Projekt: jüdische Geschichte

In den vergangenen Tagen haben wir bei uns an der Schule im Rahmen der UNESCO-Projekttage (insgesamt 3 Tage von jeweils 8-13h) mit einer kleinen Gruppe von Achtklässlern und einem Siebtklässer zu jüdischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart in Koblenz und Mainz gearbeitet. Die Projekttage standen unter dem Motto „Welterbe Erde – mach dich stark für Vielfalt“, was wir mit dem Projekttitel „Jüdisches Leben am Rhein – Verlorene Vielfalt?“ aufgegriffen haben und mit einem Besuch in Mainz auch einen Bezug zum UNESCO-Welterbeantrag der SchUM-Städte hergestellt haben.

Den Holocaust haben wir dabei bewusst (weitgehend) ausgeklammert, weil dieser in Schulen und Medien sehr stark fokussiert wird und wir aufzeigen wollten, dass jüdische Geschichte und Kultur mehr ist und nicht darauf reduziert werden darf. Die Schülerinnen und Schüler haben eigene Zugänge zum Thema entwickelt und daraus verschiedene Produkte erstellt, die in einem Blog dokumentiert sind. Wer Zeit und Lust hat, kann ja mal reinschauen:

http://juedischegeschichte.wordpress.com/

 

Lesetipp: Teaching History in the Digital Age

Das Buch von T. Mills Kelly ist unterteilt in vier Hauptkapitel, die die folgende Bereiche historischen Lernens und Arbeitens abdecken: Thinking, Finding, Analyzing, Presenting. Der Autor berichtet aus seinem Hochschulalltag von Erlebnissen mit Studierenden. Ausgehend von diesen Beobachtungen beschreibt er dann grundlegende Veränderungen der Studierenden im Umgang mit Quellen, Darstellungen, Recherche- und Präsentations-möglichkeiten. Die beschriebenen Erlebnisse dürften den meisten (Geschichts-) Lehrern auch aus dem Schulalltag bekannt vorkommen. Die wenigsten werden daraus aber so mutige Veränderungen für das Geschichtslernen abgeleitet haben wie T. Mills Kelly. Das Buch bietet eine überaus anregende Lektüre für alle, die sich mit dem digitalen Wandel in Bezug auf historisches Lernen in Schule und Universität beschäftigen. Es ist vollständig online verfügbar unter: http://dx.doi.org/10.3998/dh.12146032.0001.001
 
T. Mills Kelly, Teaching History in the Digital Age, Ann Arbor, MI: University of Michigan Press, 2013.

 

Mittelalterliche Siegel – eine Unterrichtsidee

Nach Toni Diederich (Siegelkunde 2012, 12ff.) sind Siegel als Medien zu verstehen: Sie dienen ihrem Träger dazu, einem bestimmten Publikum durch Bild und Schrift eine Botschaft vermitteln. Siegel bilden somit ein wichtiges Element der der Außen- und Selbstdarstellung ihrer Träger. Dies umso mehr als sie vor allem den Rang des Siegelträgers in einer Gesellschaft bekunden, in der Rang ein konstitutives Merkmal der Gesellschaftsordnung gewesen ist: „Der Person ‚als Ganzes‘ wurde in ihrer Eigenschaft als Mitglied eines bestimmten Verbandes ein konkreter in der Gesellschaft zu gewiesen.“ (Arlinghaus, in: Späth 2009, 37) Die symbolische Repräsentation einer Person musste dies widerspiegeln, was erklärt, warum Siegel nicht Individualität des Trägers, sondern Gruppenzugehörigkeit und Rang fokussieren.

Die zunehmende Bedeutung von visuellen Zeugnissen reflektiert die Visual History, die Bilder „als eigenständige Gegenstände der historiografischen Forschung“ betrachtet (zur Einführung siehe z.B. Gerhard Paul, Visual History auf docupedia). In der Schule dominiert der Textzugang zur Vergangenheit, Bilder gewinnen allerdings nach und nach an Bedeutung, Siegel hingegen spielen weiterhin kaum eine Rolle für den Geschichtsunterricht.

