Web 2.0 als Herausforderung für die Geschichtswissenschaft

Bericht zu der Tagung „Web 2.0 und Geschichtswissenschaft. ‚Social Networking‘ als Herausforderung und Paradigma“ vom 9./10. Oktober 2009 an der Universität Siegen von Jan Pasternak auf h-soz-kult.

Siehe dazu auch die Beiträge auf dem weblog von histnet.

Digitale Werkzeuge für Einsteiger

Das Plädoyer von Thomas Spahn für eine fachdidaktische Perspektive aus dem letzten Newsletter des Webportals Lernen-aus-der-Geschichte möchte ich an dieser Stelle gerne aufgreifen. Spahn stellt fest, dass es weitgehend noch an „didaktische[n] und methodische[n] Konzepte[n]“ fehlt, digitale „Medien sinnvoll in ihrem Fachunterricht zu integrieren“.

Bestätigt wird dies auch in meiner Arbeit als regionaler Koordinator im Landesprogramm Medienkompetenz macht Schule. Selbst viele Kollegen, die die Medienarbeit an ihrer Schule voran bringen wollen, kennen auch  vermeintlich gängige Werkzeuge und Anwendungen nicht oder fragen sich nach allgemeinen Einführungen, wie sie diese sinnvoll in ihrem Fachunterricht einsetzen können.

In loser Folge möchte ich in den nächsten Wochen hier im Blog Ideen für den fachspezifischen Einsatz digitalen Medien zusammentragen und eigene Erfahrungen weitergeben, um so hoffentlich dem ein oder anderen Kollegen Anregungen für den Einstieg in die Arbeit mit diesen digitalen Werkzeugen zu geben.

Durchs Abi googlen?

Interessanter Artikel in der Süddeutschen vom Montag: In Dänemark werden nun allgemein Computer und Internetzugang bei den Abiturprüfungen zugelassen. Damit soll in den Schulen der Weg Richtung Gesellschaft beschritten werden: Nicht mehr auswendig gelerntes Wissen reproduzieren, sondern Informations- und Präsentationskompetenz sind gefragt. Ein kritisch, reflektierter Umgang mit den Informationsmöglichkeiten soll so eingeübt werden, so wie sie vermutlich in Studium und am Arbeitsplatz auch benötigt werden. Ob man hierzulande auch verstehen wird, dass das kein weniger an Lernen, sondern schlicht ein anderes Lernen ist?  Bin gespannt, ob der  europaweit einmalige Vorstoß Nachahmer finden wird… vorstellen kann ich mir das in Deutschland auf jeden Fall noch nicht. Es sind ja nicht nur die Prüfungen andere, auch der Unterricht muss dementsprechend angepasst werden: „Das Einordnen, Gewichten und Beurteilen von Informationen soll mehr ins Zentrum rücken.“ Auf jeden Fall mutig und spannend weiterzuverfolgen.

Übrigens mindestens ebenso interessant ist die Frage, wie sich die im Artikel angesprochenden Probleme mit den erweiterterten Mogelmöglichkeiten in den Griff bekommen lassen. Mit einer Mischung aus Vertrauen und Technik?  Die Worte des Profs aus Aalborg klingen nach einer sehr pragmatisch realistischen Haltung: Gepfuscht wird immer. Stimmt wohl… 😉

Urheberrecht im Geschichtsunterricht – Vorschlag für eine Vertretungsstunde

Der Deutsche Bund habe Goethe „für die intendierte neue Ausgabe seiner Werke ein Privilegium erteilt, daß kein Buchhändler in Deutschland wagen darf, sie je nachzudrucken. Dies regt ihn nun [an], die Redaktion der neuen Ausgabe rasch zu betreiben und mich wieder um meine tätige Hülfe zu ersuchen.“  So schreibt Eckermann am 27. März 1825 an seine Verlobte Johanna Bertram.

Goethe erhielt als erster ein solch umfassendes Privileg, nachdem er sich 75jährig im Januar 1825 mit einer Bittschrift an die Deutsche Bundesversammlung sowie an die Regierungen Österreichs, der Schweiz, Holland und Dänemark gewandt hatte, um jenen Schutz zu erwirken. Goethe bekam nach und nach begrenzte Zusicherungen, eine allgemeine Regelung folgte für den Deutschen Bund 1837.

Klaus Seehafer bewertet diesen Vorgang in seiner Goethe-Biographie (³2004, S. 437) überaus positiv:  „Eine solches Privileg stellt etwas ganz Neues dar und bedeutet einen ungeheuren Fortschritt in der deutschen Verlagsgeschichte. Goethe gelingt es damit als erstem Autor, sich mit Erfolg gegen Raubdruck zur Wehr zu setzen.“

Das Ersuchen Goethes führte zu einem grundlegenden Wandel des Urheberrechts, das heute in einer breiten gesellschaftlichen Debatte in Frage gestellt wird. Neben der hohen Aktualität besitzt das Thema einen wichtigen Bezug zur Lebenswelt der Schüler, die durch die Möglichkeiten der digitalen Medien täglich mit Fragen des Urheberrechts konfrontiert sind (bei der Verwendung von Fotos, Textzitaten, dem Kopieren von Musik, Filmen und Spielen, um nur einige Beispiele zu nennen).

