einer der Gründe, warum er anschließend – im Konflikt mit Preußen – so dringend einen außenpolitischen Erfolg suchte. Auch auf der persönlichen Ebene spielte Mexiko eine Rolle: Dass Napoleon III. trotz Zusage, seine militärische Unterstützung für Maximilian zurückzog, führte trotz symbolischer Annäherung zu einer Beeinträchtgung des Vertrauens in die Person Napoleons. Die ausbleibende Unterstützung im deutsch-franösischen Krieg war aber vor allem das Resultat von strategischer Vorsicht und innerer Schwäche Österreichs.

    Für Mexiko hingegen ist Benito Juárez bis heute eine prägende Gestalt. Er war der erste indigene Präsident Mexikos und gilt als liberaler Reformer. Schulen, Straßen, Plätze in jeder noch so kleinen Stadt tragen seinen Namen, Denkmäler erinnern an ihn im ganzen Land. Auch der Flughafen der Hauptstadt ist nach ihm benannt. Mit dem erfolgreichen Widerstand gegen die französische Besatzung und der Entscheidung, Maximilian trotz internationaler Proteste hinrichten zu lassen, setzte Mexiko ein klares Signal: Die neu entstandenen Nationalstaaten in Lateinamerika würden ihre Unabhängigkeit mit allen Mitteln verteidigen – auch gerade gegenüber den nach imperialen Eroberungen strebenden europäischen Mächten.

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    Weiter zu Teil 4: Mexiko und Deutschland im Ersten Weltkrieg.

    Deutsch-mexikanische Geschichte: didaktische Impulse aus dem Geschichtsunterricht an einer Auslandsschule

    Nach zwei Jahren an der Deutschen Schule Mexiko-Stadt West beginnt für mich nun das letzte Schuljahr hier – im Sommer 2026 geht es dauerhaft zurück nach Deutschland. Anlass genug, auf manches genauer zu schauen, was mich überrascht, irritiert oder zum Nachdenken gebracht hat.

    Überraschend war für mich vor allem, wie viele Bezugspunkte es zwischen Deutschland und Mexiko in der Geschichte tatsächlich gibt. Ganz anders als in Ecuador, wo ich zuvor drei Jahre gelebt und gearbeitet habe, stößt man hier auf eine Vielzahl von Verflechtungen, Begegnungen und Konflikten, die im öffentlichen Raum, in der Erinnerungskultur und nicht zuletzt auch im Schulunterricht eine Rolle spielen.

    In den kommenden Wochen möchte ich eine Reihe kleiner Beiträge veröffentlichen, in denen es um zwei Dinge geht:

    1. Kurze Schlaglichter auf Aspekte der deutsch-mexikanischen Beziehungen
    2. Didaktische Überlegungen und konkrete Erfahrungen, wie sich im Geschichtsunterricht der Oberstufe an einer deutschen Auslandsschule die Geschichte des Gastlandes und das Wissen der Schüler:innen darüber nutzen lassen kann, um im Vergleich ein vertieftes Verständnis für die deutsche und europäische, aber auch für die eigene Geschichte zu fördern.

    Für mich ergeben sich daraus drei zentrale didaktische Chancen:

    1. Vergleichendes Lernen: Der Vergleich deutscher und mexikanischer Entwicklungen ermöglicht es, Kategorien wie „Nation“, „Revolution“, „Diktatur“ oder „Demokratie“ in unterschiedlichen Kontexten zu betrachten. Das macht diese Begriffe plastischer und regt zur kritischen Reflexion an.
    2. Multiperspektivität: Der Blick auf die Beziehungen zwischen Deutschland und Mexiko eröffnet immer wieder die Frage: Wer erzählt die Geschichte, aus welcher Perspektive, mit welchem Interesse? Damit lässt sich eine Kernkompetenz des Faches gezielt fördern.
    3. Identitätsstiftung und Verortung: Für Schüler:innen an einer deutschen Auslandsschule ist es wichtig, die eigene Position zwischen verschiedenen kulturellen und historischen Traditionen zu reflektieren. Die deutsch-mexikanische Geschichte bietet eine hervorragende Grundlage, um an einer bikulturellen Begegnungsschule über eigene Zugehörigkeiten und Identitäten nachzudenken.

