Virtuelle Erinnerungskultur

Unter diesem viel versprechenden Titel findet sich ein kurzer Beitrag in der aktuellen GWU Ausgabe zu „Erinnerungsorten“. Leider wird dort, der Beitrag fällt unter die Rubrik „Informationen neue Medien“, nur auf im Internet vorhandene Informationsportale und publizierte Texte über Erinnerungsorte hingewiesen. Auch wenn die Literaturhinweise durchaus interessant sind, fand ich das enttäuschend.

(Die Linkangaben sind übrigens bis zu drei Zeilen lang, weil u.a. die exakte URL eines PDF angegeben wird – ich habe es nicht geschafft, diese richtig abzuschreiben, wie ich nach Rückkehr aus der Bibliothek zu Hause dann gemerkt habe.)

Das ist schade, weil die Chance vertan wurde entsprechend des Titels auch das Thema von virtuellen Erinnerungsorten im Netz aufzugreifen und diese aktuellen geschichtskulturell hoch interessanten Entwicklungen einem vermutlich weniger medienaffinen, dafür aber breiterem Publikum vorzustellen. Was das „virtuelle“ im Titel des GWU-Beitrags sein soll, erschließt sich mir nicht. Die sonst um präzise Begriffe bemühte Geschichtswissenschaft scheint „virtuell“ weiterhin auf alles zu projizieren, was irgendwie mit dem Internet zu tun hat.

In diesem Blog wurde schon mehrfach darauf hingewiesen: Zunehmend finden sich (sehr unterschiedliche) Formen des Gedenkens und der Erinnerungskultur im Internet, hier lässt sich dann in der Tat von „virtueller Erinnerungskultur“ sprechen. Die Bundeszentrale für politische Bildung organisiert Mitte April eine internationale Tagung in Berlin unter dem Titel „“httppasts://digitalmemoryonthenet“, die das Thema aufgreift und aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet:

Auschwitz bei Facebook. Anne Frank auf YouTube. Ein Tweet aus dem Holocaust Museum – Die Erinnerung an die Vergangenheit ist längst Teil der virtuellen Welt. Digitale Medien prägen somit nicht nur die heutige gesellschaftliche Kommunikation, sie bestimmen auch zunehmend unser Verständnis der Vergangenheit und schaffen neue Formen des Erinnerns und der Vermittlung von Geschichte: Hat das Geschichtsbuch bald ausgedient? Werden Gedenkstättenbesuche überflüssig? Wird es künftig ausschließlich virtuelle Zeitzeugenbegegnungen geben?

Mehr Informationen sowie das Programm finden sich auf der Website der Tagung.

Im Rahmen des Programms werden Jöran Muuß-Merholz und ich am letzten Tag auch einen gemeinsamen Workshop „Lernen (wie) im echten Leben – Geocaching, Mobile Apps und selbst gestaltete Stadtrundgänge“ anbieten.

Auswanderung und Assimilation?

Zunächst wussten sie wenig von dem fernen Land. Einige wurden gezielt zur Ansiedlung in bestimmten Städten und Regionen angeworben. Mittlerweile leben sie dort schon seit Generationen, geben aber dennoch ihre Sprache nicht auf, sondern von Generation zu Generation weiter. Das ist gut möglich, weil sie eigene Gemeinschaften bilden, ihre eigenen Geschäfte haben und auch eigene Sport-, Musik- und Geselligkeitsvereine. Entsprechend haben sie auch eine eigene Presselandschaft, die über die Ereignisse in ihren Herkunftsregionen berichtet und das politische  Meinungsspektrum abdeckt. Sie haben ihre Heimat verlassen aus wirtschaftlichen Gründen, weil sie sich in der Fremde ein besseres Leben erhofften, oder aus politischen Gründen, weil sie in der Heimat wegen ihrer politischen Ansichten überwacht, zensiert oder sogar inhaftiert wurden.

Es sind vor allem Handwerker, Kleinbauern und Arbeiter aus armen, ländlichen Gebieten, die auswandern. Studierte Rechtsanwälte, Ärzte oder Lehrer sind nur wenige dabei. Kaum jemand beherrscht bei Ankunft die Landessprache. Oft gehen einige Wagemutige vor, andere, vor allem Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn kommen später nach und siedeln in der Nähe. So entstehen nach und nach kleine Stadtviertel, die nach ihrem Herkunftsland benannt sind: little Germanies.

