Frühe Franco-Propaganda

„Hör mal, magst du den Kinder der Welt [das Video gibt es auch in der Version mit: „den deutschen Kindern“] etwas sagen?

– Aber, was soll ich ihnen sagen?

– Was du willst!“

Anschließend trägt Carmencita, die Tochter Francos, artig, aber leicht stockend ihren auswendig gelernten Text vor. Man achte auf die Mundbewegungen Francos, der sich hier als Souffleur betätigt. Sinngemäß erzählt die Kleine, dass sie Gott bittet, dass den Kinder der Welt die schlimmen Dinge erspart bleiben, die die Kinder, die sich „in der Macht der Feinde meiner Heimat“ befinden, erleiden müssen. Alle spanischen Kinder mögen ein fröhliches Zuhause und Spielzeuge haben. Am Ende hebt sie den Arm zum faschistischen Gruß und ruft „¡Viva España!“.

Das Video von 1937 ist ein Stück früher Propaganda, das wohl an die Wochenschauen weltweit geschickt werden sollte und in eine Reihe von Filmen gehört, die dazu beitragen sollten, Franco als Führerfigur zu konstruieren.

Die spanische Zeitung Público hat zur Geschichte der frühen Propaganda Francos am vergangenen Wochenende einen interessanten Artikel veröffentlicht.

Spanien und Franco – ein Lexikon macht Skandal

In Spanien sind in dieser Woche die ersten 25 Bände (bis zum Buchstaben H) des spanischen biographischen Lexikons (Diccionario Biográfico Español) der Real Academia de la Historia erschienen. Der Artikel über Franco darin schlägt Wellen. Der Bericht über den Artikel von gestern in El País zählt aktuell 484, der in Público 442 Kommentare.

Worum geht es? Es geht um die Deutung und Bewertung von Geschichte.

Diese ist in Spanien gerade in Bezug auf die Zeit der Diktatur hoch umstritten und politisch aufgeladen. Es geht also um Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. In Spanien hat eine öffentliche Debatte über die Franco-Zeit erst in den letzten Jahren begonnen. So wurde das letzte Denkmal für Franco in Madrid erst 2005 entfernt. Es gab während der Demontage neben Beifallsbekundungen auch Buhrufe und Pfiffe gegen die Entfernung. 2007 folgte die Ley de la Memoria Histórica. 2008  Der Versuch von Baltasar Garzón die Verbrechen des Franco-Regimes juristisch zu ahnden, was ein vorläufiges Ende mit einer Anklage wegen Bestechungsvorwürfen, seiner Suspendierung und Abordnung nach Den Haag gefunden hat. Zuletzt hatte das spanische Justizministerium eine Online-Karte veröffentlicht, in der die (teilweise noch unbekannten) Massengräber der Opfer des Franquismus erfasst und verzeichnet werden sollen.

Der nun erschienene biographische Artikel verschweigt die politischen Verfolgungen und Opfer während des Bürgerkriegs und in der Zeit danach und stellt Franco als „katholischen, intelligenten und gemäßigten Herrscher“ dar. Franco wird in dem Artikel auch nicht als Diktator, sondern als „Generalísimo y Jefe del Estado español“ bezeichnet. Ebenso wenig wird in dem Artikel die militärische Unterstützung durch Italien und Deutschland im Bürgerkrieg (1936-1939) erwähnt. Mindestens ebenso interessant wie der Artikel selbst ist die Bibliografie, deren aktuellster Titel von 1977 (sic!) stammt. (Franco ist im November 1975 gestorben. Zur Rolle und Entwicklung der Zeitgeschichte und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Franquismus von der Transition und bis heute empfehle ich den lesenswerten Überblick von Bernecker und Brinkmann hier.)

Der Autor, Luis Suárez,  ist wohl (ich hab das nicht überprüft, die Info stammt von hier) Präsident des Verbandes zur Erhaltung von Francos monumentaler Grabstätte im Valle de los Caídos. Der vollständige Lexikoneintrag findet sich hier als PDF-Dokument.

Einige beispielhafte Passagen seien hier kurz übersetzt:

“Montó un régimen autoritario, pero no totalitario, ya que las fuerzas políticas que le apoyaban, Falange, Tradicionalismo y Derecha quedaron unificadas en un Movimiento y sometidas al Estado. Una guerra larga de casi tres años le permitió derrotar a un enemigo que en principio contaba con fuerzas superiores. Para ello, faltando posibles mercados, y contando con la hostilidad de Francia y de Rusia, hubo de establecer estrechos compromisos con Italia y Alemania”.

