Mal laut gedacht… Stichwort: Betroffenheitspädagogik

In den letzten beiden Wochen bin ich mehrfach darauf gestoßen und habe das Thema verschiedentlich diskutiert. Die Gedanken sind  sicher noch nicht ausgereift, aber genau dazu  scheinen Blogs gut geeignet: um laut zu denken und kleinere Beobachtungen oder Gedanken zur Diskussion zu stellen. Die Beiträge mit den unausgegorenen Ideen waren für mich persönlich bislang oft die mit den spannendesten und weiterführenden Diskussionen.

Um die Anstöße aufzuzeigen und nachvollziehbar zu machen hier eine kleine Chronologie der Ereignisse:  Zunächst war da die Debatte um die Veröffentlichung von kommentierten Auszügen aus „Mein Kampf“, dann eine Forsa-Umfrage des Stern zu „Auschwitz“, daran anschließend die Forderungen von Charlotte Knobloch nach neuen Konzepten für den Geschichtsunterricht, einer Anfrage und einer spannenden Diskussion dazu mit einem Journalisten sowie, vorerst abschließend, eine sehr anregende, leider für die  spannenden Inhalte viel zu kurze Fortbildung letzte Woche am PZ in Frankfurt zu aktuellen Jugendbüchern über den Holocaust.*

Die Forderungen nach neuen Konzepten für den Geschichtsunterricht wundert mich. Ich würde sagen, die Konzepte sind da (siehe u.a. im Blog von Lisa Rosa mit einer interessanten Diskussion) und sie sind nicht alle neu. Ich kann die Forderung , ehrlich gesagt, nicht nachvollziehen:  Weder in der Geschichtsdidaktik noch in Lehrplänen, Schulbüchern oder, soweit ich das überblicken kann, der Unterrichtspraxis geht es heute um „Betroffenheit“. Eine „Betroffenheitspädagogik“ jeder Art scheint mir längst überholt und überwunden. Gleiches gilt auch für die Gedenkstättenpädagogik (siehe dazu den Beitrag von Mathias Heyl im LaG-Magazin vom Januar 2012).

Dennoch scheint der eine oder andere (hier stellvertretend Frau Knobloch und Harald Welzer im Gedenkstättenrundbrief 8/2011) eine solche auf „Betroffenheit“ zielende Praxis weiter zu beobachten. Wie kann das sein?

Sicher klafft zwischen Konzepten und ihrer Umsetzung in der Praxis eine Lücke, die dadurch vergrößert werden kann, dass junge Lehrkräfte trotz Uni und Referendariat oft Unterrichtskonzepte reproduzieren, die sie selbst als Schülerinnen und Schüler erlebt haben. Zudem thematisiert der Geschichtsunterricht die Judenverfolgung erst viel zu spät (in der Regel in Klasse 9 oder 10). Das ist bedingt durch den chronologischen Aufbau, der vom Altem zum Neuen schreitet. Die Schülerinnen und Schüler interessieren sich aber schon viel früher für das Thema. Nach meiner Erfahrung kommen sie auch mit der Erwartung in das neue Fach Geschichte, hier etwas über „Hitler“ oder „die Juden“ zu lernen. Erwartungen, die dann aber enttäuscht und auf eine Zeit in vier oder fünf Jahren vertröstet werden. Wenn dann das Thema im Geschichtsunterricht „drankommt“, sind wesentliche Einstellungen schon geprägt und je nach Gruppe das ursprüngliche Interesse manchmal bereits gesättigt.

Zudem muss man sich klar machen, wieviel Einfluss das Fach Geschichte mit 1-2 Stunden pro Woche auf die Kenntnisse und Einstellungen von Jugendlichen tatsächlich hat. Schon im Kanon der schulischen Fächer nimmt es  mittlerweile einen der kleineren Plätze ein, in vielen Schularten und Bundesländern ist es zudem als eigenständiges Fach in der Sekundarstufe I ganz abgeschafft und für die Behandlung von Nationalsozialismus und Holocaust stehen wohl im Schnitt 12-18 Stunden Unterrichtszeit zur Verfügung. Verlässt man die Schule und erweitert das Blickfeld muss man sich eingestehen, dass „Holocaust im Geschichtsunterricht“ für den durchschnittlichen Jugendlichen wohl eine völlige Marginalie darstellt. Hier konzeptionelle Veränderungen zu fordern ist also nicht nur angesichts der tatsächlichen Möglichkeiten des Geschichtsunterrichts sowie sehr wohl exisitierender Konzepte, z.B. der Holocaust-Education, allenfalls wohlfeil und wenig weiterführend.

