Ein Blick auf die Geschichte der US-Außenpolitik – am Beispiel Panamas

Es kommt nicht so oft vor, zumindest bei mir, in einem Land Urlaub zu machen, in dem sich vergangene und aktuelle Weltpolitik so stark bündelt, wie das in Panamá der Fall ist. Auch wenn der Urlaub bereits vorbei ist, möchte ich ein paar Gedanken noch teilen.

Dieses Blog hat seinen Ursprung vor allem in Fragen nach Methodik und Medien – aber zunehmend beschäftigen mich angesichts der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen zunehmend Fragen der Didaktik. Viele Lehrpläne scheinen angesichts der zugleich sehr schnellen wie auch nachhaltigen Veränderungen veraltet (Stichwort: multiple Krisen). So greift z.B. die oft zu findende Darstellung der USA in Geschichtsschulbüchern vor allem als Verteidiger der Demokratie und Pfeiler multilateraler Vereinbarungen, internationaler Verträge und Bündnisse historisch zu kurz. Deshalb möchte ich am Beispiel der Geschichte Panamás versuchen aufzuzeigen, wie sich die nur auf der Folie eines positiven USA-Bilds radikal neu erscheinende Außenpolitik Trumps, speziell die gerade erfolgte Intervention in Venezuela, historisch einordnen lässt:

Als der Panama-Kanal im Jahr 1914 eröffnet wurde, war dies nicht nur ein ingenieurtechnisches Meisterwerk, sondern ein weltpolitisches Signal. Der Kanal verkürzte die Seewege zwischen Atlantik und Pazifik drastisch, machte die USA zur dominierenden Macht über einen der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Weltwirtschaft – und markierte zugleich einen entscheidenden Schritt auf ihrem Weg zur Weltmacht. Erstmals kontrollierten die Vereinigten Staaten ein strategisches Nadelöhr des globalen Handels außerhalb ihres eigentlichen Staatsgebiets. Militärisch wie wirtschaftlich veränderte dies ihre Position grundlegend: Die US-Marine konnte nun schnell zwischen beiden Ozeanen verlegt werden, und die Vereinigten Staaten wurden zu einem zentralen Ordnungsmachtfaktor im westlichen Teil der Welt.

Der Weg zum Bau dieses Kanals zeigt bereits ein zentrales Muster amerikanischer Außenpolitik, das bis heute immer wiederkehrt: Zunächst verhandelten die USA mit Kolumbien, zu dem das Gebiet des heutigen Panama damals gehörte, über den Bau und die Kontrolle des Kanals. Als das kolumbianische Parlament den Vertrag ablehnte, änderten die USA ihre Strategie: Sie unterstützten 1903 die bis dahin weitgehend unbedeutende Unabhängigkeitsbewegung Panamas politisch, diplomatisch und militärisch. Kaum war der neue Staat gegründet, unterzeichnete dessen Vertreter – ohne echte Verhandlungsmacht – den Hay-Bunau-Varilla-Vertrag, der den USA praktisch unbegrenzte Rechte in der sogenannten Kanalzone einräumte. Panama war formal souverän, doch ein zentraler Teil seines Territoriums stand unter faktischer US-Kontrolle.

Diese Konstruktion führte über Jahrzehnte immer wieder zu Spannungen. Als Beispiel sei der sogenannte Flaggenstreit von 1964 genannt: In der von den USA kontrollierten Kanalzone durfte lange Zeit nur die US-Flagge gehisst werden, obwohl eigentlich Teil des Staatsgebiets von Panamá. Seit 1960 galt, dass in dieser Zone beide Flaggen gehisst werden sollten. Als im Januar 1964 an einigen US-Schulen nur die US-Flagge gehisst wurde, versuchten panamaische Schüler am 9. Januar 1964 ihre Flagge an einer dieser Schulen in der Kanalzone zu hissen. Es kam zu Auseinandersetzungen, bei denen die panamaische Flagge zerrissen wurde. Daraus entwickelten sich landesweite Proteste und schwere Unruhen, bei denen mehr als 20 Panamanier und mehrere US-Soldaten starben. Der 9. Januar ist bis heute als „Día de los Mártires“ ein nationaler Feiertag in Panama. Politisch markierten diese Ereignisse einen Wendepunkt: Sie beschleunigten die Verhandlungen, die schließlich 1977 in den Torrijos-Carter-Verträgen mündeten und den schrittweisen Übergang des Kanals an Panama bis 1999 regelten.

