Material der Fortbildung: Geocaching im Unterricht

Zu der Fortbildung heute habe ich einige Materalien erstellt, die ich hier gerne teile. Vielleicht kann der ein oder andere Leser damit etwas anfangen.

Unter folgendem Link findet sich eine aktualisierte, absichtlich sehr knapp gehaltene Linkliste zum Thema Geocaching im Unterricht mit einigen darüber hinausgehenden Verweisen zum mobilen Geschichtslernen. Die Linkliste ist offen bearbeitbar. Sollte ich Grundlegendes übersehen habe, bitte ich um Entschuldigung und entsprechende Ergänzung im Dokument.

Für die Teilnehmer habe ich auch eine „Checkliste“ für die Unterrichtspraxis zum Erstellen eigener Caches verfasst, die hier als odt-Datei abgerufen werden kann.

Schließlich habe ich noch eine kleine, sicher unvollständige Übersicht von unterschiedlichen Beispielen für Fragen- und Rätseltypen zusammengestellt, mit denen die Geodaten ermittelt werden müssen. Die Beispiele sind den von Schülern des Eichendorff-Gymnasiums erstellten Caches sowie einem schön gestalteten Cache aus Hachenburg entnommen.

Lesenotizen: Mediengeschichte

Konrad Becker/Felix Stader (Hg.), Deep search. Politik des Suchens jenseits von Google, Lizenzausgabe der BpB, Bonn 2010.

Vom Titel her ist es nicht unbedingt zu erwarten, aber es finden sich auch sehr lesenswerte Beiträge mit historischem Fokus in dem Sammelband. Hervorheben möchte ich: Paul Duguid, „Die Suche vor grep. Eine Entwicklung von Geschlossenheit zu Offenheit?“ (S. 15-36), der ausführt, dass die

„tatsächlichen Muster des menschlichen Verhaltens […] komplexer als deren Darstellungen in evolutionären oder emanzipatorischen Erzählungen.“ (S. 18) sind. „Selbst heute wird Papier noch gerne als Trägermaterial verwendet […], obwohl es vielleicht das instabilste aller genannten Materialien [u.a. Papyrus, Pergament, Stein, Ton] außer Wachs ist, was darauf schließen lässt, dass die Mobilität in Latours Begriffspaar wohltriumphiert. […] Das Papier, das leichter als die meisten Alternativen markiert, verändert, geklebt, genäht und geheftet werden konnte, eröffnete neue Möglichkeiten der Speicherung, Ordnung und Indizierung.“ (S. 21)

Den „Weg zur Offenheit“ sieht „eher zyklisch als linear. Versuche, im Namen der Freiheit auszubrechen, führen zu anderen Versuchen, Einschränkungen im Namen der Qualität einzuführen, was in der Folge zu neuerlichen Ausbruchsversuchen führt.“ (S. 28)

Gleichfalls mit Gewinn zu lesen ist: Robert Darnton, „Die Bibliothek im Informationszeitalter. 6000 Jahre Schrift“ (S. 37-52). Die Inhalte des Beitrags sind auch für Geschichtsunterricht interessant, harren aber noch der beispielhaften Didaktisierung. Das Nachdenken über Medien und ihre historische Einordnung sind eine wichtige Orientierung in der Gegenwart. Mediengeschichte kommt mit wenigen Ausnahmen im Geschichtsunterricht aber bislang nicht vor. Aus der Erfahrung der Arbeit mit digitalen Medien lassen sich Bedingungen, Chance aber auch Grenzen der Handschrift- und Buchkulturebenso wie durch die historische Perspektive die Veränderungen der Digitalisierung besser beschreiben und verstehen.

Film: Fetih 1453 – Die Eroberung Konstantinopels

Nun ist es schon eine Weile her, dass ich den Film auf DVD geschaut habe. Grundlegende Informationen finden sich in der Wikipedia, Besprechungen, die sich auch im Unterricht einsetzen lassen, z.B. in der Berliner Zeitung, der Süddeutschen oder dem Guardian.

