geschichtsdidaktik empirisch 09

Die Kollegen vom weblog.histnet.ch haben ja schon eine kurze Zusammenfassung der Tagung gegeben. Ergänzend möchte ich dazu den abendlichen Kurvortrag von Peter Seixas hier noch einmal herausstellen, ein kurzes aber helles Glanzlicht der Veranstaltung:

Wer sich je auch nur ansatzweise mit der deutschsprachigen Forschungsliteratur zum Thema Geschichtsbewusstsein auseinander gesetzt hat, wird begeistert von dem erfrischend pragmatischen Herangehen von Seixas sein. (So ging es mir zumindest!) In Deutschland viel zu wenig bekannt sind seine für die Praxis erarbeiteten Benchmarks of Historical Thinking.

Dabei haben er und sein Team sechs Punkte herausgearbeitet, die sie für besonders (nicht ausschließlich) relevant halten:

1) Herstellen von historischer Bedeutsamkeit

2) Beweisführung anhand von Quellen (Englisch: primary sources!)

3) Aufzeigen von Kontinuität und Wandel

4) Analyse von Ursache und Wirkung

5) Einnehmen historischer Perspektiven

6) Verstehen der moralischen Dimension von Geschichte

Unter der Fragestellung „Was sollen Schüler nach 12 Jahren Geschichtsunterricht wissen?“ stellt die dazugehörige Webseite eine hierzulande noch weitgehend vermisste Verbindung von geschichtsdidaktischer Forschung und praktischem Geschichts- unterricht her.

Kurz gehalten, ebenso anregend wie leicht verständlich… bezeichnend fand ich die Antwort auf eine Nachfrage von Bodo von Borries: Wie es ihm denn gelungen sei, Konsens bei Experten und Institutionen für dieses Konzept herzustellen? Seixas schien die Frage zunächst nicht zu verstehen… und antwortete dann ganz nordamerikanisch pragmatisch: Man habe einfach mal gemacht, das Konzept erstellt und veröffentlicht… well.

Geschi bili 3: Social bookmarking von Geschichtslehrern

Eine Gruppe bei diigo bietet eine Riesenauswahl an englischsprachigen, kommentierten und verschlagworteten Links für den Geschichtsunterricht:

http://groups.diigo.com/groups/history-teachers

Wäre es nicht sinnvoll, eine vergleichbare Gruppe auch für den deutschsprachigen Raum einzurichten? Falls es sowas schon gibt, wäre ich für den Hinweis dankbar. Ansonsten könnten so die verstreuten Linktipps  der  verschiedenen Internetseiten und Blogs zu Geschichte und Geschichtsunterricht stärker vernetzt und nachhaltig für die Unterrichtspraxis nutzbar gemacht werden. An anderer Stelle ist die mangelnde Vernetzung ja noch vor kurzem beklagt worden…

Auf jeden Fall finden sich in der oben verlinkten diigo-Gruppe erstmal jede Menge Surftipps für das (voraussichtlich verregnete) Wochenende. Ab heute ist hier nämlich vorübergehend Pause wegen der Tagung geschichtsdidaktik empirisch 09 in Basel. Bin schon mächtig gespannt 😉

Römer in Germanien

Hinweis von Geschichtsweb: ZDF Flashanimation zum Thema Römer in Germanien. Kurze Infotexte, interaktive Karten und mehrere Videos u.a. zum Leben der Germanen, den Feldzügen und natürlich der Varus-Schlacht. Zum Jubiläum der Varus-Schlacht bietet das ZDF noch eine weitere Seite mit zusätzlichen Materialien.

Noch besser für den Unterricht ist das Angebot von planet-schule.de zum Thema. Das multimediale Schulfernsehenportal von SWR und WDR bieten vier Filme von ca. 30 Minuten: 1. Barbaren gegen Rom, 2. Die Varusschlacht, 3. Entscheidung am Limes, 4. Im Zeichen des Kreuzes. Die Filme sind in 2-3minütige Kapitel unterteilt und online abrufbar. Zusätzlich werden Lehrplanbezug, Hintergrundinformationen,  Didaktiktisierung und Arbeitsblättern für den Unterricht mitgeliefert. Eine sehr übersichtlich interaktive Karte zu den Wanderbewegungen der germanischen Völker sowie eine Linkliste zum Them runden das Angebot ab.

