ZDF-Serie „Die Deutschen“ im Geschichtsunterricht?

Das Fragezeichen im Titel mag überraschen. Wenn nicht da, wo dann, mag der ein oder andere denken. Mir erscheint der Einsatz der Serie im Unterricht nicht so selbstverständlich. Nachdem auf Twitter bereits angeregt diskutiert wurde, würde ich das Thema hier gerne noch einmal aufgreifen und zur Diskussion stellen.

Über die beiden Staffeln der ZDF-Serie kann man neben zum Teil sehr beißendem Spott im Feuilleton an verschiedenen Stellen auch viel Lob  und vor allem explizite Empfehlungen für den Unterrichtseinsatz lesen. Ein Vorteil ist sicherlich, dass die Filme auch längerfristig auf den Seiten des ZDF als Stream zur Verfügung stehen und somit im Unterricht eingesetzt werden können. Der Verband der Geschichtslehrer ist zudem Kooperationspartner, hat Materialien für den Unterricht erstellt und wirbt für den Einsatz der Serie und der Materialien im Unterricht. Es ist also eine Serie, die sich nicht mehr nur an ein allgemeines Fernsehpublikum wendet, sondern gezielt auch an den Geschichtsunterricht.

Wie sieht es aber in der Praxis des angesprochenen Geschichtsunterrichts aus? Mich würde interessieren, wie sind die Erfahrungen der Leser dieses Blogs? Hat jemand schon einzelne oder mehrere Folgen überhaupt schon einmal im Unterricht eingesetzt? Und wenn ja, wie? Wurde eventuell auch mit dem vom Geschichtslehrerverband erarbeiteten Material oder anderen (Lern-) Angeboten auf der Internetseite der Serie gearbeitet?

[Update 22.03.:] Um die Diskussion anzustoßen, berichte ich mal von meinen Unterrichtserfahrungen, die zugleich Ausgangspunkt für die oben notierten Fragen waren:

Im Unterricht stand der Investiturstreit auf dem Plan und ich dachte, da gab es in der Reihe „Die Deutschen“ doch eine Folge zu: Taugt diese und das angebotene Material für den Unterricht?

Schnell kam ich zu der Erkenntnis, dass ich den Film so nicht einfach einsetzen kann. Das  vom Geschichtslehrerverband bereitgestellte Material (PDF) zielt zudem – sofern es sich auf die Arbeit mit dem Film bezieht – auf reine Informationsentnahme.

Zum Einstieg die Unterrichtseinheit haben die SchülerInnen zunächst gesammelt, mit welchen filmischen Mitteln Informationen und Wertungen transportiert werden können (Texte, Auswahl der Schauspieler, Licht, Musik etc.). Die SchülerInnen der 11. Klasse haben dann den Auftrag erhalten, zunächst nur für den Beginn der Folge zu beobachten, wie die beiden Protagonisten Heinrich IV. und Gregor VII. dargestellt werden.

In der Auswertung kamen wir zu einem sehr eindeutigen und deutlichen Ergebnis: Während der Text von den Schüler als relativ neutral darstellend angesehen wurde,  erschien ihnen die mediale Vermittlung stark und eindeutig wertend: Der König wird positiv dargestellt (warmes Licht, junger, sympathisch aussehender Schauspieler, Kamera auf Augenhöhe etc.), der Papst eindeutig negativ (Kameraeinstellungen, Licht, Gesicht und Körperhaltung des Schauspielers, Inszenierung der Person usw.). Das zeigt sich eigentlich bereits beim Titel: „Heinrich IV. und der Papst“ und geht sogar soweit, dass in den Bildern z.B. die reitenden Boten des Papstes an die Nazgul aus der Verfilmung des Herrn der Ringe erinnern! So wird durch die Bilder ein (moralisches) Gut-Böse-Schema vermittelt. Wird der Film unreflektiert eingesetzt, halte ich dies für höchst problematisch und historisch für völlig verfehlt.

