Frauen, Filme und Geschichte

Gerade mal einen Blick in die (Lehrer-!) Materialien des Geschichtslehrerverbandes zur neuen ZDF-Reihe „Frauen, die Geschichte machen“ geworfen.

Im Hinblick auf die Unterdrückung der katholischen Konfession und der Hinrichtung Mary Stuarts muss das Medium Film sich für eine Variante entscheiden und kann nicht die in der Geschichtsschreibung vorhandene Bandbreite an Interpretationen widerspiegeln. In beiden Fällen entscheidet sich der Film für die für Elisabeth heroischste und am wenigstenbelastende Variante: Wollte sie die Katholiken wirklich nicht bei günstiger Gelegenheit bekämpfen? (aus Lehrermaterial: Elisabeth, verheiratet mit England?)

Ist Geschichtsfernsehen tatsächlich notwendigerweise so beschränkt und kann nicht anders?

Die Materialien zu den sechs Folgen scheinen von verschiedenen Bearbeitern erstellt worden zu sein und schwanken in ihrer Qualität erheblich. Erfreulich ist anzumerken, dass nun in mehreren Ausarbeitungen ausdrücklich ein medienanalytischer Ansatz als unterrichtliche Heransgehensweise Erwähnung findet.

Bratkartoffeln und Hammelbeine

Nein, das ist kein Beitrag über Kochrezepte. Ich werde auch nicht von jetzt an, um mehr Leser zu finden, von Zeit zu Zeit Rezepte oder Tierbilder einstellen. Ausgelöst wurde dieser Beitrag vielmehr durch die Sendung Karambolage auf Arte von gestern. In einem kurzen Beitrag wurde dort die Redewendung: „Ich verstehe nur Bahnhof.“ erklärt, von der ich auch gedacht hätte, sie käme von der schlechten Qualität der Lautsprecher für die Ansagen aus den Bahnsteigen. Der Ursprung der Redewendung liegt aber wohl am Ende des Ersten Weltkriegs:

Um die wahre Erklärung zu finden, muss man allerdings bis ans Ende des ersten Weltkrieges zurückgehen. Die Soldaten, besser gesagt die Überlebenden, waren stark geschwächt und dachten alle nur an eins: nach Hause fahren. Nach Hause kam man aber nur mit Zug, der bekanntlich vom Bahnhof abfährt. Man erzählt daher, dass die Soldaten, wenn man sie auf irgendetwas ansprach, das nichts mit ihrer Heimkehr zu tun hatte, alle geantwortet hätten: „Ich verstehe nur Bahnhof“, im Sinne von : „Ich will nur das Wort Bahnhof hören, alles andere interessiert mich nicht“.

Auf Twitter kam dann von Manfred Koren der Hinweis, dass der Ausdruck „sich verfranzen“ gleichfalls auf den Ersten Weltkrieg zurückgehen soll:

Im ersten Weltkrieg hatte das Flugzeug zunächst die vornehmliche Aufgabe der Aufklärung. Hierzu war ein Flugzeug zumeist zweisitzig. Die Besatzungen bestanden aus einem Piloten und einem Navigator. Letzterer bediente sich einer groben Koppelnavigation mit Flugkarte, Daumen, Uhr und Kompass. Die grobe Koppelnavigation nannte man Franzen. Die Herkunft dieser Begrifflichkeit wird aus der Sprechgruppe „Franz“ im deutschen Flugfunk vermutet. Diese Sprechgruppe war für die Navigatoren der Flugzeuge zuständig. So bürgerte sich also der Name Franz für den Navigator ein. […] Verirrte sich nun eine Besatzung, so lag die Last beim Franz, weshalb der Emil schon mal sagen konnte, dass sich sein Franz „verfranzt“ habe. [Fliegerlexikon]

Jujoma wies gleichfalls über Twitter daraufhin, dass der bekannte Ausdruck 08/15 gleichfalls auf den Ersten Weltkrieg zurückgeht:

Es gibt drei Erklärungsansätze zur Entstehung der Redewendung. Alle stehen im Zusammenhang mit dem Maschinengewehr mit der Typenbezeichnung MG 08/15, das im Ersten Weltkrieg erstmals zum Einsatz kam. […] Verbreitung fand der Begriff auch durch die 1954 erschienene Romantrilogie 08/15von Hans Hellmut Kirst. Es war einer der ersten Bestseller der Bundesrepublik und wurde im selben Jahr unter demselben Titel verfilmt. [Wikipedia]

