Back to school

Rheinland-Pfalz ist seit gestern zurück in der Schule. Die Ferien über habe ich im Blog nichts geschrieben, aber mangels Sommer trotzdem viel vor dem Computer gesessen. Für alle die, nicht auf Twitter oder neuerdings auf Google Plus sind, folgt hier eine kleine Zusammenfassung der Fundstücke der letzten Wochen. Vielleicht ist für den ein oder die andere etwas Interessantes oder Hilfreiches dabei.

Viele werden es kennen, ich kannte es noch nicht. Ein Disney-Propagandavideo von 1942 „The Fuehrer’s Face“, ursprünglich geplanter Titel „Donald Duck in Nutzi Land“. Der Film wurde 1942 mit dem Oscar für den besten Animationsfilm ausgezeichnet:

Das Video ist auch für den Einsatz im Unterricht interessant als alternativer Einstieg ins Thema Nationalsozialismus, Fremdwahrnehmung Deutschlands und (alliierte) Propaganda. Recht umfangreiche einführende Informationen bietet der Wikipedia-Artikel, wobei es interessant ist, sowohl den deutschen als auch den englischen zu lesen und miteinander zu vergleichen.

Am 13. August 2011 jährt sich der Berliner Mauerbau zum 50. Mal. Der Jahrestag wird zu einem regelrechten Medienereignis hochgepuscht, so dass man weder im Printbereich, noch im Radio oder Fernsehen den Sonderbeiträgen entgehen kann. Auch viele Schulen werden den Jahrestag zum Anlass nehmen für die Organisation von kleinen Sonderausstellungen oder Zeitzeugengesprächen.

Wer das Thema im Unterricht aufgreifen möchte, der findet eine kleine Linksammlung zu Materialien auf meiner Fachberaterseite zusammengestellt. Auf drei Projekte möchte ich hier auch noch getrennt hinweisen: auf die kostenlose App für das iPhone zur Berliner Mauer, die im Auftrag von BpB in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung sowie dem Deutschlandradio erstellt wurde; auf den Twitter- und Facebookauftritt des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Auf Twitter werden noch bis zum 13.09. täglich kurze Nachrichten „eine Zeitreise vom 13.07. bis 13.09.’61 basierend auf Berichten der Staatssicherheit aus dem Archiv des BStU ergänzt durch andere Quellen“ bieten. Auf Facebook sammelt und verlinkt die Stasi-Unterlagen-Behörde aktuelle Presseberichte rund um das Thema Mauerbau und Stasi. Beide Angebote können auch ohne eigene Anmeldung auf Twitter oder Facebook genutzt werden.

Zum Thema Fotomanipulation in der Geschichte habe ich in den Ferien eine hervorragende englischsprachige Seite entdeckt. Die Seite Fourandsix. Photo Tampering Throughout History präsentiert veränderte Fotos von 1860 bis heute in mit kurzen Erklärungen. Ein tolle Fundgrube für das Thema im Unterricht und eine wichtige Linkergänzung zur auf lehrer-online veröffentlichten Unterrichtseinheit.

Weitere Fundstücke aus den Ferien folgen….

Jahreszahlen, Textarbeit und Relevanz – Lasst die Schüler selbst denken!

Das Auswendiglernen von Jahreszahlen ist vermutlich das erste, was den meisten Menschen zum Stichwort Geschichtsunterricht einfällt. Das entspricht in der Regel nicht mehr der Wirklichkeit des Geschichtsunterrichts. Das Problem der Jahreszahlen bleibt.

Einerseits entwickelt sich der Geschichtsunterricht zu einem Denkfach, Auswendiglernen ist daher etwas verpönt, andererseits ganz ohne Jahreszahlen geht es auch nicht, außerdem lassen sie sich rein pragmatisch auch hervorragend prüfen und benoten.

Jeder Lehrer hat da so sein eigenes „Rezept“: Einige lassen Listen zu Beginn, andere am Ende einer Unterrichtseinheit lernen. Wiederum andere schreiben die „wichtigen“ Daten aus dem Unterricht an einen der beiden Tafelflügel. Ich muss zugeben, ich habe vieles ausprobiert, aber kein Rezept.

