Arbeiterbewegung und Erster Weltkrieg – Teil 4: Länderübergreifende Kontakte und interne Parteientwicklung im Krieg

Auch während des weiteren Kriegsverlaufs riss die Kommunikation zwischen den Arbeiterparteien in Europa, auch über die Grenzen der kriegsführenden Länder hinaus, nie ganz ab. Einige Wochen nach Kriegsausbruch reisten führende Sozialdemokraten in verschiedene Länder, darunter die Niederlande, Schweden, die Schweiz und Italien, mit der Intention die Position der Partei, aber auch Deutschlands zum Kriegsausbruch aus ihrer eigenen Perspektive darzustellen und gegen vermeintlich falsche alliierte Propaganda und Deutschfeindlichkeit bei den Neutralen richtig zu stellen. Konkreter Anlass für die Reisen war eine sehr emotional vorgetragene heftige Kritik des niederländischen Parteivorsitzenden am deutschen Überfall auf Belgien und am Bruch der belgischen Neutralität gewesen.

Die SPD-Gesandten verlangten von den Genossen in den neutralen Ländern die Zusicherung „voller Neutralität und Unparteilichkeit“. Man kann hier mit einen Versuch massiver Beeinflussung im Zeichen des Burgfriedens sehen, der deutschen Kriegsführung durch die Kontakte der Partei im außenpolitischen Bereich zu helfen. Dagegen versuchte die Linke in der Partei durch Besuchsreisen und Informationsaustausch ein gewissen Gegengewicht zu bilden. Die SPD-Führung unterschätzte dabei die Selbständigkeit und das Selbstverständnis der kleineren neutralen Parteien, deren Gefühl der moralischen Überlegenheit und einer besondere Mission ihre Haltung erheblich gestärkt hatte.

Bei seinem Aufenthalt im September 1914 in Belgien hatte der SPD-Mann Noske Kontakt zu Parteiführung der Arbeiterpartei (POB) in Brüssel aufgenommen und erklärt, dass ihm eine Zusammenarbeit der POB mit den Deutschen nicht missfallen würde. Mit Hilfe des POB könne der deutsche Staat in Belgien die fortschrittliche deutsche Sozialgesetzgebung einführen. Außerdem könne der POB so die Versorgung der sozialistischen Kooperativen sichern. Noske erhielt einen Rausschmiss, den man kaum noch als freundlich bezeichnen kann. Die Antwort der belgischen Genossen verwies darauf, dass eine Verbesserung der sozialen Gesetzgebung wohl kaum Sinn hätte, so lange rund 80% der belgischen Arbeiter ohne Arbeit wären.

Vor allem Flandern befand sich fast vollständig unter Militärkontrolle. Dies führte zu einer Isolation sowohl der Parteigliederungen im besetzten Teil des Landes als auch der Regierung, die nach Le Havre in Frankreich geflohen war. Eine Sonderentwicklung nahmen die Genter Sozialisten unter Edward Anseele, der nach Verhaftung des Genter Bürgermeisters Braun diesen ersetzte. Die Genter Parteigliederung war die einzige, die während des Krieges alles Aktivitäten entfalten konnte. Ihre Zeitung „De Vooruit“ war eine der wenigen gedruckten Zeitungen im besetzten Belgien, wenn auch unter deutscher Zensur. Der Krieg führte in Belgien nichtsdestotrotz zu einer weitgehenden Unterbrechung der Verbindung zwischen Partei und Basis. Hier liegt ein Unterschied zu anderen sozialistischen Parteien, die auf zunehmenden Druck pazifistischer Bewegungen, auch innerhalb der eigenen Partei, reagieren mussten.