Dennoch blieb der amerikanische Einfluss groß – und er wurde auch militärisch durchgesetzt. Das zeigte die US-Invasion in Panamá 1989, durch die der Diktator Manuel Noriega gestürzt, in die USA gebracht und dort vor Gericht gestellt wurde. Diese Intervention hatte weder ein UN-Mandat und noch eine völkerrechtliche Legitimation. Die UN-Generalversammlung und die Organisation Amerikanischer Staaten verurteilten das Vorgehen. Zwar rechtfertigten die USA ihr Handeln mit dem Schutz eigener Bürger, der Bekämpfung des Drogenhandels und der Wiederherstellung der Demokratie, doch international wurde dies überwiegend als Verletzung der Souveränität Panamas gesehen.

Die Geschichte Panamás zeigt ein wesentliches Grundmuster der US-Außenpolitik: Für die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen waren die USA fast immer bereit, notfalls auch ohne internationale Zustimmung militärisch zu handeln. Dieses Muster ist keineswegs auf Panama beschränkt. In der Geschichte der Vereinigten Staaten lassen sich immer wieder Phasen erkennen, in denen sie ihre Macht offen und direkt einsetzen – etwa zur Durchsetzung der Monroe-Doktrin, im „Big-Stick“-Imperialismus Theodore Roosevelts oder zahlreichen weiteren Interventionen, besonders in Lateinamerika. Daneben gab es jedoch auch Phasen, in denen US-Präsidenten stärker auf internationale Kooperation, Völkerrecht und Zurückhaltung setzten – etwa unter Jimmy Carter oder zeitweise auch unter anderen Präsidenten. Die amerikanische Außenpolitik schwankt zwischen machtpolitischem Interventionismus und eher multilateralen, zurückhaltenden Ansätzen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Außenpolitik Donald Trumps historisch einordnen. Auf den ersten Blick wirkt sie radikal und neu: offen nationalistisch, wenig an internationale Institutionen gebunden, allein auf eigene wirtschaftliche und strategische Vorteile fixiert. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass nicht alle Elemente neu sind. Trumps Betonung einer amerikanischen Einflusssphäre in der westlichen Hemisphäre ist eine explizite Wiederaufnahme der Monroe-Doktrin und ihrer späteren, imperialistischen Auslegung. Auch die Bereitschaft, politischen Druck und notfalls militärische Mittel einzusetzen, um ohne eine dauerhafte militärische Besetzung eines Landes direkten Einfluss auf dessen Innen-, Außen- und Wirtschaftspolitik zu nehmen, hat zahlreiche historische Vorbilder in der US-Geschichte.

Besonders deutlich wird dies im Vergleich zwischen Panama 1989 und dem Vorgehen der USA gegen Venezuela. In beiden Fällen ging es um den Einfluss im selbst erklärt „Hinterhof“ der USA, einen Regimewechsel durch Entfernung des Regierungschefs und um auch wirtschaftliche Interessen – damals den Panama-Kanal, heute vor allem die riesigen Ölreserven Venezuelas. In beiden Fällen erfolgte das Vorgehen ohne UN-Mandat und gegen erhebliche internationale Kritik. Dennoch gibt es auch Unterschiede: In Panama war der amerikanische Einfluss das Ergebnis einer über 80 Jahre währenden direkten Präsenz und Kontrolle, während Venezuela trotz langer politischer und wirtschaftlicher Einflussversuche nie unter vergleichbarer US-Herrschaft stand. Zudem findet das heutige Vorgehen in einer deutlich multipolareren Welt statt, in der China, Russland und andere Mächte stärker reagieren können als noch 1989.