Die Rede ist offensichtlich nicht von z.B. der türkischen Migration der letzten Jahrzehnte nach Deutschland, sondern von der Geschichte der deutschen Auswanderung, hier exemplarisch insbesondere der in die USA im 19. Jahrhundert. Aufmerksam geworden auf die offenkundigen Ähnlichkeiten bin ich durch einen Vortrag von Roland Paul vom Institut für pfälzische Geschichte auf dem Tag des Geschichtsunterricht an der Universität Saarbrücken.

Nicht nur angesichts der aktuellen Debatten um die Aussagen von Friedrich, Erdogan und zuletzt Seehofer scheint mir dies ein Thema zu sein, das im Geschichtsunterricht aufgegriffen und besprochen werden sollte, weil es die Schülerinnen und Schüler zur (aus historischer Sicht kompetenten) Teilnahme an der gesellschaftlichen Debatte befähigt. Geschichte als politisches Argument ist immer problematisch. Besonders an den Äußerungen des neuen Innenminister ist zu sehen, wie wichtig es ist, Migration nicht als Sonder-, sondern als Normalfall zu begreifen. Es gilt ggf. vorhandene naive Vorstellungen einer statischen Gesellschaft durch dynamische Konzepte zu ersetzen.

Viele Gegenden des späteren Deutschlands, wie z.B. die Pfalz, waren im 19. Jahrhundert vor allem Auswanderer-Regionen. Das Festhalten an den regionalen Traditionen (Kirmesfeiern, Karnevalsgesellschaften) und der eigenen Sprache durch die deutschsprachigen Auswanderer wird in der Literatur interessiert betrachtet und durchaus positiv gewertet (i.S. von „Es ist ihnen gelungen, ihre Sprache zu bewahren“ statt „Sie waren unfähig/unwillig, sich zu integrieren“). Die Vergleichbarkeit liegt auf der Hand, wird von den Familien- und Volkskundlern in der Regel nicht geleistet.

Spannend ist die sehr unterschiedliche Bewertung der beiden Phänomene (positiv das vermeintlich Eigene, negativ das Neue, Andere). Von der durch den Vergleich hervorgerufenen kognitiven Dissonanz, die auch bei den Schülern zu erwarten ist, sowie den Erfahrungsgeschichten von Kindern mit Migrationshintergrund kann der Geschichtsunterricht profitieren.

Als Material eignen sich Auszüge aus deutschsprachigen Zeitungen, wie z.B. den von Conrad Voelcker herausgegebenen „Hessischen Blättern“ oder „Der Pfälzer in Amerika“. Ideal für den Unterricht sind die Werbeanzeigen für die Geschäfte und Volksfeste, da diese leicht zu lesen sind und zugleich den „Community“-Charakter offenbaren. Zu finden sind solche z.B. im Buch von Roland Paul und Karl Scherer, Pfälzer in Amerika – Palatines in America, Kaiserslautern 1995. Davon ausgehend kann das Thema je nach Altersstufe vertiefend behandelt, Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede herausgearbeitet werden.

Der historische Vergleich und die Wahrnehmung der Ähnlichkeiten könnten zu einer gelasseneren Haltung in der Integrationsdebatte beitragen. Wobei ein im Sinne der Integration positiver Ausgang entsprechend dem historischen  Vorbild natürlich keineswegs garaniert ist.  Es bedarf dazu gemeinsamer gesellschaftlicher Anstrengung aller Beteiligten.

Bedenkenswert in diesem Hinblick erscheint mir übrigens das Teilfazit der RLP-Ausstellung zur Auswanderung. Dort heißt es:  „Ethnisch geprägte Viertel, wie ‚Little Germany‘ in New York oder ‚Over the Rhine‘ in Cincinnati, deutsche Schulen, Zeitungen und Kirchengemeinden erleichterten den Immigranten zwar die Integration, zugleich wurden sie jedoch als ‚Zeichen mangelnder Anpassungsbereitschaft und als Rückzug in eine vermeintlich homogene ethnische Kultur verstanden. […] Um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert stellten deutsche Einwanderer und ihre Kinder zehn Prozent der US-Bevölkerung. Die meisten Immigranten waren schon seit Jahrzehnten im Land, und es gab kaum noch Zuzüge aus Deutschland, die dem ethnischen Gemeinschaftsleben hätte neue Impulse geben können. Die Heterogenität der Deutsch-amerikaner, ökonomische Integration und die fortgeschrittene Akkulturation führten insbesondere in städtischen Gebieten zum Verfall der Identität.“