Meinen Eindruck vom Film habe ich auf der Seite kunstundfilm.de bereits gut zusammengefasst vorgefunden, deshalb sei der Beitrag hier in einem kurzen Auszug zitiert:

Interessant ist «Fetih 1453» vor allem als Dokument des aktuellen Selbstverständnisses der Türkei. Als boomende Regional-Macht besinnt sich das Land auf vergangene Größe, an die es anknüpfen will: Mit «neo-osmanischer» Außenpolitik dehnt Ankara seinen Einfluss in der Region erfolgreich aus und distanziert sich zugleich von seinen westlichen Verbündeten.

Eroberer-Nachfolger Erdoğan

Eine ähnliche Konstellation wie im Film vor 500 Jahren: Christliche Gegner schlagen sich achtbar, doch sie treiben unrettbar ihrem Untergang entgegen. Denn die Osmanen wissen Allahs Segen auf ihrer Seite: «Unser Prophet hat verkündet: Eines Tages wird Konstantinopel erobert werden.»

Religiöse Untertöne, derer sich auch Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan gern bedient. Er sieht sich wie Sultan Mehmet II. als genialer Stratege, der gegen alle Widerstände Recht behält. Ein autoritäres Amts-Verständnis, das der Film mit einer versöhnlichen Botschaft schmackhaft machen will: Unterworfenen soll kein Haar gekrümmt werden.

Quelle: http://kunstundfilm.de/2012/02/fetih-1453-die-eroberung-von-konstantinopel/

Am Ende steht das pathetische Öffnen der Hagia Sophia durch Mehmet, der auf die verängstigt sich dorthin geflüchteten Christen zugeht und sie in einer abschließend fürchterlich kitschigen Inszenierung schützt. Allerdings: „The gentle and gracious attitude of Sultan Mehmed towards the city’s residents contradicts with historical accounts; while he showed mercy to several different groups and individuals, he still allowed the city to be totally ransacked for 3 days, as well as condoning the enslavement or murder of most of its inhabitants.“ (Wikipedia)

Eignet sich der Film für den Unterrichteinsatz? Ich würde sagen ja. Natürlich ist es im Unterrichtsaltag immer schwierig, Filme in ganzer Länge zu zeigen. Ausschnitte allein leisten hingegen nicht das, was man mit dem ganzen Film erarbeiten könnte. „Fetih 1453“ lohnt sich in besonderem Maße, gerade weil er in Teilen so offenkundig vom historischen Geschehen abweicht, um eine Botschaft zu vermitteln und weil er einen für die meisten Schülerinnen und Schüler ungewohnten Perspektivwechsel vornimmt. Das kann irritieren und sehr produktiv für historisches Lernen Fragen procozieren. Das macht es einfach für Lernende eine analytische Distanz aufzubauen. Gelingt dies, kann an dem Film Grundsätzliches aufgezeigt und diskutiert werden und es wird eine Perspektive zum Vergleich mit anderen, vertrauteren Darstellungen eröffnet.

Zuletzt noch ein Detail, das mir aufgefallen ist, was ich aber bislang nicht klären konnte: Als Fahne und Farbe Konstantinopels wird durchgängig „gelb“ verwendet (siehe auch im Trailer unten). Ist das historisch belegt oder ein Stilmittel des Films? Interessanterweise findet sich zur Farbe „gelb“ nämlich auch zum Thema „Farben und Farbsymbolik“ im Islam Folgendes:

Gelb scheint eher eine negative Konnotation zu haben und gilt als Symbol der Schwäche, der Feigheit, des Neides und des Verrats.“

Aber auch etwas weniger stark im Islam-Lexikon der BpB:

„Die F[arbe] Gelb wurde in der Kleidung den Christen und Juden zugewiesen, Grün war ihnen verboten.“

Trailer

Kostenlose Apps für den (Geschichts-) Unterricht

In der Folge gibt es eine Auflistung von Apps als Ergebnis einer kleinen Fleißarbeit: Ich habe, auch im Hinblick auf das BYOD-Projekt an meiner Schule, ein paar Android-Apps zusammengestellt, die für die Arbeit mit Tablet oder Smartphones im (Geschichts-) Unterricht sinnvoll sein können.