In der fachdidaktischen Literatur liest man zunehmend die Metapher von der Grammatik des Geschichtsunterrichts. Ich denke, dieses Bild kann sehr hilfreich sein, was dem Geschichtsunterricht fehlt ist im Vergleich mit den Fremdsprachen die regelmäßig Wiederholung und Festigung. Jahreszahlen wären dann innerhalb dieses Konzepts so etwas wie ein Teilbereiches des Wortschatz, mentale Konzepte wie Revolution, Fortschritt, Zeit oder Wandel.

Ebenso sehr wie das Lernen von „Jahreszahlen“ ähnlich wie das von Vokabeln wenig beliebt ist, ist auch die mittelfristige Behaltensquote in der Regel nicht besonders, es reicht gerade bis zum nächsten Test. In den Fremdsprachen setzt man dagegen auf stärkere Vernetzung: Wortfeldarbeit, ganze Sätze etc. Was machen wir in Geschichte?

Warum die Zahlen oder die mit ihnen verbundenen Ereignisse irgendwie wichtig sind, erschließt sich den Schülern nicht immer. Es ist also auch ein Frage mangelnder (persönlicher) Relevanz. Ganz in dem Sinne: Wir müssen das lernen, aber was hat das mit mir zu tun?

Von Schülern wird Geschichtsunterricht oft als ausgesprochen langweilig empfunden. Besonders dann, wenn er vor allem darin besteht, längere Texte (seien es nun Quellen oder Darstellungen) zu lesen und dazu Fragen zu beantworten, die wenig Motivationspotential besitzen und oft auf reine Infomationsentnahme abzielen.

Daraus resultiert übrigens auch ein Problem, dass die Schüler, soweit ich das beobachtet habe, bei der Nutzung von z.B. der Wikipedia habe. Gerade die Wikipedia ist in vielen historischen und biographischen Artikel in höchstem Maße detailverliebt. Als Historiker ist mir klar, was davon relevant ist für meine Frage und was nicht. Schüler stehen vor einem Berg von Informationen, die alle gleich wichtig scheinen. Deshalb eignen sich die Artikel der Wikipedia auch kaum zum Einstieg in ein unbekanntes Themenfeld, weil für die Bewältigung der Informationen Vorkenntnisse nötig sind. Das Vortragen von endlosen Details durch die Schüler, mehr oder weniger wortwörtlich aus der Wikipedia, ist dann quasi ihre Art der Kapitulation. Aber im Ernst: Wie sollten sie das besser machen? Wo lernen Schüler im Geschichtsunterricht, Relevanz zu beurteilen? Relevant ist das, was im Buch steht, was der Lehrer sagt und was im Test abgefragt wird. Erziehung zu mündigen Bürgern (klingt ganz schön altbacken, ist mir dennoch wichtig) sieht anders aus.

Eine methodische Abwechslung für den Unterricht könnte in einer Verbindung von Text- und Jahreszahlenarbeit liegen, in dem die Schüler selbst die Relevanz der Daten und Ereignisse diskutieren und damit für sich verständlich bedeutsam machen.

Voraussetzung ist, dass das Schulbuch nicht schon am Anfang oder Ende eines Kapitels eine Jahreszahlenübersicht bietet. Sonst heißt die logische Schülerbegründung: Weil das da in der Liste steht. Völlig verständlich, aber nicht sehr hilfreich.

Relevanz von Jahreszahlen und Ereigenissen lassen sich auch in der Auseinandersetzung der Schüler mit einem Darstellungstext ermitteln. Das ist eine alternative Methode der Textarbeit statt banale Fragen zu stellen. Aufgabe der Schüler ist es den Text einzeln zu lesen und anschließend in Kleingruppen je nach Länge und Inhalt des Textes 3/5/7 Daten bzw. Ereignisse zu benennen, die ihnen im Zusammenhang des Themas essentiell erscheinen und ihre Auswahl zu begründen. In der Diskussion der Ergebnisse der einzelnen Gruppen ergibt sich dann eine gemeinsame begründete Liste von Jahreszahlen, die von den Schülern als relevant erkannten Ereignissen. Und keine Angst: Es wird dort nichts Exotisches oder aus Augen des Historikes Irrelevantes stehen. Der Unterschied zu vorgegebenen Zahlenstrahlen oder Zeitleisten ist, dass die Schüler verstanden haben, warum diese Daten wichtig sind und das auch selbst begründen können, sie also für sie Sinn machen.

