La memoria de Europa – The memory of Europe

Die aktuelle Ausgabe der von der Stiftung der europäischen Akademie in Yuste herausgebenen Pliegos de Yuste ist online. Die Artikel sind alle auf Englisch und Spanisch verfügbar und dem Oberthema der Erinnerungskultur gewidmet. Die meisten Beiträge beschäftigen sich mit der aktuellen Situation in Spanien. Dort beginnt man seit einigen Jahren die Aufarbeitung der Franco-Diktatur (1936/1939-1975), verbunden mit sehr kontroversen juristischen und politischen Debatten, die 2007 u.a. in ein Gesetz zur historischen Erinnerung (Ley de Memoria Histórica) durch die regierenden Sozialisten mündeten.

Im Heft ist übrigens auch ein kleiner Beitrag (PDF) meinerseits zu „Gipfel-“ bzw. Herrschertreffen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zwischen Karl V. und Franz I.

Um noch einmal auf das Thema der Tagung zurückzukommen…

Wer klickt bei einer solchen Nachricht auf „Gefällt mir“? Und warum? Bei der internationalen Version (siehe Bild unten) aktuell übrigens immerhin 118 Leute.

Was erwarten die Museumsleute in Auschwitz vom Posten solcher Nachrichten auf Facebook? Und was erwarten sie von ihren „Fans“ auf der Seite? Wie können/sollen sie darauf reagieren?

Geschichtsverstehen als sprachliche Übersetzungsleistung

Das schöne Wetter am Wochenende nutzend haben wir einen Ausflug zum Niederwalddenkmal oberhalb von Rüdesheim unternommen. Als Geschichtslehrer kann man (zumindest ich) an einem solchen Ort nur schwerlich abschalten, stattdessen sind die Ohren weit geöffnet für die vielen Gesprächsfetzen, die einen in der sonnigen Frühlingsluft so umschwirren.

Wir saßen auf den unteren Stufen, die von der Gedenkplatte (siehe Bild) hoch zum Monument führen. An uns vorbei läuft eine Frau, vielleicht Anfang 40, die sich mit ihrem Begleiter über die gerade gelesene Inschrift unterhält.

Dabei leistet sie im wahrsten Sinne des Wortes eine Übersetzungsleistung der Quellensprache in ihre eigene. Wir hören im Vorbeigehen nur einen Teil dessen, was sie sagt: „[…] des is zum Denke‘ an die Tote‘ un‘ fü‘ die heutije Jugend zum Nachmo‘. […]“

Da Sprache einen ganz wesentlichen Teil von Geschichtslernen und -verstehen ausmacht, ist es gut, dass sie stärker in das Blickfeld der Geschichtsdidaktik rückt. Ich bin immer noch fasziniert von der Art und Weise, wie die Frau sich den schwerfälligen Inschriftentext in ihrer eigenen Sprache verständlich gemacht hat. Am „Übersetzen“ der Quellensprache in eine den Schülerinnen und Schüler verständliche Form arbeiten Geschichtslehrer jeden Tag im Unterricht, meist allerdings die Lernenden auffordernd („Fasst den Text noch einmal zusammen!“ u.ä.) und nicht aus deren eigenen Verstehenswillen heraus.

Eine andere Übersetzungsleistung, die wir am Denkmal beobachtet haben, war nicht weniger interessant: So erklärte ein Deutscher einer vierköpfigen asiatischen Reisegruppe die einzelnen Elemente des Denkmals auf Englisch. Die Erklärungen waren kurz, aber die einzelnen Elemente wurden richtig identifiziert, umso überraschender war dann für mich seine Deutung der Germania-Statue: Das wäre „Germany“, das nach Frankreich blickte, mit dem man zuvor ja etwas „troubles“ gehabt hätte, aber der Blick zum Nachbarn sei dann bei Bau des Denkmals nach der Reichsgründung ein versöhnender und freundlichschaftlicher gewesen…

(die Ausstellung am Fuße des Denkmals schreibt, dass die Germania keineswegs nach Frankreich, sondern in den Rheingau blicke und den deutschen Lande die Kaiserkrone präsentiere, aber die Zielrichtung der Rheindenkmäler, wie auch in Koblenz, nach Frankreich ist tief verankert in den Köpfen)

Woher diese Umdeutung im Sinne einer deutsch-französischen Freundschaft kommt, durch den tatsächlichen Prozess nach dem 2. Weltkrieg oder einer gewollten positiven Selbstdarstellung bei den ausländischen Gästen, muss leider aufgrund der flüchtigen Beobachtung ungeklärt bleiben. Das lange Zitat aus der „Wacht am Rhein“ auf dem Denkmal fand jedenfalls bei der Erklärung keine Erwähnung…

ZDF-Serie „Die Deutschen“ im Geschichtsunterricht?