Bedient wird das hohe Interesse der Kinder durch die mediale Präsenz des Themas – Guido Knopps Geschichts-TV-Maschinerie hat nicht ohne Grund so viele junge Zuschauer –  und zwischen der 5. und 7. Klasse oft auch durch eine Holocaust-Jugendbuch-Lektüre im Deutschunterricht. Beiden Zugängen gemeinsam ist der hohe Grad an Personalisierung und Emotionalisierung. Und vielleicht, aber das ist nur eine Vermutung, liegt hier vielmehr als bei dem vermeintlich naheliegenden Geschichtsunterricht das Fortbestehen einer „Vermittlung historischen Wissens mit einer moralischen Gebrauchsanweisung“ statt aktiver „Aneignungsprozesse und […] Entwicklung eigenständiger Deutungen und Bewertungen“ (Welzer).

Ein Hinweis darauf, dass dem so sein könnte, zeigt sich für mich in der Tatsache der anhaltenden Popularität von „Damals war es Friedrich“ als Lektüre im Deutschunterricht der unteren Klassen, obwohl es viele gute Gründe gibt, dieses Buch von 1961 nicht mehr einzusetzen (siehe den Beitrag von Ulrike Schrader hier als PDF). In der Fortbildung letzte Woche verteidigten mehrere Kolleginnen in der Runde den Einsatz des Buchs auch sinngemäß mit den Worten, dass das Buch  „gut  im Unterricht funktioniere“, weil es bei den Schülerinnen und Schüler „so viel Emotionen“ hervorrufe. Vielleicht bin ich da überkritisch, aber ich höre in diesen Äußerungen Betroffenheit als übergeordnetes Unterrichtsziel, das zumindest Geschichtsdidaktiker und -lehrer ad acta gelegt glaubten.

*Auf die Anregung habe ich mir im Anschluss an die Fortbildung direkt von Uri Orlev, Lauf, Junge, lauf gekauft und in zwei Tagen regelrecht verschlungen. Das Buch scheint mir für den Unterricht absolut empfehlens- und darüber hinaus auch sonst einfach lesenswert. Aus geschichtsdidaktischer Sicht ist vor allem hervorzuheben, dass das Buch den Protagonisten als aktiv handelnden Juden und auch Handlungsspielräume anderer Personen(gruppen) aufzeigt,  die Grenzen zwischen „gut“ und „böse“ nicht einfach sind, sondern viel Grauzone bleibt und in den einzelnen Episoden der Flucht zahlreiche Personengruppen und Ereignisse thematisiert werden, die im Geschichtsunterricht aufgegriffen werden können, wo sie sonst auch oft zu wenig Beachtung finden, wie u.a. das Warschauer Ghetto, polnische Partisanen , Kollaboration oder Zionismus.

Sollte meine Kollegin aus Sicht einer Deutschlehrerin die Lektüre ebenso gut finden und die Schulleitung unseren Wunsch berücksichtigen können, werden wir das Buch im nächsten Schuljahr mal in einem fächerübergreifenden Projekt mit einer 7. Klasse lesen.

#Gamification: Spion im Kalten Krieg

Das Mémorial Caen bietet ein kleines Online-Spiel zum Kalten Krieg. Leider auch nur auf Französisch. Man hat die Wahl zwischen mehrere Missionen in Washington, Berlin West, Ost oder Moskau. Außerdem kann man sich noch jeweils für die Übernahme der Rolle eines CIA oder KGB/Stasi-Agenten entscheiden, für den man dann eine „Mission“ erhält. Die eigentlichen „Spiele“ sind nett aufbereitet, aber wenig spannend: Vor dem Hintergrund eines Ortes (Straßenzug, Hinterhof etc.) muss man aus seinen Spionagenwerkzeugen das richtige auswählen, um es an einem von drei vorgebenen Punkten des Ortes anzuwenden. Dafür hat man maximal drei Versuche und 90 Sekunden Zeit. Ordnet man das Spionagewerkzeug dem richtigen Punkt zu, hat man die Mission erfüllt und bekommt noch ein wenig Hintergrundinformationen zum gewählten Werkzeug und der Spionagetätigkeit im Kalten Krieg.