Eine weitere Erklärung für die über den Krieg hinaus dauernde unversöhnlich Haltung der belgischen Sozialisten gegenüber Deutschland lag in Deportation zur Zwangsarbeit von belgischen Arbeitern nach Deutschland. Seit Herbst 1916 begannen die Deutschen belgische Arbeitskräfte nach Deutschland zu deportieren: Dies löste Sturm des Protests in allen neutralen Staaten aus. Die belgischen Sozialisten versuchten die Solidarität ihrer internationalen Schwesterparteien zu mobilisieren: Am 19. November 1916 erschien ein Aufruf der Arbeiter im besetzten Belgien an die „Arbeiter der zivilisierten Welt“. Dieser Aufruf endet mit der Frage an die Arbeiter, ob sie dem Unrecht weiterhin tatenlos zu sehen wollten? Auch der Bund Belgischer Arbeiter in den Niederlanden Holland sandte einen Protestaufruf an die Internationale. Die deutsche SPD erklärte sich zwar gegen die Deportationen und die Zwangsarbeit, aber im Kern scheute sie sich vor der öffentlicher Kritik an Maßnahmen, die von OHL und Regierung als kriegsnotwendig gerechtfertigt wurden. Erst im Dezember folgte eine Reaktion auf den öffentlichen Protest: Ebert und Scheidemann wurden erneut nach Den Haag entsandt, wo sie mit der Führung der niederländischen Sozialisten zusammentrafen. Diese legten Belege vor und die SPD-Vertreter versprachen ihr Bestes zu tun, um den Zwangsmaßnahmen ein Ende zu setzen. Das Resümee der Sitzung findet sich in offenem Brief an Vandervelde, deren erster Teil noch in Gegenwart von Ebert und Scheidemann abgefasst war: Die SPD erklärte sich für die Wiederherstellung der belgischen Unabhängigkeit und gegen Deportationen.

Nach Rückkehr nach Deutschland gab es massive Kritik an den Inhalten des Briefs, woraufhin Scheidemann die dort getroffenen Aussagen wieder einschränkte: Die SPD sei bestrebt, alles zu unterlassen, was dem Ansehen der Deutschen Nation im Ausland schaden könnte. Diese Lavieren der deutschen Sozialdemokraten schuf eine unangenehme Situation für alle Sozialisten, die mit den deutschen Genossen zusammenarbeiten wollten, um durch gemeinsame Anstrengungen der internationalen Arbeiterbewegung Veränderungen zu erreichen. Die SPD beförderte sich international selbst ins Abseits, da sie zeigte, dass aufgrund ihrer Loyalität zur deutschen Kriegspolitik eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit ihr nicht möglich war.

Allerdings kam es nach einer Reise Robert Bauers im Januar 1917 nach Belgien doch noch zu einem Protest der Generalkommission der deutschen Gewerkschaften bei Kanzler Bethmann Hollweg sowie bei der OHL. Am 3. März traten dann auch Noske, David und Scheidemann im Hauptausschuss des Reichstags gegen die deutsche Flamenpolitik und die Deportationen auf, letztere waren aber schon im Februar eingestellt worden.

Arbeiterbewegung und Erster Weltkrieg – Teil 3: Blick in die neutralen Niederlande

[Teil 1]                                              [Teil 2]

Im dritten Teil geht der Blick zur Arbeiterbewegung in den Niederlanden. Dies ist im Hinblick auf den schulischen Geschichtsunterricht sicher ein randständiges Thema, trägt aber gerade im Vergleich mit den belgischen, deutschen oder auch französischen Sozialisten zu einem vertieften Verständnis bei. Trotz der Unterschiede der starken Versäulung (verzuiling) der niederländischen Gesellschaft und der formellen Abspaltung des linken Parteiflügels bereits 1909 wies die Ausgangssituation am Beginn des Kriegs für die niederländischen Sozialisten sowohl Ähnlichkeiten mit der deutschen Sozialdemokratie wie mit der Lage in Belgien auf.

Ähnlich wie in Deutschland erzielten die niederländischen Sozialisten in der letzten Wahl vor dem Krieg einen entscheidenen Erfolg. Sie konnten ihre Sitze im Parlament mehr als verdoppeln. Ähnlich wie in Belgien war das Land mit dem Unterschied nicht im Zentrum der deutschen Überlegungen rund um den sogenannten ¨Schlieffen-Plan¨ zu stehen. Zum Schutz der Neutralität stimmten die niederländischen Sozialisten einerseits auch für Mobilisierungskredite, andererseits waren wie die Sozialisten in anderen neutralen Ländern auch bestrebt, ihre Regierungen zu Friedensvermittlung zu drängen. Von der SDAP wurde bereits am 3.8. entsprechender Antrag in Parlament eingebracht. In dieser Forderung trafen sich die niederländischen Sozialisten mit der bürgerlichen Antikriegsbewegung (NAOR).

Am 5.8. erschien ein Artikel in der Zeitung ¨Het Volk¨, in dem erklärt wurde, dass die deutsche Regierung unter dem Vorwand, dass Deutschland von Russland bedroht werde, einen Angriffskrieg gegen Frankreich, Belgien und Luxemburg eröffnet habe. Dass die SPD dies durch die Kreditbewilligung decke und nicht einmal gegen den Einmarsch in Belgien und Luxemburg Protest erhebe, sei unbegreiflich.