Das Fragezeichen im Titel mag überraschen. Wenn nicht da, wo dann, mag der ein oder andere denken. Mir erscheint der Einsatz der Serie im Unterricht nicht so selbstverständlich. Nachdem auf Twitter bereits angeregt diskutiert wurde, würde ich das Thema hier gerne noch einmal aufgreifen und zur Diskussion stellen.

Über die beiden Staffeln der ZDF-Serie kann man neben zum Teil sehr beißendem Spott im Feuilleton an verschiedenen Stellen auch viel Lob  und vor allem explizite Empfehlungen für den Unterrichtseinsatz lesen. Ein Vorteil ist sicherlich, dass die Filme auch längerfristig auf den Seiten des ZDF als Stream zur Verfügung stehen und somit im Unterricht eingesetzt werden können. Der Verband der Geschichtslehrer ist zudem Kooperationspartner, hat Materialien für den Unterricht erstellt und wirbt für den Einsatz der Serie und der Materialien im Unterricht. Es ist also eine Serie, die sich nicht mehr nur an ein allgemeines Fernsehpublikum wendet, sondern gezielt auch an den Geschichtsunterricht.

Wie sieht es aber in der Praxis des angesprochenen Geschichtsunterrichts aus? Mich würde interessieren, wie sind die Erfahrungen der Leser dieses Blogs? Hat jemand schon einzelne oder mehrere Folgen überhaupt schon einmal im Unterricht eingesetzt? Und wenn ja, wie? Wurde eventuell auch mit dem vom Geschichtslehrerverband erarbeiteten Material oder anderen (Lern-) Angeboten auf der Internetseite der Serie gearbeitet?

[Update 22.03.:] Um die Diskussion anzustoßen, berichte ich mal von meinen Unterrichtserfahrungen, die zugleich Ausgangspunkt für die oben notierten Fragen waren:

Im Unterricht stand der Investiturstreit auf dem Plan und ich dachte, da gab es in der Reihe „Die Deutschen“ doch eine Folge zu: Taugt diese und das angebotene Material für den Unterricht?

Schnell kam ich zu der Erkenntnis, dass ich den Film so nicht einfach einsetzen kann. Das  vom Geschichtslehrerverband bereitgestellte Material (PDF) zielt zudem – sofern es sich auf die Arbeit mit dem Film bezieht – auf reine Informationsentnahme.

Zum Einstieg die Unterrichtseinheit haben die SchülerInnen zunächst gesammelt, mit welchen filmischen Mitteln Informationen und Wertungen transportiert werden können (Texte, Auswahl der Schauspieler, Licht, Musik etc.). Die SchülerInnen der 11. Klasse haben dann den Auftrag erhalten, zunächst nur für den Beginn der Folge zu beobachten, wie die beiden Protagonisten Heinrich IV. und Gregor VII. dargestellt werden.

In der Auswertung kamen wir zu einem sehr eindeutigen und deutlichen Ergebnis: Während der Text von den Schüler als relativ neutral darstellend angesehen wurde,  erschien ihnen die mediale Vermittlung stark und eindeutig wertend: Der König wird positiv dargestellt (warmes Licht, junger, sympathisch aussehender Schauspieler, Kamera auf Augenhöhe etc.), der Papst eindeutig negativ (Kameraeinstellungen, Licht, Gesicht und Körperhaltung des Schauspielers, Inszenierung der Person usw.). Das zeigt sich eigentlich bereits beim Titel: „Heinrich IV. und der Papst“ und geht sogar soweit, dass in den Bildern z.B. die reitenden Boten des Papstes an die Nazgul aus der Verfilmung des Herrn der Ringe erinnern! So wird durch die Bilder ein (moralisches) Gut-Böse-Schema vermittelt. Wird der Film unreflektiert eingesetzt, halte ich dies für höchst problematisch und historisch für völlig verfehlt.

Während die historische Forschung heute dazu neigt, den Gang nach Canossa als „geschickten Schachzug“ Heinrichs IV. zu intepretieren, im Sinne Althoffs sogar als das Ausnutzen ritueller Spielregeln, wird dies in den Bildern des Films ganz anders dargestellt: Heinrich IV. erniedrigt sich hier vor den Türen der Burg, hinter denen ein überheblicher Papst höchst unappetitlich ein fettiges Hähnchen (?) verspeist. Das knüpft an die völlig überholte Sichtweise an, die den Gang nach Canossa als (nationale) Demütigung interpretiert hat.

