Die Geschichtsdidaktik und das Netz – Teil 2

Mit dem zweiten Beitrag kann ich direkt an den Artikel von Alex anschließen. Ich denke auch, es geht im Kern um die „Selbstverständlichkeit“ der Nutzung digitaler Medien, die Demantowsky am Ende des Interviews anspricht. Er bezieht dieses, wie Alex in seinem Beitrag schon deutlich gemacht hat, jedoch auf die alltägliche Mediennutzung und nicht auf wissenschaftliches Arbeiten oder historisches Lernen. Und genau da liegt der entscheidende Punkt der Debatte.

Was in vielen Beiträgen zum Thema durchscheint – und um das Argument von Demantowsky aus dem Interview einmal perspektivisch umzudrehen – ist, dass das Web 2.0 als Austausch- und Publikationsort von vielen Akademikern in den „Geisteswissenschaften“ in einem von einem elitären Wissenschaftsverständnis geprägten Habitus des analogen Eltfenbeinturms ignoriert und/oder abgewertet wird. Dabei geht es gar nicht um einen „Hype“, und ich denke auch nicht um einen „digital turn“. Es gibt auch keine zwei Welten, eine vermeintliche Trennung in eine reale und eine virtuelle Welt, sondern das Digitale mit seinen Möglichkeiten und Risiken ist integrativer Bestandteil unserer Welt. Diese künstliche und wenig hilfreiche Trennung in den Köpfen aufzuheben, wäre das ein wichtiger Schritt.

Es geht auch nicht um jung und alt oder das Überbordwerfen wissenschaftlicher Methoden. Es geht um die Veränderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen. Wie verändert sich Gesellschaft, der Umgang mit Wissen unter den Bedingungen des Digitalen und welche Auswirkungen hat das auf die Geschichtswissenschaft, -didaktik und den Geschichtsunterricht? Es ist hier also um die Frage nach der Reflektion und Integration des Digitalen in die Disziplin.

Das scheint mir noch ein weites, aber durchaus drängendes Aufgabenfeld. In ihren Interviews auf dem L.I.S.A.-Portal machen Mareike König und Marko Demantowsky bereits deutlich, wie sich die Arbeit von – sagen wir mal etwas weltzugewandter – Gesellschaftswissenschaftlern verändert. Auf den Geschichtsuntericht gemünzt müssten daraus zumindest für einen wissenschaftspropädeutisch ausgerichteten Fachunterricht der Oberstufe gleichfalls Veränderungen folgen, die andere Formen Kommunikation und Kollboration, der Recherche, Verarbeitung und Präsentation von historischen Inhalten beinhalten.

Neben der Veränderung der wissenschaftlichen Arbeitsweise sehe ich noch drei wesentliche Auswirkungen auf Geschichtsunterricht:

– Die Schulen (wie die Universitäten übrigens auch) spürten die Auswirkungen mit als erste und kämpfen seit Jahren in aufreibenden Rückzugsgefechten oft in Form von Verbotsversuchen (Handys, Wikipedia, Youtube, Facebook usw.), um so (weitgehend vergeblich) ihre bisherigen Verfahren, Aufgaben- und Prüfungsformen beibehalten zu können. Die Bedingungen des Digitalen verändern Schule, das Lernen und damit eben auch den Fachunterricht. Um nur wenige Beispiele zu nennen:

Während bei einer unbeantworteten Frage im Unterricht vor 20 Jahren die Lehrer in der Regel einen Schüler rauspickten, dem sie auftrugen, das zuhause mal nachzuschlagen (in der Regel war gerade der oder die dran, die vermeintlich etwas Interesse hatte durchblicken lassen und die Aufgabe dann, so zumindest bei mir, wie eine Strafarbeit empfand – wem das noch so ging, bitte die Hand heben!). Das Vorgehen macht aber keinen Sinn mehr, wenn mir die gesuchte Sachinformation mit Hilfe eines Rechners im Klassenzimmers oder eines Smartphones innerhalb von Sekunden zur Verfügung steht.

Generelle Verbote von Handys im Unterricht (natürlich nicht zum Telefonieren, aber warum nicht zu einer sinnvollen Nutzung als Hilfsmittel zulassen?) oder der Wikipedia macht ebensowenig Sinn. Die Lösungen zu den vielen Aufgaben in den Schul(geschichts-)büchern kann ich innerhalb von Sekunden im Netz finden; oft auch entsprechenden Lösungseiten oder gleich das Lehrerhandbuch als PDF-Download. Wie viel Sinn machen diese Aufgaben dann noch? Wie müssen sich Schulgeschichtsbücher unter diesen Bedingungen verändern?