Damit verbreitete sich auch in den Niederlanden die Interpretation eines deutschen Angriffskrieges, was in der Folge bedeutete, dass die SPD mit ihrer Zustimmung gegen Grundsätze des Sozialismus und der 2. Internationale verstieß, die nur eine Verteidigung erlaubt hätten. Die Konsequenz der niederländischen Sozialisten war eine Unterstützung der Landesverteidigung und der Außenpolitik der Regierung:

Damit einher ging eine Bejahung des Nationalismus, die verbunden war mit der Hoffnung auf die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, dem Hauptziel der Partei aus der Vorkriegszeit.

Der Fraktionsvorsitzende Pieter Jelles Troelstra warnte im Herbst 1914 nachdrücklich vor „verfrühten“ (Teil-) Konferenzen der Sozialistischen Internationalen. Zunächst müsse eine Reorganisation des ISB erfolgen, das Vertrauen zwischen den sozialistischen Parteien der verschiedenen Länder wiederhergestellt werden und erst dann könne die sozialistische Diskussion über Friedensbedingungen beginnen. Die Internationale habe sich vom Krieg, dürfe sich aber jetzt nicht mehr vom Frieden überraschen lassen. Man müsse den Frieden aktiv mitgestalten. Darin sah Troelstra eine doppelte Chance, nämlich sowohl die äußere wie auch die innere Ordnung der Staaten für Nachkriegszeit zu gestalten.

Im Oktober erfolgte die Gründung des nationalen Antikriegs-Rats (Anti-Oorlogs Raad), der sich selbst als bürgerliche Bewegung sah, gegründet aus der Einsicht, dass Friedensbewegung in den Niederlanden zu stark versäult erschien, um effektiv arbeiten zu können. Seine Aufgaben definierte der Rat, damit die Ursachen des Krieges zu studieren und Mittel zur Beendigung des Krieges zu finden. Darüber hinaus sollten Reformen auf nationaler und internationaler Ebene zur Vermeidung zukünftiger Kriege angedacht werden. Einladung zur Teilnahme ging auch an die Leitung der SDAP, die sich daraufhin offiziell an der Arbeit des Rates beteiligte. Diese Beteiligung war allerdings umstritten: Während die Parteiführung Überlegungen anstellte, wie man die Massen für die Idee des Rates begeistern könnte, gab es innerhalb der Partei zugleich massive Kritik am gemäßigten Kurs des NAOR.

Fortsetzung: Teil 4

App in die Geschichte

In Kooperation mit der Internationalen Akademie für Innovative Pädagogik (INA) gGmbH an der FU in Berlin haben wir in den letzten, sehr arbeitsintensiven Monaten das Konzept einer speziellen App für den Geschichtsunterricht entwickelt. Im Unterschied zu allen uns bekannten Apps geht es bei dem Projekt nicht um ein weiteres Angebot von Geschichtsdarstellungen für mobile Geräte.

Vielmehr sollen die mobilen Endgeräte mit ihren verschiedenen Funktionen zu Werkzeugen für das historisches Lernen werden, dieses unterstützen und damit helfen den Geschichtsunterricht in mehrfacher Hinsicht (u.a. inhaltlich, methodisch und räumlich) zu öffnen. Die App ist so konzipiert, dass Schülerinnen und Schüler sie inner- und außerhalb der Schule zum selbstständigen, entdeckenden und kollaborativen Lernen und Arbeiten nutzen können, sie aber auch phasenweise als Ergänzung zur Arbeit mit dem Schulbuch im Unterricht durch eine Lehrkraft eingesetzt werden kann. Mit dem Schwerpunkt der Arbeit mit digitalisierten lokalen und regionalen Archivalien bietet die App darüber hinaus einen innovativen Ansatz für die Archivpädagogik.

Die Grundfinanzierung für den Prototyp steht, der Programmierer ist beauftragt. Das Ergebnis wird ein Open Source-Produkt sein. Nun wird das Konzept am Donnerstag erstmals öffentlich vorgestellt bei der Konferenz „Zukunft gestalten – 40 Jahre Situationsansatz“. Ab Februar soll die Online-Anwendung pilotiert werden mit einer Erprobung u.a. in der BYOD-Klasse des Eichendorff-Gymnasiums und nach und nach für mehr Schulen zur Verfügung stehen. Die Folien für meinen Kurzvortrag auf der Tagung, der das Konzept umreisst, stelle ich hiermit vorab in das Blog und freue mich über konstruktives Feedback.