Das Prinzip ist wiederum dasselbe: Der Text aus dem Off stellt das Geschehen durchaus angemessen dar, die Bilder nicht. Man könnte zudem bedauern, dass unterschiedliche wissenschaftliche Deutungen auch im Text nicht dargestellt werden, was sich bei den beiden befragten Mediävisten (Weinfurter und Althoff) durchaus angeboten hätte, deren Aussageschnipsel aber in bekannter Manier monoperspektiv in das Narrativ des Film eingebaut werden. Aber selbst, wenn man davon ausgeht, dass eine kontroverse, multiperspektivische Betrachtung dem ZDF-Publikum nicht zuzumuten sei, gilt es zu fragen, eignet sich diese Darstellung für den Schulunterricht und was bleibt denn beim Zuschauer hängen: die kurze Erklärung Weinfurters oder die wirkmächtigen Bilder? Ich denke, die Antwort fällt eindeutig aus. Wer das nicht glaubt, möge den Film mit Schülern schauen und anschließend die Fragen aus dem Material beantworten lassen (z.B. von Arbeitsblatt 3: „Warum ging Heinrich nach Canossa? Was machte den Gang nach Canossa so beschwerlich?“).

Um es kurz zu machen: Zumindest für diese Folge eignet sich die Serie hervorragend zur exemplarischen Dekonstruktion einer geschichtskulturellen Erzählung. Das ist allerdings weder von den Machern beim ZDF noch vom Geschichtslehrerverband so intendiert. Die Geeignetheit für den Einsatz im Unterricht „zur Information“ möchte ich ausdrücklich in Frage stellen. Grundlegende didaktische und wissenschaftliche Prinzipien finden keine Berücksichtigung und durch die Bilderflut wird eine in höchstem Maße problematische Geschichtsdeutung suggeriert.

Dies bewusst zu machen und ein kritisches Sehen zu schulen, sollte Aufgabe des Geschichtsunterricht sein. Warum der Verband der Geschichtslehrer die Serie so unkritisch lobt, für deren Einsatz im Geschichtsunterricht wirbt und dafür zumindest in diesem Fall wenig geeignete Materialien zur Verfügung stellt, erschließt sich mir nicht.

Abschließend noch eine Anmerkung: Nach der Analyse der Filmausschnitte haben die SchülerInnen die Ergebnisse mit der Darstellung (Verfassertext und Quelllen) in ihrem Buch verglichen. Einige SchülerInnen fragten daraufhin, warum die Serie so schlecht gemacht sei. Nur um das klarzustellen: Das ist sie nicht. Sie ist sogar sehr gut gemacht und bietet eine extrem professionelle und actionreiche Inszenierung historischer Stoffe, die schön anzuschauen ist und sicherlich „naiv“ für Geschichte begeistern kann. Für den Unterricht eignet sie sich aber vor allem  für die schwierige Förderung von Kompetenzen im Bereich der Dekonstruktion historischer Narrationen.

Gedenkplatte Rye, England

 

Die Kleinstadt Rye im Südosten England gehört zu den berühmte Cinque Port (für mehr Infos auf das Bild klicken), deren Region heute als „1066 country“ vermarktet werden. Entsprechend finden sich in Rye alle paar Meter Gedenkplatten an Häusern, wo Könige genächtigt, Schriftsteller gelebt und sich andere bedeutende Ereignisse der Weltgeschichte ereignet haben…

Ähnliches gibt es übrigens auch in Weimar, wo sich in den Touriläden Postkarten und kleine Schilder kaufen lassen mit dem Satz: Hier war Goethe nie.

Anne Frank Haus 2.0

„Hilf uns, damit unsere Facebook-Seite am 12. Juni, Anne Franks Geburtstag, mindestens 10.000 Menschen ‚gefällt‘. Lade alle deine Freunde ein!“

Zitat aus dem aktuellen Newsletter des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam.

Mich befremdet, diese Art der Werbung und der Verknüpfung weiterhin (Warum zum Geburtstag? Warum diese Ausrichtung auf Quantität? Klar, Museen und Stiftungen sind auch betriebswirtschaftlich ausgerichtet… aber die Menge, besser Masse kann ja nicht alles sein…oder?). Immerhin haben sie Anne Frank nicht selbst auf Facebook einen Account eingerichtet, sondern der Einrichtung, so dass man sich nun auch über Facebook aktuell über deren Aktivitäten informieren kann. Das Anne-Frank-Haus auf Facebook:

http://www.facebook.com/annefrankhouse

Vermutlich „muss man“ einfach zur Zeit „auf Facebook sein“…  wie auch immer. Beachtung finden sollte hingegen die neu freigeschaltete deutsche Version der sehenswerten Website des Hauses.