Unterrichtsideen zu Siegel sind selten (vgl. siehe den Beitrag im Blog hier und im FNZ-Blog – beides ist ohne Resonanz geblieben). Dies ist angesichts der wachsenden Bedeutung bildlicher Quellen und der Zunahme von Abbildungen in Schulgeschichtsbüchern durchaus verwunderlich, sind doch Siegel zwar in ihrer Symbolik oft dicht und daher schwer entschlüsselbar, zugleich sind viele Siegelbilder aber auch in höchstem Maße anschaulich und, sofern als Abguss verfügbar, auch haptisch erlebbar.

Wachsabgüsse finden sich z.B. im Archivkoffer des Landeshauptarchivs Rheinland-Pfalz. Auch in vereinzelten Unterrichtsvorschlägen finden sich Siegelbilder abgebildet z.B. in Geschichte lernen Nr. 135/136 „Herrschaft im Mittelalter“ auf einem Arbeitsblatt (S. 68), wo sie explizit als „Ausdruck der Herrschaftsform“ thematisiert und in Aufgaben eingebunden sind. Abgebildet sind das Siegel von Franeker (1313) (PDF) sowie das Reitersiegel Heinrichs des Löwen („vor 1163“). Die Siegelabbildungen sind zu beschreiben und daraus die unterschiedliche Formen der Herrschaft in Friesland und in Sachsen zu erläutern.

In Geschichtsschulbüchern sind Siegelabbildungen selten. Noch vergleichsweise häufig finden sich Abbildung des Wappensiegels von Lübeck (1256) zur Illustration von Aussehen und Bedeutung einer Kogge. Eine Ausnahme bildet der neu erschienene Band 2 von „Geschichte entdecken“ (Buchner) in der Ausgabe für Hessen (S. 23). Dort gilt es herauszufinden, wo Siegel heute noch verwendet werden und diese mit den abgebildeten mittelalterlichen Siegeln zu vergleichen. Abgebildet sind das oben bereits genannte Reitersiegel des Herzogs Heinrichs des Löwen sowie das spitz-ovale Siegel „des Magdeburger Bischofs Wichmann“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wichmann_von_Seeburg ?)

Es stellt sich die Frage, wie Siegelbilder über die Illustration hinaus gewinnbringend für ein tieferes Verständnis des Mittelalters und der Frühen Neuzeit didaktisch genutzt werden können, ohne dass die fremde Symbolhaftigkeit allzu verständnishindernd wirkt. Aus den vorangehenden Überlegungen soll hier ein Vorschlag für Unterrichtseinsatz vorgestellt werden, der sich fachlich vor allem an dem von Markus Späth herausgegebenen Sammelband Die Bildlichkeit korporativer Siegel im Mittelalter (2009, Rezension bei h-soz-u-kult) orientiert.

Abbildungen von Siegeln finden sich zahlreich z.B. in den Wikimedia Commons, die aufgrund ihrer Lizensierung auch für den Unterricht weiter nutzbar sind. Hier vier Beispiele für Stadtsiegelbilder aus dem 13. und 14. Jahrhundert:

Kiel_Siegel 1365

Siegel der Stadt Kiel von 1365

Köln_Stadtsiegel 1268

Stadtsiegel Köln 1268

Leipzig_Stadtsiegel 13 Jhd

Stadtsiegel Leipzig 13. Jahrhundert

Coesfeld_-_großes_Stadtsiegel 1246

Großes Stadtsiegel von Coesfeld 1246

Besonders Stadtsiegel bieten sich für den Unterrichtseinsatz an. „Das Konzept einer juristischen Person als Trägerin von Rechten und Pflichten unabhängig von der sie konstitutierenden Personengruppe wurde erst im 12. Jahrhundert entwickelt.“ (Groten, in: Späth 2009, 68). Die Bilder korporativer Siegel der Städte sind abgesehen von religiösen Stiftungen „die erste Form visueller Gruppenrepräsentation“ (Spät 2009, 19). Daher unterlagen die neuen Stadtkommunen in ihrer institutionellen Selbstdarstellung keinen festen Darstellungs-konventionen, sondern mussten eigene Ausdrucksformen erst noch finden. Ihnen fehlte der oben fest zugewiesene Platz innerhalb der bestehenden Ständeordnung. Die Versuche, die eigene Identität nach außen darzustellen, bewegen sich zwischen der Abbildung des Eigenwahrnehmung und der Herstellung von Differenz zu anderen.

