3D-Reise ins Berlin von 1989

Twinity ist eine 3D-Spiegelwelt basierend auf realen Städten und realen Menschen.“ Die ersten eingerichteten Städte sind neben Berlin noch Singapur, London und Miami.

Das Programm runterladen, eine eigene Spielfigur einrichten und sich mit den Funktionen vertraut machen, ist eine Sache von maximal 30 Minuten. Danach ist (so war es zumindest bei mir) viel Staunen angesagt, wobei ich aber zugeben muss, dass ich mich das erste Mal in so einer 3D-Welt bewegt habe, und es daher für Leute, die schon in Second Life o.ä. unterwegs waren oder sind, nichts Neues ist.

Das geschichtskulturell Interessante bei Twinity: Wer sich nach Berlin beamen lässt, landet vor dem Brandenburger Tor und dahinter befindet sich einer von fünf Zugängen zu einem virtuellen Mauermuseum. Einige Plakate geben dort kurze Hintergrundinformationen zum Projekt und der  Geschichte der Berliner Mauer. Im Wesentlichen befindet man sich aber nach Durchschreiten des Tores in einer 3D-Rekonstruktion  des Berlins von 1989. Die Mauer steht noch, man kann 2 Km  an ihr entlanglaufen und u.a. den Checkpoint Charlie oder das Mahnmal der weißen Kreuze am Reichstagsufer besichtigen.  Ödland und Grenzstreifen, wo heute das Leben pulsiert.

Bei aller spontanen Faszination stellt sich mir die Frage: Ist hier historisches Lernen möglich?  Klar kann man das virtuelle Berlin heute mit dem Zustand von 1989 vergleichen, dasselbe leisten aber auch entsprechende Fotografien oder Filmauschnitte, denen ich gegebenüber eine 3D-Rekonstruktion den Vorzug geben würde. Der Aufwand scheint mir in diesem Fall unverhältnismäßig groß, aber spannend ist es trotzdem… 😉

Aufstände und Widerstand im 2. Weltkrieg in Schulbüchern

Zur Unterrichtsvorbereitung habe ich gestern, da im eingeführten Geschichtsbuch nichts enthalten war, in verschiedenen anderen Lehrwerken nach Darstellungen und Material zum Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 und zum Warschauer Aufstand 1944 gesucht.

Vielleicht habe ich zufällig die falschen Bücher zuhause, aber zu meinem Erschrecken habe ich fast nichts gefunden: Eine Seite in einem Mittelstufenbuch zum Ghetto-Aufstand mit Bild und zwei Quellen stach bei der Suche positiv hervor und war zugleich die umfangreichste Darstellung. Wenn überhaupt fanden sich in den anderen Lehrwerken einzelne Sätze zum europäischen Widerstand. In einem Buch war zwar in der Nachkriegsgeschichte der Kniefall Brandts ausführlich thematisiert, das Ghetto und der Aufstand zuvor jedoch nicht. Mir persönlich ist völlig unverständlich, wie hier Zusammenhänge verstanden werden sollen.

Aufgefallen ist mir beim Durchblättern der Werke, dass gerade die Bilder der Kapitel zum Holocaust weiterhin die Vorstellung von wehrlosen (jüdischen) Opfern „wie Schafe auf dem Weg zur Schlachtbank“ unterstützen. Handlungsoptionen und jüdischer Widerstand werden (fast) nirgendwo thematisiert (siehe hingegen die anregenden Beiträge im Magazin von Lernen aus der Geschichte vom 20. Januar 2010). Fündig geworden bin ich dann in einem Heft von Praxis Geschichte aus dem Jahr 1995 (!), dem übrigens auch die beiden Quellenauszüge aus dem erwähnten Mittelstufenbuch entnommen sind. (Wobei mir natürlich bekannt ist, dass es einige jüngere Veröffentlichungen von Materialien für den Geschichtsunterricht gibt, ich habe aber leider eben nicht alles griffbereit am heimischen Schreibtisch. Außerdem handelt es sich eben um Zusatzmaterialien und nicht um Schulgeschichtsbücher.)

Es betrifft im übrigen nicht nur den Holocaust, sondern die unterschiedlichen Widerstandsbewegungen in ganz Europa: Was sich durchgängig in den Schulgeschichtsbüchern findet, sind vergleichsweise umfangreiche, mehrseitige  Kapitel zum deutschen Widerstand (vor allem Scholl, Kirche und Stauffenberg). Was ich mich frage: Wie  soll Europa zusammenwachsen, wie sollen deutsche Jugendlichen ihre Nachbarn verstehen, wenn sie nie (zumindest im Geschichtsunterricht nicht) etwas von der Armia Krajowa, der Résistance oder dem Verzet gehört haben? Die Mythen und die Diskussion um diese Bewegungen spielen in unseren Nachbarländern bis heute eine wichtige Rolle für das Selbstverständnis und in der politischen Debatte.