Er installierte ein autoritäres Regime, aber kein totalitäres, da die politischen Kräfte, die ihn stützten, die [faschistische] Falange, der [katholische] Traditionalismus und die [politische] Rechte in einer Bewegung vereint und dem Staat untergeordnet wurden. Ein langer Krieg von fast drei Jahren erlaubte ihm, einen Feind zu besiegen, dem im Prinzip größere Mittel zur Verfügung standen. Dafür, da ihm mögliche Märkte fehlten und Frankreich und Russland ihm feindlich gesinnt waren, musste er enge Verabredungen mit Italien und Deutschland treffen.

“Políticamente había dentro del Movimiento un sector importante que trataba de conducir al nuevo régimen hacia el totalitarismo. La admiración despertada por los primeros éxitos alemanes era muy considerable. Más difícil resultaba para Franco vender las suspicacias de la Santa Sede, que temía verle incluído en el ámbito de poder alemán. ”

Innerhalb der [frankistischen] Bewegung gab es politisch eine Gruppe, die versuchte, die neue Regierung in Richtung Totalitarismus zu führen. Die geweckte Bewunderung für die deutschen Anfangserfolge war beachtlich. Schwieriger war es für Franco den Argwohn des Heiligen Stuhls auszuräumen, der seinen Anschluss an den deutschen Machtbereich fürchtete.

“En mayo de 1940 se produjo el hundimiento de Francia. Franco pasó de la neutralidad a la no beligerancia (…). Por eso ofreció sus buenos oficios a Petain para conseguir que se dulcificaran las condiciones del armisticio.”

Im Mai 1940 ging Frankreich unter. Franco wechselte von der Neutralität zur Nicht-Kriegsführung. […] Deshalb bot Petain er seine Dienste, um die Bedingungen des Waffenstillstands abzumildern.

“En 1953 Franco consiguió dos grandes éxitos: un concordato con la Sante Sede, que garantizaba una tolerancia religiosa más amplia para judíos y protestantes, y un acuerdo de cooperación con Estados Unidos que permitía el establecimiento de tropas y aportaciones sustanciales en dólares”.

1953 gelangen Franco zwei große Erfolge: ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl, das religiöse Toleranz garantierte und auch auf Juden und Protestanten ausweitete, sowie eine Kooperationsvereinbarung mit den Vereinigten Staaten, die die Stationierung von Truppen erlaubte und wichtige Einnahmen in Dollar brachte.

“Cuando en agosto de 1965, el presidente Johnson invitó a Franco a participar en la Guerra de Vietnam, éste demostró su capacidad militar recomendándole salir de una guerra que no podía ganar: los ejércitos modernos son impotentes frente a la voluntad de un pueblo que se expresa en las guerrillas”.

Als Präsident Johnson Franco im August 1965 bat, sich am Vietnam-Krieg zu beteiligen, zeigte dieser seine militärischen Fähigkeiten, indem er Johnson empfahl einen Krieg zu beenden, den er nicht gewinnen konnte: Die modernen Heere seien machtlos gegenüber dem Willen eines Volks, der Ausdruck in einem Guerilla-Krieg findet.

Der Präsident der Akademie der Geschichte erklärte, dass es die guten Beziehungen zum ehemaligen Ministerpräsidenten José María Aznar (Partido popular – die konservative, von einigen als postfranquistisch etikettierte Partei) gewesen seien, die das Projekt erst ermöglicht hätten.  Diese politische Unterstützung spiegelt sich wohl in vielen Beiträgen wieder (so auch in dem über Aznar selbst). Es sind eben auch solche offizielle Geschichtspolitik, die die Jugendlichen auf die Straße treibt. Der Protest auf der Straße ist auch ein Kampf und die Deutungshoheit der nationalen Geschichte.