Gerade dieser Vergleich zeigt: Trumps Außenpolitik ist daher kein völliger Bruch mit den Traditionen der US-amerikanischen Außenpolitik als vielmehr eine Rückkehr zu einem besonders offenen und harten Machtpolitikstil, der in der US-Geschichte immer wieder auftaucht. Die Phasen größerer Zurückhaltung – etwa unter Carter oder zeitweise auch unter Biden – erscheinen im Rückblick eher als Ausnahmen denn als längerfristiger Normalzustand. Die Präsidenten der USA haben in den letzten 120 Jahren die angestrebte Rolle ihres Landes als Groß- und Weltmacht immer wieder aktiv, notfalls auch gegen interne und internationale Widerstände, durchgesetzt. Neben dem extremen Narzissmus Trumps unterscheidet sich diese Politik aber vor allem dadurch, dass sie unverhüllt daherkommt und sich auch gegen Europa richtet.

Wer die Geschichte kennt, kann das aktuelle Geschehen einordnen als radikale Erneuerung und gefährliche Zuspitzung eines alten Musters amerikanischer Machtpolitik. Für den Geschichtsunterricht lohnenswert wäre z.B. eine Unterrichtstunde zur Big-Stick-Politik Roosevelts anhand von Karikaturen, die sich u.a. leicht in der Wikipedia finden, oder auch eine Thematisierung der US-Invasion in Panamá 1989, um diese im Hinblick auf Ähnlichkeiten und Unterschiede zu Eingreifen in Venezuela heute zu untersuchen.

Lokalgeschichte in der Weltpolitik: der Abriss des chinesischen Denkmals am Panama-Kanal

Aktuell sind wir in Panamá im Urlaub und haben in den Nachrichten von einem Denkmal-Streit mitbekommen, der weltpolitische Kreise zieht. Das erscheint mir so bemerkenswert und vermutlich in Deutschland wenig berichtet, dass ich das, was ich aufgeschnappt habe, hier mal zusammenfasse und versuche, das Ganze etwas einzuordnen.

In der Nacht zum 28. Dezember 2025 beseitigten kommunale Behörden des Bezirks Arraiján ein Denkmal am bekannten Aussichtspunkt „Mirador de las Américas“, der einen tollen Blick auf den Panama-Kanal und die gleichnamige Brücke „Puente de las Américas“ bietet. Am Morgen lagen nur noch die Trümmer und zwei beschädigte steinerne Löwen am Straßenrand.

Das Denkmal war 2004 errichtet worden zur Erinnerung an 150 Jahre chinesische Präsenz in Panama. Es ehrte die Leistungen chinesischer Migrant:innen, die im 19. Jahrhundert unter schwierigen Bedingungen zum Bau der interozeanischen Eisenbahn, die 1855 eröffnet wurde, und später zum Bau des Panama-Kanals beitrugen, der 1914 fertigestellt wurde und zusammen mit der umgebebenden Zone bis 1999 unter Kontrolle der USA war. Das Bauwerk war geprägt von traditionellen chinesischen Elementen wie einem Zeremonienbogen, geschwungenen Dachziegeln und steinernen Löwen, wie sie typischerweise als Wächterfiguren chinesischer Architektur vorkommen. Hier finden sich Fotos, die zeigen, wie das Denkmal vor seiner Zerstörung aussah – und zugleich lässt sich sehen, dass dieser Denkmal-Streit auch von den Nutzer:innen auf Google Maps aufgenommen und weitergeführt wird.

Für die in Panama lebende chinesische Gemeinschaft hat das Denkmal hat das Denkmal eine hohe symbolische Bedeutung – von den etwas über 4 Mio Einwohner:innen zählen immerhin rund 300.000 als Menschen mit chinesischen Wurzeln.