Bundestag und „Vertriebenengedenktag“

Andreas Körber schreibt dazu in seinem Blog:

„Aus didaktischer Perspektive ist diese Debatte also zu begrüßen und zu thematisieren. Unbeschadet davon ist es natürlich notwendig, in dieser Frage selbst Stellung zu beziehen. In diesem Sinne haben gemäß heutigen Presseberichten eine Reihe namhafter deutscher Historiker zusammen mit einigen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern den Bundestagsbeschluss kritisiert. Dieser Kritik ist m.E. in vollem Umfange zuzustimmen. Dem anzuerkennenden Bedürfnis von Vertriebenen und Angehörigen nach Gedenken und Erinnerungen kann und muss auf andere Art und Weise Rechnung  getragen werden als mit einer Symbolik, die einer Gleichsetzung von “Flucht und Vertreibung” mit dem Holocaust gleichkommt.“

Authentisches Geschichtslernen?

In Bezug auf die Fremdsprachen bedeutet „authentisches Lernen“ das Lernen in direktem Kontakt mit Muttersprachlern (im Land selbst oder über Kommunikationswerkzeuge) oder das Lernen an Originalmaterialien. Etwas weiter gefasst meint authentisches Lernen, u.a. das Arbeiten an echten, d.h. auch offenen, Problemstellungen.

Natürlich würde niemand einem Anfänger im Englisch- bzw. Französischunterricht Shakespeare oder Molière in die Hand drücken. Statt aber nur mit den Fremdsprachenschulbüchern zu arbeiten, werden zunehmend angemessen authentische, hier i.S. von nicht explizit für schulisches Lernen erstellte, Materialien der Zielsprache eingesetzt. Das können einfache Werbeanzeigen, Zugfahrkarten, Fernsehnachrichten, die Wettervorhersage oder ähnliches sein. Also Original-Material, das natürlich für das entsprechende sprachliche Niveau ausgewählt und eventuell mit Hilfestellungen wie z.B. Vokabelangaben versehen im Unterricht eingesetzt wird. Es soll die Lernenden dazu befähigen, sich die Inhalte dieser Produkte zu erschließen und bei einem möglichen Besuch im Zielsprachenland kompetent damit umzugehen.

Lässt sich diese Idee auch für den Geschichtsunterricht übertragen? Schulgeschichtsbücher präsentieren im wesentlichen für den Unterricht verfasste Darstellungstexte, die weiterhin die Möglichkeit einer faktenorientierten Meistererzählung vorgaukeln, weil sie in ihrem Konstruktcharakter nicht offen gelegt werden. Dazu kommen schriftliche Quellenschnipsel und Bilder, die beide oft nur illustrativen Charakter haben, sowie Grafiken und Statistiken. Natürlich kann man keine mittelalterlichen Urkunden im Faksimile ausgeben und besprechen.

Eine passende Analogie für den Geschichtsunterricht wäre die Arbeit mit geschichtskulturellen Produkten, also z.B. Geschichte in Werbeanzeigen und -spots, in Filmen und Dokumentationen, Computerspielen, Ausstellungen, Festen und Denkmälern vor Ort.

„So viel Geschichte wie heute war nie“. Klaus Bergmann schrieb bereits 1993 von der „Allgegenwart von Geschichte“. Im Hier und Jetzt mit diesen historischen Verweisen kompetent umgehen, sie entschlüsseln und verstehen zu können, sollte eines der Hauptziele des  Geschichtsunterrichts in allen Schulformen (!) sein. Das lässt sich an den Produkten der Geschichtskultur selbst viel besser lernen als an der Häppchen-Geschichte der Schulgeschichtsbücher.

Und um möglicher Kritik zuvorzukommen: Nein, damit ist kein „Entweder-Oder“ gemeint, sondern ein Plädoyer für eine stärkere Berücksichtigung geschichtskultureller Zeugnisse in Lehrplänen und Unterricht, bei deren Einsatz sich dann meines Erachtens tatsächlich von „authentischem Geschichtslernen“ sprechen ließe.

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P.S. Einige empirische Untersuchungen zeigen übrigens auf, dass nicht nur Schülerinnen und Schülern, sondern auch Studierende der Geschichte an die Möglichkeit einer gültigen faktenorientierten Geschichtserzählung glauben und gerade deshalb ein entsprechendes Studium aufnehmen, weil sie (ganz positivistisch eingestellt) lernen wollen, wie das damals gewesen ist.