Auch wenn das Spiel keine Begeisterung weckt, so ist es doch auffällig, wie im vorangehenden Beitrag schon angemerkt, dass es offenkundig im englisch- wie im französischsprachigen Raum zunehmend normal wird, dass Archive, Gedenkstätten und Museen solche Angebot entwickeln und online stellen, während Vergleichbares in Deutschland noch zu fehlen scheint. Falls jemand, solche Angebote auf Deutsch kennt, bin ich für Hinweise dankbar.

Lernen aus der Geschichte?

Gestern kursierte im Internet über die Nachrichtenagenturen eine Kurzmeldung. Eine Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag des Magazin der „Stern“ hat ergeben, dass jeder fünfte junge Erwachsene den Begriff „Auschwitz“ nicht kennt. Im Gegensatz zu den über 30jährigen, wo über 95% zumindest den Namen  kennen und mit dem Konzentrations- und Vernichtslager in Verbindung bringen. Zugleich erschreckend, dass circa 70% nicht wussten, dass Auschwitz in Polen liegt.

Nun gibt es solcher Umfragen viele und sie werden regelmäßig wiederholt, gerne auch im Auftrag von Zeitungen und Zeitschriften, die natürlich hoffen, damit eine Schlagzeile machen zu können. Gerne dann auch zeitnah an öffentlichen Gedenktagen, wie jetzt zum morgigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Viele dieser Umfragen kann man getrost beiseite tun. Es geht oft um Detailwissen und die produzierte Erregung mit Forderungen an Schule und Geschichtsunterricht reproduziert in der Regel nur ein völlig veraltetes Bild von Geschichte als Lern- und Paukfach.

Hier liegt die Sache meines Erachtens anders. Auschwitz ist zentral für die deutsche, ja für die europäische und Weltgeschichte. Hier kann nicht argumentiert werden, dass man genauso gut, etwas anderes wissen oder lernen könne und es letztlich um Kompetenzen gehe. Wenn gerade die junge Generation trotz Schule,  Büchern, Geschichts-TV, Internetportalen und zahlreichen Dokumentar- und Spielfilmen „nichts mit Auschwitz anfangen“ kann, ist das ein Problem.

Aus dem, was ich täglich sehe und erlebe, scheinen mir die Ergebnisse der Umfrage völlig unwahrscheinlich und  nicht nachvollziehbar.  Aber wenn die Zahlen korrekt und repräsentativ sein sollten, ist es in diesem Fall  nötig  sich ernsthaft die Frage zu stellen, ob hier etwas falsch läuft in Schule und Unterricht? Und was diese Entwicklung für unserer Gesellschaft bedeuten könnten?

Frühe Neuzeit in Computerspielen

Bei der Durchsicht meiner Mails nach dem Winterurlaub ist mir folgender Call for Papers aufgefallen, auf den ich hier auch gerne hinweise:

Vom 15. bis 17. März 2013 findet in Düsseldorf eine internationale Tagung zur Geschichte der Frühen Neuzeit im Computerspiel statt. Beiträgsvorschläge können bis zum 15. Mai 2012 eingereicht werden. Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite zur Geschichte der frühen Neuzeit an der Universität Düsseldorf.

Es wird sicher spannend zu sehen sein, ob eine derartig zeitliche Einengung und fachliche Ausdifferenzierung trägt, zumal der inhaltliche Schwerpunkt bzw. oft nur weitestgehender Bezug der meisten Spiele im 2. Weltkrieg und der Zeitgeschichte liegt.

Positiv herzuheben ist sicher der Ansatz, „Videospiele [nicht] aus der Perspektive etablierter Forschungsprogrammatiken als defizitär zu beschreiben“. Einige der vorgegebenen Fragekomplexe für die Beitragsvorschläge sind interessant, zeigen in ihrer punktuellen Sprunghaftigkeit aber auch, wie wenig das Thema „Computerspiele und Geschichte“ bisher durchdrungen ist.

„Ihre Geschichte im Mitmachkanal auf YouTube!“ ?