Aspekte der europäischen Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg – Teil 2

[Erster Teil]

Um die Bedeutung dieses Bruchs zu erklären und zu veranschaulichen, wird exemplarisch die weitere Entwicklung für die Arbeiterparteien im von Deutschland völkerrechtswidrig angegriffenen Belgien sowie in den im Ersten Weltkrieg neutral gebliebenen Niederlanden vergleichend in den Blick genommen.

Am 4.8. wurden in Belgien die Kriegskredite im Parlament beschlossen, auch mit den Stimmen der Abgeordneten der belgischen Arbeiterpartei gebilligt. Die Zustimmung hatte Parteirat schon am 2. August in Erwartung eines deutschen Angriffs beschlossen. Am selben Tag wurde die belgische Arbeiterpartei das Kabinett aufgenommen und übernahm Regierungsverantwortung. Dem patriotischen Kurs der Landesverteidigung folgten auch die Vertreter des linken Flügels. Noch am Abend der Parlamentsabstimmung tagte der Parteirat erneut und bekundete einstimmig den Willen, den Deutschen Widerstand zu leisten.

Noch im Herbst 1914 argumentierte Emile Vandervelde, belgischer Sozialdemokrat und Vorsitzender der 2. Internationalen, ab 1917 dann Kriegsminister in Belgien, die SPD habe nicht die Wahrheit über Kriegsausbruch erfahren; sie gehe davon aus, dass Deutschland einen Verteidigungskrieg führe. So lautete auch die Begründung der SPD zur Abstimmung für die Kriegskredite: Es gehe um die Verteidigung gegen das reaktionäre, zaristisches Russland. Vandervelde war überzeugt, dass, wenn die deutsche Arbeiterführung erführe, wie barbarisch das deutsche Militär in Belgien wütete, würden sie sich der Front der Entente-Sozialisten einreihen und gleichfalls den Kampf gegen den Militarismus in Deutschland aufnehmen.

Am 6. September veröffentlichten die belgischen und französischen Sozialisten ein gemeinsames Manifest, das Vandervelde der SPD in aller Form im Auftrag des Exekutivkomitees des ISB zukommen ließ. SPD sah Manifest als Versuch parteiinterne Opposition zu wecken und antwortete mit einem öffentlichen Protestschreiben, da sie das ISB für Propagandazwecke der Belgier missbraucht sah.

In der ersten Septemberhälfte reiste Karl Liebknecht nach Belgien, wo er im Juli schon einmal gewesen war, und worauf er dann zunächst einziger gegen die Kriegskredite stimmte und sich ob der geschilderten Kriegsverbrechen von deutscher Seite innerhalb der Partei gegen den Vorwurf des Vaterlandsverrats wehren musste.

Ihm folgten Adolf Köster und Gustav Noske, der später als erster Reichswehrminister der Weimarer Republik im Kabinett Scheidemann bei der Niederschlagung von Streiks und kommunistischen Aufständen eng mit der Armeeführung und den Freikorps zusammenarbeitete, als Berichterstatter für die sozialistische Presse in Deutschland. In Belgien hinterließen sie den Eindruck eines engstirnigen Nationalismus auf Seiten der deutschen Sozialdemokratie. In einem veröffentlichten Bericht schrieben Noske und Köster ohne Kritik und voller Anerkennung über die deutsche Kriegsführung und Besatzungspolitik in Belgien 1914 und rechtfertigten das brutale Vorgehen der deutschen Armee als Kriegsnotwendigkeit.

Fortsetzung: Teil 3

Das Scheitern von Internationalismus und Pazifismus der europäischen Arbeiterbewegung zu Beginn des Ersten Weltkriegs – Teil 1

Das nachfolgende Thema scheint mir aus mehreren Gründen wichtig. In den Schulgeschichtsbüchern findet sich weit verbreitet das „August“-Erlebnis und die Kriegsbegeisterung. Über die Friedensdemonstrationen, über abweichendes Verhalten findet sich nichts. 

In den Jahren vor dem Krieg und besonders im Sommer 1914 fanden in ganz Europa Friedensdemonstrationen in den großen europäischen Städten statt, die wesentlich von der Arbeiterbewegung getragen wurden und letztlich nicht erfolgreich waren. Aus diesem Scheitern lässt sich lernen für die Gegenwart: Die gleiche Zuversicht mit Demonstrationen einen Krieg verhindern zu können, prägt die Einstellung eines Teils heutiger Schülerinnen und Schüler.