Während die historische Forschung heute dazu neigt, den Gang nach Canossa als „geschickten Schachzug“ Heinrichs IV. zu intepretieren, im Sinne Althoffs sogar als das Ausnutzen ritueller Spielregeln, wird dies in den Bildern des Films ganz anders dargestellt: Heinrich IV. erniedrigt sich hier vor den Türen der Burg, hinter denen ein überheblicher Papst höchst unappetitlich ein fettiges Hähnchen (?) verspeist. Das knüpft an die völlig überholte Sichtweise an, die den Gang nach Canossa als (nationale) Demütigung interpretiert hat.

Das Prinzip ist wiederum dasselbe: Der Text aus dem Off stellt das Geschehen durchaus angemessen dar, die Bilder nicht. Man könnte zudem bedauern, dass unterschiedliche wissenschaftliche Deutungen auch im Text nicht dargestellt werden, was sich bei den beiden befragten Mediävisten (Weinfurter und Althoff) durchaus angeboten hätte, deren Aussageschnipsel aber in bekannter Manier monoperspektiv in das Narrativ des Film eingebaut werden. Aber selbst, wenn man davon ausgeht, dass eine kontroverse, multiperspektivische Betrachtung dem ZDF-Publikum nicht zuzumuten sei, gilt es zu fragen, eignet sich diese Darstellung für den Schulunterricht und was bleibt denn beim Zuschauer hängen: die kurze Erklärung Weinfurters oder die wirkmächtigen Bilder? Ich denke, die Antwort fällt eindeutig aus. Wer das nicht glaubt, möge den Film mit Schülern schauen und anschließend die Fragen aus dem Material beantworten lassen (z.B. von Arbeitsblatt 3: „Warum ging Heinrich nach Canossa? Was machte den Gang nach Canossa so beschwerlich?“).

Um es kurz zu machen: Zumindest für diese Folge eignet sich die Serie hervorragend zur exemplarischen Dekonstruktion einer geschichtskulturellen Erzählung. Das ist allerdings weder von den Machern beim ZDF noch vom Geschichtslehrerverband so intendiert. Die Geeignetheit für den Einsatz im Unterricht „zur Information“ möchte ich ausdrücklich in Frage stellen. Grundlegende didaktische und wissenschaftliche Prinzipien finden keine Berücksichtigung und durch die Bilderflut wird eine in höchstem Maße problematische Geschichtsdeutung suggeriert.

Dies bewusst zu machen und ein kritisches Sehen zu schulen, sollte Aufgabe des Geschichtsunterricht sein. Warum der Verband der Geschichtslehrer die Serie so unkritisch lobt, für deren Einsatz im Geschichtsunterricht wirbt und dafür zumindest in diesem Fall wenig geeignete Materialien zur Verfügung stellt, erschließt sich mir nicht.

Abschließend noch eine Anmerkung: Nach der Analyse der Filmausschnitte haben die SchülerInnen die Ergebnisse mit der Darstellung (Verfassertext und Quelllen) in ihrem Buch verglichen. Einige SchülerInnen fragten daraufhin, warum die Serie so schlecht gemacht sei. Nur um das klarzustellen: Das ist sie nicht. Sie ist sogar sehr gut gemacht und bietet eine extrem professionelle und actionreiche Inszenierung historischer Stoffe, die schön anzuschauen ist und sicherlich „naiv“ für Geschichte begeistern kann. Für den Unterricht eignet sie sich aber vor allem  für die schwierige Förderung von Kompetenzen im Bereich der Dekonstruktion historischer Narrationen.

Newsletter Nr. 5 Geschichtslehrerverband

Der aktuelle Newsletter des Verbands der Geschichtslehrer Deutschland ist heute erschienen und auf der Homepage des Verbandes als PDF-Dokument runterladbar.

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Der Newsletter eine „Dauerwerbesendung“?