Archivale des Monats: September 1939

Hinter der schlichten Fassade verstecken sich wahre Juwelen: Das Geschichtsportal des Landes Rheinland-Pfalzes bietet in Zusammenarbeit mit dem Landeshauptarchiv Koblenz und dem Landesarchiv Speyer jeden Monat ein in exzellenter Auflösung digitalisiertes und kommentiertes Fundstück aus den Archiven an. Die Dokumente werden zum Download im pdf-Format zur Verfügung gestellt. Bei älteren handschriftlichen Quellen sind auch Transkripte beigefügt.

Die Quellen sind für den Unterricht aufbereitet und können sowohl in einer Vertretungsstunde als auch im regulären Unterricht eingesetzt werden und den regionalen Bezug stärken. Die älteren Fundstücke bleiben alle online, so dass bereits ein kleine Sammlung zu verschiedenen Themen wie den Hexenprozessen, dem Pfälzischen Aufstand von 1849 oder einer Schulspeisung in Koblenz 1949 bereit stehen. Langfristig soll hier eine Datenbank mit für den Unterricht aufbereiteten Quellen zur regionalen Geschichte des heutigen Rheinland-Pfalz entstehen.

Für diesen Monat ist nun ein Werbe-Plakat für die SS vom September 1939 online gestellt worden. Die Unterlagen aus dem Landesarchiv Speyer zeigen das Bemühen, bei Kriegsbeginn Freiwillige für die SS-Verfügungstruppen, – Totenkopfverbände und die Polizei anzuwerben. Interessant sind die ersten Rückmeldungen der Bürgermeister aus dem Bezirk Kusel zu dieser Werbeaktion, die nicht einen einzigen Freiwilligen melden konnten.

Twitter für den Geschichtsunterricht

Interessante Links und Hinweise auf Materialien, Internetwerkzeuge u.a. für den Geschichtsunterricht vor allem aus dem anglo-amerikanischen Raum finden sich auf Twitter unter dem Hashtag #historyteacher

Außerdem gibt es hier eine Liste mit „100“ englischsprachigen Twitter Feeds zum Thema Geschichte und Geschichtsunterricht.

Etwas allgemeiner eine Liste mit Twitterern rund um das Thema Bildung, in twitter auch zu finden als Hashtag #Bildungstwitterer.

Geschi bili1: Entwicklung der USA

10 Minuten Film über die territoriale Entwicklung der USA ausgehend von den 13 Gründungststaaten von 1789 bis 1959. Die Präsentation besteht aus einer animierten Karte mit gesprochenem Text und ist einsetzbar im bilingualen Geschichtsuntericht oder für Landeskunde im Englischunterricht.  Sie lässt sich komplett abspielen oder in drei Teilen: 1) 1789-1853, 2) bis 1865 und 3) bis 1959: animatedatlas: Growth of a nation

Riesenfundus an primary sources zur US-amerikanischen Geschichte:

http://www.footnote.com/

Denkmäler Kindertransport

Bekanntlich sieht man nur, was man weiß… und zufällig war ich diesen Sommer sowohl kurz in London als auch in Danzig. Aufmerksam geworden durch einen Artikel aus geschichte lernen vom Mai 2009 über die  „Mahnmale zur Erinnerung an die Kindertransporte“ entdeckte ich mit großer Überraschung, dass vor dem Hauptbahnhof in Danzig eine Kopie des Londoner Denkmales von 2006 steht, das von Frank Meisler, einem gebürtig aus Danzig stammenden Künstler, geschaffen wurde. Erst bei genauem Hinsehen merkte ich, dass es sich gar nicht um eine Kopie handelt. Die Denkmäler sind ähnlich, aber verschieden. Bei dem Danziger Denkmal dreht sich der eine Junge noch einmal winkend um; in London schauen einige Kinder noch unsicher aber zugleich neugierig umher.  Es ist sicher nicht verkehrt  bei dieser ungewöhnlichen Denkmalkombination an die Darstellung von Abschied und Ankunft zu denken.