Das medial gerade sehr präsente „Gedächtnis der Nation“ –  Projekt lädt ein, dass jeder seine Geschichte(n) auf Youtube einstellt:

„Es sieht einfach aus, ist es auch – wenn Sie unsere Hinweise beachten. Hier erfahren Sie, wie Sie Ihr eigenes Zeitzeugen-Video erstellen können. Dieses Video wird dann anschließend auf unserem Mitmachkanal auf YouTube präsentiert.“

Ein paar Gedanken und eine kleine Diskussion dazu auf Google+.

Hier geht’s zum „Mitmachkanal auf Youtube„, der zum Start des Portals nicht ein einziges Zeitzeugenvideo aufweist…

Zeitzeugenarchiv des 20. Jahrhunderts

Unsere Geschichte – das Zeitzeugenarchiv des 20. Jahrhunderts ist ein gemeinsames Projekt von ZDF, Stern und dem Institut für Mediengestaltung der Fachhochschule Mainz.

Auf den Portalseitenseiten des Projekts heißt es dazu:

„‚Unsere Geschichte‘ ist ein einmaliges Archiv von Zeitzeugenberichten zu verschiedensten gesellschaftlichen, historischen und politischen Ereignissen des gesamten 20. Jahrhunderts. Hier finden Sie Berichte von denjenigen, die dabei gewesen sind.

Im Zeitraum von 1998 bis 2003 wurden im ZDF ‚Jahrhundertbus‘ mehr als 5.000 Interviews mit Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts dokumentiert. Diese einmalige Sammlung soll in den kommenden Jahren „Schritt für Schritt“ über das Internetportal „Unsere Geschichte“ der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Das Institut für Mediengestaltung der Fachhochschule Mainz übernahm im 2007 unter Leitung von Prof. Tjark Ihmels als Kooperationspartner die komplexen Arbeitsbereiche Konzeption, Digitalisierung, Datenanalyse, Informationsarchitektur, Datenverwaltung, Speicherung, Navigation und Interfacedesign für die Entwicklung und Realisierung einer Online-Video-Datenbank.

Das Projekt wurde gefördert durch das „Ministerium des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz“

Wie bildet sich die kollektive Erinnerung an historische Ereignisse ab? Zur Bearbeitung dieser zentralen und spannenden Frage der neuzeitlichen Geschichtsforschung ensteht am Institut für Mediengestaltung in Kooperation mit dem Verein ‚Augen der Geschichte e.V.‘ ein Online-Archiv. Dies stellt zukünftig ca. 5000 Stunden vorhandenes Interviewmaterial als Film und Text zur Verfügung. Weitere Zeitzeugenberichte sollen hinzukommen.“

Bis zum offiziellen Start des Portals sind die Videos nur passwortgeschützt zugänglich. Einen kurzer Bericht über das Projekt findet sich auch in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau.

So großartig und spannend die einzelnen Projekte sind (Lehrer haben ja immer etwas zu meckern ;)), mittlerweile gibt es doch einige Zeitzeugenportale online. Es wäre ja sinnvoll und wünschenswert, wenn die Videos der Zeitzeugenarchive auch breit im Geschichtsunterricht genutzt würden. Für die Nutzung in der Schule wäre es hilfreich, wenn die Videos der einzelnen Portale nicht nur innerhalb des jeweiligen Portals, sondern auch über eine Metasuche gefunden werden könnten. Eine Alternative wären Angeboten von Vorstrukturierungen der Materialauswahl durch Vorschläge für Unterrichtseinheiten … kaum eine Lehrkraft wird es leisten können, die verschiedenen Portale nach geeignetem Material zu durchforsten und dieses für den Unterricht bzw. für die weitere Bearbeitung durch Schüler (vor-) auszuwählen.

Einstieg zur Lektüre einer Ganzschrift

Nach der Klausur steigen wir nun im LK ein mit der (hier schon angekündigten) Ganzschrift. Für mich als Lehrer, aber auch für die Schüler im Geschichtsunterrichts eine Premiere. Ausgewählt hatte ich das Buch von Johannes Arndt über den Dreißigjährigen Krieg im Reclam-Verlag.

Ausschlaggebend war neben den niedrigen Kosten die Tatsache, dass das komplexe Thema hier neu und zusammenhängend dargestellt wird und in den Schulbüchern oft unterrepräsentiert ist. Zudem schien mir das Buch gut lesbar.