In der deutschen Berichterstattung spielt dies kaum eine Rolle,  da hier der Fokus auf den wirtschaftlichen, demokratischen und globalen Forderungen der Demonstranten liegt. Vielleicht weil die historischen Bezüge zu komplex erscheinen; vielleicht aber auch, weil fast 50% Jugendarbeitslosigkeit ein hinreichendes Motiv sind. Die andauernden Proteste in Spanien haben sich allerdings eben auch an der parteipolitischen und staatlichen Geschichtspolitik und der aus Sicht der Protestierenden mangelnden historischen und juristischen Aufarbeitung der Franco-Diktatur entzündet. Die Veröffentlichung gerade jetzt ist wie das Gießen von Öl ins Feuer. So gab es schon vor einem Jahr die ersten Massenproteste bei Eröffnung der Gerichtsverfahren gegen Garzón. Einige daraus entstandene zivilgesellschaftliche Gruppen waren nun Mitorganisatoren der Bewegung #15M. Sicherlich untergeordnet richten sich einige der Forderungen der Protestierenden auch auf eine entsprechende Aufarbeitung der Diktatur. (Zu den Hintergründen und Zusammenhängen siehe den informativen Artikel auf Deutsch im Tagesspiegel Online von Bernardo Gutiérrez.)

Was hat das mit Geschichtsunterricht zu tun? Nun, das Thema ist relativ komplex, aber es ist Aufgabe des Geschichtsunterricht Jugendliche zu befähigen, Deutungen von Geschichte als solche erkennen zu können und sich damit von dem einfachen Verständnis als vermeintliche Aneinanderreihung von „Fakten“ zu verabschieden. Gerade der Streit um die Deutung des Franquismus würde sich hier aufgrund der starken Kontraste und zur Zeit auch aufgrund der Aktualität als Unterrichtsthema eignen, allerdings fehlen dazu bisher entsprechende deutschsprachige Materialien. Trotzdem lassen die aktuellen Ereignisse in Spanien im Unterricht thematisieren und reflektieren. Zum einen ausgehend von der Etikettierung #spanishrevolution und einer Überprüfung des verwendeten Revolutionsbegriffs, zum anderen aber auch mit dem Aufzeigen der historischen Dimension der Proteste, anhand kurzer Texte die unterschiedliche  Bewertungen der Franco-Zeit und einer Diskussion über die Bedeutung dieser Geschichtsdeutungen und der (öffentlichen) Erinnerungskultur für eine Gesellschaft.

Mit einem etwas anderen Fokus und anderen historischen Bezügen, die die spanische Protestbewegung in eine  Traditionslinie zum Mai 1968 stellt, wartet übrigens dieses Video auf, das sich auch zum Einstieg in die Diskussion und weitere Recherche eignet.

Was ist „deutsch“ am Eck?

Deutsches am Eck ist ein interessanter Film, der in einem gemeinsamen Schüler-/Lehrerprojekt  im letzten Jahr hier in Koblenz entstanden ist. Eine Familie, die gerade das Deutsche Eck besichtigt, denkt vor laufender Kamera laut über Geschichte und Sinn des Denkmals nach. Der Film hat mit etwas mehr als vier Minuten eine gute Länge für den Einsatz im Unterricht und die Äußerungen der einzelnen Familienmitglieder bieten viele Ansatzpunkte für eine Diskussion in der Klasse. Das Video eignet prima sich als Einstieg zum Beispiel in das Thema Denkmäler oder das Verhältnis der Deutschen zur Nation. Ärgerlich ist allerdings die abgeschnittene Darstellung im Fenster und auch der Link zum Einbetten des Videos an anderer Stelle hat zumindest bei mir nicht funktioniert.

Memoria histórica: Map of graves

Das spanische Justizministerium hat eine Online-Karte veröffentlicht, auf der Gräber von Opfer des Bürgerkriegs und der anschließenden Diktatur verzeichnet sind. Die Karte kann nach Orten, Regionen oder Namen durchsucht werden.  Mit Klick auf die verschiedenfarbigen Flaggen der Karte erscheinen weitere Informationen zum Ort und den Opfern. Die Informationen sind auf Spanisch und Englisch verfügbar. Die Bürger sind aufgerufen weitere Info  mit einem einfachen Online-Formular einzureichen. Die Internetseite ist eines der Ergebnisse des Gesetzes zum historischen Erinnerung von 2007.

Filmaufnahmen Eichmann-Prozess

Yad Vashem hat 50 Jahre nach dem Verfahren auf Youtube einen Kanal eingerichtet, in dem Videos des Prozesses, ingesamt mehr als 200 Stunden an Filmmaterial, auf Englisch zur Verfügung gestellt werden.

Hilfreiche Links zu Materialien finden sich in dem entsprechenden Wikipedia-Artikel.