Im übrigen sollte man nicht auf den Kurzschluss verfallen, dass es in den USA, die sich als Einwanderungsland verstanden, keine Konflikte gegeben habe. Vielmehr sind schon im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Belege für die Artikulation von Vorurteilen und „Überfremdungsängsten“, ganz ähnlich zu denen von heute, zu finden.

Es gibt zudem einige Seiten im Internet zum Thema, die sich auch im Unterricht einsetzen lassen:

Auswanderung aus den Regionen des heutigen Rheinland-Pfalz

Heimat Pfalz – Auswanderung

Zeitung: Buffalo Volksfreund (digitalisiert ab 1891)

Archivaria – the history of Buffalo, New York (digitalisierte Quellen)

Goethe-Institut: German-american site in Chicago

Palatines to America

Deutsch-Pennsylvanischer Arbeitskreis

Falls jemand noch Links zu thematischen Materialien oder zu weiteren digitalisierten deutschen Zeitungen aus den USA hat, wäre ich für Hinweise dankbar und nehme diese gerne hier auf.

Photo @dougtone auf Flickr

Wikipedia: Wie schreibe ich einen guten Geschichtsartikel

Die letzte Bearbeitung ist schon anderthalb Jahre alt, aber ich habe den Artikel  jetzt erst entdeckt und er passt gerade so gut. Nicht nur zur Karnevalszeit sehr schön zu lesen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wie_schreibe_ich_einen_guten_Geschichtsartikel

… und vielleicht auch mal eine augenzwinkernde Alternative zu trockener Methodeneinführung und erhobenem Zeigefinger in der Oberstufe! 😉

1769: Korsikas Platz in der Weltgeschichte

„Ein kleines Volk auf einer mässigen Insel im mittelländischen Meere, das den Paoli an der Spitze, und warmes Gefül von Freiheit, Vaterland und Tyrannei im Busen hat; ein Volk, das weder herrschen noch gehorchen will, kämpft […] um die Rechte der Menschheit und seine eigenen Rechte. Bald wird es nicht mehr seyn, dieses kleine verlassne Volk: oder es wird mal unabhängig seyn, dieses tapfere und der Unabhängigkeit würdige Volk! Dies ist das Volk, dessen Geschichte ich hier beschreibe […]

Überhaupt ward Corsica ein Muster einer wohlgeordneten Democratie. […] Seit der Zeit [nachdem Schlözer bereits geschrieben hatte] hat Corsica seinen PAOLI, seine Freiheit, und mit beiden zugleich sein Interesse verloren. Nunmer würde ich verlegen seyn, wenn mich jemand fragte: ob dieses Eiland auch wirklich ein eigenes Bändgen in der Weltgeschichte verdiene?“

aus: August Ludwig Schlözer, Kleine Weltgeschichte. Num. I. Geschichte von Corsica, Göttingen/Gotha 1769, S. 6, 111, 125.

Eine spannende und m.W. noch ausstehende Aufgabe wäre es, die Rezeption der korsischen Ereignisse in der europäischen Aufklärung und ihre mögliche Wirkung auf die nachfolgenden Revolutionen zu untersuchen.

Die Haitianische Revolution

Arte hat am Samstag eine sehenswerte Dokumentation über die Haitianische Revolution von 1791 gezeigt, die auf den Videos bei Arte zur Zeit auch noch auf Deutsch komplett zu sehen ist (Update: mittlerweile leider nicht mehr). Die Revolution war ein epochemachendes Ereignis, das allerdings aus den Schulgeschichtsbüchern vollständig verschwunden ist, bzw. besser: nie Eingang in diese gefunden hat (warum eigentlich?). Für den Unterricht wären Haiti und seine Geschichte nicht nur wegen des  aktuellen Jahrestags des schweren Erbebens interessant.