Durch die Auswahl und Diskussion erfahren die Ereignisse zudem eine Verknüpfung und zugleich wird das Textverständnis gesichert. Vor allem entwickeln die Schüler Kriterien für die Relevanz von Informationen und werden insgesamt souveräner im Umgang mit Texten. Es ist eine wichtige Erkenntnis, dass nicht alles in einem Text wichtig ist, dass Vorwissen nötig ist, um diese Entscheidung zu treffen und jeweils abhängig von der eigenen Fragestellung.

Es bleibt dann jedem selbst überlassen, inwieweit die so bestimmten Jahreszahlen direkt oder in einem längeren Zeitraum gelernt werden müssen und abgeprüft werden. Und natürlich gilt: Würde ich jede Stunde so aufbauen, würden die Methode schnell ihren Reiz verlieren… im Wechsel zwischen Routinen und ausreichend Abwechslung liegt die Würze des Unterrichts.

Zeitzeugenbüro

Zur SED-Diktatur und deutschen Teilungsgeschichte von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Initiative ist heute zwei Jahre alt. Ich kannte sie noch nicht. Für Rheinland-Pfalz gibt es zwei Zeitzeugen, die man in die Schule einladen kann. (Hier sei auch noch einmal auf die rheinland-pfälzische Koordinierungsstelle für Zeitzeugengespräche im Unterricht hingewiesen.) Darüber hinaus finden sich auf den Seiten des Zeitzeugenbüros auch Unterrichtsmaterialien zum Thema.

Es war einmal der Mensch…

Die Serie habe ich als Kind geliebt… interessant das jetzt nochmal anzuschauen, welche historischen Inhalte hier wie vermittelt werden.

Aus einer Diskussion mit @BGrafenstein auf Twitter hat sich ergeben, dass wir die Idee, dass die gleichen Figuren durch verschiedene Zeiten führen, eigentlich ganz gelungen finden. Fand ich persönlich als Kind auch toll. In Schulbüchern auch noch für die Mittelstufe, zumindest in den Fremdsprachen, gibt es fiktive Charaktere, die durch die Inhalte der Bücher führen. Es ist also nicht nur eine Frage des Alters, wenn das Konzept auch in der Grundschule natürlich viel verbreiteter ist. Aber warum gibt es das nicht für Geschichte? Oder kennt jemand ein entsprechendes Beispiel?

Spontan fallen mir mehrere Vorteile ein, die Einführung solcher Charaktere in Schulgeschichtsbüchern mit sich bringen könnte:

– Orientierungshilfe, „roter Faden“ für Schülerinnen und Schüler

– kindgerechte Darstellung

– Identifikationsangebot(e), Empathiefähigkeit (letztlich gilt hier vieles, was in den letzten Jahren zum Einsatz von Kinder- und Jugendbüchern im Geschichtsunterricht geschrieben wurde)

– damit einhergehend stärkere Berücksichtigung durch Integration von Kindheits- und Alltagsgeschichte

– wie in der TV-Serie auch über die fiktiven Charaktere Einbindung humorvoller Elemente (Schulgeschichtsbücher sind ansonsten gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Humor), was die Darstellung auflockern und Kinder motivieren kann.

Fällt jemanden noch etwas ein?

Blogtipp: Kenradical School of History

The Kenradical School of HistoryA blog about teaching history and using technology to aid learning

Interessante und anregende Beiträge von einem jungen Geschichtslehrer aus Bristol, England, mit einem Schwerpunkt auf dem Einsatz digitaler Technologien, zuletzt zum Aufbau eines Twitteraccounts für den Fachbereich Geschichte seiner Schule, einer Anregungen zur Arbeit mit Google Sites und Google Docs im Unterricht.

PS. Liebe Kollegen von histnet, das wäre vielleicht doch noch mal ein Kandidat für den Blog des Monats?

Digitale Medien in der Schule: die Sicht der Schüler

Zunächst mal vielen Dank für die netten Reaktionen hier im Blog, per Mail und über Twitter auf den Artikel in Zeit Online. Das hat mich sehr gefreut; gerade auch die einiger Schüler aus verschiedenen Bundesländern.

Abgesehen von den Kommentaren unter dem Artikel, bei denen klar ist, dass die Kommentierenden gerne öffentlich ihre Meinung kundtun, auch wenn sie offenkundig nicht wissen, wovon sie schreiben, waren die Reaktionen überwiegend sehr positiv in dem Sinne: Es wäre schön, wenn mehr Lehrer digitale Medien im Unterricht einsetzen würden und darauf würden die Schüler als netzaffine Generation nur warten.