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich freue mich über Hinweise auf weitere notwendige oder sinnvolle Apps, gerne auch auf alternative Apps zu den unten aufgeführten.

Bei meiner Suche ist nichts wirklich Fachspezifisches zusammengekommen. Die Zusammenstellung bildet eher generell eine Grundlage für die Arbeit mit mobilen Geräte in der Schule. Was fehlt, sind spezifische Anwendungen für einzelne Fächer.

Interessant für Geschichte wäre z.B. eine App zur Erstellung multimedialer Zeitleisten, die scheint es aber für Android nocht nicht zu geben, so muss auf entsprechende Web-Anwendungen zurückgegriffen werden (z.B. xtimeline). Alle genannten Apps sind komplett oder als „Freemium“-Version in den Grundfunktionen kostenlos im Play-Store erhältlich.

Nicht extra aufgeführt, da in der Regel auf neuen Geräten bereits vorinstalliert, sind einfach Anwendungen, wie ein Fotowerkzeug, Kalender, einfacher Taschenrechner, Stoppuhr sowie Browser, wobei es sich beim letzteren empfiehlt noch mindestens einen weiteren zu installieren, z.B. Firefox für Android oder Opera.

Audio-Aufnahme: ASR – Free MP3 Recorder oder HiQ Mp3 (lite version mit 10 Minuten Aufnahmelimit)

Cloudspeicher: Google Drive plus Dropbox oder Sugarsync

Geocaching: c:geo

Karteikarten: LearnEasy

Karten: Google Maps

Linkverwaltung: PowerNote Diigo (sinnvoll in Verbindung mit Diigo-Konto)

Mindmap: Mindjet Maps

Notizen: ColorNote oder Evernote

Qr-Code Reader & Creator: QR Droid

RSS-/Newsreader: Flipboard oder Feedly

Scanner: CamSanner

Textverarbeitung: Kingsoft Office (bislang leider ohne Fußnotenunterstützung), Google Drive

To-Do-Liste/Hausaufgaben: Wunderlist

Wikipedia: Mobile App

Wörterbücher: leo oder dict.cc (je nach Sprache, in Leo ist auch ein Vokabeltrainer enthalten)

In Ergänzung können auch sinvoll sein:

Stundenplanverwaltung und Hausausgabenplaner (verschiedene kostenlose Apps, selbst noch nicht getestet) z.B. Hausaufgaben klwinkel.com oder My Class Schedule

sowie Tools zum digital storytelling wie z.B. myhistro, Stick Paint, Animating Touch, Clayframes oder Stop-Motion-Lite.

Anmerkungen zur Diskussion eines „geschichtsdidaktischen Medienbegriffs“

In den Kommentaren zu Christophs Artikel habe ich zugegebenermaßen etwas schnell geschossen. Hier folgen nun mit etwas mehr Bedacht ein paar Anmerkungen und Fragen zum „etablierten geschichtsdidaktischen Medienbegriff“.

1) Blickt man in das „Handbuch Medien im Geschichtsunterricht“, findet sich dort in Vorwort bzw. Einführung: „Quelle“ als „zwischen den Polen Authentizität und Fiktionalität“ dem Begriff „real“ zu- und unmittelbar am Feld „Geschehene Geschichte“ angeordnet. Das ist in dieser Art der Darstellung zumindest mal missverständlich. Ließe sich dies vielleicht statt in einer dichotomischen Skala mit Hilfe der „Zeit“ in einem mehrdimensionalen Feld differenzierter abbilden?