In der Haitianischen Revolution befreiten sich Schwarze selbst vom Joch der Sklaverei und gründeten einen eigenen Staat. Ohne das im Detail nachgeschaut zu haben, fallen mir aus Unterricht und Schulbüchern nur Beispiele ein, in denen Weiße für die Abschaffung der Sklaverei eingetreten sind; die jungen Vereinigten Staaten (mit klarer Rollenverteilung von gut und böse) führten über diese Frage sogar einen Bürgerkrieg.

Ähnlich, wie es wichtig ist, Juden nicht nur als Opfer der Shoah, sondern als Individuen und Handelnde zu zeigen, müsste dies auch für „Schwarze“ gelten. Es ließe sich daran anschließend fragen, welches Bild von „Schwarzen“ im Geschichtsunterricht in Deutschland überhaupt vermittelt wird? Vermutlich eines, dass sie  überwiegend als passive Opfer europäischen Sklavenhandels und Imperialismus zeigt (siehe dazu auch den Beitrag hier). Dass  das in höchstem Maße problematisch ist, braucht hier wohl nicht weiter ausgeführt zu werden, scheint aber ein weiterer Punkt, der für die Einführung einer globalgeschichtlichen Perspektive im Geschichtsunterricht spricht.

Im letzten Vor zwei Jahren ist zur Haitianischen Revolution ein bemerkenswertes Buch mit zwei Essays erschienen, in denen die Autorin

„Buck-Morss zeigt, wie die Haitianische Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts einen der bekanntesten deutschen Philosophen, G.W.F. Hegel, maßgeblich in seinem frühen Hauptwerk, der ‚Phänomenologie des Geistes“, geprägt und beeinflusst hat. […] die Französische Revolution proklamierte zwar die Allgemeinen Menschenrechte im Jahre 1791. Jedoch wiesen zeitgenössische Kritker/innen wie beispielsweise die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges schon damals darauf hin, dass die Forderungen nach Freiheit und Gleichberechtigung, die als universell postuliert worden waren, in Wirklichkeit sehr partikular waren und bestimmte Gruppen nicht in das Universalismusversprechen einbanden, wie etwa die Frauen, denen weiterhin politische Rechte vorenthalten wurden. Die Haitianische Revolution stellte in dieser Hinsicht eine Radikalisierung der Französischen Revolution dar, weil sie die Gleichheit und Gleichberechtigung auch für Schwarze einforderte und dadurch realisierte, dass die Sklaven sich aus ihrer Knechtschaft befreiten. Dieses weltgeschichtliche Ereignis wurde, folgt man der Interpretation von Buck-Morss, zur zentralen Referenz der frühen Hegelschen Philosophie. Hegel war somit einer der wenigen Zeitgenossen, die die Bedeutung des ersten erfolgreichen Aufstandes von Sklav/innen, an dessen Ende die Proklamation der Unabhängigkeit der Republik Haiti am 1. Januar 1804 stand, erkannt hatten.“ (Zitat aus der Rezension auf h-soz-kult)

Der Rezensent weist übrigens darauf hin, dass nach Michel-Rolph Trouillot in der Folge „die Haitianische Revolution zu einem ‚undenkbaren Ereignis‘ wurde, weil sie eben nicht mit dem rassistischen Weltbild der Handlungsmacht schwarzer Menschen vereinbar“ gewesen sei. Das könnte auch eine mögliche Erklärung für den Ausschluss des Themas aus dem klassischen Schulgeschichtsunterricht sein. Das Buch von Susan Buck-Morss, Hegel, Haiti and Universal History, Pittsburgh 2009, findet sich übrigens in Auszügen auf Google Books.

Darüber hinaus ist noch das Louverture-Projekt hinzuweisen: ein englischsprachiges Wiki zur Geschichte Haitis zwischen 1791 und 1804, benannt nach dem führenden General der Revolution, sowie zu den Seiten der Duke Universität zur haitianischen Unabhängigkeitserklärung im britischen Nationalarchiv.

Außerhalb Haitis steht u.a. in Bordeaux seit 2005 ein kleines Denkmal, das an Toussaint Louverture erinnert; in Quebec seit 2010.

