Zeitzeugen im Geschichtsunterricht

In Vorbereitung für einen Workshop zum Thema habe ich ein wenig in der Literatur gestöbert und bin überrascht. Zeitzeugen als Teil der Geschichtskultur und des Geschichtsunterrichts sind heute einigermaßen selbstverständlich. Auch wenn selbst organisierte Zeitzeugeninterviews im Unterricht aufgrund des organisatorischen und zeitlichen Aufwands bei geringer Stundenzahl des Fachs wohl eher ein Nischendasein führen, sind sie auf Ebene der Schulen etabliert und es gibt mittlerweile zahlreiche Anlaufstellen, die die Vermittlung von Zeitzeugen unterstützen.

Was mich nun zunächst überrascht hat, wie relativ jung das Phänomen doch noch ist.

So findet sich im Handbuch Geschichtsdidaktik in der 5. Auflage von 1997 weder ein eigener Eintrag noch ein Schlagwort zu Zeitzeugen/-gespräch/-interview. Im Bereich „Geschichte als Wissenschaft“ findet sich allerdings ein Beitrag zu „Oral history“, die hier noch ganz grundlegend als umstrittene geschichtswissenschaftliche Methode erklärt und gerechtfertigt wird. Die Hinweise für den Unterrichtseinsatz beschränken sich auf wenige Sätze, die allerdings sicherlich auch weiterhin ihre Gültigkeit besitzen, wenn sie vor der Gefahr der unkritischen Identifikation warnen.

In verschiedenen Beiträgen wird auf die „Schrittmacherfunktion“ (Kaminsky) des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten für die Verbreitung der Methode Zeitzeugenbefragung im schulischen Bereich hingewiesen. So kann Henke-Bockschatz im Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht bereits darauf verweisen, dass „für den Bereich des Geschichtsunterrichts […] immer mehr Lehrpläne, Schulbücher und didaktische Handreichungen dazu [ermuntern], gemeinsam mit Schülern das Gespräch mit Zeitzeugen zu suchen.“ Das gilt weiterhin und wird durch die mediale Inszenierung von Zeitzeugen, vor allem durch das Fernsehen, weiter unterstützt und verstärkt.

Bemerkenswert finde ich, und das war der zweite Überraschungsmoment, die durchgängig doppelte Zuordnung von Zeitzeugengesprächen als Medium und Methode. Hier wäre meines Erachtens eine Präzisierung notwendig und auch hilfreich. Sauer ordnet in seiner Einführung Geschichte unterrichten Zeitzeugenaussagen“ den Medien zu. Hinzuzufügen wäre, dass sie in unterschiedlicher medialer Form vorliegen: mündlich (evtl., aber nicht zwingend mit Präsenz des Zeitzeugen, denkbar ist ja z.B. auch ein Gespräch über skype), verschriftlicht, als Audio- oder Videoaufzeichnung. Jede diese Form bringt eigene Spezifika mit sich, die für ihren Einsatz im Unterricht sowie für die Auseinandersetzung der Schüler mit ihnen zu berücksichtigen sind. Darüber hinaus ist zu unterscheiden, ob das Interview vollständig oder nur in Auszügen vorliegt.

Die eigene Zeitzeugenbefragung mit entsprechender Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung ist dann hingegen eindeutig als Methode historischen Lernens und Forschens zu identifizieren.

Shoah-Überlebender erzählt seine Geschichte über Twitter

Boruch Szlezinger wurde 1925 geboren. Er hat den Holocaust überlebt und sich vor acht Tagen einen Twitter-Account zugelegt (@BSzlezinger). Er lebt in Frankreich und schreibt auf Französisch. Eigentlich schreibt er nicht selbst: Laut dem ersten Tweet vom 21. März hat sein Enkel für ihn das Konto angelegt hat und schreibt für ihn. Szlezinger möchte seine Geschichte erzählen und den Zugang zur Erinnnerung vereinfachen („Compte créé dans le but de faciliter la transmission de la mémoire de la Shoah.“). In der Twitter-Bio ist nur ein Artikel zur englischen Wikipedia verlinkt, der dort jedoch wegen mangelnder Relevanz gelöscht wurde (siehe die Diskussion hier). Ebenso in der französischen Version.