In einer schnellen Netzrecherche habe ich einige weitere Ausdrücke und Redewendungen gefunden, die auf den den Ersten Weltkrieg zurückgehen sollen und heute noch – mehr oder wenig – gebräuchlich sind:

Bratkartoffelverhältnis: Der Ausdruck stammt aus dem ersten Weltkrieg und bezeichnete damals eine kurzfristige Liebesbeziehung, die vor allem wegen besseren Verpflegung eingegangen wurde. Heute meist Synonym für eine „wilde Ehe“ [Fundstelle]

jemandem die Hammelbeine lang ziehen: jdn. scharf angehen oder schikanieren, laut Wikipedia aus der Soldatensprache des Ersten Weltkriegs. (Eine ganz andere Erklärung findet sich hier bei SWR2).

eine treulose Tomate: Der Ausdruck soll sich ausgehend vom Bündniswechsel Italiens von einer Bezeichnung für Italiener entwickelt haben. [Fundort, siehe auch Wikipedia]

Vermutlich gibt es noch mehr Ausdrücke und Redewendungen, die auf den Ersten Weltkrieg zurückgehen. Wer weitere kennt, bitte als Kommentar hinzufügen. So ließe sich eine kleine Sammlung anlegen. Die Ausdrücke und Redewendungen sind  insofern spannend, als sie zeigen, wie stark auch die Alltagssprache durch den Ersten Weltkrieg geprägt wurde. Zu überlegen wäre, ob eine oder mehrere dieser Redewendungen nicht auch für den Unterricht z.B. als Einstieg geeignet wären, um Interesse zu wecken oder darüber hinaus auch Teilaspekte des Ersten Weltkriegs zu thematisieren.

 

Rehabilitation 1914-18

In Ergänzung zu dem vorangegangenen Beitrag folgt hier nur der kurze Hinweis, dass es in Frankreich eine Bewegung gibt, die die Rehabilitation der „zur Aufrechterhaltung der Disziplin in der Truppe“ standrechtlich erschossenen Soldaten aus dem „Großen Krieg“ fordert. Die Gründe für die Verurteilung sind vielfältig. Für den Ersten Weltkrieg sind hier aber vor allem zu nennen Selbstverstümmelung (siehe auch das Buch bzw. den Film: Un long dimanche de fiançailles / Mathilde – eine große Liebe), Desertion, Verlassen des Postens sowie Ungehorsam vor dem Feind.

France3 berichtet über eine Kundgebung in Dijon, Burgund Unten auf der Seite sind ein paar interessante weiterführende Links angegeben. Die Materialien sind sicher auch interessant speziell für den bilingualen Fachunterricht. Zu dem Thema gibt es auch einen Artikel in der französischsprachigen Wikipedia, der recht detailliert, allerdings nicht mit anderen Sprachversionen verlinkt ist.

„Was uns der Lehrer über das Vaterland, über den Ruhm erzählt hat, ist dummes Zeug und Lügen.“ Pazifismus im Ersten Weltkrieg. Geschichte von unten – Unterrichtsmaterial zur Perspektivenerweiterung

Durch die online verfügbare Vorlesungsreihe zu Frankreich seit 1871 von John Merriman von der Yale Universität bin ich auf ein spannendes Buch aufmerksam geworden, das ich mit großem Gewinn gelesen habe. Es handelt sich um die Autobiographie von Emilie Carles, die Ende der 1970er Jahre in Frankreich erschien und ein Bestseller wurde. So gibt es sogar einige Schulen, die nach ihr benannt sind. In Deutschland ist sie dagegen kaum bekannt.

Emilie Carles ist im Jahr 1900 in einem kleinen Dorf in den französischen Hochalpen geboren. Trotz zahlreicher Probleme und Widerstände kann sie ihre Ausbildung über die Grundschule hinaus fortsetzen und nach Paris gehen, um selbst Lehrerin zu werden. Zwei Jahre vor ihrem Tod 1979 hat sie mit „Une soupe aux herbes sauvages“ (sinngemäß: eine Wildkräutersuppe) eine Autobiographie veröffentlicht, in der sie nicht nur ihr Leben, sondern auch den Alltag der dörflichen Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr ausführlich und eindrucksvoll schildert.