Dies könnte man nun z.B. in eine Doppelvertretungsstunde in der Mittelstufe aufnehmen. Voraussetzung sollten Grundkenntnisse über Herrschaft, Ständeordnung und Entstehung des Städte im Mittelalter sein. Die Schülerinnen und Schüler können zunächst aufgefordert werden, ein graphisches Zeichen für sich zu entwerfen. Einige Entwürfe werden vorgestellt. Ausgehend von der Frage, ob die Klassensprecher ihre Logos nutzen dürften, um die Klassen z.B. in der Schülerversammlung oder im Jahrbuch der Schule zu repräsentieren, wird die Idee einer gemeinsamen Gruppenrepräsentation entwickelt.

In Kleingruppen gestalten die Schülerinnen und Schüler für ihre Klasse nun ein „Logo“. Die Entwürfe werden wiederum kurz vorgestellt. Eventuell kann über die beste Idee auch abgestimmt werden. Anschließend wird gemeinsam überlegt, was allen Entwürfen miteinander verbindet, um daran festzumachen, dass sie Verbindendes für die Gruppe und Abgrenzendes zu anderen Gruppen beinhalten.

Davon ausgehend können mehrere Siegelbilder betrachtet werden. Darunter sollten Personen- und Städtesiegel sein. Eventuell bietet es sich an, die Siegelträger kurz auf einer Karte zu verorten. Die Schülerinnen und Schüler ordnen nun die Siegelbild den beiden Gruppen: Personen- bzw. Gruppensiegel zu. Im Vergleich mit ihren eigenen Gestaltungserfahrungen verstehen sie die Personensiegel Repräsentationen von Rang und Gruppenzugehörigkeit und erschließen sich das Selbstverständnis mittelalterlicher Stadtgemeinden als gemeinsam handelnde Korporationen. Die rechtliche Qualität von Siegeln im Vergleich zu heutigen Logos kann anschließend mit einem kurzen Text vertiefend erarbeitet werden.

Aufstieg der Zeitzeugen

Im Zusammenhang mit dem aktuellen Projekt im Geschichte Leistungskurs ist ein interessantes, von Martin Sabrow und Norbert Frei herausgegebenes Buch auf meinen Schreibtisch gelangt (siehe auch die Rezension bei h-soz-u-kult). In „Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945“ wird aus verschiedenen Perspektiven der Aufstieg, die Bedeutung und Kontroversität von Zeitzeugen dargestellt und diskutiert.

In seinem einführenden Beitrag schreibt Martin Sabrow über die „Geburt des Zeitzeugen“:

Es gibt Begriffe, die urplötzlich aus dem Nichts aufzutauchen scheinen, um dann binnen kürzester Zeit so selbstverständlich zum Kommunikationshaushalt zu gehören, dass sie ihre eigene Geschichte förmlich verschlucken und der Sprechgemeinschaft für überhistorisch, immer schon dagewesen und nicht wegzudenken gelten. (S. 13)

Als vorangehende Termini nennt er den Tat- und Augenzeuge, den Zeitgenossen und Miterlebenden. Mir schien es interessant diese Beobachtung an einem großen Textkorpus zu überprüfen. Nicht alle Begriffe führen in Googles Ngram Viewer zu Ergebnissen. Der Vergleich der vier folgenden Termini bestätigt die von Sabrow vorgetragene These. Besonders interessant ist das Auseinandergehen von Singular- und Pluralverwendung im Lauf des Aufstiegs der Zeitzeugenschaft und die folgende Dominanz der „Zeitzeugen“ gegenüber alternativen Termini.

Auffällig ist die kurze Welle für den „Zeitgenossen“ (im Plural ähnlich, der Übersichtlichkeit hier weggelassen) ab Mitte der 1930er bis Mitte der 1950er Jahre. Eine kursorische Durchsicht der gelisteten Titel bei Google Books ergab, dass die Kurse im wesentlichen in Historienwerken begründet liegt, die ihre Quellenbasis im Titel hervorheben und Personen oder Ereignisse aus der Perspektive ihrer „Zeitgenossen“ vorstellen. Es handelt sich also um das Zusammenstellen von schriftlichen (!) Äußerungen bereits verstorbener Personen.

Aufstieg der Zeitzeugen

Die älteste echte Belegstelle in Google Books ist das von der Friedrich-Ebert-Stiftung 1983 herausgegebene „Zeitzeugen des Widerstands: Demokratische Sozialisten gegen Hitler“. Alle älteren Fundstellen in Google Books sind, soweit ich das überblicke, Fehldatierungen oder von der Anwendung falsch gelesene Wörter. Sabrow nennt in seinem Beitrag noch zwei ältere Belege 1975 bei Hans Hellmut Kirst und 1977 bei Hagen Schulze, wobei der Sammelband der FES laut Sabrow der erste ist, der den Begriff in den Titel hebt.