2) Pandel bestimmt Medien historischen Lernens und Erinnnerns als „Objektivationen und Präsentationsformen von Vergangenheit und Geschichte“. Das ist der Versuch, „Medien“ fachspezifisch zu wenden, fasst aber nur einen Ausschnitt eines notwendigerweisen weiteren Medienbegriffs, der ja auch außerhalb der Geschichtsdidaktik keineswegs eindeutig ist (siehe z.B. zusammenfassend hier: PDF).

Die unterschiedlichen Medienbegriffe (funktionale, systemisch usw.) sind in ihrer Relevanz für die Geschichtsdidaktik zumindest zu prüfen. Soweit ich das sehe, ist das bislang nicht ernsthaft unternommen worden. Das geschichtsdidaktische Medienverständnis ist ein reduziertes, das Medien in einem materiellen Sinn als Mittler bzw. „Zeichenträger“ sieht. Das ist an und für sich nicht spezifisch geschichts-„didaktisch“ und wird es auch nur teilweise durch die weitere Einschränkung auf Medien, die „primäre und sekundäre Aussagen über Geschichte“ beinhalten. Es suggeriert zudem, dass andere für Geschichtslernen nicht relevant sind. Ist das so?

3) Folgende Setzung markiert vielleicht das Kernproblem: „Die Medien gehören in den Bereich der Methodik historischen Lernens“. Sie sind damit dem „Primat der Didaktik“ nach- und untergeordnet. So umgesetzt findet sich dies auch z.B. in der Einteilung des aktuellen Handbuchs Praxis. Aus Sicht der Unterrichtsplanung ist das sicher richtig. Für eine Geschichtsdidaktik als Wissenschaft ist das meines Erachtens zu wenig. Wenn Vergangenheit nur medial vermittelt ist und Quellen ein Teilbereich von Medien sind, dann geht es nicht nur um Methodik. Das Verständnis als Mittel greift zu kurz, denn „Medien“ – und spätestens hier stellt sich wieder die Frage, was genau meinen wir damit? – sind zunächst überhaupt die Voraussetzung für historische Erkenntnis und historisches Lernen. Ist der bisherige „geschichtsdidaktische Medienbegriff“ wirklich so plausibel und kann unverändert beibehalten werden?

4) Schließlich stellt sich aufgrund der obigen Überlegungen auch die Frage nach den Auswirkungen der Digitalität. Nochmal: Medien sind nach Pandel Objektivitationen, also Vergegenständlichungen oder weniger stark gewendet Vergegenwärtigungen, und Präsentationsformen von Vergangenheit und Geschichte. Selbst für das verengte materielle Verständnis stellt sich Frage, wie es mit der Bedeutung von Flüchtigkeit, Veränderbarkeit und Integrationsmöglichkeiten des Digitalen hierfür aussieht? Lässt sich daher wirklich behaupten, dass es „irrelevant“ ist, ob Quellen und Darstellungen in analoger oder digitaler Form vorliegen?

Frage nach Medienbegriffen des Geschichtslernens

Christoph Pallaske hat in seinem Blog den Versuch unternommen, in einem „Schaubild differenziert (nach derzeitigem Stand) für das Geschichtslernen relevante Medienbegriffe“ auszuweisen.

Das Schema bietet Anlass zur Diskussion. In einer spontanen Reaktion habe ich erste Fragen formuliert und als Kommentar dort gepostet, den ich hier im Sinne der Vernetzung und Diskussionskultur der Geschichtsblogosphäre noch einmal aufnehme, um somit auf den lesenswerten Beitrag von Christoph hinzuweisen und zur weiteren Diskussion anzuregen:

Lassen sich Mediengattungen heute noch sinnvoll nach Wahrnehmungskanälen klassifizieren? Handelt es sich wirklich nur um eine “Projektion” oder verändern genuin digitale Quellen (wie z.B. E-Mails) nicht nur die Formen der u.a. Archivierung, Quellenkritik und (computergestützten) Auswertung in der Geschichtswissenschaft, sondern damit zugleich auch das Geschichtslernen?