Zitat aus dem Anschreiben „Werbeähnliche Informationen  oder  Ankündigungen von VGD-Kooperationspartnern sind nicht als Anzeigen gekennzeichnet.“ Man könnte sagen, schlimmer als Google 😉

Im Ernst: Ist das nötig? Dass der Verband (finanzielle?) Unterstützung braucht und über Kooperationen oder Sponsoring vermutlich auch erhält, ist ja ok, Hinweise auf Angebote von Partnerverbänden wie z.B. euroclio sind sogar sehr wünschenswert, aber könnte man nicht („werbeähnliche“,  vermutlich im Sinne von mit kommerziellen Interessen verbundene?) Hinweise in den eigenen Veröffentlichungen entsprechend kenntlich machen…? Warum wird darauf verzichtet und stattdessen in rot eine entsprechende Warnung vorangestellt?

Nicht nur, dass der Newsletter unübersichtlicher wird, für mich bekommt er dadurch den Charakter eine „Dauerwerbesendung“, wie man das aus dem Fernsehen kennt mit entsprechendem Hinweis vorne weg, wo dann nicht mehr unterscheidbar ist, was hier von der Redaktion des Verbandes und was von den Presseabteilungen der Kooperationspartner beigesteuert wird.

Ich persönlich fände es wichtig, im Einzelfall klar sehen zu können, ob mir hier Bücher, Zeitschriften, Internetseiten durch Fachkollegen des Verbandes empfohlen werden oder ob dies (bezahlte?) Werbeanzeigen sind.

Goethe fühlte sich medial überfordert

Lesenswerter Artikel mit einem interessanten historischen Vergleich und vielleicht auch ein Thema, das sich im Geschichtsunterricht aufgreifen lässt:

In der Studie „Fausts Kolonie – Goethes kritische Phänomenologie der Moderne“ (Würzburg, 2010) zeigt der Berliner Literaturwissenschaftler Michael Jaeger eindrucksvoll, dass selbst dieser Schriftsteller durch das Aufkommen eines relativ neuen, zunächst bedrohlich wirkenden Mediums, durch die Zeitung nämlich, sich heillos überfordert fühlte. […]

Das erstaunliche an dieser medienhistorischen Parallele ist die Tatsache, dass Goethes Hassliebe gegenüber der Zeitung ziemlich exakt dem entspricht, was Kognitionswissenschaftlern heute angesichts der Schnelllebigkeit des Internets so viel Sorge bereitet: die Abnahme der Fähigkeit zur Kontemplation, zur geistigen Produktivität und intellektuellen Ordnung.

Goethe hatte ein quälend-ambivalentes Verhältnis zur Zeitung. Einerseits bestand er auf der Lektüre seiner beiden Lieblingsblätter „Le Globe“ und „Le Temps“, andererseits wollte er sich – spätestens gegen 1830 – auf den Abschluss des „Faust“ konzentrieren. Das Ergebnis war ein fast schon manisch durchgeführter Zeitungsentzug, der den zerstreuten Dichter endlich an den Schreibtisch zurückholen sollte: „Seit ich die Zeitungen nicht mehr lese, bin ich viel freieren Geistes“, schrieb Goethe in einem Brief vom 23. März 1830.

Zum ganzen Artikel von Tomasz Kurianowicz auf faz.net geht es hier.

Die Ansatzpunkte für einen gewinnbringenden historischen Vergleich gehen noch weiter: Es war eben auch Goethe, der unser modernes Urheberrecht wesentlich angestoßen und vor allem die Begrifflichkeit des „geistigen Eigentums“ geprägt hat (siehe dazu hier; zu den Veränderungen und Auswirkungen durch die Einführung des Urheberrechts hier).

Ich denke, es würde sich lohnen, hier mal exemplarisch eine Unterrichtseinheit zu entwickeln, die die Standardthemen Karlsbader Beschlüsser, Zensur, Vormärz und Industrialisierung sinnvoll ergänzt. Bekannt ist mir da bisher nichts. Falls jemand da Unterrichtsmaterial oder -entwürfe kennt, bin ich für Hinweise dankbar.