    Mir ist bewusst, dass dies ein sehr spezielles Thema ist, das auch nicht überall umsetzbar ist. Aber vielleicht ist gerade das der Reiz: Einblicke aus einem bestimmten Kontext können Anregungen für ganz andere Situationen geben – sei es im bilingualen Unterricht, in Projekten mit internationalem Bezug oder schlicht bei der Frage, wie man lokale und regionale Geschichte stärker in den Unterricht einbindet.

    Ich freue mich daher, in den kommenden Wochen und Monaten Beobachtungen und Erfahrungen zu teilen – und vielleicht bei der einen oder dem anderen Leser Interesse für Mexiko und seine Geschichte zu wecken.

    Zu Teil 2 dieser Beitragsreihe.

    Aus Textura wird Link-15

    … sonst ändert sich nix, oder doch einiges. Hier ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Was lange währt, wird meistens gut. Es ist zwar noch ein bisschen hin, aber die Ankündigung des Verlags ist bereits raus. Darum mag ich auch hier darauf hinweisen. Das Spiel, was Ron Hild und ich als „Textura“ entwickelt haben und 2018 dank einer Förderung durch die BpB in einer deutsch-polnischen Spezialedition veröffentlichen konnten, wird gerade einer Generalüberholung unterzogen, an die Lehrpläne in den Bundesländern angepasst. Es erscheint im Friedrich-Verlag bei den Kallmeyer Lernspielen. #StayTuned

    P.S. Das Bild oben links ist weder ein Porträt von Ron noch von mir 😉

    Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Deutschland und Frankreich – Teil 2

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    1.2 Deutschland

    Um die Veränderungen in Deutschland nach 1918 besser zu verstehen, lohnt sich der Blick auf die Denkmäler, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 errichtet worden sind. Typisch für die Jahre nach 1871 war die Errichtungen von Säulen („Siegessäule“ z.B. in Berlin, Chemnitz und Siegburg) sowie von Denkmälern in Obeliskenform.

    Die Orte, an denen die Kriegerdenkmäler nach 1871 errichtet wurden, lagen zentral in den jeweiligen Städten, z.B. auf dem Markt oder in der Nähe des Theaters. In Gestaltung mischen sich nationale Symbole mit Siegeszeichen wie Lorbeerkranz oder Statuen von Nike/Victoria. Angebracht werden Tafeln, die in der Regel nicht nur die Namen der gefallenen, sondern auch der verwundeten Soldaten aus der Gemeinde auflisten. Nicht selten dienen die Kriegerdenkmäler. zumindest in ehemals preußischen Gebieten, der Erinnerung an alle „Einigungskriege“, so dass auch die die Kriege von 1866 und teilweise von 1864 miteinbezogen werden.

    Kriegerdenkmal in Höhn-Schönberg. Foto: Martin Kraft, CC-BY-SA.

    Kriegerdenkmal in Höhn-Schönberg. Foto: Martin Kraft, CC-BY-SA.

    Eine Fortsetzung der bisherigen Gestaltung war aus mehreren Gründen nicht möglich: Ebenso wie in Frankreich liegt ein Grund in dem massenhaft Tod von ca. 1,9 Millionen Soldaten des Deutschen Reichs. Zum Vergleich: Im Deutsch-Französischen Krieg waren auf deutscher Seite etwas weniger als 45.000 Opfer zu beklagen.

    Hinzu kamen aber nach 1918 die Niederlage sowie die Auflösung des Kaiserreichs. Errichtet wurden die Kriegerdenkmäler während der Weimarer Republik, die den Krieg zwar nicht geführt hatte, mit der sich aber viele, gerade in Militärkreisen, nicht identifizierten, sondern Republik und Demokratie ablehnten oder sogar aktiv bekämpften.

    Die Kriegerdenkmäler nach 1918 zeichnen sich folglich durch eine Abwesenheit nationaler Symbole aus. Sie rücken zudem aus dem Zentrum der Stadt an Plätze am Rand wie Friedhöfe, Grünanlagen oder seitlich von Kirchen. Da der Krieg mit einer Niederlage endete, fehlen auch die Siegeszeichen der alten Denkmäler und damit fehlte auch ein Teil der bisherigen Sinnstiftung. An deren Stelle treten die Abbildung militärischer Zeichen sowie christlicher Symbolik (Kreuz, Pietà oder der heilige Michael als Drachentöter, zugleich Nationalpatron und Bezwinger des „Bösen“), die nun die offenkundig notwendige, nachträgliche Sinnstiftung für den massenhaften Kriegstod leisten sollte.