via Lyonel Kaufmann

https://twitter.com/BSzlezinger/status/185457837407862784

Kritik am Projekt „Gedächtnis der Nation“

Deutschlandradio Kultur hat ein lesens-/hörenswertes Interview mit Norbert Frei geführt, der sich sehr kritisch zu einigen Aspekten des Projekts äußert, die zum Teil auch bereits bei Google+ diskutiert wurden:

„Die Frage ist, ob es dieses Projekt in der Form, in der es konzipiert ist, wirklich tun kann, denn es kann ja nicht nur darum gehen, gewissermaßen Rohmaterial für künftige Fernsehdokumentationen zusammenzu…, ich würde sagen, zusammenzuklauben, sondern es muss eigentlich – gerade auch mit diesem Titel und mit diesem Anspruch, der dahinter formuliert ist – um etwas mehr noch gehen. […]

Es bedarf der Einordnung und vor allem: Geschichte und Geschichtsschreibung und Geschichtsbewusstsein geht nicht im Abruf von Erinnerungen auf. Das ist ein wirklich zentraler Einwand, den man hier immer wieder in Erinnerung rufen muss. Das heißt nicht, dass man solche Unternehmungen nicht machen soll, aber man muss doch, glaube ich, etwas komplizierter die Dinge angehen und etwas subtiler dann am Ende auch damit umgehen, denn ansonsten tut man auch den Menschen, die sich da einfinden in diesem Bus, keinen Gefallen. Die werden dann am Ende für bestimmte Zwecke, mediale Zwecke vielleicht sogar instrumentalisiert: Man schaut, was passt, von dem, was die Leute sagen, und das sucht man dann heraus.  […]

Hier scheint es mir eher so zu sein, dass – und dafür spricht ja auch schon so ein bisschen dieser Begriff „Gedächtnis der Nation“ – … Auch das ist ja etwas, wo man fragen kann, warum eigentlich „der Nation“, welcher Container ist es da, der hier gefüllt oder abgerufen werden soll, warum nicht „Geschichte der Deutschen“, und was ist dann mit den Deutschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund? Also das sind ja alles ungelöste Fragen.“

Vielen Dank an Michael Schmalenstroer für den Hinweis auf das Interview!

Es lohnt sich auch einen Blick in die „Datenschutz“-Bestimmungen, vor allem auf den Bereich „Rechteeinräumung“ zu werfen (siehe dazu auch die Diskussion auf Google+).

Für die schulische Arbeit ist das Portal zumindest als „Mitmach“-Projekt eher nicht geeignet.  Andere Portale  scheinen mir für die Veröffentlichung von aufgezeichneten Zeitzeugengesprächen aus dem schulischen Kontext besser.

„Ihre Geschichte im Mitmachkanal auf YouTube!“ ?

Das medial gerade sehr präsente „Gedächtnis der Nation“ –  Projekt lädt ein, dass jeder seine Geschichte(n) auf Youtube einstellt:

„Es sieht einfach aus, ist es auch – wenn Sie unsere Hinweise beachten. Hier erfahren Sie, wie Sie Ihr eigenes Zeitzeugen-Video erstellen können. Dieses Video wird dann anschließend auf unserem Mitmachkanal auf YouTube präsentiert.“

Ein paar Gedanken und eine kleine Diskussion dazu auf Google+.

Hier geht’s zum „Mitmachkanal auf Youtube„, der zum Start des Portals nicht ein einziges Zeitzeugenvideo aufweist…

Zeitzeugenarchiv des 20. Jahrhunderts

Unsere Geschichte – das Zeitzeugenarchiv des 20. Jahrhunderts ist ein gemeinsames Projekt von ZDF, Stern und dem Institut für Mediengestaltung der Fachhochschule Mainz.

Auf den Portalseitenseiten des Projekts heißt es dazu:

„‚Unsere Geschichte‘ ist ein einmaliges Archiv von Zeitzeugenberichten zu verschiedensten gesellschaftlichen, historischen und politischen Ereignissen des gesamten 20. Jahrhunderts. Hier finden Sie Berichte von denjenigen, die dabei gewesen sind.