Wenn die erste Prämisse ist, dass “Vergangenheit” immer nur “medial” vermittelt ist, und sich Geschichtslernen eben damit beschäftigt, lässt sich dann sagen, dass “Geschichtslernen mit digitalen Medien aus Perspektive der Geschichtsdidaktik nicht von primärer Relevanz ist”, oder müsste nicht viel mehr die Beschäftigung mit “Medien” allererste Relevanz haben, weil sie Grundbedingung und Voraussetzung historischen Lernens ist?

Ich würde nicht sagen, dass es im Kern um Fragen nach “digitalen Medien” geht. Bei der Fokussierung darauf, gerät man schnell in rein technische Debatten, die meines Erachtens am Kern des Problems vorbeigehen: Ich sehe viel mehr, dass der “digitale Wandel” grundlegende Fragen provoziert und neue Perspektiven auf “Medien” und “(historisches) Lernen” und ihren Zusammenhang ermöglicht.

Die Entdeckung einer neuen Welt – kurze Beobachtung zu einer #LdL-Stunde

Getwittert hatte ich meine Begeisterung ja bereits gestern. Nun will ich kurz noch die Erklärung dafür nachliefern. In der aktuell laufenden LdL-Reihe der Klasse 8 war gestern das Thema „Der Aufbruch in die neue Welt“ dran. So der Titel des Kapitels im Schulgeschichtsbuch, das ohne Anführungszeichen „neue Welt“ und „Entdeckungsfahrt“ aus europäischer Perspektive setzt. Mit der Schülergruppe war abgesprochen, dass sie die Stunde gestalten mit einem Schwerpunkt auf der Multiperspektivität und dabei den Begriff der „Entdeckung“ problematisieren bzw. die Standortgebundenheit der europäischen Perspektive daran deutlich machen.

Das hatte die Gruppe sehr gut vorbereitet und ein methodisch gelungenes Arrangement ausgedacht, in dem die Mitschüler die wesentliche Inhalte in einem 1-2-4-Verfahren erarbeitet und miteinander verglichen haben. Direkt beim ersten Punkt der Besprechung im Plenum kam es dann jedoch zur Diskussion: Die vorbereitende Gruppe war zu dem Schluss gekommen, dass es sich aus Sicht der Europäer durchaus um die „Entdeckung“ einer „neuen Welt“ handelte, aus Sicht der Einwohner jedoch nicht. Dazu kam von einzelnen Schülern Kritik, die in eine engagierte Diskussion mündete: So wurde argumentiert, dass durch den Kontakt auch die Einwohner Amerikas eine „neue Welt entdeckten“, nämlich die der Spanier und Europäer, wobei die Schüler „Welt“ im Sinne von Kultur, Sprache usw. verstanden haben wollten. Ihrer Meinung nach bedeutetete die Begegnung eine Öffnung und „Entdeckung“ für beide Seiten.

Die Gruppe der Unterrichtenden beendete die Diskussion (leider) mit einem Verweis auf die Zeit, aber immerhin noch geschickt mit der Erklärung, dass nach ihrem Verständnis (!) nur auf europäischer Seite von „Entdeckung einer neuen Welt“ gesprochen werden können. Damit haben sie die Position der anderen Schüler als berechtigt stehen lassen und anerkannt, dass es hier unterschiedliche Sichtweisen geben kann. Ich finde, das ist eine enorme Leistung für eine 8. Klasse und widerlegt auf eindrucksvolle Weise den teilweise zu hörenden Vorwurf, dass LdL keinen anspruchsvollen Unterricht generieren könne.