Was ich schneller und ebenso zuverlässig im Netz finde, schlage ich auch nicht mehr in Büchern nach. Warum sollten Schüler dies tun? Sie müssen aber lernen z.B. die Zuverlässigkeit von Informationen einzuschätzen. Und das nicht so holzschnittartig, wie oft in der Praxis erlebt: Wikipedia sei demnach nicht nach vertrauenswürdig, weil dort jeder schreiben könne… Blogs, die anonym oder unter Pseudonym geführt werden, ebensowenig. Wenn  Historiker die gleichen Maßstäbe an ihre Quellen anlegen würden, wäre wohl ein Großteil nicht verwendbar.

Es braucht veränderte Lernarrangements, die eben diese Bedingungen, in denen Lernen heute stattfindet, miteinbeziehen und fachdidaktisch reflektieren an Schulen, Studienseminaren und Universitäten.

Die Fachdidaktik sollte aber auch nicht die hier nur in Bruchstücken dargestellten veränderten Bedingungen historischen Lernens in einer digitalen Welt unterschätzen. Dabei geht es nicht um eine Technikbegeisterung, sondern um das Erarbeiten von allgemein und fach- didaktischer Kriterien für eine sinnvolle Nutzung im Unterricht und zur Vermittlung in der Lehreraus- und weiterbildung; eine zentrale Aufgabe einer wissenschaftlichen Fachdidaktik.

– Bereits ein Topos, aber zutreffend: Es war noch nie so viel Geschichte. Die Bedeutung der Geschichtskultur hat in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen. Lange vorbei sind die Zeiten  behüteter  Geschichtsvermittlung durch Autoritäten wie  Universitäten, Familie, Lehrer und Schulbuch. Diese spielen natürlich weiterhin eine Rolle, gleichzeitig erleben wir aber eine Explosion multimedialer Geschichtsdarstellungen, seien es nun Computerspiele, Internetseiten oder Videos. Die Geschichtsdidaktik beschäftigt sich schon länger mit dem Thema. In Lehrplänen, Schulbüchern und Klassenzimmer ist es bisher weniger bis gar nicht präsent. Die Allgegenwärtigkeit historischer Deutungen in Zeugnissen der Geschichtskultur verlangt entsprechende Kompetenzen der Leser, Zuschauer und Nutzer. Auch deshalb ist die Kompetenzorientierung so wichtig.  Aber ob digitale Formen der Geschichtskultur weiterer oder anderer Kompetenzen bedürfen, und falls ja (man denke nur die Möglichkeiten digitaler Bild- und Filmmanipulation, der Reinfall auch von etablierten Zeitungen auf gefälschte Twitter-Accounts und Blogbeiträge), wie diese aussehen könnten, ist in der Disziplin allenfalls angedacht. Erarbeitet wurden die Kompetenzmodelle an den klassischen Materialien des Geschichtsunterrichts. Das Digitale ist auch hier weitgehend Blindstelle.

Verstanden in diesem Sinn, nämlich der Berücksichtigung und Reflektion der Bedingungen des Digitalen, bedarf es meines Erachtens einer ‚digitalen‘ Geschichtsdidaktik als integrativer Bestandteil der Wissenschaft.

– Ergänzend dazu gibt es einen vierten Punkt in etwas anderer Blickrichtung. In den letzten Jahren hat der Geschichtsunterricht an den Schulen an Bedeutung eingebüßt. Fast überall wurden Stundentafel gekürzt, in einigen Ländern und Schulformen auch die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer gleich ganz zusammengelegt. Innerhalb des Fächerkanons der Schule stehen die einzelnen Disziplinen unter einem Rechtfertigungszwang.

Es würde sich meines Erachtens anbieten, die Chance zu ergreifen und auf die genuin fachdidaktischen Methoden und Kompetenzen des Geschichtsunterrichts, die grundlegende Fähigkeiten für den Umgang mit Informationen vermitteln, und darüber hinaus auf das, was Alexander König formuliert hat, verweisen: einen „Brückenschlag zu anderen Disziplinen im Feld (z.B. Medienbildung, Mediendidaktik, Medienpädagogik) im Sinne einer Geschichtsdidaktik als Integrationswissenschaft perspektivisch“ aufzuzeigen.