Da ich zeitgleich zum Lesen des Buchs an Material zum Ersten Weltkrieg gearbeitet habe, sind mir zwei Passagen besonders aufgefallen, in denen sie Erinnerungen an diese Zeit wieder gibt. Meines Erachtens eignen sich beide Stellen, um der Narration der Schulbücher eine sonst wenig beachtete Perspektive hinzufügen, die weitere Fragen provoziert, zu denen die Schülerinnen und Schüler dann recherchieren und diskutieren können.

Da die wenigsten das Buch ganz oder in Auszügen im bilingualen Unterricht lesen können, habe ich die zwei Passagen übersetzt, um sie für den Geschichtsunterricht nutzbar zu machen. Ich bin kein professioneller Übersetzer, daher ist die Übersetzung sicher an einigen Stellen hoplrig, an anderen vielleicht etwas frei. Ich hoffe, dass die Texte in der Form trotzdem etwas taugen. Beide übersetzte Passagen stelle ich hier im Blog zum Download als Textdatei im ODT-Format ein, so dass die Auszüge ggf. noch bearbeitet, gekürzt und mit eigenen Aufgabenstellungen versehen werden können.

Der erste Auszug (Download) beschäftigt sich mit dem Fronturlaub des Bruders von Emilie Carles, den sich nach einem Jahr im Krieg zum ersten Mal wiedersieht und an ihm starke Veränderungen beobachtet. Nach ihrer Erinnerung hat ihr Bruder ihr bei diesem Treffen eine pazifistische Botschaft und einen klaren Auftrag mitgebracht. Die Desillusionierung im Kriegsverlauf, die Situation der Frontsoldaten wird in diesem Abschnitt sehr anschaulich und es stellt sich die Frage, warum der Bruder trotz seiner Erkenntnisse, wie andere auch, an die Front zurückkehrt und weiterkämpft.

Hier schließt eine zweite Passage (Download) an, in der Emilie Carles ihre Erinnerungen an eine Begegnung mit einem älteren Freund nach dem Krieg aufgeschrieben hat. In ihrer Zeit in Paris hatte sie Anschluss an die politischen Kreise der Pazifisten und Anarchisten gefunden. Ihr Leben und Werk ist durchdrungen von einer überzeugten pazifistischen Grundhaltung, deren Entstehung sie an dieser Stelle in ihrer Biographie nachzeichnet. Die wiedergegebene Rede ist als Quelle zunächst einmal kritisch einzuordnen – gerade auch angesichts der vielen sprachlichen Übereinstimmungen mit der referierten Erzählung ihres Bruders -, birgt aber mit der massiven Kritik am nationalen Erziehungssystem und der positiven Deutung der „Fahnenflucht“ einen guten Ausgangspunkt für weitere Recherchen zu Historie der Kriegsdienst-Verweigerung als alternative „Kriegs“-Geschichte sowie zu einer kritischen Diskussion über die vortragenen Positionen sowohl in ihrem historischen Kontext des Ersten Weltkriegs wie auch in ihrer Bedeutung für die Gegenwart.

P.S. Je nach Unterrichtsschwerpunkt könnte das Thema am historischen und heutigen Umgang mit Wehrmachtsdeserteuren vertieft werden.

Drei Webhinweise: ein Aggregator und andere Werkzeuge

Michael Schmalenstroer hat sich die Mühe gemacht und mit Planet History einen Aggregator bereitgestellt, der Beiträge aus zur Zeit bereits fast 150 geschichtsbezogenen Blogs im deutschsprachigen Raum zusammenstellt. Damit existiert jetzt eine gelungene zentrale Anlaufstelle im Netz, wenn man auf dem Laufenden bleiben möchte, was von wem in der Geschichtsblogosphäre diskutiert wird. Sollten noch Blogs fehlen, werden sie nach Hinweis der Liste hinzugefügt.

Nachdem zunächst auf Twitter unter dem Hashtag #digwerhist digitale Werkzeuge für Historiker/innen gesammelt wurden, hat sich Mareike König daran gemacht, die zahlreichen Anregungen in Form eines Beitrags zu ordnen. Ergänzt wird der Artikel „Social Media-Werkzeuge für Historiker/innen – Versuch einer Übersicht“ durch eine Auswahl von weiterführenden Literaturlinks. Hinweise auf weitere hilfreiche Tools werden auch weiterhin gesammelt.