Interessant ist übrigens der Vergleich mit anderen „Sprechgemeinschaften“. Einen direkten Vergleich erlaubt Google Ngram Viewer nicht, da nur einzelne Sprachkopora abgefragt werden können. Es zeigt sich, dass der englische Begriff einen deutlichen Höhepunkt bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebt hat und sich seitdem auf halben Niveau eingependelt hat. Interessanterweise ist in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg nur ein kleiner Anstieg zu vermerken, seit den 1960er Jahren sogar ein leichter, wenn auch kontinuierlicher Abstieg, der erst seit den 1990er Jahren durch einen entgegengesetzten Verlauf von Singular- und Pluralform abgefedert wird.

contemporary witness

Der entsprechende französische Begriff ist im Gegensatz zum Deutschen keine Neuschöpfung, erlebt aber einen vergleichbaren, zeitlich parallelen Aufstieg. Ebenso wie im Deutschen gehen Plural- und Singularverwendung zunehmend auseinander. Wesentlicher Unterschied ist, dass im französischen Sprachraum der Aufstieg des Begriffs weiterhin ungebrochen scheint.

temoindelepoque

Lob der Fleißigen und Bestrafung der Faulen

Instrumentalisierung von Bildung ist kein neues Phänomen. Ein ausgesprochen anschauliches Beispiel, das auch als außerschulischer Lernort geeignet bzw. das sich als Material auch für den Unterrichtseinsatz eignet, sind die Deckengemälde im Koblenzer Rathaus. Wobei sich vergleichbare Abbildungen auch an anderen Orten finden lassen.

Das Gebäude des heutigen Rathauses geht auf das alte Jesuitenkolleg zurück, das 1582 gegründet wurde. Aufgrund der Zerstörung im Pfälzischen Erbfolgekrieg war ein Neubau notwendig geworden, den im Auftrag des Kursfürsten ab 1694 begann. Im Treppenaufgang zur ehemaligen Aula im ersten Stock befinden sich aufwendige Stuckarbeiten und drei Freskodeckengemälde, die aus den Jahren 1699-1701 stammen.

Die beiden kleineren Gemälde außen zeigen:

die „Belohnung der Fleißigen“

Lob der Fleißigen

sowie die „Bestrafung der Faulen“

Bestrafung der Faulen

In der Mitte zwischen beiden Bildern und damit auch des gesamten Deckengewölbes findet sich das im Vergleich zu den beiden anderen ungefähr doppelt so große Gemälde mit dem Titel „Triumph des wahren Glaubens“ und zeigt das Ziel jesuitischer Bildungsbemühungen.

Triumph des wahren Glaubens

Die Gemälde bzw. der Ort eignen sich gut, um den Zusammenhang von Gegenreformation und Bildung aufzuzeigen. Vor Ort finden sich auch ausreichend Informationen, um die Gemälde zu entschlüsseln, so dass schnell Fragen entstehen und diskutiert werden können, wie z.B. nach der Gesamtaussage der drei Bildern im Zusammenhang mit dem Ort, an dem sie angebracht wurden.

Fundstück: Personalisierung, Differenzierung, Individualisierung

Barbara Bray und Kathleen McClaskey haben eine ebenso interessante wie hilfreiche tabellarische Übersicht zusammengestellt, die die grundlegendenen Unterschiede zwischen den Konzepten deutlich macht: (Binnen-) Differenzierung und Individualisierung sind lehrerzentriert. Sie gehen vom Gegenstand aus, der für alle gleich ist und von der Lehrkraft für die Gruppe bzw. die einzelnen Lernenden aufbereitet wird. „Personalized Learning“ hingegen geht vom Lernenden aus, der seinen Lernprozess selbst gestaltet und steuert, sich vernetzt und Verantwortung für das eigene Lernen übernimmt:

Hinweis: Webinar zur Erinnerungsbildung in der Migrationsgesellschaft

Unter dem Titel „Erinnerungsbildung in der Migrationsgesellschaft auf dem Hintergrund von Rassismus und Antisemitismus“ findet heute ein Web-Seminar mit Prof. Astrid Messerschmidt statt.