Es existiert eine hohe Schnittmenge von fachspezifischen Methoden und Kompetenzen und dem, was aktuell unter dem Label „Medienkompetenz“ firmiert. Hier begeben sich weder Didaktik noch Unterricht in eine defensive oder „dienende“ Position, wenn sie auf ihre daraus wachsende Bedeutung für das Lernen und Weltverständnis von Kindern und Jugendlichen  erkennen und herausstellen. Vielmehr könnte dies eine Position eines wachsenden Selbstbewusstseins des Fachs werden.

Die Geschichtsdidaktik und das Netz – Teil 1

Anlass für den Beitrag und Grundlage der Auseinandersetzung ist das Interview mit Jun.-Prof. Dr. Marko Demantowsky auf dem Wissenschaftsportal der Gerda-Henkel-Stiftung, das nun auch schon zwei Wochen alt ist. Eine Besprechung reizt mich schon seit dem ersten Hören, aber ich komme erst jetzt dazu.

Alexander König hat sich in seinem Blog bereits zu geäußert, mutig, ohne das komplette Interview gehört zu haben, aber die einzelnen Aussagen sind in Kurzüberschriften durch die Redaktion treffend zusammengefasst, so dass sich die wesentlichen Thesen in der Tat auch so erschließen lassen. Die berechtigten kritischen Fragen von Alex brauche ich hier nicht zu wiederholen und will mich deshalb auf andere Aspekte konzentrieren.

Zunächst einmal das Grundsätzliche: Demantowsky plädiert gegen einen Hype um digitale Medien. Den mag es geben. In der Geschichtsdidaktik sehe ich allerdings eher einen Nachholbedarf in der Auseinandersetzung mit der Digitalisierung und deren Folgen für die Wissenschaft, die Lehre und den Unterricht. Soweit ich das Feld überblicke, gibt es in der Praxis zahlreiche Versuche mit digitalen Medien zu arbeiten, diese keineswegs euphorisch aus reiner Technikbegeisterung einsetzend, sondern aus geschichtsdidaktischer Perspektive  für einen Einsatz im Unterricht prüfend. Eine meines Erachtens notwendige intensive  und breite theoretische Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Digitalisierung sehe ich weder für die Geschichtsdidaktik als Wissenschaft noch für die zwei Phasen der Lehrerausbildung oder die Unterrichtspraxis.

Das spiegelt sich auch in dem Interview wieder, wo diffus auf eigene (negative) Erfahrungen und Eindrücke verwiesen wird, in denen die beobachtete Praxis des eLearnings an der Universität vor allem als Materialaustasch in Lernplattformen wahrgenommen wird. In Demantowskys Beschreibung der Lernsituationen an der Uni, wo Studenten nicht mehr Kopien mitbrächten, sondern nur ihre Laptops aufklappten, so dass der Dozent nicht sehen könne, was sie im Seminar machen, spiegelt sich Angst vor Kontrollverlust und ein Unverständnis, dass Texte auch mit entsprechenden Programmen am PC gut be- und verarbeitet werden können (zugegebenermaßen nicht meine Arbeitsweise, ich arbeite auch lieber mit Papier, zumindest bei längeren Texten – eine Frage der Gewohnheit, des eigenen Lernens, aber keine des Besser oder Schlechter).

Bezeichnend folgt dann die Aussage, dass er Studierende getroffen habe, die stolz am Ende des Studiums erklärt hätten, kein ganzes Buch gelesen zu haben. Ich würde hier für einen Wechsel der Perspektive plädieren: Ist das die Schuld der Studierenden? Wie kann es sein, dass sie ohne Bücherlesen durch das Studium kommen (so die Aussage denn stimmt), wenn man das Lesen ganzer Bücher als grundlegend für die Disziplin erachtet. Vielmehr müssten sich meines Erachtens in solchen Fällen Universtitäten (ggf. auch Schulen) Fragen lassen, ob Aufgabenstellungen und Prüfungen angemessen sind, wenn man diese auch  ohne umfassendere Lektüre erledigen bzw. bestehen kann. Es  braucht eine alternative Lern- und Prüfungskultur und kein kulturpessimistisches Lamento über die Lernenden. Und da sind wir dann mitten in der Debatte über die Veränderungen von Lernen an Schule und Hochschule unter den Bedingungen des Digitalen und bei Konzepten von „eLearning“, eigentlich besser von Lernen ganz allgemein, das heute auch immer digitale Elemente umfasst.

Ein Bezug zu konkreten eLearning-Konzepten bleibt im Interview aus, ebenso eine An- oder Verknüpfung mit der zu Recht eingeforderten Betrachungweise ausgehend von der eigenen wissenschaftlichen „Matrix“. Hier finden sich m.E. bislang viel zu wenig beachtete Schnittmengen vor allem der geschichtsdidaktischen Kompetenzorientierung mit der Arbeit mit digitalen Medien.

