Denkmäler Kindertransport

Bekanntlich sieht man nur, was man weiß… und zufällig war ich diesen Sommer sowohl kurz in London als auch in Danzig. Aufmerksam geworden durch einen Artikel aus geschichte lernen vom Mai 2009 über die  „Mahnmale zur Erinnerung an die Kindertransporte“ entdeckte ich mit großer Überraschung, dass vor dem Hauptbahnhof in Danzig eine Kopie des Londoner Denkmales von 2006 steht, das von Frank Meisler, einem gebürtig aus Danzig stammenden Künstler, geschaffen wurde. Erst bei genauem Hinsehen merkte ich, dass es sich gar nicht um eine Kopie handelt. Die Denkmäler sind ähnlich, aber verschieden. Bei dem Danziger Denkmal dreht sich der eine Junge noch einmal winkend um; in London schauen einige Kinder noch unsicher aber zugleich neugierig umher.  Es ist sicher nicht verkehrt  bei dieser ungewöhnlichen Denkmalkombination an die Darstellung von Abschied und Ankunft zu denken.

Das Denkmal in Danzig wurde zum 70. Jahrestag der Kindertransporte, die auch von Danzig nach London führten, im Mai dieses Jahres eingeweiht. Die unten stehenden Fotos können in besserer Auflösung runtergeladen werden und im Unterricht z.B. als Einstieg in das Thema eingesetzt werden. Die Kuriosität eines ähnlichen Denkmals an zwei so unterschiedlichen und weit entfernten Orten kann Interesse wecken. Wie bei zwei „Fehlerbildern“ lädt es ein, die beiden Darstellungen genau zu betrachten und miteinander zu vergleichen.

Die Mimik und Gestik der Kinder lassen sich deuten; Hoffnungen, Befürchtungen antizipieren. Offenkundig sind keine Erwachsenen dabei, warum gehen Kinder alleine auf die Reise? Was bedeutet das für sie? Welche Gegenstände haben sie dabei, was könnte noch in den Koffer sein? Mit diesen Fragen lassen sich die Fotos auch im Unterricht mit jüngeren Kindern, z.B. in der Grundschule, einsetzen (siehe dazu auch Vorschläge zu einer altersgerechten Konzeption im pädagogischen Konzept von Yad Vashem, S. 32ff.). Je nach Klassenstufe kann das Thema anschließend durch geeignete Materialien oder  eigene Recherchen weiter bearbeitet werden.

Twitter oder nicht twitter…

das scheint seit einigen Wochen die Frage. Überall im Netz wird darüber diskutiert, viele legen sich schnell ein Konto zu, um dabei zu sein und nichts zu verpassen. Dauerhaft scheinen hingegen nur wenige Twitter zu nutzen. Unterrichtsvorschläge werden präsentiert und der Nutzen für den Unterricht angepriesen. Ich sehe einen Hype aber bislang wenig Nutzen. Nachdem Durchsehen verschiedener Anregungen für den Unterricht hat mich wenig wirklich überzeugt. Als ein Beispiel für den Geschichtsunterricht sei auf dieses Video verwiesen: The twitter experiment – UT Dallas

Warum soll ich Twitter als Diskussionsmedium einsetzen, wenn alle Diskutierenden im Raum anwesend sind? Bei einer großen Teilnehmerzahl lassen sich Kleingruppen zur Diskussion bilden, deren Sprecher/in anschließend die Ergebnisse zusammenfassen und/oder mit den anderen Gruppensprechern diskutieren kann. Eine breite Beteiligung erreiche ich auch so und schule zudem noch die Vortragskompetenz vor einer (großen) Gruppe. Soziale Kompetenzen sollten nicht hinter dem Medieneinsatz verschwinden. Für die soziale Komponente von twitter, der Kommunikation zwischen Lehrkraft und Schüler oder Studenten, halte ich virtuelle Klassenräume mit entsprechenden tools wie bei moodle oder lo-net2 möglich für wesentlich zweckmäßiger.

Hervorgehoben wird häufig, dass man seinen Aussage in 140 Zeichen auf den Punkt bringen müsste: Um Zusammenhänge aufzuzeigen, Begründungen zu geben, über historische Inhalte zu diskutieren, dabei aufeinander Bezug nehmen, eine eigene Meinung entwickeln und diese vertreten lernen, für allsdas braucht es mehr als 140 Zeichen. Diese grundlegenden Fähigkeiten müssen immer wieder trainiert und eingeübt werden,  twitter hingegen fördert genau das Gegenteil: nämlich kurze, unverbundene Statements. Keine Frage hat twitter seinen Zweck für die Verbreitung von Werbebotschaften für sich selbst oder ein Produkt, um mit Bekannten in Kontakt zu bleiben, für die schnelle Verbreitung von Informationen.