Es stellt sich die Frage, welche dieser Werkzeuge auch für den Geschichtsunterricht sinnvoll sein können, wobei vermutlich Schülerinnen und Schüler überwiegend andere Werkzeuge benötigen als Historikerinnen und Historiker. Vermutlich gibt es in der Oberstufe eine größere Schnittmenge. Viele der Tools unterstützen selbstständiges Arbeiten (Recherchieren, Ordnen von Informationen etc.) und können bei entsprechenden Lernszenarien hilfreich sein, im historischen Frontalunterricht wohl eher weniger.

Einen ersten Ansatz einer solchen Zusammenstellung für den Geschichtsunterricht und die Geschichtsdidaktik bietet übrigens das von Ulf Kerber betreute Karlsruher Wiki. Wer das noch nicht kennt, das Blick lohnt sich. Die Sammlung steckt erst in den Anfängen, enthält aber bereits viele Anregungen:

http://geoges.ph-karlsruhe.de/mhwiki/index.php5/Abteilung_Geschichte

Literatur- und Materialhinweise zur Beitragsserie: Arbeiterbewegung und Erster Weltkrieg

Literaturauswahl

BLÄNSDORF, A., Die Zweite Internationale und der Krieg. Die Diskussion über die internationale Zusammenarbeit der sozialistischen Parteien, Stuttgart 1979.

DONGEN, B. van, Revolutie of integratie. De Sociaal Democratische Arbeiders Partij in Nederland tijdens de Eerste Wereldoorlog, Amsterdam 1992.

GEURTSEN, T., Een geschiedenis van verloren illusies. Socialdemocratie in Nederland, Amsterdam 1994.

GRASS, M., Friedensaktivität und Neutralität. Die skandinavische Sozialdemokratie und die neutrale Zusammenarbeit im Krieg. August 1914 bis Februar 1917, 1975.

HAEGENDOREN, M. van, Le parti socialiste belge de 1914 à 1940, Brüssel 1995.

HAUPT, G., Der Kongreß fand nicht statt. Die sozialistische Internationale 1914, Wien 1967 (erweitert. engl. Aufl.: Socialism and the great war. The Collapse of the Second International, Oxford 1972).

LADEMACHER, H., (Hrsg.), Die Zimmerwalder Bewegung. Protokolle und Konferenzen, 2 Bde., 1967.

LIEBMAN, M., Les socialistes belges – Le P.O.B. face à la guerre, Brüssel 1986.

———-, Les socialistes belges 1885-1914. La révolte et l’organisation, Brüssel 1979.

LIGT, B. de, Vrede als daad. Beginselen, geschiedenis en strijdmethoden van de direkte aktie tegen de oorlog, Arnheim 1931.

MEYNELL, H., The Stockholm Conference of 1917, in : International Review for Social History 5 (1960), S. 1-25, 202-225.

MILLER, S., Burgfrieden und Klassenkampf. Die deutsche Sozialdemokratie im 1. Weltkrieg, Düsseldorf 1974.

MOMMEN, A., De Belgische werkliedenpartij. Ontstaan en ontwikkeling van het reformistisch socialisme (1880-1914), Gent 1980.

RIEMENS, M. J., Een vergeten hoofdstuk. De Nederlandsche Anti-Oorlog Raad en het Nederlands pacifisme tijdens de Eerste Wereldoorlog, Groningen 1995.

RITTER, G. A. (Hrsg.), Die Zweite Internationale 1918/1919. Protokolle, Memoranden, Berichte und Korrespondenzen, 2 Bde., Berlin 1980.

STILLIG, J., Die russische Februarrevolution 1917 und die sozialistische Friedenspolitik, 1977.

TROELSTRA, P.J., Gedenkschriften, 4 Bde., Amsterdam 1931.

UNFRIED, B. u.a. (Hrsg.), Transnationale Netzwerke im 20. Jahrhundert. Historische Erkundungen zu Ideen und Praktiken, Individuen und Organisationen, Leipzig 2008.