Ich finde es begrüßenswert, dass Demantowsky sich für das Interview zur Verfügung gestellt und Position bezogen hat. Als Mitglied des Verbandes der Geschichtsdidaktikerinnen und Geschichtsdidaktiker würde ich mir viel mehr Auseinandersetzung und Positionierung in Bezug auf das Thema wünschen. Demantowsky präsentiert sich im Interview als etwas widerwilliger Nutzer des Web 2.0. Twitter würde er nur im Auftrag des Verbandes, den er als Referent für Öffentlichkeitsarbeit vertritt. Will der Verband in den öffentlich geführten Debatten im Netz Einfluss nehmen, braucht es solche Präsenzen.

Aber warum twittert Marko Demantowsky dann unter dem Namen ohkoller? Wer das Interview nicht gehört hat, wird hier keinen offiziellen Account des Geschichtsdidaktikerverbands vermuten. In der Bio verweist er zwar auf seine Rolle als Pressereferent, verlinkt aber dann seine Internetseite an der Uni und nicht die des Verbandes. Da ist der Geschichtslehrerverband mit dem von Christian Jung betreuten Auftritten im Netz deutlich durchdachter, profilierter und professioneller, wenn auch leider Facebook und Twitter dort nur als weitere Einbahnstraßenverbreitungskanäle für die eigenen Pressemitteilungen genutzt werden.

Fortsetzung

P.S. Ach ja, wer es noch nicht gelesen hat, sei mit dem etwas weiteren Blickwinkel „Geisteswissenschaften und Internet“ auch auf den (heftig diskutierten) Beitrag „Liebe Geisteswissenschaftler“ auf dem Blog von mspro sowie auf das Interview von Mareike König auf dem L.I.S.A.-Portal hingewiesen. Beide auf ihre unterschiedliche Art und mit unterschiedlichem Grundtenor sehr lesenswert.

Arbeiten mit Google Maps

Alexander König weist in einem neuen Blogbeitrag auf Erfahrungsberichte aus England zur Arbeit mit Google Maps im Geschichtsunterricht hin. Es gibt zwar kleinere Ähnlichkeiten mit hier im Blog bereits vorgestellten Unterrichtsideen, aber der Ansatz ist doch ein anderer und lohnt den Blick über den Ärmelkanel für alle, die bereits mit Google Maps im Unterricht gearbeitet haben oder das einmal ausprobieren möchten.

„Was-ist-passiert?“-Geschichten

Wer diese Art von Rätselgeschichten (auch Laterale) nicht kennt, findet auf spielewiki.de eine verständliche Erklärung und ein paar Beispiele. Methodisch bietet dieses Spiel eine schöne Alternative für den Unterrichtseinstieg, wobei die Geschichten dazu noch selbst verfasst werden müssen. Vorteile sind: Hohe Aktivierung der Lernenden, die mitdenken, selbst Fragen an den Gegenstand formulieren und dadurch interessiert und motiviert werden (falls der Einstieg denn klappt! ;))

Im Kern geht es darum, dass in Form eines Rätsels eine kurze Geschichte erzählt wird und die Teilnehmer dann mit geschlossenen Fragen erkunden müssen, was passiert ist. Einsetzen lässt sich die Methode als Einstieg in allen Schulformen und jedem Alter. Die Schwierigkeit der Geschichten, die immer schon Hinweise für die Lösung beinhalten, kann entsprechend variiert werden.

Ich habe das Verfahren bisher einmal im Unterricht ausprobiert. Basierend auf der Erzählung des Luthervereins zu Luthers „Entführung“ auf dem Rückweg vom Wormser Reichstag habe ich daraus eine verkürzte Rätselgeschichte (PDF) vefasst. Im Unterricht hat das Verfahren bei den Lernenden Interesse geweckt, allerdings war zwei Schülern die Geschichte bereits bekannt, so dass sie mit gezielten Fragen das Spiel schnell zu einem Ende geführt haben…

Der erste Einsatzersuch ist also ein wenig „gefloppt“, was immer wieder vorkommen kann, für den Verlauf des Unterrichts aber nicht weiter schlimm ist, da die Inhalte vermittelt werden, wenn auch mit etwas weniger Spiel- und Rätselspaß. Zu empfehlen ist es auf jeden Fall gleichfalls spannende Ereignisse mit kriminalistischem Charakterr (Entführungen, Mordfälle etc.) zu nehmen, die aber weniger bekannt sein sollten als die Ermordung Caesars oder eben die Entführung Luthers.