Das Denkmal in Danzig wurde zum 70. Jahrestag der Kindertransporte, die auch von Danzig nach London führten, im Mai dieses Jahres eingeweiht. Die unten stehenden Fotos können in besserer Auflösung runtergeladen werden und im Unterricht z.B. als Einstieg in das Thema eingesetzt werden. Die Kuriosität eines ähnlichen Denkmals an zwei so unterschiedlichen und weit entfernten Orten kann Interesse wecken. Wie bei zwei „Fehlerbildern“ lädt es ein, die beiden Darstellungen genau zu betrachten und miteinander zu vergleichen.

Die Mimik und Gestik der Kinder lassen sich deuten; Hoffnungen, Befürchtungen antizipieren. Offenkundig sind keine Erwachsenen dabei, warum gehen Kinder alleine auf die Reise? Was bedeutet das für sie? Welche Gegenstände haben sie dabei, was könnte noch in den Koffer sein? Mit diesen Fragen lassen sich die Fotos auch im Unterricht mit jüngeren Kindern, z.B. in der Grundschule, einsetzen (siehe dazu auch Vorschläge zu einer altersgerechten Konzeption im pädagogischen Konzept von Yad Vashem, S. 32ff.). Je nach Klassenstufe kann das Thema anschließend durch geeignete Materialien oder  eigene Recherchen weiter bearbeitet werden.

Twitter oder nicht twitter…

das scheint seit einigen Wochen die Frage. Überall im Netz wird darüber diskutiert, viele legen sich schnell ein Konto zu, um dabei zu sein und nichts zu verpassen. Dauerhaft scheinen hingegen nur wenige Twitter zu nutzen. Unterrichtsvorschläge werden präsentiert und der Nutzen für den Unterricht angepriesen. Ich sehe einen Hype aber bislang wenig Nutzen. Nachdem Durchsehen verschiedener Anregungen für den Unterricht hat mich wenig wirklich überzeugt. Als ein Beispiel für den Geschichtsunterricht sei auf dieses Video verwiesen: The twitter experiment – UT Dallas

Warum soll ich Twitter als Diskussionsmedium einsetzen, wenn alle Diskutierenden im Raum anwesend sind? Bei einer großen Teilnehmerzahl lassen sich Kleingruppen zur Diskussion bilden, deren Sprecher/in anschließend die Ergebnisse zusammenfassen und/oder mit den anderen Gruppensprechern diskutieren kann. Eine breite Beteiligung erreiche ich auch so und schule zudem noch die Vortragskompetenz vor einer (großen) Gruppe. Soziale Kompetenzen sollten nicht hinter dem Medieneinsatz verschwinden. Für die soziale Komponente von twitter, der Kommunikation zwischen Lehrkraft und Schüler oder Studenten, halte ich virtuelle Klassenräume mit entsprechenden tools wie bei moodle oder lo-net2 möglich für wesentlich zweckmäßiger.

Hervorgehoben wird häufig, dass man seinen Aussage in 140 Zeichen auf den Punkt bringen müsste: Um Zusammenhänge aufzuzeigen, Begründungen zu geben, über historische Inhalte zu diskutieren, dabei aufeinander Bezug nehmen, eine eigene Meinung entwickeln und diese vertreten lernen, für allsdas braucht es mehr als 140 Zeichen. Diese grundlegenden Fähigkeiten müssen immer wieder trainiert und eingeübt werden,  twitter hingegen fördert genau das Gegenteil: nämlich kurze, unverbundene Statements. Keine Frage hat twitter seinen Zweck für die Verbreitung von Werbebotschaften für sich selbst oder ein Produkt, um mit Bekannten in Kontakt zu bleiben, für die schnelle Verbreitung von Informationen.

Der Einsatz dieses Tools im Iran finde ich schlicht beeindruckend und sollte unabhängig vom Ausgang des Machtkampfes vergleichend im Politik und Sozialkundeunterricht, aber auch in einem thematischen Längsschnitt zu (Medien in) Revolutionen im Fach Geschichte thematisiert und analysiert werden. Ein besserer Gegenwartsbezug lässt sich wohl kaum herstellen und im Vergleich werden dann auch alte Flugblätter und Zeitungsmeldungen von 1789 und 1848 wieder interessant.