Es lässt sich natürlich argumentieren, dass solche Momente auch im traditionellen Unterricht auftreten. Das ist sicher richtig. Dennoch glaube ich, dass das Prinzip Lernen durch Lehren diese Situation begünstigt, weil viel stärker als sonst das eigene Denken der Lernenden herausgefordert wird. In einer regulären Stunde hätte ich als Lehrkraft die Sammlung der Ergebnisse an der Tafel vorgenommen. Durch die Autorität als Lehrer sind die aufgenommenen und als Ergebnisse schriftlich festgehaltenen Schülerbeiträge quasi „beglaubigt“. Leiten aber Mitschüler wie beim LdL diese Phase, dann sind die übrigen Lernenden viel mehr gefragt, selbst zu prüfen, ob das stimmt, was vorne schriftlich fixiert wird. Sie sind mutiger abweichende eigene Deutungen einzubringen und zur Diskussion zu stellen, was die Aushandlung von Deutungen in einer Diskussion begünstigen und damit die eigene Sinnbildung im Geschichtsunterricht fördern kann.

Übrigens kamen weder in der Vorbereitung noch bei der Durchführung der Stunde „digitale Medien“ zum Einsatz (mal abgesehen vom Erstellen eines Arbeitsblatts mit dem Computer). Ich glaube aber, dass LdL, der beschriebene Ausschnitt aus der Stunde zeigt das meines Erachtens exemplarisch, einen zentralen Ansatz für (historisches) Lernen in der Schule „unter den Bedingungen der Digitalität“ bietet.

Eine BYOD-Klasse als Schulprojekt

Für BYOD gibt es unterschiedliche Definitionen: Für einige ist BYOD bereits das gezielte, zeitlich begrenzte Zulassen vorhandener Geräte einiger Schülerinnen und Schülern. Die UNESCO spricht in ihren Policy Guidelines für mobiles Lernen schlicht von¨learners supply their own devices¨ in Abgrenzung von der Bereitstellung von Gerät durch Staat/Institution bzw. Formen der Mischfinanzierung.

Auch von Kollegen habe ich in den letzten Wochen und Monaten immer wieder gehört: ¨Das mache ich doch schon! Meine Schüler dürfen in der Oberstufe natürlich mal mit ihren Handys was googlen oder in der Wikipedia nachschauen. Wozu braucht man denn da noch ein Konzept?¨ Ähnliches findet sich in einigen Lehrerblogs mit Erfahrungsberichten zum Lernen mit den eigenen digitalen Endgeräten der Lernenden.

Trotzdem möchte ich für einen konzeptionellen BYOD-Ansatz in der Schule werben. Dieser ist für die gegenwärtige Übergangsphase notwendig. Die wesentlichen Vorteile von BYOD liegen auf der Hand: Immer mehr Lernende haben tragbare digitale Endgeräte, die oft leistungsfähiger sind als die in den Schulen vorhandenen, schnell veraltenden Computer. Diese zunehmende Eigenaustattung der Schülerinnen und Schüler fällt zusammen miteiner Zeit schnellen technologischen Wandes, der in kurzen Abständen immer höhere Rechnerleistungen und Speicherkapazitäten fordert, und wohl längerfristig leeren Kassen bei einer Großzahl von Kommunen und Kreisen als Schulträger, die eine angemessene IT-Ausstattung von Schulen weitgehend unmöglich machen.

Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine Übergangsphase, in der eben noch nicht alle Schüler und noch weniger die Lehrkräfte entsprechende Geräte besitzen. Aktuell liegt die Ausstattung von Jugendlichen mit Smartphones bei statistisch etwas mehr als einem Drittel, wobei das jeder Lehrer aus eigener Anschauung weiß, dass die Zahlen von Klasse zu Klasse und von Schule zu Schule differieren. Aus meiner Beobachtung würde ich sagen, dass die jüngeren Schülerinnen und Schüler im Schnitt besser ausgestattet sind als die älteren, wasvermutlich den langfristigen Entwicklungstrend aufzeigt.