Der Einsatz dieses Tools im Iran finde ich schlicht beeindruckend und sollte unabhängig vom Ausgang des Machtkampfes vergleichend im Politik und Sozialkundeunterricht, aber auch in einem thematischen Längsschnitt zu (Medien in) Revolutionen im Fach Geschichte thematisiert und analysiert werden. Ein besserer Gegenwartsbezug lässt sich wohl kaum herstellen und im Vergleich werden dann auch alte Flugblätter und Zeitungsmeldungen von 1789 und 1848 wieder interessant.

Zur Zeit sehe ich einen Bereich, wo sich twitter sinnvoll im Unterricht einsetzen lässt, nämlich im kreativen Schreiben. Dabei liefert twitter nichts grundsätzliches Neues, aber eine attraktive, weil neue Form. Für den Geschichtsunterricht finde ich ein Projekt sehr interessant und würde das gerne im nächsten Schuljahr mit einem anderen Thema selbst mal ausprobieren. Das Projekt heißt TwHistory und beruht im Wesentlichen auf der Idee, Hauptpersonen eines historischen Ereignisses in Verbindung zu setzen und miteinander kommunzieren zu lassen. Beispielhaft wurde dies mit der Schlacht von Gettyburg durchgeführt, aber jedes andere historische Ereignis, das gut belegt ist, in dem viel passiert und  wo Entscheidungen diskutiert werden müssen, lässt sich hierfür nehmen.

Um die 140Zeichen-Mitteilungen sinnvoll zu füllen, sind dann in der Tat sehr präzise Recherchen über den historischen Hintergrund, Motive, Einstellungen und Handlungen der Personen zu leisten. Dazu braucht es im Unterricht biographische Quellen: Tagebücher, Briefe usw. Gelingt dies, lassen sich komplexe Entscheidungsprozesse anschaulich erarbeiten und auf kreative Art und Weise darstellen. Das ist zwar nichts, was im Geschichtsunterricht grundlegend neu wäre, aber twitter bietet hier m.E. tatsächlich eine attraktive Alternative zu bisherigen Formen des Schreibgesprächs oder Rollenspiels.

Globalgeschichtliche Perspektiven im Geschichtsunterricht

Nach Lesen der Beiträge in der neuen Ausgabe von geschichte für heute bin ich etwas ratlos. Einerseits finde ich die Idee einer stärkeren weltgeschichtlichen Verordnung der eigenen Geschichte überzeugend, andererseits sind m.W. die Vorgaben in Lehrplänen und Rahmenrichtlinien von wenigen Schlaglichtern abgesehen immer noch stark auf die nationale Geschichte ausgerichtet. Ich dachte bislang, eine Erweiterung des Unterrichts um eine  systematische Berücksichtigung verschiedener europäischer Perspektiven wäre bereits ein Gewinn. Gleichzeitig finde ich, dass die Geschichte vor Ort, der Stadt und Region, in der die Schüler leben, gleichfalls zu wenig Berücksichtigung findet. Dies scheinen zunächst gegenläufige Wünsche, die mehr Lerninhalte mit sich bringen, was bei gleichzeitig tendenziell sinkender Stundenzahl für das Fach nicht umsetzbar scheint.

Das von Jürgen Osterhammel vorgeschlagene exemplarische Lernen ist schon jetz wesentliche Grundlage des Geschichtsunterrichts. Durch Vergleichs- und Querschnittsverfahren in globalgeschichtlicher Perspektive kommen zwangsläufig neue Inhalte hinzu, zu deren Gunsten anderes wiederum gestrichen werden müsste. Eine einfache Lösung sehe ich nicht.

Trotz der genannten Bedenken glaube ich, dass es wichtig ist, die unterschiedlichen Perspektiven nicht additiv, sondern als sich gegenseitig ergänzend und unabdingbar zum Verständnis und zur Positionierung der eigenen Geschichte zu sehen. Und deshalb gehört dies in den Geschichtsunterricht, um weder in regional-, noch national- oder eurozentrischen Sichtweisen zu verharren, die auf  das bekannte Problem einer inhärenten Überschätzung des Eigenen und damit einhergehend einer Abwertung des Fremden hinauslaufen.