Die Migrationsgesellschaft bildet den allgemeinen Kontext, von dem aus Geschichte erinnert wird. Erinnerungsbildungsarbeit kann dazu beitragen, die NS-Geschichte nicht als Element nationaler Identität zu beanspruchen, sondern als Herausforderung, jede abstammungsbezogene Gemeinschaftsdefinition in Frage zu stellen.

Dieses Webinar bildet den Auftakt zu einer Reihe zum Themenbereich Diversity/ interkulturelles, historisches Lernen. Weitere Informationen zur Veranstaltung und zur notwendigen Technik: http://lernen-aus-der-geschichte.de/Online-Lernen/content/11252

Astrid Messerschmidt ist Professorin für Interkulturelle Pädagogik/Lebenslange Bildung an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Moderiert wird die Online-Fortbildung von Birgit Marzinka und Alexander König.

HEUTE: 17. Juni 2013 um 17.00 Uhr

Link zum Webinar: https://webconf.vc.dfn.de/erinnersbildung/

Notiz zu „Lerner-Typen“

Das Blog dient mir mal wieder als öffentlicher Zettelkasten mit in diesem zugegebenermaßen noch einem recht unausgereiften Gedanken. Vor einigen Wochen durfte ich zuhören, wie Rolf A. Müller die Kundentypisierung für einen Automobil-Konzern erläuterte. Die Kunden waren darin auf vier verschiedene Grundtypen anhand von zwei Variablen reduziert. Auch wenn ich mit den existierenden Lerntypen so meine Probleme habe (siehe z.B. den Beitrag von Looß), fand ich diese sehr einfache Klassifikation ansprechend und nachvollziehbar.

In der Folge habe ich überlegt, ob sich diese bewusst einfache Einteilung auch auf Lernen und den schulischen Kontext übertragen lässt. Das Zwischenergebnis meiner Überlegungen sieht folgendermaßen aus.

Lerner-TypenAls erfolgreicher Lerner ist damit in einem formalen Bildungskontext jemand definiert, der in der Lage und Willens ist, auch selbstbestimmt und selbstgesteuert zu lernen. Das scheint mir als Ergebnis etwas banal, aber das Schema kann mit seiner Veranschaulichung vielleicht doch auch etwas helfen.

Die Übergänge sind fließend gemeint und nicht so statisch wie die Kästen suggerieren, deshalb sind sie auch in hellem Grau gehalten. Die Typen bauen nicht aufeinander auf, sondern dienen der Diagnose, die im Idealfall deutlich macht, mit welchen unterschiedlichen Angeboten der Lernende unterstützt werden kann.

Um das an zwei Beispielen fest zu machen:

Einem eher effizienten Lerner, der die gestellten Aufgaben pro forma erfüllt und schnell erledigt, könnte man versuchen zu motivieren, ihm helfen, eine vermutilch fehlende persönliche Beziehung zum Lerngegenstand und damit Relevanz herzustellen, um so zu einer vertieften Auseinandersetzung anzuregen.

Mehr oder schwierigere Aufgaben hingegen würden in diesem Fall die bereits vorhandenen Kompetenzen eventuell weiter fördern, aber die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand würde weiterhin bei einer formalen oberflächlichen Bearbeitung verharren, die wenig oder keine Vernetzung der bearbeiteten Inhalte leistet.

Ein motivierter Lerner hingegen, der ineffizient arbeitet, also z.B. unstrukturiert oder zu viele Informationen sucht, diese schlecht verarbeitet etc., müsste eher im Bereich von Arbeitstechniken und Methoden unterstützt und gegebenenfalls angeleitet werden, um die anvisierten Ziele, ob nun selbst gesetzt oder durch die Institution vorgegeben, zu erreichen.

Daraus folgt, dass einem tendenziell überforderten Lernenden nicht mit ein bisschen Motivation geholfen ist. Hier sind komplexe Hilfsangebote notwendig.

Nicht erfasst wird von diesem Schema u.a. die mögliche positive wie negative Wechselwirkung zwischen Wollen und Können sowie der weite und wichtige Bereich des informellen Lernens.