BYOD als einzelner Lehrer in den eigenen Klassen zu beginnen, ist natürlich eine Möglichkeit, und besser als nichts, aber bietet mehrere Nachteile:

  • In kaum einer Klasse findet sich zur Zeit eine 100%-Eigenausstattung der Schüler. Natürlich reichen oft auch nur einige Geräte, z.B. für die Recherche in Gruppenarbeiten. Diejenigen Schüler mit Smartphone werden dadurch aber deutlich und immer wieder herausgehoben, aufgrund ihres Besitzes,was zu Neid und Missgunst innerhalb der Klassengemeinschaft, aber auch von den sich als benachteiligt sehenden Schülern gegebenüber der Lehrkraft führen kann.
  • Bei der Einführung und Arbeit mit BYOD stellen sich zahlreiche rechtliche und technische Fragen für die es gut ist, die Unterstützung der Schulleitung, der Elternschaft und Zusammenarbeit mit den IT-Veranwortlichen der Schule zu suchen, z.B. um einen Wlan-Zugang für Schüler mit Gerät aber ohne Datenflatrate zu ermöglichen.
  • Zugegebenermaßen manchmal geht es nicht anders und es ist gut als Lehrkraft gemeinsam mit Schülern vorhandene Gestaltungsspielräume zu nutzen. Aber wer solche Veränderungen als Einzelkämpfer nur im eigenen Unterricht ohne den Versuch der Rückkopplung mit der Schulgemeinschaft in Angriff nimmt, läuft Gefahr von den Kollegen, wenn sie nett sind, als skurriler Außenseiter, wenn es weniger gut läuft, als Bedrohung der etablierten Schon- und Arbeitshaltung, vorgeschoben dann gerne das Schulklima und die Schulgemeinschaft, wahrgenommen zu werden.

BYOD konzeptionell anzugehen, vielleicht auch zunächst nur mit einer Klasse, macht deshalb Sinn. Dies ermöglicht die Einbindung aller ¨Stakeholder¨, die einem sonst das Leben schwer machen können. Notwendige rechtliche Regelungen und Anpassungen der technischen Infrastruktur der Schule können so in einem überschaubaren Rahmen entwickelt und ausprobiert werden. Das sind notwendige Vorarbeiten, aus deren Erfahrungen eine planvolle Übertagung auf größere Einheiten erst sinnvoll wird. Als Projekt kann auf diese Weise künstlich eine 100%-Eigenaustattung bei den Lernenden hergestellt werden, was in der aktuellen Übergangsphase noch notwendig ist, sich aber in wenigen Jahren vermutlich von selbst erledigt. Dann wird sich nur noch die Frage stellen, wie die wenigen Lernenden ohne Gerät entsprechend ausgestattet werden können – da werden sich ähnliche Unterstützungsmechanismen finden, wie sie aktuell bei Schulbüchern, Klassenfahrten oder Laptopklassen bereits existieren.

Mit der organisatorisch durch die Klassenzusammensetzung geschaffene Vollausstattung lässt sich ein Team aus interessierten Lehrkräften, idealerweise gemeinsam Schulleitungs-, Eltern- und Schülervertretern, bilden, das sich austauscht, das Projekt gemeinsam dokumentiert und z.B. die Eingangsphase der ersten Wochen gemeinsam gestaltet, die notwendigen Einführungen und Absprachen mit den Schülern auf verschiedene Unterrichtsfächer und -stunden verteilen.

Die Vollausstattung ermöglicht aber auch, und das scheint mir wesentlich, die Entwicklung und Erprobung neuer Lernszenarien, die die Vielfalt der Geräte und ihrer Funktionen berücksichtigen. Nur so geht der Einsatz der Geräte über die Ad-hoc-Nutzung zum Nachschlagen hinaus.

Prezi: Geocaching und mobiles Lernen im Geschichtsunterricht

Nächstes Wochenende findet in Salzburg die von Christoph Kühberger ausgerichtete Tagung „Nutzung digitaler Medien im Geschichtsunterricht“ statt. Mittlerweile stehen auch die Abstracts der Beiträge online. Vorab stelle ich schon mal die Präsentation zu meinem Beitrag hier ein, der als Praxisbericht zu den beiden an meiner Schule durchgeführten Projekten die Möglichkeiten von Geocaching für den Geschichtsunterricht in den Blick nimmt.