Entscheidend für die Durchsetzung des Konzepts wird sein, ob in absehbarer Zeit entsprechende Handreichungen, Unterrichtsvorschläge und überarbeitete Schulbücher als weiterhin die entscheidenden Leitmedien für die Gestaltung des Geschichtsunterrichts vorlegt werden, denen es gelingt, die unterschiedlichen Ebenen sinnvoll miteinander zu verbinden und das wissenschaftliche Konzept für den Unterricht umzusetzen.  Einige Unterrichtsvorschläge zum Bereich der Wirtschaft finden sich im aktuellen Heft von Geschichte lernen.

Außerschulische Lernorte: Auschwitz und Krakau

Da ich aber mit Start dieses Blogs meine bisher betriebene Webseite einstelle und es schade fände, wenn diese meines Erachtens hilfreiche Handreichung dadurch nicht mehr zugänglich wären, nutze ich den Blog, um sie erneut online zu stellen.

Es handelt sich dabei um einen Reader, der im Anschluss an eine einwöchige Fortbildung im Frühjahr 2007 in Krakau und Auschwitz entstanden ist. Das Angebot wurde von DPJW und Robert-Bosch-Stiftung gefördert und richtete sich an ehemalige Stipendiaten vor allem aus dem Programm Völkerständigung macht Schule.

Unter dem Thema „Mit Schülern auf den Spuren des Holocausts und jüdisches ebens in Polen“ sollten Referendare und junge Lehrkräften vor Ort die Möglichkeiten für Gedenkstättenfahrten kennen lernen, die neben dem Ort der Vernichtung auch (ehemalige) Orte jüdischen Lebens, wie z.B. Kazimierz, einbeziehen sollten. Dies war uns wichtig, da wir denken, dass Schülern heute nicht bewusst ist, was „jüdisches Leben“ in Europa vor dem 2. Weltkrieg bedeutet hat. Dafür ein Bewusstsein zu schaffen, gehört meines Erachtens zu einem gelungenen Unterricht über den Holocaust dazu.

Resultat der Fortbildung war ein Reader, der hier zum Download angeboten wird und neben allgemeinen Informationen wie Adressen auch Vorschläge zur Vorbereitung und Durchführung einer Fahrt mit Schülern nach Auschwitz urd Krakau enthält. Die Textsammlung darüber hinaus u.a. eine kurze Reflektion zum Filmeinsatz zur Vorbereitung und während des Aufenthalts, Ideen für Stadtrallyes und Auflockerungsspiele.

An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an alle Teilnehmer, ohne die weder die Fortbildung noch der Reader möglich gewesen wären.

Reader Gedenkstättenfahrten.pdf

Deutsche Kolonialherrschaft in Ruanda

Bis 1916 gehörte Ruanda zu Deutsch-Ostafrika. Das Arbeitsblatt versucht den afrikanischen Stimmen einen Raum zu geben und sie mit den offiziellen Berichten der Europäer in Kontrast zu setzen.

Dies scheint immer noch weitgehend ein Manko der Darstellung der afrikanischen Geschichte in deutschen Geschichtsbüchern. Auch die Kritik an Kolonialismus und Imperialismus bleibt auf die europäische Perspektive beschränkt. Die „wilden Schwarzen“ werden zu „armen Opfern“ europäischen Expansionsdrangs bleiben aber weiterhin nur Objekte europäischer Geschichtsdarstellung.

Die Reichsflagge wurde in Ruanda zunächst von Forschungsreisenden gehisst. Auf der Berliner Konferenz war Afrika zwischen den europäischen Mächten aufgeteilt worden. Zur Erkundung künftiger „Schutzgebiete“ setzte die Regierung und die Deutsche Geographische Gesellschaft Offiziere private Reisende ein. Die Berichte, die diese Männer über Afrika lieferten, beeinflussten die spätere deutsche Kolonialverwaltung sehr stark.

Das Arbeitsblatt stellt den Versuch da, am Beispiel Ruandas die Darstellung der Kolonialzeit um die afrikanische Perspektive im Sinne einer Multiperspektivät zu ergänzen. Dabei wird in dem kurzen Textausschnitt die Handlungsstrategien der Ruander deutlich, die den Deutschen keineswegs so „naiv“ begegneten, wie die Berichte der Deutschen suggerieren.

Auch die Relatitivät der Zuschreibung von schwarz und weiß als konträre Hautfarben kann durch die ruandische Wahrnehmung der Deutschen als „rote Männer“ thematisiert werden. Vertiefend bietet sich anschließend eine kritische Diskussion der Hamitentheorie sowie der Erfindung der Tutsi als „Rasse“ mit hellerer Hautfarbe an.

Download Arbeitsblatt Kolonialherrschaft Ruanda


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