Zeitzeugen: Methodik und Projektunterricht

sem@sSEM@S steht für Sharing European Memories at School: Die beteiligten Institutionen haben im Rahmen eines europäischen Projekts eine beispielhafte Unterrichtseinheit entwickelt, die methodisch Zeitzeugeninterviews und theoretisch erinnerungskulturelle Fragen, wie das Verhältnis von „Geschichte“ zu kommunikativem und kulturellem Gedächtnis, in den Mittelpunkt stellt. Daher eignet sich der Ansatz besonders für die Oberstufe.

Die vorgeschlagene Unterrichtsreihe besteht aus mehreren Modulen, die flexibel nach eigenen Bedürfnissen kombiniert werden können. Mit einem Leistungskurs arbeite ich gerade gemeinsam mit einer baskischen Partnerklasse nach diesem Modell vergleichend zu den 1950er und 1960er Jahren in Koblenz und San Sebastián/Donostia und möchte die Vorgehensweise und Vorschläge von Sem@s für die Unterrichtsgestaltung den mitlesenden Kollegen ausdrücklich ans Herz legen.

Durch Sem@s werden erprobte schöne, ebenso kreative wie motivierende Gestaltungsmöglichkeiten für den Geschichtsunterricht aufgezeigt, die die Zeitgeschichte und die Arbeit mit Zeitzeugen fokussieren und den Schülerinnen und Schülern individuelle Zugänge ermöglichen.

Auswertung der LdL-Reihe

Über die LdL-Unterrichtsreihe habe ich im Blog bereits mehrfach berichtet. Nicht alles ist gut und schon keineswegs ideal gelaufen. Hat es sich dennoch gelohnt? Meines Erachtens schon. Im Referendariat ist mir zwar noch erklärt worden, ich solle als Lehrer nicht so viel auf die Meinung der Schüler geben, aber das ist lange her und das sehe ich anders. Rückmeldungen zum Unterricht durch die Schüler sind bei mir fester Bestandteil eines Schuljahrs. Schüler sind Experten für Unterricht, die sehr genau beobachten, vergleichen und reflektiert differenzierte Urteile geben.

Wie sieht nun die Schülersicht von Achtklässlern auf diese für sie erste LdL-Reihe unter suboptimalen Bedingungen aus? Insgesamt sind die Rückmeldungen trotz allem recht positiv. Der Rückmeldebogen bestand aus ingesamt vier Feldern: Positives / Negatives / Nochmalige Durchführung von LdL / Sonstiges. Von den 28 anwesenden Schülerinnen und Schülern haben 24 klar mit „ja“ auf die Frage geantwortet, ob in er Klasse noch mal durch Lehren gelernt werden sollte. Die Begründungen der Lernenden betonen, dass die Stunden (wohl zumindest teilweise offensichtlich wider Erwarten) „gut geklappt“ haben, man „selbst gestalten“ und „vieles ausprobieren“ konnte. Der Unterricht sei abwechslungsreich gewesen, das gemeinsame Lernen habe Spaß gemacht und es wurde alles verstanden.

Auch wenn nur vier Schüler/innen mit „nein“ geantwortet haben, sind diese Antworten mindestens ebenso interessant, vielleicht für die weitere Arbeit sogar noch hilfreicher als die vielen positiven Rückmeldungen. Zudem finden sich auch auf den positiven Rückmeldebögen vereinzelt dieselben Punkt unter „Negatives“. Hier werden zu Recht Defizite genannt, an denen gemeinsam gearbeitet werden kann. Zunächst werden fast durchgängig die aus den Vertretungsstunden resultierenden Probleme genannt. Auffällig ist die wiederholte Nennung von „fehlendem Respekt“ gegenüber den unterrichtenden Schülern. Darüber hinaus fanden einige die Behandlung der Themen zu oberflächlich und trotz der vielen Möglichkeiten die Gestaltung der Stunden zu eintönig.

Das sind Dinge, die sich, auch wenn ich nicht alle Eindrücke teile, bei nochmaliger Durchführung besser machen lassen, zum Teil durch mich als begleitende Lehrkraft, zum Teil als gemeinsame Anstrengung. Dabei werden Kompetenzen erworben und eingeübt, die über das Fach hinausgehen. Da der Vorwurf der Oberflächlichkeit auch von Lehrkräften gegenüber der Methode erhoben wird, stelle ich hier den die Reihe abschließenden Test zum Download zur Verfügung. So kann sich jeder ein eigenes Bild machen, inwieweit dies einem vergleichbaren anspruchsvollen Unterricht in einer 8. Klasse entspricht oder nicht.