Durch die Thematisierung des Urheberrechts im Geschichtsunterricht erkennen die Schüler dieses als historisch gewachsene Regelung, die auch Wandlungen unterworfen ist. Der Bittbrief Goethes an die Bundesversammlung vom Januar 1825 (word.doc) eignet sich als Quelle gut für den Unterricht, da an ihm das Vor- und Nachher gut aufgezeigt werden können. Ggf. kann auch versucht werden, das Vorwissen der Schüler zur Geschichte des Buchdrucks zu aktivieren und im Zusammenhang mit Goethes Ausführungen zu klären, welchen Wandlungen der Buchdruck überhaupt erst eingeleitet hat. So wäre auch die Integration des hier vorgestellten Quellenausschnitts in eine längere  Unterrichtseinheit zum Buchwesen vom Skriptorium der Mönche über das frühe Druckwesen bis zur digitalen Publikation im Internet denkbar. Voraussetzung für den Einsatz der vorliegenden Quelle ist die vorangehende Behandlung des Deutschen Bundes im Unterricht.

Als Einstieg lässt sich ein aktueller Artikel zum Thema aus der Tagespresse entnehmen. Alternativ kann auch das Vorwissen der Schüler über die geltenden Urheberrechtsbestimmungen in bezug auf Musik, Computerspiele o.ä. stehen.

An die anschließende Quellenlektüren schließen sich zunächst Fragen zur Klärung des Textverständnisses sowie ggf. Nachfragen der Schüler zum Verständnis einzelner Wörter an. Die Schüler arbeiten aus dem Text Goethes heraus, wie die Situation des Urheberrechts zum Zeitpunkt des Schreibens ist und welche Forderung er erhebt.

In arbeitsteiliger Gruppenarbeit stellen die Schüler nun mit Bezug zum vorliegenden Quellentext die Vor- und Nachteile der Regelungen für Autoren, Herausgeber und evtl. auch für die Leser gegenüber. Damit werden neben dem historischen Wandel auch die unterschiedlichen Interessen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in diesem Zusammenhang deutlich. Die Ergebnisse werden vorgetragen und miteinander verglichen.

In einer abschließenden Diskussion kann in Rückkopplung an den Einstieg erneut thematisiert und hinterfragt werden, ob die gesammelten Vor- und Nachteile heute noch in gleicher Weise gelten oder Veränderungen stattgefunden haben, die eine Überarbeitung des rechtlichen Rahmens notwendig machen. Als Redenanlass kann auch folgendes Zitat projiziert werden, zu dem die Schüler kritisch Stellung nehmen:

Als Goethe im Oktober 1825 ein entsprechendes Privileg des österreichischen Kaisers erhielt, bezeichnete er dieses dem Großherzog Carl August gegenüber als „das wunderbarste Dokument, das die Literaturgeschichte aufzuweisen hat“.

Weitere Informationen und gute Überblicke zur Geschichte des Urheberrechts finden sich auf artnet und bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

PS. Dank an Sebastian Dorok für den Hinweis: Materialien für den Unterricht zum Thema Urheberrecht gibts auf folgender Seite aus Österreicht: Ideen sind etwas wert.

PPS. Wichtiger Hinweis von Matthias Spielkamp von iRights.info (siehe auch den ausführlichen Kommentar), die auch Materialien zum Thema für den Schulunterricht zusammengestellt haben.

Lesetipp Newsletter: Lernen aus der Geschichte

Der aktuelle Newsletter des Portals Lernen-aus-der-Geschichte widmet sich in seiner heutigen Ausgabe dem Schwerpunkt: Lernen mit digitalen Medien (pdf).

U.a. enthält der Newsletter einen lesenswerten Überblick von Thomas Spahn zu „Schule digital, Geschichtsunterricht digital? Ein Plädoyer für eine fachdidaktische Perspektive“, ein Debattenbeitrag zu „Erinnerungskulturen online“ von Dörte Hein sowie ein Hinweis zur „Arbeit mit Videointerviews in der Schule“ aus dem Projekt „Zeugen der Shoah“ in Berlin und Brandenburg.

An dieser Stelle dann auch gleich ein Dankeschön an die Redakteure für den sehr wohlwollenden Hinweis auf diesen Blog 😉

Ein wiki als interaktives Geschichtsbuch

Wiederum der Verweis auf ein Projekt von Alexander König, das er kurz in seinem Blog vorstellt: absolut lesenswert und spannender Ansatz. Ich bin gespannt auf die Fortführung. Vielleicht ließe sich das wiki auch durch Beiträge von Oberstufenkursen erweitern und ergänzen.

Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgt übrigens das in den kommenden Wochen (der Start wurde leider mehrfach verschoben) startende Projekt classroom4.eu [Seite existiert nicht mehr], das hier im Blog auch schon ausführlicher vorgestellt wurde. Aus einem kultur- bzw. zivilisationsgeschichtlichen Ansatz werden dort Schüler der Sekundarstufe II europaweit ihre regionale Geschichte erforschen und ihre Ergebnisse online publizieren. Sollte das Projekt erfolgreich sein, könnte auch hier in Form eines wikis ein Ansatz für ein interaktives Geschichtsbuch zur europäischen Kulturgeschichte entstehen, das in den kommenden Jahren gepflegt und ausgebaut werden könnte.

Symbolische Kommunikation: Königsherrschaft

Während in der historischen Forschung das Thema der symbolischen Kommunikation seit Jahren bearbeitet wird und auch an anderer Stelle in diesem Blog bereits thematisiert wurde, hat es bisher kaum Umsetzung im  schulischen Geschichtsunterricht gefunden. Gespannt darf man sein auf das angekündigte Heft von Geschichte lernen zu dem Thema „Herrschaft im Mittelalter“ in einer der nächsten Ausgaben.

Aufgrund der Komplexität des Ausgangstextes scheint der folgende Unterrichtsentwurf, den ich hier zur Diskussion stellen möchte, nur für die Oberstufe geeignet. Ich freue mich über Rückmeldungen und Verbesserungsvorschläge.

Der Schwerpunkt dieses Unterrichtsvorschlags liegt auf der Königsherrschaft im Mittelalter. Der Einstieg kann über ein Bild einer Königsdarstellung oder das weiterhin in Büchern weit verbreitete Schema der „Lehnspyramide“ erfolgen, das im Anschluss an diese Einheit kritisch diskutiert werden kann. Möglicherweise erstellen die Schüler in anderer Form eine eigene graphische Umsetzung von mittelalterlicher Herrschaftsstrukturen.

Im Mittelpunkt steht ein Text von Gerd Althoff zu  Strukturellen Eigenheiten ottonischer Königsherrschaft, der den Wandel von der karolinigischen zur ottonischen Königsherrschaft aufzeigt. In einem Tafelbild werden die Unterschiede gesichert und gegenübergestellt. Wichtig ist dabei herauszuarbeiten, dass es sich bei den Mechanismen der ottonischen Königsherrschaft um in sich logische und der veränderten Situation  im Verhältnis von Königtum und Großen des Reiches angemessene Maßnahmen handelt.

Vertiefend können dann weitere Formen symbolischer Kommunikation anhand zweier Quellenausschnitte zur Königswahl Konrads II. und der Belagerung von Tivoli durch Otto III. stehen. Vorschläge für Arbeitsaufträge finden sich jeweils unter den Texten.

Ein alternativer Einstieg kann über die Abfrage der Schülervorstellungen zur Königsherrschaft erfolgen, die sich in der Regel auch noch in Oberstufe wie folgt zusammenfassen lassen: „Der König sitzt auf seinem Thron und erteilt Befehle. Die Leute machen, was er sagt.“ Die Schüler verfügen zumeist über ein statisches, durch Märchen, Legenden und Spielfilme bestimmtes Bild von königlicher Herrschaft. Durch die oben beschriebene Unterrichtseinheit lässt sich ein conceptual change anregen, indem der Wandel von der Herrschaft der Karolinger zu den Ottonen analysiert wird und ansatzweise der Spielraum königlicher Herrschaft im hohen Mittelalter mit Mitspielern, Gegnern und Grenzen, einige der Spielregeln sowie deren Umsetzung in symbolische Formen aufgezeigt werden.

Erst das Überdenken ihrer Alltagsvorstellungen zur mittelalterlichen Königsherrschaft ermöglicht es Schüler in der Folge das Besondere am Versuch des „Absolutismus“, die Macht in den Händen des Königs zu bündeln, zu verstehen. Für die meisten Schülern scheint dies nichts Neues und bleibt ihnen unverständlich,  da ein König in ihren Vorstellungen ja eh schon schrankenlose Befugnisse besitzt. Übrigens gilt dies auch für Widerstände gegen und Grenzen dieses königlichen Zentralismus ebenso wie die Kritik an dem Begriff des „Absolutismus“, diese  können eigentlich nur dann angemessen verstanden werden, wenn adäquate Konzepte zur Königsherrschaft im Mittelalter vorhanden sind, da die Konflikte der Zentralmacht in der Frühen Neuzeit mit „alten“ Einrichtungen, Rechten bzw. Freiheiten ausgefochten werden, die aber im Unterricht zuvor selten thematisiert wurden.

Chats and videoconferencing in classroom

Here is a presentation from the European eTwinning Workshop in Bonn last weekend about the „Pedagogical use of chats and videoconferencing in classroom“:

For more information on the eTwinning Professional Development Workshop in Bonn click here.