Ist mein beschriebener Eindruck nicht völlig verkehrt und sind Schulgeschichtsbücher tatsächlich, wie so oft behauptet, weiterhin Leitmedium des Unterrichts, scheint mir hier – wiederum – eine höchst problematische Akzentuierung auf einen nationalstaatlichem Fokus vorzuliegen.

Gestern sind ja die Empfehlungen für ein deutsch-polnisches Geschichtsbuch vorgestellt worden. Man darf gespannt sein, inwiefern dies Anregungen zu einer notwendigen Perspektivverschiebung gibt und vielleicht zudem zu eingeführten Lehrwerken einen sinnvoll ergänzenden Materialfundus liefert.

Hinweise auf gute Materialien online oder auf Papier sind übrigens herzlich willkommen!

Online-Museum zur Migration

Wer es noch nicht kennt, der Blick lohnt: Lebenswege heißt das Online-Migrations-Museum Rheinland-Pfalz. Die Seiten sind im nüchternen Corporate Design des Landes gehalten und bieten eine Fülle von Informationen zur Geschichte der Migration im 20. Jahrhundert: kurze Texte, die  in die Themen einführen, und zahlreiche digitalisierte Quellen (vor allem Fotos und Zeitungsausschnitten). Das Herzstück  sind Beschreibungen von „Lebenswegen“, die mit Bildern und Dokumenten aus dem Privatfundus und Audioausschnitten aus Gesprächen anschaulich präsentiert werden. Die Seiten eignen sich sowohl für den Einsatz in der Mittel- wie Oberstufe. Gleichfalls hilfreich für den Unterricht sind die Überblicke zu Literatur und Filmen, die Geschichte und Aktualität der  Migration in Deutschland thematisieren.

Unser Leben war viel zu sinnlich, zu lüstern, zu weibisch, zu ausschweifend

…da ist das Feld ein kalter, scharfer Wind geworden, der all dies Unkraut getötet hat.“ So Gorch Fock 1914.

Als Kind dachte ich, dass das Segelschulschiff der deutschen Marine… eigentlich weiß ich nicht mehr, was ich damals dachte, vermutlich, dass das eben der Name des Schiffs sei oder eine Stadt in Norwegen. Nachdem das Schiff diese Woche aus traurigem Anlass wieder einmal in der Presse war, hab ich endlich mal schnell nachgeschlagen – Wikipedia sei Dank:

Gorch Fock war also Schriftsteller, der 1916 verstorben ist und eigentlich Johann Wilhelm Kinau hieß. 1933 wurde ein erstes Segelschulschiff nach ihm benannt. Als die deutsche Marine 1958 ein Segelschulschiff bauen ließ, erhielt dieses gleichfalls seinen Namen zu Ehren des Schriftsteller.

Wer war denn dieser Gorch Fock, dass ihm die Marine gleich zwei Schiffe und dann noch zu so unterschiedlichen Daten widmet?

Hier sei der Wikipedia-Artikel kurz zitiert:

„Seit 1910 verfasste er zahlreiche platt- und hochdeutsche Geschichten und Gedichte, 1913 erschien sein bekanntestes Werk, der hochdeutsche Roman mit plattdeutschem Dialog ‚Seefahrt ist not‘, in dem das Leben der Hochseefischer auf Finkenwerder in heroisierender Weise beschrieben wird. […] Das damals gefragte Pathos, das sich aus der Sehnsucht des Autors nach eigener Seefahrerschaft speiste, macht die sehr einfach strukturierten Abenteuergeschichten für heutige Leser oft beinah ungenießbar.

Im Ersten Weltkrieg […] kämpfte [er …]  in Serbien und Russland, später dann bei Verdun. Im März 1916 kam er auf eigenen Wunsch vom Heer zur Marine […]. In der Seeschlacht bei Skagerrak ging er mit dem Kreuzer unter. […]

Die spätere Vereinnahmung seiner Werke durch die Nationalsozialisten führte dazu, dass der Autor Gorch Fock einseitig als Kriegsverherrlicher und Wegbereiter des Nationalsozialismus wahrgenommen wurde. […] Günter Benjas Biografie stellt heraus, dass Fock unbestreitbar ein Nationalist war, aber durchweg kein Rassist oder Antisemit.“

Man könnte sich fragen, ob ein kriegsverherrlichender Nationalist, auch wenn er „kein Rassist oder Antisemit“ war, einen guten Namenspaten für das Segelschulschiff der heutigen Marine abgibt. Kasernen sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche umbenannt worden. Das Schiff offenkundig nicht. Das wäre doch mal ein interessantes, geschichtskulturelles Thema für eine Diskussion in einem Leistungkurs…

Der 9. November – „ein deutscher Schicksalstag“?