Der Winter 1783/1784 und die Hochwasserkatastrophe von 1784

„Der extreme Winter von 1783/84 der nördlichen Hemisphäre war Resultat einer natürlichen Klimaveränderung. Der Nordwinter 1783/84 gilt als einer der härtesten überhaupt in Mitteleuropa, war aber auch in Nordamerika und Asien bedeutsam. Diesem folgten extreme Überschwemmungen im Februar/März 1784 in Mitteleuropa, die als eine der größten Naturkatastrophen der frühen Neuzeit in Mitteleuropa angesehen werden. Die Ursache dafür wird in besonders schwefelreichen oder besonders heftigen und aschereichen vulkanischen Eruptionen gesehen, die sich in Island und Japan ereigneten.“ Weiterlesen in der Wikipedia.

Einen umfangreichen Artikel zum Thema bietet auch Bernd Nebel auf seiner Seite mit einer Übersicht der in „Deutschland“ vom Hochwasser 1784 zerstörten Brücken. Auf Archivalia sind einige digitalisierte Bücher mit zeitgenössischen Beschreibungen der Katastrophe von 1784 verlinkt.

Zu den Zusammenhängen bzw. Auswirkungen dieser Klimaphänomene auf die Französische Revolution siehe die Seiten 214ff. in der Kulturgeschichte des Klimas von Wolfgang Behringer.

 

 

Geschichte muss mehr sein als Entertainment

Das „Problem des deutschen Geschichtsfernsehens ist nicht allein, dass historische Ereignisse auf dem Bildschirm immer häufiger in Gestalt einer sich als Wirklichkeit aufspielenden Fiktion daherkommen. Vielmehr ist hier die Vergangenheit im Lauf der Jahre langsam aber sicher unschädlich gemacht worden.“

Die Überschrift und das Zitat stammen aus einem lesenswerten Artikel von Christian Staas in der Zeit Online. Selbstverständlich muss Geschichtsfernsehen anschaulich sein und auch Quote machen, trotzdem würde ich dem Autor zustimmen: Die meisten Produktionen, vor allem der Dokutainment-Fabrik von ZDF History, bleiben hinter den Möglichkeiten des Mediums zurück, Geschichte zugleich unterhaltsam und differenziert zu präsentieren.

Die eingesetzten modernen filmischen Mitteln machen die Faszination der Darstellung aus. Teilweise mag es aber auch einfach nur „cool“ sein, wenn Franken Sachsen mit schnellen Schnitten wie in Musikvideos oder Actionfilmen zu Metal-Klängen durch den Wald jagen. Dagegen ist nichts einzuwenden und ich denke, das macht zu Recht einen Großteil des Erfolgs der Serie aus.

Das Problem liegt meines Erachtens woanders: Ein Problem, dass ich speziell bei der Serie „Die Deutschen sehe, ist, dass hier eine große personalisierte Nationalgeschichte in der Form einer multimedialen Meistererzählung versucht wird. Was macht z.B. eine Gestalt wie „Karl der Große“ überhaupt in einer Sendereihe über „Die Deutschen“? Das ist von der Programmatik eine nationalgeschichtliche Vereinnahmung, wie sie im 19. Jahrhundert üblich war, aber eigentlich seit spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts  überwunden schien. Man darf davon ausgehen, dass sich ein  pflichtbewusst eingeflochtener Halbsatz, dass zur Zeit Karls keineswegs von „Deutschen“ (oder „Franzosen“) gesprochen werden kann, schlicht versendet.

Eine differenziertere Darstellung ist dringend nötig und müsste der Sehfreude keineswegs schaden. Aber wer mit dem Anspruch auftritt,  Geschichte zu vermitteln (in Kooperation mit dem deutschen Geschichtslehrerverband!), sollte mehr bieten als das unterhaltsame Inszenieren von Erzählungen. Diese haben auch ihre Berechtigung als Spielfilm oder historischer Roman, aber Geschichte ist eben mehr als nur Entertainment.

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Zur Kritik an der Serie siehe auch die Zitate aus Welt, FAZ und Stern im entsprechenden Wikipedia-Artikel.