VANDERVELDE, E., La Belgique envahie et le socialisme international, Paris 1917.

Online-Material für den Unterricht

Quellen zur Entwicklung der Sozialistischen Internationalen (1907-1919): http://library.fes.de/si-online/index.html

Protokolle der Sozialdemokratischen Parteitage (1910-1919): http://library.fes.de/parteitage/index-pt-1910.html

Chronik der deutschen Sozialdemokratie: http://library.fes.de/fulltext/bibliothek/chronik/

Fotos Library of Congress „Women’s Peace Parade 1914

The Guardian –  Foto: Friedensdemonstration Trafalgar Square in London: http://www.theguardian.com/commentisfree/2012/dec/10/history-curriculum

Britische Propagandaschrift „Belgian Miners Form Living Shield for Germans“ (leider ohne weitere Angaben) http://stahlgewitter.files.wordpress.com/2011/02/propaganda_21.jpg

Deutsche Propaganda Bildpostkarte von 1914 „Der Kaiser rief und alle kamen“ http://www.bildpostkarten.uni-osnabrueck.de/displayimage.php?album=87&pos=22

In die Zukunft gedacht. Bilder und Dokumente zur deutschen Sozialgeschichte: Wilhelm II. und der Erste Weltkrieg (1890-1918) https://www.in-die-zukunft-gedacht.de/de/page/68/epoche/130/epochen.html

Arbeiterbewegung und Erster Weltkrieg – Teil 4: Länderübergreifende Kontakte und interne Parteientwicklung im Krieg

Auch während des weiteren Kriegsverlaufs riss die Kommunikation zwischen den Arbeiterparteien in Europa, auch über die Grenzen der kriegsführenden Länder hinaus, nie ganz ab. Einige Wochen nach Kriegsausbruch reisten führende Sozialdemokraten in verschiedene Länder, darunter die Niederlande, Schweden, die Schweiz und Italien, mit der Intention die Position der Partei, aber auch Deutschlands zum Kriegsausbruch aus ihrer eigenen Perspektive darzustellen und gegen vermeintlich falsche alliierte Propaganda und Deutschfeindlichkeit bei den Neutralen richtig zu stellen. Konkreter Anlass für die Reisen war eine sehr emotional vorgetragene heftige Kritik des niederländischen Parteivorsitzenden am deutschen Überfall auf Belgien und am Bruch der belgischen Neutralität gewesen.

Die SPD-Gesandten verlangten von den Genossen in den neutralen Ländern die Zusicherung „voller Neutralität und Unparteilichkeit“. Man kann hier mit einen Versuch massiver Beeinflussung im Zeichen des Burgfriedens sehen, der deutschen Kriegsführung durch die Kontakte der Partei im außenpolitischen Bereich zu helfen. Dagegen versuchte die Linke in der Partei durch Besuchsreisen und Informationsaustausch ein gewissen Gegengewicht zu bilden. Die SPD-Führung unterschätzte dabei die Selbständigkeit und das Selbstverständnis der kleineren neutralen Parteien, deren Gefühl der moralischen Überlegenheit und einer besondere Mission ihre Haltung erheblich gestärkt hatte.

Bei seinem Aufenthalt im September 1914 in Belgien hatte der SPD-Mann Noske Kontakt zu Parteiführung der Arbeiterpartei (POB) in Brüssel aufgenommen und erklärt, dass ihm eine Zusammenarbeit der POB mit den Deutschen nicht missfallen würde. Mit Hilfe des POB könne der deutsche Staat in Belgien die fortschrittliche deutsche Sozialgesetzgebung einführen. Außerdem könne der POB so die Versorgung der sozialistischen Kooperativen sichern. Noske erhielt einen Rausschmiss, den man kaum noch als freundlich bezeichnen kann. Die Antwort der belgischen Genossen verwies darauf, dass eine Verbesserung der sozialen Gesetzgebung wohl kaum Sinn hätte, so lange rund 80% der belgischen Arbeiter ohne Arbeit wären.