Remembering names & dates using rhyme and rap

Auch eine Art Geschichtsunterricht zu gestalten… gar nicht so schlecht, aber vor allem sehr unterhaltsam 😉

Der Behaltenseffekt, wenn Schüler selbst zur Wiederholung mit Namen und Daten einen eigenen Rap verfassen, dürfte in der Tat recht hoch liegen. Vielleicht wäre das wirklich mal eine schöne methodische Abwechslung für den Unterricht, die sicher viel Spaß macht und zugleich die besprochenen Inhalte wiederholt und festigt.

via @hodderhistory

Anne Frank Haus 2.0

„Hilf uns, damit unsere Facebook-Seite am 12. Juni, Anne Franks Geburtstag, mindestens 10.000 Menschen ‚gefällt‘. Lade alle deine Freunde ein!“

Zitat aus dem aktuellen Newsletter des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam.

Mich befremdet, diese Art der Werbung und der Verknüpfung weiterhin (Warum zum Geburtstag? Warum diese Ausrichtung auf Quantität? Klar, Museen und Stiftungen sind auch betriebswirtschaftlich ausgerichtet… aber die Menge, besser Masse kann ja nicht alles sein…oder?). Immerhin haben sie Anne Frank nicht selbst auf Facebook einen Account eingerichtet, sondern der Einrichtung, so dass man sich nun auch über Facebook aktuell über deren Aktivitäten informieren kann. Das Anne-Frank-Haus auf Facebook:

http://www.facebook.com/annefrankhouse

Vermutlich „muss man“ einfach zur Zeit „auf Facebook sein“…  wie auch immer. Beachtung finden sollte hingegen die neu freigeschaltete deutsche Version der sehenswerten Website des Hauses.

Bundestag und „Vertriebenengedenktag“

Andreas Körber schreibt dazu in seinem Blog:

„Aus didaktischer Perspektive ist diese Debatte also zu begrüßen und zu thematisieren. Unbeschadet davon ist es natürlich notwendig, in dieser Frage selbst Stellung zu beziehen. In diesem Sinne haben gemäß heutigen Presseberichten eine Reihe namhafter deutscher Historiker zusammen mit einigen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern den Bundestagsbeschluss kritisiert. Dieser Kritik ist m.E. in vollem Umfange zuzustimmen. Dem anzuerkennenden Bedürfnis von Vertriebenen und Angehörigen nach Gedenken und Erinnerungen kann und muss auf andere Art und Weise Rechnung  getragen werden als mit einer Symbolik, die einer Gleichsetzung von “Flucht und Vertreibung” mit dem Holocaust gleichkommt.“

Virtuelle Mauer des Gedenkens

Yad Vashem ist auch auf Facebook: http://www.facebook.com/yadvashem. Das allein wäre noch keinen Eintrag wert. Auf Facebook ist jeder und alle. Und wer noch nicht da ist, kommt gerade dahin. Dass Yad Vashem auf Facebook ist, fanden am 20.01. gegen 17 Uhr 24.766 Personen gut. Ich auch. Mittlerweile werden es vermutlich deutlich mehr sein.

Zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hat Yad Vashem auf Facebook eine virtuelle Gedenkmauer als „virtual event“ vom 19.-30. Januar eingerichtet.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich das finde. Sicher befinden wir uns gerade in einer Phase des Ausprobierens der Möglichkeiten, der Chancen und Grenzen digitaler Medien. In den letzten Monaten gab es bereits von anderen Organisationen Aktionen auf Facebook, den Lebenslauf von Opfern des Holocaust bzw. des 2. Weltkriegs in den Statusmitteilungen eines sozialen Netzwerks zu erzählen und sie so wieder „auferstehen“ zu lassen.

Das wirkt modern, zeitgemäß. Es ist einfach, aber vielleicht gerade deshalb löst es bei mir ein gewisses Unbehagen aus. Und Fragen. Ist das eine Form des Gedenkens? Muss/darf Gedenken schwierig sein, eine (wenn auch kleine) Anstrengung verlangen? Was macht Gedenken eigentlich aus? Wie kann es heute aussehen? (Übrigens eine Frage, der sich auch die aktuelle Ausgabe des Magazins von LaG annimmt).

Das Nennen der Namen schafft vielleicht eine (Ver-) Bindung. Allein durch das Nennen/Aufschreiben der Namen werden sie vor dem Vergessen bewahrt. Aber: Eine virtuelle Mauer ist keine Mauer. Es fehlen ihr das Wesentliche, was eine Mauer ausmacht: die in ihrer Materialität manifestierte Stärke und Beständigkeit. Ein Klick auf einen Button ist  (noch) kein Gedenken.