Die Geschichte Lettlands

in 8 Minuten Puppentrickfilm:

Interessant an dem (auch ohne Lettischkenntnisse unterhaltsamen) Film ist die lettische Perspektive auf die eigene und europäische Geschichte. Die Letten werden repräsentiert durch einen blonden Mann und ein Holzhaus, das trotz aller Kriege unzerstört bleibt.  Sie sind vor allem Opfer und Überlebenskünstler: Die Geschichte beginnt mit der Missionierung durch Albert 1201. Der Rest ist eine Abfolge von Eroberungen, Durchzügen und Rückeroberungen (u.a. Schweden, Russen, Deutsche).

Die Konstanten bilden dabei der blonde Lette und sein Haus. Er legt fremde Uniformen und Kleidung  jeweils nur an, um sie danach wieder abzulegen oder gegen andere einzutauschen. Gefährlich scheint mir die dem harmlos anmutenden Film zugrunde liegende, vermutlich unreflektierte Idee einer (völkischen) Einheit und Kontinuität seit dem Mittelalter. Andere (historische) Bevölkerungsgruppen und Migrationsbewegungen kommen nicht vor: Fremde werden mit Eroberern gleichgesetzt und verlassen das Land wieder. Das ist ein hochaktuelles – nicht nur für Lettland mit seinem großen Anteil russischsprachiger Einwohner – und bedeutsames Thema, da unsere Geschichts-Vorstellungen hier unsere aktuellen politischen Einstellungen in hohem Maße bestimmen.

Natürlich macht der Film (zumindest mir) Spaß beim Anschauen, gerade auch die kleinen Details der Darstellung, allerdings werden – wie oben gezeigt – unterschwellig problematische Botschaften transportiert. Darüber sollte man sich klar sein und dies ggf. bei einem Einsatz im Unterricht reflektieren, z.B. im Hinblick auf eine mögliche Darstellung der deutschen Geschichte (siehe auch die Darstellung Polens in einem kurzen Animationsfilm für die Expo hier) .

Online-Museum zur Migration

Wer es noch nicht kennt, der Blick lohnt: Lebenswege heißt das Online-Migrations-Museum Rheinland-Pfalz. Die Seiten sind im nüchternen Corporate Design des Landes gehalten und bieten eine Fülle von Informationen zur Geschichte der Migration im 20. Jahrhundert: kurze Texte, die  in die Themen einführen, und zahlreiche digitalisierte Quellen (vor allem Fotos und Zeitungsausschnitten). Das Herzstück  sind Beschreibungen von „Lebenswegen“, die mit Bildern und Dokumenten aus dem Privatfundus und Audioausschnitten aus Gesprächen anschaulich präsentiert werden. Die Seiten eignen sich sowohl für den Einsatz in der Mittel- wie Oberstufe. Gleichfalls hilfreich für den Unterricht sind die Überblicke zu Literatur und Filmen, die Geschichte und Aktualität der  Migration in Deutschland thematisieren.

Zwei Newsletter, die sich lohnen:

eurotopics: http://www.eurotopics.net/de/presseschau/aktuell.html

Tägliche Presseschau aus den großen Zeitungen Europas. Parallel verfügbar auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Polnisch. Viele Zusammenfassungen von Artikeln zu geschichtskulturellen Themen und Kontroversen, die sich u.a. sehr gut für den Unterrichtseinstieg eignen und in einem gut organisierten Online-Archiv leicht zugänglich sind.

Qantara.de: http://de.qantara.de/

Der Untertitel „Dialog mit der islamischen Welt“ sagt schon das Wichtigste. Die Internetseite mit dem Newsletter ist ein gemeinsames Projekt von DW, BpB, Goethe-Institut und ifa. Die Seiten bieten ausgewogene und hintergründige Informationen aus „der“ islamischen Welt. Mit  fundierten und abwechslungsreichen Berichten arbeitet die Plattform an gegen die falsche, aber leider weit verbreitete Gleichsetzung von Islam = gewaltbereite Religion = Terrorismus. Die Seiten sind u.a. auch auf Englisch und Türkisch verfügbar.  Die Beiträge im aktuellen Newsletter reichen vom „Vormarsch“ des Islamismus auf dem Balkan über ein Essay zu Obamas mangelhafter Friedenspolitik in Palästina und Israel bis hin zu einem Bericht über eine muslimische Universität in den USA. Anküpfungspunkte für den Geschichts- und Politikunterricht gibt es also zahlreiche.