Angesichts des Datums überschlagen sich die Medien mit Nachrichten und Berichten zum historischen Datum. Auf den Internetseiten der Deutschen Welle findet sich ein bemerkenswert umotivierter und schlechter Artikel mit dem Titel Ein deutscher Schicksalstag, der auf die aufregend formulierte Banalität verweist, dass der 9. November „im historischen Kalender gleich mehrmals ein bedeutendes Datum“ war.

Das wird in jedem Geschichtsunterricht so gelehrt: 9.11. 1918, 1923, 1938 und 1989. „Schicksal“ klingt unheilvoll,  als wäre die Geschichte „der Deutschen“ von irgendwelchen höheren Mächten bestimmt. Hilfreicher wäre es auf die Zusammenhänge der Daten zu verweisen: 1923 hielt Kahr im Bürgerbräukeller in München eine Rede zum 5. Jahrestag der Revolution, 1938 versammelten sich die Nationalsozialisten zum Gedenken ihrer gefallenen „Helden“ von 1923. Die beiden Ereignisse stehen also in einem inneren Zusammenhang mit dem ersten. Der Mauerfall hat nichts mit der Revolution von 1918 zu tun. Also fallen zwei wichtige Ereignisse zufällig auf dasselbe Datum, das kann schon mal passieren. Mehr ist es aber auch nicht.

Das wäre im übrigen auch etwas, was man Schüler an geeigneten Materialien herausarbeiten lassen könnte.

Schwangerschaft und Geburt im KZ

Ein Thema, das vielleicht zunächst unwirklich, unwahrscheinlich und vielleicht auch randständig scheint, zeigt eine Sonderausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau: Sieben Jüdinnen brachten zwischen Dezember 1944 und Februar 1945 Kinder zur Welt, die überlebten. Der Titel als Zitat ist gut gewählt: „Sie gaben uns wieder Hoffnung“.  Der schmale, ansprechend gestaltete Ausstellungskatalog lässt nach einer präzisen Einordnung vor allem die Frauen bzw. ihre Kinder, heute selbst im Rentenalter, sprechen. Aufgrund der Unterstützung durch die Familien bietet der Katalog zahlreiche Abbildungen, die, was ich gut finde, die Menschen nicht nur als Opfer, sondern als Zeitgenossen im Rahmen ihrer Familien zeigen (können).

Die Geschichten der sieben Frauen und ihrer Kinder erzählen von Hoffnung, Überlebenswillen und von Solidarität, aber auch von den Problemen nach der Befreiung. Für den Schulunterricht scheinen Ausstellung und Material nur bedingt geeignet. Die in der Ausstellung beleuchteten Schicksale zeigen nicht das Exemplarische, sondern einen in jecder Hinsicht außergewöhnlichen Sonderfall, da schwangere Frauen und ihre Kinder in der Regel ermordet wurden. Gerade aber der Ausnahmecharakter ihres Überlebens, ihre individuellen Erfahrungen und Erzählungen lassen das möderische System der Konzentrationslager umso deutlicher hervortreten und treffen somit den Kern einer didaktischen Beschäftigung mit dem Thema und seiner Vermittlung.

Die Sonderausstellung wurde verlängert und ist noch bis zum Mai 2011 zu sehen.

Schwarzweiße Welt in bunt – London 1927

Werk des Londoner Filmpioniers Claude Friese-Greene. Auf den Seiten von Wikipedia und der BBC werden die Filme Open Road London anders als im Youtube-Video für die Jahre 1924-1926 datiert. Ebenso sehenswert übrigens sind auch die anderen Filme aus der Geschichte Londons auf dem Youtube-Kanal der London’s Screen Archives.

Weimarer Verfassung auf dem IWB

Selbst im Referendariat habe ich nicht mit Moosgummi gearbeitet (nein, wirklich nicht). Auch Papierschnipsel waren mir eher suspekt, insofern kommt mir die Arbeit mit interaktiven Whiteboards bzw. deren Software sehr entgegen, weil man hier schön schnipsel- und klebefrei Verfassungsschemata zerlegen und wieder zusammensetzen kann. Ein einfacher Entwurf dazu als Puzzle oder Lückentext und mit entsprechender Lösungsfolie steht seit eben zum Download bei prometheanplanet online.

Die Flipcharts können zur Wiederholung am Anfang einer Stunde eingesetzt werden oder als Vorlage, mit der die Schüler aus einem Text selbst die Verfassung zusammenbasteln. Durch die Vorgabe der Elemente kürzt sich hier die Bearbeitungszeit und in den meisten Fällen ist das Produkt auch ansehnlicher und übersichtlicher als komplette Zeichnungen von Lehrer- oder Schülerhand.

Zudem: Wer die entsprechende, in der Grundversion kostenlose Software benutzt, kann die Vorlagen entsprechend seiner Ideen für den eigenen Unterricht ergänzen, korrigieren und verändern und gegebenfalls z.B. die zweite Folie auch zum Ausfüllen ausgedruckt  und kopiert den Schülern als Arbeitsblatt ausgeben.