Beim Berufseinsteig als Lehrer/innen greifen sie dann auch weniger auf die Inhalte ihres Studiums, sondern in hohem Maße auf die in der eigenen Schulzeit erworbenen impliziten Theorien über Geschichte zurück. Diese werden so wieder an die Schüler/innen vermittelt und es entsteht eine hartnäckige Tradition von Schulgeschichtsunterricht, der Gefähr läuft, sich von der Enwicklung der Didaktik und Wissenschaft abzukoppeln und zu einem Teufelskreis sich selbst reproduzierender Vorannahmen und Unterrichtsformen zu werden (vgl. Fenn, S. 79ff. , in: Geschichte und Sprache).

Virtuelle Mauer des Gedenkens

Yad Vashem ist auch auf Facebook: http://www.facebook.com/yadvashem. Das allein wäre noch keinen Eintrag wert. Auf Facebook ist jeder und alle. Und wer noch nicht da ist, kommt gerade dahin. Dass Yad Vashem auf Facebook ist, fanden am 20.01. gegen 17 Uhr 24.766 Personen gut. Ich auch. Mittlerweile werden es vermutlich deutlich mehr sein.

Zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hat Yad Vashem auf Facebook eine virtuelle Gedenkmauer als „virtual event“ vom 19.-30. Januar eingerichtet.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich das finde. Sicher befinden wir uns gerade in einer Phase des Ausprobierens der Möglichkeiten, der Chancen und Grenzen digitaler Medien. In den letzten Monaten gab es bereits von anderen Organisationen Aktionen auf Facebook, den Lebenslauf von Opfern des Holocaust bzw. des 2. Weltkriegs in den Statusmitteilungen eines sozialen Netzwerks zu erzählen und sie so wieder „auferstehen“ zu lassen.

Das wirkt modern, zeitgemäß. Es ist einfach, aber vielleicht gerade deshalb löst es bei mir ein gewisses Unbehagen aus. Und Fragen. Ist das eine Form des Gedenkens? Muss/darf Gedenken schwierig sein, eine (wenn auch kleine) Anstrengung verlangen? Was macht Gedenken eigentlich aus? Wie kann es heute aussehen? (Übrigens eine Frage, der sich auch die aktuelle Ausgabe des Magazins von LaG annimmt).

Das Nennen der Namen schafft vielleicht eine (Ver-) Bindung. Allein durch das Nennen/Aufschreiben der Namen werden sie vor dem Vergessen bewahrt. Aber: Eine virtuelle Mauer ist keine Mauer. Es fehlen ihr das Wesentliche, was eine Mauer ausmacht: die in ihrer Materialität manifestierte Stärke und Beständigkeit. Ein Klick auf einen Button ist  (noch) kein Gedenken.

3D-Reise ins Berlin von 1989

Twinity ist eine 3D-Spiegelwelt basierend auf realen Städten und realen Menschen.“ Die ersten eingerichteten Städte sind neben Berlin noch Singapur, London und Miami.

Das Programm runterladen, eine eigene Spielfigur einrichten und sich mit den Funktionen vertraut machen, ist eine Sache von maximal 30 Minuten. Danach ist (so war es zumindest bei mir) viel Staunen angesagt, wobei ich aber zugeben muss, dass ich mich das erste Mal in so einer 3D-Welt bewegt habe, und es daher für Leute, die schon in Second Life o.ä. unterwegs waren oder sind, nichts Neues ist.

Das geschichtskulturell Interessante bei Twinity: Wer sich nach Berlin beamen lässt, landet vor dem Brandenburger Tor und dahinter befindet sich einer von fünf Zugängen zu einem virtuellen Mauermuseum. Einige Plakate geben dort kurze Hintergrundinformationen zum Projekt und der  Geschichte der Berliner Mauer. Im Wesentlichen befindet man sich aber nach Durchschreiten des Tores in einer 3D-Rekonstruktion  des Berlins von 1989. Die Mauer steht noch, man kann 2 Km  an ihr entlanglaufen und u.a. den Checkpoint Charlie oder das Mahnmal der weißen Kreuze am Reichstagsufer besichtigen.  Ödland und Grenzstreifen, wo heute das Leben pulsiert.

Bei aller spontanen Faszination stellt sich mir die Frage: Ist hier historisches Lernen möglich?  Klar kann man das virtuelle Berlin heute mit dem Zustand von 1989 vergleichen, dasselbe leisten aber auch entsprechende Fotografien oder Filmauschnitte, denen ich gegebenüber eine 3D-Rekonstruktion den Vorzug geben würde. Der Aufwand scheint mir in diesem Fall unverhältnismäßig groß, aber spannend ist es trotzdem… 😉