    Ebenso wie in Frankreich steht im Mittelpunkt der Kriegerdenkmäler die Trauer. Auf kommunaler Ebene wird an dem individualisierten Gedenken in Form von Namenslisten der toten Soldaten festgehalten. Entgegen der Entwicklung der industrialisierten Kriegsführung und der „Erfindung“ des „Grabs des unbekannten Soldaten“ stehen in lokalen Denkmäler in Deutschland wie in Frankreich der einzelne Soldat als Kämpfer im Mittelpunkt, was durch figurale Darstellung eines einzelnen Soldaten im Denkmal betont wird.

    Dies gibt es meines Wissens an älteren Kriegerdenkmälern nicht und kann seinen Ausdruck sowohl in ganzfigürlichen Darstellungen wie auch in behelmten Soldatenköpfen finden. Aufgrunddessen, dass Initiative den Kommunen und einzelnen gesellschaftlichen Gruppen überlassen wurden und keine nationalen Vorbilder vorhanden waren, ist die formale Gestaltung der Kriegerdenkmäler überaus vielfältig.

    Als Beispiel mögen die Kriegerdenkmäler für 1870/71 und 1914-18 aus dem kleinen Ort Kamp-Bornhofen dienen, die heute beide in Abstand von wenigen Metern dort auf der Rheinpromenade stehen:

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    Weitgehend in Vergessenheit geraten scheint, dass es nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland eine eine breite pazifistische Bewegung gegeben hat, u.a. initiiert durch ehemalige Frontsoldaten im “Friedensbund der Kriegsteilnehmer”. Diese wurde bereits 1919 u.a. durch von Ossietzky und Tucholsky gegründet. An den Demonstrationen zur Erinnerung an den Kriegsbeginn, am 1. August als Antikriegstag, beteiligten sich allein in Berlin bis zu 200.000 Demonstranten. 1922 hatte die Bewegung 30.000 Mitglieder. Sie löste sich allerdings 1927 bereits wieder auf und wie vor dem Krieg war der Pazifismus in Deutschland eine marginale Bewegung.

    Die Weimarer Republik war geprägt durch eine gespaltene Gesellschaft. Dies spiegelt sich auch in der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik der Zeit wider. Das Gedenken an den Krieg und seine Opfer war ein gruppenbezogenes (z.B. Gemeinden) und milieuspezifisches Gedenken. Der Streit der politischen Gruppen verhinderte zudem lange die Errichtung eines nationalen Denkmals.

    Daher erklärt sich auch die im Vergleich mit Frankreich und England relativ späte Einweihung des monumentalen Tannenberg-Denkmals 1927 sowie später 1931 in Berlin auch die Umwidmung der Neuen Wache unter den Linden.

    Beisetzung Hindenburgs am 7. August 1934, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-2006-0429-502 / CC-BY-SA

    Beisetzung Hindenburgs am 7. August 1934, Foto: Bundesarchiv, Bild 183-2006-0429-502 / CC-BY-SA

    Die Initiative zum Denkmalbau ging vom Bund der Veteranen der Provinz Ostpreußen. „Tannenberg“ war das einzige Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs, dass sich innerhalb der deutschen Grenzen befand. Zudem war es eine für Deutschland siegreiche Schlacht, die mit dem Mittelalter (1410 Tannenberg/Grundwald) und dem Mythos Hindenburgs verknüpft wurde. Die Grundsteinlegung erfolgte bereits 1924, die Einweihung erst drei Jahre später, da war Hindenburg bereits Reichspräsident und als Datum wurde sein 80. Geburtstag gewählt.

    Die Geschichte des Tannenberg-Denkmals kann stellvertretend für einen von der Mehrheit der Gesellschaft getragenen Wandel der Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg gesehen werden. Der Ausdruck von Trauer wurde zu Revanche, das Gedenken an die Opfer zur Mahnung an die (Kampf-) Bereitschaft der Lebenden verbunden. Gegen Ende der Weimarer Republik überwog der Appel an einen aggressiven Nationalismus, an den die Nationalsozialisten nahtlos anknüpfen konnten.