Die Schülerinnen und Schüler konnten das Buch über die Sommerferien bereits lesen. Wer das nicht getan hatte, sollte dies vom Schuljahrsanfang bis zu letzter Woche nachholen. Meine Idee ist, nachdem die Schülerinnen und Schüler das Buch nun einmal ganz gelesen haben, gezielt einzelne Punkte herauszugreifen und im Unterricht zu besprechen.

Die ersten Rückmeldungen haben mich durchaus erstaunt, da doch einige Schülerinnen und Schüler massive Verständnisprobleme hatten. Wie groß diese sind und wo sie genau liegen, wird sicher die Bearbeitung im Unterricht in den nächsten Wochen zeigen.

Nachdem Reformation und Religionsfrieden in den letzten Wochen intensiv bearbeitet wurden, haben die Schülerinnen und Schüler jetzt natürlich auch erst wichtige Voraussetzungen für das Verständnis des 30jährigen Krieges kennengelernt, die ihnen bei einer Vorab-Lektüre in den Ferien gefehlt haben könnten. Bei nochmaligen Überfliegen des Buches sehe ich nun auch, dass Arndt doch einiges an Vorwissen voraussetzt. Sonst ließe sich ein Buch über diese Zeit in dieser Kürze wohl auch gar nicht schreiben. Das wäre für die Auswahl einer weiteren Ganzschrift durchaus ein Kriterium für ein dickeres Buch, auch wenn das viele Lerner auch in der Oberstufe zunächst abschrecken mag… das Lesen und Arbeiten in der Folge kann dann aber gegebenenfalls einfacher werden.

Zum Einstieg habe ich einen etwas kreativeren Zugang gewählt. Just vor einigen Wochen ist eine Ausgabe von Spiegel Geschichte zum Dreißigjährigen Krieg erschienen. Weil für einige das Lesen des Buchs nun schon ein wenig zurückliegt und das Reclam-Buch keinerlei Bilder enthält, bot sich der Einstieg über das etwas reißerische Cover der Zeitschrift geradezu an.

Nach Aktivierung des Vorwissens und Analyse des Covers überfliegen die Schülerinnern und Schüler ihre mit Anmerkungen versehenen Reclam-Lektüren sowie das Inhaltverzeichnis des Buch, um anschließend selbst ein Cover für dieses Buch (andere Art der Publikation mit anderer Zielgruppe!) selbst zu entwerfen. Für den Entwurf können sie zeichnen, als Collage kleben oder mit der IWB-Software der Schule digital gestalten.

Der Arbeitsauftrag ist relativ offen, komplex und zugleich handlungsorientiert (Lektüre sichten, zentrale Inhalte herausarbeiten, Bilder suchen, auswählen, neu zusammenstellen sowie inhalts- und adressatenbezogen gestalten). Die Cover-Entwürfe werden in der nächsten Stunde vorgestellt, die Auswahl und Gestaltung kurz begründet. Die Schülerinnen und Schüler gewinnen so noch einmal einen Überblick über Thema und Buch, setzen schon eigene Schwerpunkte, was ihnen durch die Lektüre als wichtig erscheint und erhalten durch die Bildersuche, -auswahl und -verarbeitung einen ergänzenden visuellen Eindruck zu ihrer (bilderlosen) Erstlektüre.

Interviews zum Thema Erinnerungskultur in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung

Die meisten Interviews wurden zwischen dem 14.-16.04.2011 auf der Konferenz httpasts://digitalmemoryonthenet in Berlin aufgezeichnet.

Franco-Biografie? Nicht gelesen…

In einem Interview mit El País in der Samstagsausgabe meint der 79jährige Direktor der königlich spanischen Geschichtsakademie, Gonzalo Anes, er habe noch keine Zeit gehabt, den Artikel über Franco zu lesen. Außerdem habe er die Franco-Zeit erlebt und wisse, wie das gewesen sei. Auf die abschließende Frage, ob es nicht zumindest Konsens sei, dass Franco ein Diktator war, weicht er mehrfach aus, unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass er erschöpft sei und gehen müsse… sie bleibt bis zum Ende des Interviews unbeantwortet. Das Interview ist schon ein starkes Stück! Die Rufe nach einem Rücktritt von Anes werden sicher dadurch nicht leiser… danach hätte er auf jeden Fall wieder Zeit, auch den Eintrag über Franco mal zu lesen und mit seinen Erinnerungen abzugleichen…