Interessant genug wird in Beiträgen über Internet- und Computernutzung im Unterricht gerne und viel über Ausstattung und Mittel, Chancen und Lehrerkompetenzen bzw. deren Mangel diskutiert, aber zum einen wird oft impliziert, dass es in den Schulen nur eine Generationenfrage sei, dass junge Lehrer nachwüchsen, die quasi selbstverständlich digitale Medien im Unterricht einsetzten. Zum anderen spielt die Sicht der Schüler selten bis nie eine Rolle, allenfalls wird davon ausgegangen, dass Schüler Arbeit mit dem Internet im Unterricht per se gut fänden (siehe z.B. hier).

Beides kann ich aus meiner begrenzten Erfahrungswelt so nicht bestätigen. Es gibt eine Menge auch junger Kollegen, die selbstverständlich Facebook oder ihr Smartphone nutzen, aber der Meinung sind, dass das nichts im Unterricht zu suchen habe und einen Unterricht reproduzieren, den sie im Studienseminar so gelernt oder als Schüler in den 80er und 90er Jahren selbst erlebt und für gut befunden haben. Ebenso kenne ich viele Kollegen – sagen wir mal im fortgeschrittenen Alter – , die mit Begeisterung immer neue Dinge ausprobieren, viel mit digitalen Medien arbeiten und Vorreiter in ihren Schulen sind. Es ist keine Frage des Alters. Entscheidend scheint mir viel mehr, die eigene Motivation und Neugier, Neues ausprobieren, die Schüler und sich selbst nicht langweilen zu wollen.

Was die Schüler angeht: Ich bemühe mich von Zeit zu Zeit meinen Unterricht und speziell nach dem Ausprobieren neuer Formen im Unterricht diese durch Schüler evaluieren zu lassen. Nun ja, evaluieren ist vermutlich etwas hochgegriffen, es geht um mündliche und (anonyme) schriftliche Rückmeldungen. (Wer mag, kann sich ein Beispiel für so einen Rückmeldebogen hier als Worddatei runterladen. Man muss das Rad ja nicht immer neu erfinden.)

Diese empfinde ich als sehr hilfreich und bin immer wieder positiv erstaunt wie präzise und gut auch schon jüngere Schüler (ich unterrichte ab Klasse 7) Unterricht beobachten und diesen reflektiert, differenziert und fair bewerten. Ich kann das nur empfehlen. Ich habe damit bisher ausschließlich gute Erfahrungen gemacht. Wichtig ist natürlich, die Schüler ernst zu nehmen, die Anonymität zu wahren und Kritik auch anzunehmen. Dann ist das Feedback der Schüler eine echte Bereichung und hilft dabei gemeinsam sowohl die Gruppe als auch den Unterricht weiterzuentwickeln.

Um zum Punkt zurückzukommen: Die Rückmeldungen zum Computer- und Interneteinsatz durch die Schüler sind durchaus gemischt. Einige finden das richtig klasse, andere überhaupt nicht. Kaum ein Punkt der Rückmeldungen in den verschiedenen Klassen und Kursen wird dermaßen kontrovers bewertet. Das hat sicherlich damit zu tun, dass die Arbeit mit Computern eine Individualisierung des Lernens unterstützt, so dass jeder arbeiten muss und sich im Gegensatz zu einer Frontalstunde nicht zurücklehnen und rausziehen kann. Vor allem aber, so mein persönlicher Eindruck, hängt die positive oder negative Bewertung an der Internetaffinität und den Vorkenntnissen der Schüler. Nur sehr wenige  Schüler nutzen privat Blogs oder Twitter oder schreibt aktiv an einem Wiki, wie z.B. der Wikipedia, mit. Genutzt werden soziale Netzwerke, Youtube etc.

Zusammenfassend lässt sichj sagen: je größer die Vorkenntnisse, desto positiver das Feedback. Aber es gibt weiterhin viele Schüler, die sich mit Computern sehr schwer tun, sich keineswegs intuitiv durch das Web klicken und den Unterricht mit Buch und Tafel vorziehen.