    Diese fließenden Übergänge der Erinnerungskultur zeigen sich in der Geschichte des Volkstrauertrags als zentralem Gedenktag für die Opfer des Kriegs in Deutschland. Die des Tages war vom 1919 gegründeten Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit Nachdruck betrieben worden. Auch hier gehen wiederum Vorschlag und Durchführung zunächst auf eine private und nicht auf staatliche Initiative zurück.

    1926 wurde durch die Reichsregierung Kundgebundgen zum Volkstrauertag beschlossen, aber kein gesetzlicher Feiertag eingeführt. Anders als heute war es der fünfte Sonntag vor Ostern. Die Tageswahl stand symbolisch in der Nähe zur Wiederauferstehung Christi. Das Gedenken wurde damit in den Zusammenhang einer erwarteten nationalen Wiederaufstehung gestellt.

    Der Volkstrauertag war ebenso umstritten wie die Denkmäler auf nationaler Ebene: So gab es Unterschiede in Termin und Gestaltung der Feierlichkeiten je nach Region und Konfession. Versammlungen und Reden hatten oft stark antidemokratischen und aggressiv nationalistischen Charakter, was die Vereinnahmung durch Nationalsozialismus leicht machte.

    85.000 historische Videos online – was macht der Geschichtsunterricht damit?

    Das Video mit dem Bericht darüber, wie Arnold Schwarzenegger 1969 Mr. Universe wurde, ist das beliebste, aber vermutlich nicht das historisch interessanteste, sondern wohl eher in der Kategorie „kurios“ zu verorten. Es ist aber nur eines von insgesamt 85.000 Videos. Die Filme aus dem Archiv der britischen Pathé stehen nun auf Youtube online. Eine riesige Fundgrube für Historiker, aber auch für den Geschichtsunterricht.

    Es stellt sich allerdings die Frage, wie diese Masse an digitalisiertem Filmmaterial für den Geschichtsunterricht genutzt werden könnte. Bislang wählt die Lehrkraft Filmmaterial aus, überlässt den Lernenden allenfalls innerhalb einer Auswahl die Entscheidung.

    Natürlich lassen sich diese Quellensammlungen ignorieren oder als Materialfundus für Lehrkräfte nutzen. Natürlich lässt sich so weitermachen wie bisher: Schulbuch und Lehrkraft wählen das Lernmaterial aus. Aus pragmatischen Gründen war das bislang sinnvoll, weil der Gang ins Archiv oder in die wissenschaftliche Bibliothek nicht jede Stunde möglich ist. Nun stellt sich die Frage aber nur noch didaktisch. Die Quellen stehen digitalisiert online und sind jederzeit und überall verfügbar, aber kann die Arbeit mit solchen umfangreichen Quellenbeständen im Geschichtsunterricht sinnvoll sein oder stellt dies eine Überforderung der Lernenden dar?

    Der Geschichtsbewettberb des Bundespräsidenten zeigt, dass – auch junge – Schülerinnen und Schüler selbstständig mit Quellen arbeiten können. Die eigene Frage an die Geschichte und das Projekt als Arbeitsform nicht mehr als Ausnahme, sondern als Regel. Der einfache und schnelle Zugriff auf so viel filmisches Quellenmaterial ermöglicht Formen historischen Lernens, wie wir sie eben z.B. vom Geschichtswettbewerb kennen, mit neuen Lernprodukten, verlangt aber auch andere Kompetenzen auf Seiten der Lernenden wie der Lehrenden.

    Erste Ideen zur Arbeit mit großen digitalisierten Quellenbeständen im Unterricht hatte ich im Rahmen der Tagung der Europeana Sammlungen 1914-1918 in Berlin vor ein paar Wochen vorgestellt. Nachdem wir in den letzten Jahren vor allem digitale Tools in den Blick genommen haben, werden nun zunehmend digitalisierte Quellenbestände verfügbar, die grundlegende Fragen für Geschichtsunterricht und -didaktik aufwerfen und gemeinsam mit notwendigerweise vorhandenen Geräten – Stichwort: BYOD – zu didaktischen und methodischen Veränderungen historischen Lernens in der Schule führen könnten, ja, meiner Meinung nach, eigentlich führen müssen.