Zwei weitere Punkte in dem fast zwei Seiten langen Interview finde ich interessant: Zum einen das Argument von Anes, dass es eine solche Debatte wie jetzt in Spanien in keinem anderen europäischen Land geben könnte. Damit liegt er ziemlich falsch. Das zeigen die zahlreichen Geschichtsdebatten in fast allen europäischen Ländern in den letzten Jahren. Vermutlich ist Geschichte selten so intensiv und kontrovers gesellschaftlich disktutiert worden. Zum anderen verweist Anes angesichts von Vorwürfen des nicht wissenschaftlichen Arbeitens und mangelnder Kontrolle auf die Schnelligkeit und Umfang der Veröffentlichung: insgesamt 50 Bände mit 43.000 Einträgen von mehr als 5000 Autoren; ein vergleichbares Projekt in Italien, das in den 60er Jahren begonnen wurden, sei heute beim Buchstaben „M“ angekommen.

Wäre es nach ihm gegangen, so sagt er weiter, wäre das ganze Werk nur online veröffentlicht worden. Das hätte natürlich Korrekturen, Ergänzungen und Aktualisierungen wesentlich vereinfacht. Die Online-Edition soll nun später folgen. Es stellt sich trotzdem die grundsätzliche Frage, wer heute noch ein solches Lexikon in dieser Form braucht und benutzt? Der Verkaufspreis liegt bei 3500€. Nicht nur angesichts der höchst problematischen Inhalte (das geht über das bisher hier Beschriebene hinaus: Artikel zu anderen Personen sind von deren Internetseiten „übernommen“ worden, zu den Infanten hat die Pressestelle des Königshauses den Artikel verfasst), ob sich die rund 6 Mio. Euro an öffentlichen Geldern für ein solches Projekt rechtfertigen lassen?

Die Akademie verweist auf die Verantwortung der Autoren für ihre Artikel und betont die Bedeutung des Gesamtwerks, erkennt aber an, dass die Kritik der vergangenen Tage in einzelnen Punkten berechtigt sein könnte. Sie behält sich vor, einzelne Artikel (nun!) intensiv zu prüfen und gegebenenfalls zu ändern (offizielle Stellungnahme der Akademie von 3. Juni als PDF). Zeitgleich entfacht die Debatte neu um das Mausoleum Francos im Calle de los Caídos, das nicht mehr rechte Pilgerstätte sein soll, sondern eventuell umgewandelt wird in ein Museum und eine Gedenkstätte für die Opfer. Es scheiden sich die Geister daran, ob Primo de Rivera und Franco in ihren Gräber dort bleiben dürfen oder rausgeholt werden müssen vor einer solchen Umwandlung. Darüber hinaus ist fraglich, was mit den Tausenden dort verscharrten Opfern des Franco-Regimes geschehen soll, von denen die Angehörigenverbände eine Exhumierung und Identifikation verlangen, was Gerichtsmediziner aber als schwierig einschätzen…

P.S. Artikel auf Deutsch zum Thema finden sich mittlerweile online u.a. in der taz, Welt und Zeit. Die Artikel lassen sich auch gut im Unterricht einsetzen, um z.B. Fragen nach „Objektivität“ von Geschichtsdarstellungen, wissenschaftlichen Standards u.ä. zu thematisieren.

Was ist „deutsch“ am Eck?

Deutsches am Eck ist ein interessanter Film, der in einem gemeinsamen Schüler-/Lehrerprojekt  im letzten Jahr hier in Koblenz entstanden ist. Eine Familie, die gerade das Deutsche Eck besichtigt, denkt vor laufender Kamera laut über Geschichte und Sinn des Denkmals nach. Der Film hat mit etwas mehr als vier Minuten eine gute Länge für den Einsatz im Unterricht und die Äußerungen der einzelnen Familienmitglieder bieten viele Ansatzpunkte für eine Diskussion in der Klasse. Das Video eignet prima sich als Einstieg zum Beispiel in das Thema Denkmäler oder das Verhältnis der Deutschen zur Nation. Ärgerlich ist allerdings die abgeschnittene Darstellung im Fenster und auch der Link zum Einbetten des Videos an anderer Stelle hat zumindest bei mir nicht funktioniert.