Vor allem Flandern befand sich fast vollständig unter Militärkontrolle. Dies führte zu einer Isolation sowohl der Parteigliederungen im besetzten Teil des Landes als auch der Regierung, die nach Le Havre in Frankreich geflohen war. Eine Sonderentwicklung nahmen die Genter Sozialisten unter Edward Anseele, der nach Verhaftung des Genter Bürgermeisters Braun diesen ersetzte. Die Genter Parteigliederung war die einzige, die während des Krieges alles Aktivitäten entfalten konnte. Ihre Zeitung „De Vooruit“ war eine der wenigen gedruckten Zeitungen im besetzten Belgien, wenn auch unter deutscher Zensur. Der Krieg führte in Belgien nichtsdestotrotz zu einer weitgehenden Unterbrechung der Verbindung zwischen Partei und Basis. Hier liegt ein Unterschied zu anderen sozialistischen Parteien, die auf zunehmenden Druck pazifistischer Bewegungen, auch innerhalb der eigenen Partei, reagieren mussten.

Eine weitere Erklärung für die über den Krieg hinaus dauernde unversöhnlich Haltung der belgischen Sozialisten gegenüber Deutschland lag in Deportation zur Zwangsarbeit von belgischen Arbeitern nach Deutschland. Seit Herbst 1916 begannen die Deutschen belgische Arbeitskräfte nach Deutschland zu deportieren: Dies löste Sturm des Protests in allen neutralen Staaten aus. Die belgischen Sozialisten versuchten die Solidarität ihrer internationalen Schwesterparteien zu mobilisieren: Am 19. November 1916 erschien ein Aufruf der Arbeiter im besetzten Belgien an die „Arbeiter der zivilisierten Welt“. Dieser Aufruf endet mit der Frage an die Arbeiter, ob sie dem Unrecht weiterhin tatenlos zu sehen wollten? Auch der Bund Belgischer Arbeiter in den Niederlanden Holland sandte einen Protestaufruf an die Internationale. Die deutsche SPD erklärte sich zwar gegen die Deportationen und die Zwangsarbeit, aber im Kern scheute sie sich vor der öffentlicher Kritik an Maßnahmen, die von OHL und Regierung als kriegsnotwendig gerechtfertigt wurden. Erst im Dezember folgte eine Reaktion auf den öffentlichen Protest: Ebert und Scheidemann wurden erneut nach Den Haag entsandt, wo sie mit der Führung der niederländischen Sozialisten zusammentrafen. Diese legten Belege vor und die SPD-Vertreter versprachen ihr Bestes zu tun, um den Zwangsmaßnahmen ein Ende zu setzen. Das Resümee der Sitzung findet sich in offenem Brief an Vandervelde, deren erster Teil noch in Gegenwart von Ebert und Scheidemann abgefasst war: Die SPD erklärte sich für die Wiederherstellung der belgischen Unabhängigkeit und gegen Deportationen.

Nach Rückkehr nach Deutschland gab es massive Kritik an den Inhalten des Briefs, woraufhin Scheidemann die dort getroffenen Aussagen wieder einschränkte: Die SPD sei bestrebt, alles zu unterlassen, was dem Ansehen der Deutschen Nation im Ausland schaden könnte. Diese Lavieren der deutschen Sozialdemokraten schuf eine unangenehme Situation für alle Sozialisten, die mit den deutschen Genossen zusammenarbeiten wollten, um durch gemeinsame Anstrengungen der internationalen Arbeiterbewegung Veränderungen zu erreichen. Die SPD beförderte sich international selbst ins Abseits, da sie zeigte, dass aufgrund ihrer Loyalität zur deutschen Kriegspolitik eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit ihr nicht möglich war.

Allerdings kam es nach einer Reise Robert Bauers im Januar 1917 nach Belgien doch noch zu einem Protest der Generalkommission der deutschen Gewerkschaften bei Kanzler Bethmann Hollweg sowie bei der OHL. Am 3. März traten dann auch Noske, David und Scheidemann im Hauptausschuss des Reichstags gegen die deutsche Flamenpolitik und die Deportationen auf, letztere waren aber schon im Februar eingestellt worden.

Arbeiterbewegung und Erster Weltkrieg – Teil 3: Blick in die neutralen Niederlande

[Teil 1]                                              [Teil 2]

Im dritten Teil geht der Blick zur Arbeiterbewegung in den Niederlanden. Dies ist im Hinblick auf den schulischen Geschichtsunterricht sicher ein randständiges Thema, trägt aber gerade im Vergleich mit den belgischen, deutschen oder auch französischen Sozialisten zu einem vertieften Verständnis bei. Trotz der Unterschiede der starken Versäulung (verzuiling) der niederländischen Gesellschaft und der formellen Abspaltung des linken Parteiflügels bereits 1909 wies die Ausgangssituation am Beginn des Kriegs für die niederländischen Sozialisten sowohl Ähnlichkeiten mit der deutschen Sozialdemokratie wie mit der Lage in Belgien auf.