Denkbar ist es natürlich genauso, wenn ungleich anspruchsvoller, dass Schülerinnen und Schüler selbst historische Ereignisse recherchieren und dann selbst Rätselgeschichten verfassen.

Hinweis auf zwei Seiten zum Holocaust

Beide Seiten habe ich letzte Woche „entdeckt“ und die in der letzten Woche als Links schon die Runde in den sozialen Netzwerken gemacht haben. Die Links finden sich auch in der Diigo-Gruppe und daher zur Zeit auch noch aktuell hier oben rechts in der Spalte neben dem Text.

Versteckt wie Anne Frank  ist eine Seite, die auf dem Buch Andere achterhuizen beruht und auf einer Karte Verstecke anderer Juden und ihre Fluchtwege in den Niederlanden zeigt. Mit Klick auf die einzelnen Punkten erhält man dann Erzählungen und weitere Informationen zu den 23 dort dokumentierten Geschichten. Über eine Liste der versteckten Personen ist auch ein alphabetischer Zugang über deren Namen möglich.

Die Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt präsentiert Dokumente aus dem letzten Jahr des Bestehens des Ghettos. Kern der Seite bildet die Chronik, die in transkribierten Tagesberichten der jüdischen Ghetto-Verwaltung von August 1943 bis Juli 1944 einen Einblick in den Alltag des Ghettos bietet. Ergänzt werden die Tagesberichte durch gut verständliche Informationen zur Entstehung der Chronik, den Chronisten und dem Ghetto. Außerdem bietet die Seite noch eine Fotosammlung sowie einige der Tagesberichte als Audiopodcast.

Beide Seiten eignen sich hervorragend zum Einsatz im Unterricht, vor allem zur eigenständigen Arbeit der Lernenden.

Gedanken zum Konzept des „flipped classroom“

Engl. to flip sth. – etw. umdrehen. Es geht also um eine Art „umgedrehten Unterricht“. Klingt interessant. Aber was ist das?

Aufmerksam geworden auf das Konzept bin ich durch Beiträge von Christian Spannagel auf  Twitter und dann in einem längeren Beitrag auch in seinem Blog (mit weiterführenden Literaturangaben). Mittlerweile gibt es auch einen einführenden Beitrag im ZUM-Wiki mit weiterführenden Links. Auch auf Google+ gab es eine kurze Diskussion dazu (mein erster Eindruck bestätigt da übrigens andere Urteile, dass im Vergleich mit anderen sozialen Netzwerken und auch den Kommentaren in Blogs auf Google+ mehr und intensiver diskutiert wird).

Von der Einleitung im ZUM-Wiki, die auf Mathematik und Naturwissenschaften abhebt, fühle ich mich als Geschichtslehrer leider gleich etwas ausgegrenzt und diskriminiert, dabei geht es eigentlich um ein Konzept, das alle Fächer betrifft und sicher auch bereits Anwendung findet, ohne entsprechend benannt zu werden.

Im Kern geht es darum, Informationsrezeption aus dem Unterricht in die Vorbereitung zu lagern, um dann im Unterricht Zeit für Aktitiväten zu gewinnen, die die Vorteile der gemeinsamen Anwesenheit  oder der Ausstattung nutzen, wie z.B. Diskussionen, Rollenspiele, Experimente.

Vor- und Nachteile des Ansatzes sind im ZUM-Wiki schön auf gelistet. „Revolutionär“ scheint mir das Konzept vor allem für Schulen/Länder mit fortgeführter Tradition frontaler Belehrung im Unterricht. So dann auch für die Vorlesungen an deutschen Universitäten. Der Informationsinput wird  im „flipped“ oder „inverted classroom“ nach Hause verlagert und die Arbeitsaufträge, die bisher vor allem als Hausaufgaben  vergeben wurden, im Unterricht bearbeitet werden.

Nach Lesen der Beiträge ist mir aufgefallen, dass ich dieses „Konzept“ vor allem in der Oberstufe oft einsetze, um die Unterrichtszeit besser zu nutzen, da das Lesen von Texten zuhause erledigt werden kann, der Meinungsaustausch darüber aber am besten in Präsenz geschieht. Mit Hilfe der digitalen Medien bietet sich weitere Möglichkeiten an: So können vorhandene oder von der Lehrkraft selbst erstellte Audio-Podcasts  oder Filme individuell gehört bzw. angeschaut werden. Besonders die selbst erstellten Materialien werden in dem Ansatz fokussiert, die (Lehrer-) Vorträge im Unterricht ersetzen. Hier können dann auch webbasierte Lernplattformen sehr gut eingesetzt werden.  Dementsprechend gibt es eine gewisse Schnittmenge mit den Konzepten des Blended Learning.