Beispielhaft seien hier einige typische Schülerrückmeldungen wiedergegeben, die die Vor- und Nachteile aus Sicht der Schüler aufzeigen:

„Mir gefällt, dass es nicht so ein strikt durchgezogener Unterricht ist, wo man nur die Jahreszahlen auswendig lernt.“

Meinst du, dass das, was du gelernt hast, für dich wichtig ist? „Ja, auf jeden Fall, da ich mit mir unbekannten Medien gearbeitet habe [… und] dass das neue Wissen auch in Zukunft einsetzbar ist für Geschichte, aber auch für andere Fächer.“

„Mir hat vor allem das selbstständige und eigenständige Arbeiten gut gefallen.“

„Zu Beginn hatte ich Probleme mit dem Computer […] Ich denke, dass es normal ist, dass man am Anfang ein bisschen Zeit braucht, um mit der Technik klar zu kommen.“

„Es war viel Arbeit.“

Schreibe auf, was dir am Unterricht am wenigsten gefällt: „nicht zu viel mit dem Computer arbeiten“

„Ich fand den Geschichtsunterricht gut, jedoch fände ich eine geringere Arbeit am PC besser.“

„Ich fand, dass wir etwas zu viel am PC gemacht haben im Unterricht und anfangs war ich manchmal […] überfordert.“

„Ich habe sehr viel gelernt, manches hat mir nicht sehr gefallen, wie z.B. die ganze Computerarbeit, aber das Positive überwiegt.“

„Ich wurde auf jeden Fall nicht unterfordert. Ich finde, es war schon richtig so, obwohl man nicht wirklich oft in der Schule so gefordert wird.“

Neues Tool im Blog

In der rechten Leiste, zunächst mal ganz oben platziert, befindet sich ein neues Tool: Ein (Google-) RSS-Feed, der jeweils auf aktuelle Artikel in den Online-Ausgaben deutschsprachiger Tageszeitungen verweist, in denen es um „Geschichtsunterricht“ geht. Mit Klick auf die Überschrift „Newsfeed Geschichtsunterricht“ öffnet sich der komplette Feed in Google-News.

Die  Berichte gerade in den Regional- und Lokalteilen zeigen die Vielfalt des Geschichtsunterrichts und was für gelungene und anregende Projekte überall im Land durchgeführt werden. Man wird aber auch auf interessante Beiträge und Debatten über Geschichtsunterricht aufmerksam, wie z.B. aktuell in Brandenburg. dradio bietet dazu unter dem Titel „Zu alt und zu befangen?“ ein Interview mit Günther Kolende, dem Vorsitzenden des Landesverbandes der Geschichtslehrer Brandenburg, als Audio-Podcast.

Offener Unterricht und Planarbeit mittels Internet?

Ein Gastbeitrag von Christoph Pallaske, Universität Köln.

Möglichkeiten für selbstständige Lernformen im Nebenfach der Sekundarstufen: das Projekt segu – selbstgesteuert-entwickelnder Geschichtsunterricht 

Als vor 15 Jahren das Internet und multimediale Lernprogramme und CD-Roms schlagartig Verbreitung fanden, herrschte auch im Bildungsbereich große Euphorie. Der PC werde den Lehrer ersetzen und Schüler würden in Zukunft Wissen und Kompetenzen viel besser mittels multimedialer, hypertextgestützter Internetplattformen oder CD-Roms ausbilden. Von dieser Euphorie ist nicht mehr viel zu spüren. Der Computer spielt heute (abhängig von der Ausstattung an den Schulen) mehrheitlich keine große Rolle in der Unterrichtspraxis. Viele Lehrer machen negative Erfahrungen Schüler mit Rechercheaufträgen ins Internet zu schicken, die dort von der unübersichtlichen Fülle an Lernmaterialien erschlagen werden. Auch die web 2.0-Begeisterung in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts hat zwar eine breite Vernetzung der Schüler in sozialen Netzwerken, für die Unterrichtspraxis aber kaum Zuwächse gebracht. Sicher sind solche Befunde zugespitzt – es gibt inzwischen einige gute Beispiele für den sinnvollen Computereinsatz in der Schule. Die Bilanz nach anderthalb Jahrzehnten Internet als Massenmedium bezogen auf die Schulen fällt gemessen an früheren Erwartungen insgesamt dennoch deutlich ernüchternd aus.