Ähnlich wie in Deutschland erzielten die niederländischen Sozialisten in der letzten Wahl vor dem Krieg einen entscheidenen Erfolg. Sie konnten ihre Sitze im Parlament mehr als verdoppeln. Ähnlich wie in Belgien war das Land mit dem Unterschied nicht im Zentrum der deutschen Überlegungen rund um den sogenannten ¨Schlieffen-Plan¨ zu stehen. Zum Schutz der Neutralität stimmten die niederländischen Sozialisten einerseits auch für Mobilisierungskredite, andererseits waren wie die Sozialisten in anderen neutralen Ländern auch bestrebt, ihre Regierungen zu Friedensvermittlung zu drängen. Von der SDAP wurde bereits am 3.8. entsprechender Antrag in Parlament eingebracht. In dieser Forderung trafen sich die niederländischen Sozialisten mit der bürgerlichen Antikriegsbewegung (NAOR).

Am 5.8. erschien ein Artikel in der Zeitung ¨Het Volk¨, in dem erklärt wurde, dass die deutsche Regierung unter dem Vorwand, dass Deutschland von Russland bedroht werde, einen Angriffskrieg gegen Frankreich, Belgien und Luxemburg eröffnet habe. Dass die SPD dies durch die Kreditbewilligung decke und nicht einmal gegen den Einmarsch in Belgien und Luxemburg Protest erhebe, sei unbegreiflich.

Damit verbreitete sich auch in den Niederlanden die Interpretation eines deutschen Angriffskrieges, was in der Folge bedeutete, dass die SPD mit ihrer Zustimmung gegen Grundsätze des Sozialismus und der 2. Internationale verstieß, die nur eine Verteidigung erlaubt hätten. Die Konsequenz der niederländischen Sozialisten war eine Unterstützung der Landesverteidigung und der Außenpolitik der Regierung:

Damit einher ging eine Bejahung des Nationalismus, die verbunden war mit der Hoffnung auf die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, dem Hauptziel der Partei aus der Vorkriegszeit.

Der Fraktionsvorsitzende Pieter Jelles Troelstra warnte im Herbst 1914 nachdrücklich vor „verfrühten“ (Teil-) Konferenzen der Sozialistischen Internationalen. Zunächst müsse eine Reorganisation des ISB erfolgen, das Vertrauen zwischen den sozialistischen Parteien der verschiedenen Länder wiederhergestellt werden und erst dann könne die sozialistische Diskussion über Friedensbedingungen beginnen. Die Internationale habe sich vom Krieg, dürfe sich aber jetzt nicht mehr vom Frieden überraschen lassen. Man müsse den Frieden aktiv mitgestalten. Darin sah Troelstra eine doppelte Chance, nämlich sowohl die äußere wie auch die innere Ordnung der Staaten für Nachkriegszeit zu gestalten.

Im Oktober erfolgte die Gründung des nationalen Antikriegs-Rats (Anti-Oorlogs Raad), der sich selbst als bürgerliche Bewegung sah, gegründet aus der Einsicht, dass Friedensbewegung in den Niederlanden zu stark versäult erschien, um effektiv arbeiten zu können. Seine Aufgaben definierte der Rat, damit die Ursachen des Krieges zu studieren und Mittel zur Beendigung des Krieges zu finden. Darüber hinaus sollten Reformen auf nationaler und internationaler Ebene zur Vermeidung zukünftiger Kriege angedacht werden. Einladung zur Teilnahme ging auch an die Leitung der SDAP, die sich daraufhin offiziell an der Arbeit des Rates beteiligte. Diese Beteiligung war allerdings umstritten: Während die Parteiführung Überlegungen anstellte, wie man die Massen für die Idee des Rates begeistern könnte, gab es innerhalb der Partei zugleich massive Kritik am gemäßigten Kurs des NAOR.

Fortsetzung: Teil 4