Für den Geschichtsunterricht meine ich mich zu erinnern, einmal gelesen zu haben, dass Untersuchungen (von von Borries?) gezeigt hätten, dass in den Unterrichtsstunden sehr viel Zeit für das gemeinsame (oft laute, fachdidaktisch unreflektierte) Lesen von Texten verwendet wird. (Eigene Beobachtungen bestätigen das.)

Wenn es nicht gezielt, um das Lernen und Einüben von Methoden der Texterschließung und -bearbeitung oder speziell beim lauten Lesen um spezielle Textsorten wie z.B. Reden, von denen keine Tonaufnahmen vorliegen, geht, sollte meines Erachtens öfters der Input in die individuelle Arbeit außerhalb der Unterrichtstunden verlagert werden. Vorausetzung ist sicher die gute methodische Schulung der Lernenden in der eigenständigen Erschließung von Texten und audiovisuellen Medien. Im Unterricht kann dann nach Klärung möglicher Verständnisschwierigkeiten zu Beginn der Stunde (idealerweise durch die Mitschüler) mit den Informationen aus den Texten/Filmen gearbeitet und so die gemeinsame Unterrichtszeit effektiver genutzt werden.

Was erwarten Siebtklässler vom Geschichtsunterricht?

In Rheinland-Pfalz beginnt der Geschichtsunterricht erst mit der Klasse 7. Die Schülerinnen und Schüler sind also ca. 13 Jahre alt. Was erwarten sie von dem für sie neuen Fach?

Das habe ich mal meine neue 7. Klasse gefragt. In einer Think-Pair-Share Aktivität haben sie in mehreren Gruppen Top Ten-Listen ihrer Wünsche und Erwartungen an den Geschichtsunterricht formuliert. Die Ergebnisse finde ich durchaus spannend:

10. Musik während der Stillarbeit – Spannender Unterricht – Filme und Ausflüge – Keine Hausausaufgaben

9. Wenige, nicht streng bewertete Tests – antike Kriege – DDR – Steinzeit

8. Spiele zum Thema – Ägypten – Mittelalter – Versunkene Städte

7. Wenig Hausaufgaben – Neandertaler – Steinzeit – Abwechslungsreicher Unterricht

6. Projekte – Die alten Griechen – Erfindungen – Griechische Götter

5. Ausflüge zum Thema – Gruppenarbeit – Rom – Ägypten

4. Themen verständlich & ausführlich durchnehmen – Ausflug ins Museum – Hitler – Alte Völker

3. Filme zum Thema – 1. und 2. Weltkrieg – Ägypten – Museumsbesuch

2. Viel Gruppen- & Partnerarbeit – Leben der Römer – Götter – Gruppenarbeit

1. Spannender & abwechslungsreicher Unterricht – Götter – Krieg – Weltkriege

Spontan sind mir mehrere Sachen aufgefallen:

– den hohen Stellenwert, den die Schülergruppen der gemeinsamen Arbeit und der methodischen Abwechslung zusprechen;

– die häufige Nennung außerschulischer Lernorte;

– das breite Interesse an Themen des Anfangsunterrichts (Steinzeit, Hochkulturen, Antike);

– überraschend finde ich das Interesse am Thema Krieg (Es waren keine reinen Jungengruppen. Die Jungs waren in mindestens einer der beiden Gruppe n sogar in der Minderheit).

Enttäuscht werden muss, und das bedauere ich sehr, das, wie ich finde, nachvollziehbare und berechtigte  (Wo, wenn nicht im Geschichtsunterricht?) Interesse der Kinder an Themen der Zeitgeschichte (Nationalsozialismus, Weltkriege, DDR), die bei einem Lehrplan, der sich nur an einem chronologischen Durchgang orientiert, erst in vier Jahren in der 10. Klasse im Schulbuch und Unterricht vorkommen.

Evaluationsbogen zum Geschichts- und Sozialkundeunterricht

In Berlin werden zu diesem Schuljahr verpflichtende Rückmeldungen zu Lehrer und Unterricht durch die Lernenden eingeführt (siehe auch den Bericht in der Berliner Zeitung). Die Schülerinnen und Schüler sollen die Fragebögen am Computer im Unterricht ausfüllen. Die Rückmeldungen sind anonym verschlüsselt, werden elektronisch ausgewertet und nur der Lehrkraft zur Verfügung gestellt. Die Bögen sowie das Portal zur schulischen Selbstevaluation sind vom Institut für Schulqualität der Länder Berlin und Brandenburg entwickelt worden.