Die offizielle Begründung der Lokalverwaltung lautet, das Denkmal sei baufällig und stelle ein Sicherheitsrisiko dar. Nach Angaben der Gemeinde habe es sich um eine rein technische, nicht-politische Entscheidung gehandelt. Doch viele Beobachter bezweifeln diese Erklärung – nicht zuletzt weil der Abriss nachts und ohne Vorankündigung erfolgte. Die chinesische Regierung, lokale chinesisch-panamaische Vereinigungen und Teile der panamaischen Öffentlichkeit reagierten schockiert.

Die Volksrepublik China reagierte scharf: Der chinesische Außenministerssprecher Lin Jian bezeichnete den Abriss als „zwanghafte Zerstörung“ und „schwerwiegenden Eingriff in die freundschaftlichen Gefühle zwischen China und Panama“. Peking forderte eine gründliche Untersuchung, eine Richtigstellung der Maßnahmen der lokalen Behörden und die Wiedererrichtung des Denkmals am ursprünglichen Ort. Auch die chinesische Botschafterin in Panama kritisierte den Vorgang öffentlich und wies darauf hin, dass das Denkmal ein Symbol jahrzehntelanger chinesisch-panamaischer Geschichte und Gemeinschaft sei.

Der konservative Präsident Panamas, José Raúl Mulino, verurteilte den Abriss gleichfalls. Er nannte den Abriss eine „barbarische und unverzeihliche Handlung“ und kündigte an, das Denkmal in Zusammenarbeit mit der chinesischstämmigen Community in Panama wieder aufzubauen sowie eine Untersuchung einzuleiten.

Die Demontage des Denkmals fällt in eine Zeit wachsender geopolitischer Spannungen um den strategisch bedeutenden Panama-Kanal: Die Volksrepublik China hat in den vergangenen Jahren wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen zu vielen Staaten Lateinamerikas – darunter auch Panama – intensiviert. China investiert global in Infrastruktur- und Handelsprojekte, was oft als Teil seiner „neuen Seidenstraße“ interpretiert wird.

Die USA äußern zunehmend Bedenken über chinesischen Einfluss in der Region. Insbesondere um den Panama-Kanal, den historischen Knotenpunkt des Welthandels, sieht sich Washington von Peking herausgefordert. US-Politiker und -Medien haben wiederholt gewarnt, China könnte versuchen, seine Interessen am Kanal auszubauen oder zu nutzen.

Diese geopolitische Konkurrenz zwischen Washington und Peking macht jeden symbolischen Akt – wie den Abriss dieses Denkmals – zu einem möglichen Signal. Für viele Beobachter ist der Zeitpunkt und die Art des Abrisses nicht nur eine lokale Angelegenheit, sondern ein Zeichen der Spannungen um die Kontrolle, den Einfluss und die Wahrnehmung Panamas als neutraler Knotenpunkt internationalen Handels – zumal sowohl Hegseth wie auch Rubio bei ihren letzten Besuchen in Panamá genau dieses Denkmal öffentlich kritisiert hatten (zu den Hintergründen der Besuche und dem zunehmenden Druck der USA auf Panama siehe diesen Artikel).

Was ein lokaler Denkmalstreit sein könnte, ist tatsächlich weltpolitisch eingebettet und führt zu so etwas wie einer diplomatischen Krise, zumindest Verstimmung, in einer zunehmend konfrontativen geopolitischen Rivalität zwischen China und den USA, bei der die Kontrolle über den Panama-Kanal eine wichtige Rolle spielt.

    P.S. Abschließend noch kurz erwähnt: Das ist übrigens ein super Thema, weil ebenso aktuell wie spannend, für den fächerübergreifenden Unterricht z.B. in einem Fach wie Gesellschaftslehre, weil hier historische, wirtschaftliche, geographische und politische Perspektiven in den Blick genommen werden müssen, um die Vorgänge zu verstehen.