Deshalb ist es wichtig, beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht nur über die Kriegsbegeisterung zu sprechen, sonst kann sich bei den Lernenden schnell das Gefühl einer Überlegenheit als Nachgeborene, aufbauend auf der Idee, dass wir heute klüger wären, einstellen.

In einer kleinen Reihe von in loser Folge veröffentlichten Beiträgen sollen einige Aspekte der Arbeiter- und Friedensbewegung zu Beginn und während des Ersten Weltkriegs dargestellt werden, die als Anregung für den Unterricht dienen können. Am Ende wird die Artikelreihe durch eine kleine Literaturauswahl mit Lesetipps ergänzt. Der Fokus liegt inhaltlich auf Deutschland, Belgien und den Niederlanden, weil sich an diese drei Ländern, die in unterschiedlicher Weise in den Krieg involviert waren, bei den Arbeiterparteien beispielhaft unterschiedliche Haltungen und Reaktionen auf die Geschehnisse aufzeigen lassen.

Der Pazifismus als Grundorientierung der Arbeiterparteien war Thema auf allen Kongressen der 2. Internationale: Krieg wurde als Geißel des Kapitalismus gebrandmarkt und es herrschte die Überzeugung, dass die Bewahrung des Friedens schicksalhaft mit der Entwicklung des Sozialismus als seinem einzigen Verteidigers verknüpft war.

Nach den Friedensdemonstrationen 1911 und 1912 während der Balkankrise war die europäische Arbeiterbewegung überzeugt, den Ausbruch eines Krieges verhindert zu haben. Es herrschte in der Arbeiterschaft eine Atmosphäre von Optimismus und Selbstvertrauen. Im Juli 1914 war man sich des Ernstes der Lage deshalb zunächst gar nicht bewusst. Die meisten Führer der Arbeiterparteien fuhren wie gewohnt in den Sommerurlaub. Reaktionen erfolgten erst am 27.7. nach dem Zurückweisen des englischen Vermittlungsangebots durch Deutschland.

Zwei Tage später folgte die letzte Sitzung des Internationalen Sozialistischen Büros (ISB) in Brüssel, die weiterhin von Optimismus geprägt war, der in der Forschung sehr unterschiedlich gewertet wird: Haupt sieht einen Optimismus, dass Krise bald wieder vorübergeht; dagegen argumentiert Blänsdorf, dass der gezeigte Optimismus nur Deckmantel für ein Gefühl der eigenen Ohnmacht gewesen sei.

Zu unterscheiden ist zwischen öffentlichen Bekenntnissen zu sozialistischen Solidarität und dem praktischen Verhalten der Politiker. Zum Verständnis der Frage nach den Ursachen der Handlungsunfähigkeit der 2. Internationalen ist eine Analyse der Vorkriegsperiode notwendig: Die Geisteshaltung des godsvrede, Burgfriedens bzw. der union sacrée war schon auf letzter Sitzung des ISB vorhanden. Französische und deutsche Delegierte trugen unterschiedliche Ansichten über Frage vor, wer Verantwortung für die aktuelle internationale Krise trage und folglich wer sie für einen eventuellen Krieg trüge. Dies bedeutet letztlich den Zusammenbruch der internationalen Solidarität der Arbeiterbewegung, eine Kapitulation der 2. Internationalen angesichts einer internationalen Krisensituation von bislang unbekannter Größe und Dynamik. Trotz alledem überlebte der organisatorische Apparat der Internationalen den Krieg.

Fortsetzung: Teil 2

1. Weltkrieg: „Kriegswahrzeichen“ Nagelsäule

„Die Nagelsäule auf dem Liebfrauenplatz ist das Ergebnis dieser „Spendenaktion“ und gleichzeitig Zeichen für die Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit der Mainzer zu jener Zeit. In einer Zeremonie durfte jeder Spender einen Nagel in das Denkmal schlagen. Den Billigsten gab es für eine Reichs-Mark, der Teuerste, mit vergoldetem Kopf, kostete 20 Reichs-Mark. Zur Einweihungsfeier des Kriegswahrzeichens am 1. Juli 1916 hatten sich auf dem mit Fahnen und Pflanzen geschmückten Platz mehrere tausend Menschen, darunter die gesamte großherzogliche Familie, versammelt. Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, seine Frau und die beiden Prinzen durften die ersten Nägel einschlagen. Am 20. August 1916 war die Nagelung der Säule beendet. Die Spendenaktion brachte insgesamt 170.000 Reichs-Mark, nach heutiger Kaufkraft rund 800.000 Euro.“ (mainz.de)