An anderer Stelle hatte ich ja schon mal darauf hingewiesen, wie hilfreich und sinnvoll Schülerrückmeldungen in meiner eigenen Unterrichtspraxis sind, insofern finde ich das Projekt und die damit verbundene Unterstützungsleistung für die einzelne Lehrkraft sehr begrüßenswert, zumal die Daten der Rückmeldungen beim Lehrenden zur Verbesserung seines Unterrichts bleiben.

Neben allgemein Kriterien/Fragebögen zum Unterricht sind auch fachspezifische Raster entwickelt worden. Wer sich den Bogen für Geschichte/Politik/Sozialkunde mal anschauen möchte, kann diesen hier als PDF-Dokument herunterladen.

Es ist überaus interessant ist, was hier unter „gutem“ Geschichtsunterricht verstanden und welche Kriterien dafür zugrunde gelegt werden. Für den Geschichtsunterricht unterteilt sich der Bogen in die Bereiche: Förderung der 1) „Deutungs- und Analysekompetenz“, 2) „historischer Methodenkompetenz“ sowie 3) der „Urteils- und Orientierungskompetenz“. Vieles ist sicher einleuchtend und unstrittig, z.B. da wo einzelne Items auf etablierte Kategorien der Geschichtsdidaktik wie Multiperspektivität oder Kontroverstität rekurrieren. Anders ist das sowohl in der diffusen Anlehnung an strittige Kompetenzmodelle sowie in den einzelnen Punkten einigermaßen diskutier- und streitbar…

Ist z.B. das (häufige) Durchführen von Zeitzeugen- und Expertengesprächen ein Qualitätsmerkmal von Geschichtsunterricht? Wie realistisch ist das angesichts der wenigen Unterrichtsstunden des Fachs? Methodisch lässt sich vieles auch an schriftlichen oder videografierten Zeitzeugenberichten einüben, das wird aber nicht abgefragt… Bei einzelnen Items fällt auch mir schwer zu verstehen, was hier wohl gemeint sein könnte, so z.B. unter 2.10 „Wir können das Thema der Stunde oft gemeinsam mit unserer Lehrerin, unserem Lehrer oder selbst finden“ oder unter 3.3 „Im Unterricht diskutieren wir die historische Veränderung von Moral und Wertvorstellungen.“ Das Bemühen um einfache Formulierungen ist zu erkennen, ich könnte mir aber vorstellen, dass da doch der ein oder andere jüngere Schüler der Sekundarstufe schlicht mit überfordert sein dürfte…

Es ist natürlich immer vergleichsweise einfach zu kritisieren. Es selbst besser zu machen, wäre die wirkliche Herausforderung. Deshalb sei es noch einmal deutlich gesagt:  Ich finde es gut, solche Bögen zu erarbeiten und vor allem diese so einfach für alle zur Verfügung zu stellen, auch wenn im Detail das ein oder andere vielleicht überdacht werden sollte. Als Orientierung und Vorlage für eigene Rückmeldebögen ist das Angebot unzweifelhaft eine Hilfe für Geschichts- und Sozialkundelehrkräfte auch außerhalb von Berlin und Brandenburg.

Mich würde ja noch interessieren, weil das aus dem Evaluationsportal des ISQ nicht hervorgeht, wer auf welcher Grundlage den Bogen ausgearbeitet hat? Und ob sich Geschichtsdidaktiker oder der Geschichtslehrerverband an der Erstellung beteiligt haben bzw. was diese dazu sagen? Immerhin werden hier auf Landesebene relativ mutig Qualitätskriterien für den Fachunterricht formuliert, deren theoretische und/oder empirische Fundierung und Genese zumindest im Umfeld der Veröffentlichung auf den Seiten des Instituts nicht expliziert werden.

Back to school

Rheinland-Pfalz ist seit gestern zurück in der Schule. Die Ferien über habe ich im Blog nichts geschrieben, aber mangels Sommer trotzdem viel vor dem Computer gesessen. Für alle die, nicht auf Twitter oder neuerdings auf Google Plus sind, folgt hier eine kleine Zusammenfassung der Fundstücke der letzten Wochen. Vielleicht ist für den ein oder die andere etwas Interessantes oder Hilfreiches dabei.