Im Zeitraum von 1998 bis 2003 wurden im ZDF ‚Jahrhundertbus‘ mehr als 5.000 Interviews mit Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts dokumentiert. Diese einmalige Sammlung soll in den kommenden Jahren „Schritt für Schritt“ über das Internetportal „Unsere Geschichte“ der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Das Institut für Mediengestaltung der Fachhochschule Mainz übernahm im 2007 unter Leitung von Prof. Tjark Ihmels als Kooperationspartner die komplexen Arbeitsbereiche Konzeption, Digitalisierung, Datenanalyse, Informationsarchitektur, Datenverwaltung, Speicherung, Navigation und Interfacedesign für die Entwicklung und Realisierung einer Online-Video-Datenbank.

Das Projekt wurde gefördert durch das „Ministerium des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz“

Wie bildet sich die kollektive Erinnerung an historische Ereignisse ab? Zur Bearbeitung dieser zentralen und spannenden Frage der neuzeitlichen Geschichtsforschung ensteht am Institut für Mediengestaltung in Kooperation mit dem Verein ‚Augen der Geschichte e.V.‘ ein Online-Archiv. Dies stellt zukünftig ca. 5000 Stunden vorhandenes Interviewmaterial als Film und Text zur Verfügung. Weitere Zeitzeugenberichte sollen hinzukommen.“

Bis zum offiziellen Start des Portals sind die Videos nur passwortgeschützt zugänglich. Einen kurzer Bericht über das Projekt findet sich auch in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau.

So großartig und spannend die einzelnen Projekte sind (Lehrer haben ja immer etwas zu meckern ;)), mittlerweile gibt es doch einige Zeitzeugenportale online. Es wäre ja sinnvoll und wünschenswert, wenn die Videos der Zeitzeugenarchive auch breit im Geschichtsunterricht genutzt würden. Für die Nutzung in der Schule wäre es hilfreich, wenn die Videos der einzelnen Portale nicht nur innerhalb des jeweiligen Portals, sondern auch über eine Metasuche gefunden werden könnten. Eine Alternative wären Angeboten von Vorstrukturierungen der Materialauswahl durch Vorschläge für Unterrichtseinheiten … kaum eine Lehrkraft wird es leisten können, die verschiedenen Portale nach geeignetem Material zu durchforsten und dieses für den Unterricht bzw. für die weitere Bearbeitung durch Schüler (vor-) auszuwählen.

Zeitzeugenbüro

Zur SED-Diktatur und deutschen Teilungsgeschichte von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Initiative ist heute zwei Jahre alt. Ich kannte sie noch nicht. Für Rheinland-Pfalz gibt es zwei Zeitzeugen, die man in die Schule einladen kann. (Hier sei auch noch einmal auf die rheinland-pfälzische Koordinierungsstelle für Zeitzeugengespräche im Unterricht hingewiesen.) Darüber hinaus finden sich auf den Seiten des Zeitzeugenbüros auch Unterrichtsmaterialien zum Thema.

1989/1990

Hier der Hinweis auf einige Portale, die gutes Unterrichtsmaterial für die Jahre 1989/1990 bieten. Ergänzend sei auch noch auf die an anderer Stelle verlinkten Zeitzeugenportale verwiesen:

Wir waren so frei ist ist ein Internetarchiv mit privaten Filmen und Fotos aus den Jahren 1989 und 1990 aus Deutschland. Es werden auch noch weitere Dokumente gesucht, wer mag kann also seine eigenen Bilder beisteuern.

Einen schönen Perspektivwechsel ermöglicht das folgende Webportal:

1989-1990 Wendezeiten ist ein Angebot des Deutschen Rundfunkarchivs mit Tönen, Bildern und Filmen aus dem DDR-Fernsehen.

Jugendopposition in der DDR bietet neben einem umfangreichen Zeitzeugenarchiv, Bilder, Dokumente und Unterichtsmaterial von 1950 bis 1989.