In zahlreichen deutschen und österreichischen Städten gab es ähnliche Aktionen während des Ersten Weltkriegs. Während in den anderen Städten die „Kriegsnagelungen“ wieder abgebaut wurden, ist die Säule in Mainz stehen geblieben bis 2006. Nach umfangreichen Restaurationsarbeiten mit Kosten in Höhe von 370.000€ steht sie seit 2011 wieder an ihrem ursprünglichen Standort hinter der Apsis des Doms auf dem Liebfrauenplatz.

Auf der Fortbildung am Dienstag in Mainz haben wir gemeinsam mögliche Fragenstellungen zur Behandlung der Säule im Unterricht gesammelt:

– Warum wurde die Nagelsäule gebaut?
– Wer waren die Spender/Käufer der Nägel? Welche gesellschaftlichen Gruppen beteiligten sich? (teilweise noch auf den Inschriften größerer Nägel und Plaketten auf der Säule erkennbar)
– Wie wurde das eingenommene Geld verwendet?
– Vergleich mit heutigen Benefiz-Veranstaltungen? (Spenden-Marathon, Konzerte etc.)
– Ist die Erhaltung heute noch sinnvoll und wünschenswert? Sind die hohen Renovierungskosten gerechtfertigt?
– Die Nagelsäule als Propaganda-Medium (Eisernes Kreuz auf der Spitze und übrige ikonographischen Elemente – in der Fülle allerdings relativ komplex und auch vor Ort ist nicht alles erkenn- noch entschlüsselbar)

Der Besuch des Denkmals als außerschulischer Lernort ist für Beantwortung der Fragen nicht notwendig. Mit Hilfe der Fotos sowie auf jeden Fall notwendiger zusätzlicher Materialien kann die Mainzer Nagelsäule überall im Unterricht Gegenstand werden.

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Literaturauswahl:

Linksammlung: Materialien zum 1. Weltkrieg

Ergänzend zum vorangehenden Beitrag anbei die Links zu den erwähnten Materialien

Unterrichtsidee 1: Arbeit mit digitalen Karten

Karten auf Wikimedia

Google Maps/Street View z.B. Monument de la Victoire in Verdun (Suchbegriff „rue Meuzel“), Menenpoort in Ypern („Menin gate“) dazu gibt es u.a. auf Youtube auch Videos zur Zeremonie des Last Post, London (z.B. „Cenotaph Whitehall“), oder Denkmal für im Dienst getötete Postbeamte von 1924 in Oppeln („ulica Wojciecha Korfantego 1“).

Unterrichtsideen 2-5: Arbeit mit Fotos und Gemälden

Fotos des Bundesarchivs in der Wikimedia: http://commons.wikimedia.org/wiki/World_War_I  
Europeana: http://www.europeana1914-1918.eu/de  
Flickr Commons: http://www.flickr.com/commons
Walter Kössler Projekt: http://wwiphotos.tumblr.com/

Google Art Project: z.B. Imperial War Museums

Unterrichtsidee 6: Arbeit mit bewegten Bildern

European Film Gateway: First World War Collections

Youtube, z.B. Suche „World War One“

WeVideo http://www.wevideo.com/
Slidestory http://www.slidestory.com
Yodio http://www.yodio.com

Unterrichtsidee 7: Arbeiten mit Computerspielen

Supremacy 1914 http://supremacy1914.de/

„Over the Top“ – Canadian War Museum http://www.warmuseum.ca/cwm/games/overtop/index_e.shtml

Unterrichtsideen mit dem Interaktiven Whiteboard zum 1. Weltkrieg

Für die am Montag und Dienstag in Mainz stattfindende Lehrerfortbildung zum „Ersten Weltkrieg in der Erinnerungskultur“ stelle ich die Folien zu meinem Beitrag schon mal vorab hier zur Diskussion.

P.S. Zum Thema gerade noch über einen Kommentar bei Public History Weekly ein Tondokument von Karl Kraus aus dem Jahr 1921 entdeckt, das sich im Unterricht auch gut als Einstieg in das Thema „Erinnerungskultur“ oder zur abschließenden Diskussion eignet.