Viele werden es kennen, ich kannte es noch nicht. Ein Disney-Propagandavideo von 1942 „The Fuehrer’s Face“, ursprünglich geplanter Titel „Donald Duck in Nutzi Land“. Der Film wurde 1942 mit dem Oscar für den besten Animationsfilm ausgezeichnet:

Das Video ist auch für den Einsatz im Unterricht interessant als alternativer Einstieg ins Thema Nationalsozialismus, Fremdwahrnehmung Deutschlands und (alliierte) Propaganda. Recht umfangreiche einführende Informationen bietet der Wikipedia-Artikel, wobei es interessant ist, sowohl den deutschen als auch den englischen zu lesen und miteinander zu vergleichen.

Am 13. August 2011 jährt sich der Berliner Mauerbau zum 50. Mal. Der Jahrestag wird zu einem regelrechten Medienereignis hochgepuscht, so dass man weder im Printbereich, noch im Radio oder Fernsehen den Sonderbeiträgen entgehen kann. Auch viele Schulen werden den Jahrestag zum Anlass nehmen für die Organisation von kleinen Sonderausstellungen oder Zeitzeugengesprächen.

Wer das Thema im Unterricht aufgreifen möchte, der findet eine kleine Linksammlung zu Materialien auf meiner Fachberaterseite zusammengestellt. Auf drei Projekte möchte ich hier auch noch getrennt hinweisen: auf die kostenlose App für das iPhone zur Berliner Mauer, die im Auftrag von BpB in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung sowie dem Deutschlandradio erstellt wurde; auf den Twitter- und Facebookauftritt des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Auf Twitter werden noch bis zum 13.09. täglich kurze Nachrichten „eine Zeitreise vom 13.07. bis 13.09.’61 basierend auf Berichten der Staatssicherheit aus dem Archiv des BStU ergänzt durch andere Quellen“ bieten. Auf Facebook sammelt und verlinkt die Stasi-Unterlagen-Behörde aktuelle Presseberichte rund um das Thema Mauerbau und Stasi. Beide Angebote können auch ohne eigene Anmeldung auf Twitter oder Facebook genutzt werden.

Zum Thema Fotomanipulation in der Geschichte habe ich in den Ferien eine hervorragende englischsprachige Seite entdeckt. Die Seite Fourandsix. Photo Tampering Throughout History präsentiert veränderte Fotos von 1860 bis heute in mit kurzen Erklärungen. Ein tolle Fundgrube für das Thema im Unterricht und eine wichtige Linkergänzung zur auf lehrer-online veröffentlichten Unterrichtseinheit.

Weitere Fundstücke aus den Ferien folgen….

2 Jahre Blog Medien im Geschichtsunterricht

Das ist im Vergleich zu vielen der anderen (Geschichts-) Blogs ein zartes Alter, soll aber für mich trotzdem Anlass sein, zum einen allen Lesern an dieser Stelle Danke zu sagen und zum anderen um ein wenig Bilanz zu ziehen. Seit dem ersten Post am 12. Juli 2009 sind hier im Blog

  • 299 Artikel und zu diesen
  • 266 Kommentare und Pingbacks erschienen.

Das heißt dies hier ist zugleich der 300. Beitrag in diesem Blog! 😉

Die am meisten aufgerufenen Beiträge sind:

  1. Unterrichtseinheit Karl der Große – Teil 1 (erschienen am 22.03.2010)
  2. Unterrichtseinheit Karl der Große – Teil 2 (12.04.2010)
  3. Ist die Erde rund? Über den Wandel des Weltbildes  (07.01.2010)
  4. Bismarcks Bündnissystem (28.04.2010)
  5. Denkmäler Kindertransport (17.08.2009)

Angesichts der Auswahl liege ich vermutlich nicht ganz verkehrt, wenn ich vermute, dass die meisten Leser, die hier auf den Blog stoßen, Geschichtslehrkräfte auf der Suche nach Unterrichtsmaterialien sind.

Auf Platz 6 der am meisten angeklickten Beiträge folgt die Seite „Publikationen“. Daraus lässt sich schließen, dass viele weiterhin das erste Mal auf den Blog kommen. Die Seite „Publikationen“ dient dabei interessanterweise noch mehr als das „Impressum“, das erst auf Platz 9 folgt, offensichtlich als Indikator für die Seriösität des Blogs.

Damit verabschiede ich mich auch erstmal in die Sommerferien. Auf dem Blog wird die nächsten Wochen nix passieren. Neue Beiträge folgen dann wieder ab Mitte/Ende August. Ich wünsche allen Lesern einen schönen Sommer und allen Kollegen erholsame Ferien!