Zur Zeit sehe ich einen Bereich, wo sich twitter sinnvoll im Unterricht einsetzen lässt, nämlich im kreativen Schreiben. Dabei liefert twitter nichts grundsätzliches Neues, aber eine attraktive, weil neue Form. Für den Geschichtsunterricht finde ich ein Projekt sehr interessant und würde das gerne im nächsten Schuljahr mit einem anderen Thema selbst mal ausprobieren. Das Projekt heißt TwHistory und beruht im Wesentlichen auf der Idee, Hauptpersonen eines historischen Ereignisses in Verbindung zu setzen und miteinander kommunzieren zu lassen. Beispielhaft wurde dies mit der Schlacht von Gettyburg durchgeführt, aber jedes andere historische Ereignis, das gut belegt ist, in dem viel passiert und  wo Entscheidungen diskutiert werden müssen, lässt sich hierfür nehmen.

Um die 140Zeichen-Mitteilungen sinnvoll zu füllen, sind dann in der Tat sehr präzise Recherchen über den historischen Hintergrund, Motive, Einstellungen und Handlungen der Personen zu leisten. Dazu braucht es im Unterricht biographische Quellen: Tagebücher, Briefe usw. Gelingt dies, lassen sich komplexe Entscheidungsprozesse anschaulich erarbeiten und auf kreative Art und Weise darstellen. Das ist zwar nichts, was im Geschichtsunterricht grundlegend neu wäre, aber twitter bietet hier m.E. tatsächlich eine attraktive Alternative zu bisherigen Formen des Schreibgesprächs oder Rollenspiels.

Bewertung wikipedia-Artikel

Wikipedia ist wahrscheinlich mittlerweile die in der Schule, also von Schülern und Lehrern, am häufigsten genutzte Informationsquelle, oft auch leider die einzige… was sich immer wieder in schlechten Referaten und Ausarbeitungen niederschlägt. Über den Blog von Gabi Reinmann bin ich vor einiger Zeit auf wikibu.ch aufmerksam geworden.

FireShot capture #1 - 'Wikibu

wikibu bietet eine vor allem quantitative Kriterien zur Bewertung der Qualität von wikipedia-Artikeln. Zusätzlich werden Informationen zur wikipedia-eigenen Bewertung sowie zu Hauptautor und Veränderungsfrequenz mitgeliefert. Natürlich ist das keine umfassende Qualitätsbewertung (siehe dazu auch die Diskussion im denkarium), aber dennoch für Schüler und Lehrer eine wichtige Hilfe, vor allem weil so deutlich wird, wie die Artikel entstehen und  diese nicht nur als gegeben hingenommen werden.  Zur Schulung der sogenannten „Informationskompetenz“  mit wikipedia bietet wikibu eine gut aufgebaute 3stündige Unterrichtseinheit an.

Diese Informationskompetenz aufzubauen gehört sicher zum allgemeinbildenden Auftrag der Schule, doch denke ich, dass dem Geschichtsunterricht mit seiner Methodik der Quellenkritik eine besondere Rolle zukommen kann. Darauf ist schon mehrfach hingewiesen worden, beispielhaft sei hier nur auf den Vortrag von Vadim Oswalt zu Quellenkritik im Zeitalter des Internet aus dem letzten Jahr hingewiesen.

wikipedia hat Lexika als Nachschlagwerke bei Schülern vollkommen verdrängt. Durch die permanente Verfügbarkeit hat das auch den positiven, viel zu selten genannten Effekt, dass viel mehr Schüler als früher einfach mal etwas nachschauen, was sie nicht wissen oder verstehen. Ein anderes Problem als das der Quellenkritik, aber ein ebenso gravierendes, stellt die Handhabung der verfügbaren Informationsmengen dar, die Schüler oft überfordern und denen es auf in der Oberstufe nicht immer gelingt, wichtige von weniger wichtigen Informationen zu trennen.  Ein Blick in einen knappen Lexikonartikel oder für die neueste Geschichte in das LeMO ermöglicht da oft einen besseren Einstieg in ein neues Thema als sich in Details verlierende wikipedia-Artikel. Aber das müssen Schüler eben erst lernen bzw. wir als Lehrer vermitteln.