Das Hauptproblem der meisten multimedialen oder Internet-Projekten ist weniger die Bereitstellung geeigneter Informationen, sondern deren mangelnde und nicht selten völlig fehlende Didaktisierung: Was sollen die Schüler eigentlich bearbeiten? Über das Problem unzureichender Aufgaben hinaus bieten fast keine Lernangebote im Internet tragfähige Lehr- und Lernkonzepte an. Erst wenn sich Unterricht mittels solcher internetbasierter Konzepte planen und strukturieren lässt, wird eine sinnvolle Gestaltung von Unterricht mit Hilfe des PC möglich. Hier sind die Möglichkeiten, die das Internet bietet, noch bei weitem nicht ausgeschöpft.

Das Projekt segu selbstgesteuert-entwickelnder Geschichtsunterricht am Historischen Institut der Universität Köln versucht, ein solches tragfähiges Konzept für den Geschichtsunterricht der Sekundarstufen zu entwickeln. Die Bereitstellung der Materialien erfolgt gemäß des open access-Gedankens, Lernmaterialien und Bildungsangebote für alle öffentlich ins Netz zu stellen. Die auf den Seiten von segu-geschichte.de für Schüler und Lehrer angebotenen Lernmodule sollen im Offenen Unterricht bearbeitet werden. Die Schüler wählen nach Kompetenzen differenzierte Module aus und bearbeiten sie in ihrem eigenen Lerntempo. Das Konzept versucht damit, die Ansprüche von Differenzierung und individueller Förderung sinnvoll umzusetzen.

Das Projekt basiert auf dem Konzept des Offenen Unterrichts mittels Planarbeit, das sich besonders im Primarbereich seit Jahrzehnten bewährt hat. Dass selbstständige Lernformen an den Schulen der Sekundarstufen bislang keine besonders große Rolle spielen, liegt vor allem am schwer zu bewältigendem Organisationsaufwand, der für ein zweistündiges Nebenfach schwer zu leisten ist. Hier setzt segu an: Lehrer sollen mit ihren Lerngruppen in den Computerraum gehen (mit der Möglichkeit zum Ausdrucken) und können direkt im Offenen Unterricht arbeiten. Dabei sollen die einzelnen Lernmodule in der Regel mit Hilfe des Schulbuchs und handschriftlich in der Geschichtsmappe bearbeitet werden.

Eine ausführliche Beschreibung des Projekts findet sich übrigens auch auf lehrer-online.

Lesen von Ganzschriften?

Lektüren, im Sinne von Lesen ganzer Bücher, ist im Deutsch- und im Fremdsprachenunterricht eine Selbstverständlichkeit. In Geschichte ist das nicht unmöglich, aber in der Regel nicht vorgesehen. Seit dem anregenden Vortrag von Simone Rauthe auf der Tagung geschichtdidaktik empirisch 09, in dem sie unter dem Titel „Historiografie im Geschichtsunterricht“ ihr Habilitationsprojekt vorgestellt hat, denke ich darüber nach, das einmal im Unterricht auszuprobieren. Nun habe ich einen (sehr guten) Leistungskurs, mit dem ich die Idee endlich in die Tat umsetzen möchte.

Darstellungen und Quellen finden sich in den Schulgeschichtsbüchern oft als „Schnipsel“, die nur die Entnahme von Einzelinformationen, aber nicht das Nachvollziehen ganzer Argumentationsstränge ermöglichen. Ich habe nun damit begonnen, mit dem LK zunächst einen ganzen wissenschaftlichen Artikel zu lesen. Nach den Ferien würde ich dann gerne mit der Lektüre und Analyse einer Ganzschrift einsteigen.

Theoretisch gibt es einige Argumente, die für den Einsatz von Ganzschriften im Geschichtsunterricht sprechen. Hier wären u.a. zu nennen: intensive Auseinandersetzung mit einem Thema, (in der gymnasialen Oberstufe) Spaß am Lesen und damit Motivation für das Fach, Kennenlernen einer typischen fachspezifischen Darstellungsform, Einüben textkritischer Analyse, Förderung der Entwicklung eigener narrativer Kompetenz. Hier ist sicher weniger an die umfangreichen Werke von Nipperdey oder Wehler zu denken, als inhaltlich interessante und vom Umfang her überschaubare Bücher, wie es sie z.B. in der Reclam-Geschichtsreihe gibt.

Mich würde interessieren, habt jemand das schon mal ausprobiert und Erfahrungen gesammelt mit dem Einsatz von Ganzschriften im Geschichtsunterricht? Und wenn ja, wie sehen diese aus? Welche Bücher sind gegebenenfalls empfehlenswert?