Buch & Tagung: Kulturkonflikte – Kulturbegegnungen

„Neue Impulse für die interkulturelle Geschichtsdidaktik“: Tagung 20./21. Mai 2011 in Berlin (Den Flyer zur Veranstaltung inklusive Programm gibt es hier als PDF.)

Ein im Hauptitel gleichnamiges Buch herausgegeben von Gisbert Gemein ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen. Das Buch heißt im Gegensatz zur Tagung im Untertitel „Juden, Christen und Muslime in Geschichte und Gegenwart“.

Das Buch habe ich noch nicht gesehen, aber ob hier wirklich „neue“ Impulse für die Fachdidaktik gegeben werden, scheint mir angesichts des Tagungsprogramms zumindest fraglich. Allerdings können die Veröffentlichung und in kleinerem Umfang auch die Tagung dazu beitragen, die bestehende Kluft zwischen Theorie und Praxis des interkulturellen Geschichtslernens in der Schule zu verkleinern.

PS. Interessant übrigens, dass, obwohl die Diskussionspodien sehr heterogen besetzt sind, die universitäre Geschichtsdidaktik vollkommen fehlt.

Virtuelle Erinnerungskultur

Unter diesem viel versprechenden Titel findet sich ein kurzer Beitrag in der aktuellen GWU Ausgabe zu „Erinnerungsorten“. Leider wird dort, der Beitrag fällt unter die Rubrik „Informationen neue Medien“, nur auf im Internet vorhandene Informationsportale und publizierte Texte über Erinnerungsorte hingewiesen. Auch wenn die Literaturhinweise durchaus interessant sind, fand ich das enttäuschend.

(Die Linkangaben sind übrigens bis zu drei Zeilen lang, weil u.a. die exakte URL eines PDF angegeben wird – ich habe es nicht geschafft, diese richtig abzuschreiben, wie ich nach Rückkehr aus der Bibliothek zu Hause dann gemerkt habe.)

Das ist schade, weil die Chance vertan wurde entsprechend des Titels auch das Thema von virtuellen Erinnerungsorten im Netz aufzugreifen und diese aktuellen geschichtskulturell hoch interessanten Entwicklungen einem vermutlich weniger medienaffinen, dafür aber breiterem Publikum vorzustellen. Was das „virtuelle“ im Titel des GWU-Beitrags sein soll, erschließt sich mir nicht. Die sonst um präzise Begriffe bemühte Geschichtswissenschaft scheint „virtuell“ weiterhin auf alles zu projizieren, was irgendwie mit dem Internet zu tun hat.

In diesem Blog wurde schon mehrfach darauf hingewiesen: Zunehmend finden sich (sehr unterschiedliche) Formen des Gedenkens und der Erinnerungskultur im Internet, hier lässt sich dann in der Tat von „virtueller Erinnerungskultur“ sprechen. Die Bundeszentrale für politische Bildung organisiert Mitte April eine internationale Tagung in Berlin unter dem Titel „“httppasts://digitalmemoryonthenet“, die das Thema aufgreift und aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet:

Auschwitz bei Facebook. Anne Frank auf YouTube. Ein Tweet aus dem Holocaust Museum – Die Erinnerung an die Vergangenheit ist längst Teil der virtuellen Welt. Digitale Medien prägen somit nicht nur die heutige gesellschaftliche Kommunikation, sie bestimmen auch zunehmend unser Verständnis der Vergangenheit und schaffen neue Formen des Erinnerns und der Vermittlung von Geschichte: Hat das Geschichtsbuch bald ausgedient? Werden Gedenkstättenbesuche überflüssig? Wird es künftig ausschließlich virtuelle Zeitzeugenbegegnungen geben?

Mehr Informationen sowie das Programm finden sich auf der Website der Tagung.

Im Rahmen des Programms werden Jöran Muuß-Merholz und ich am letzten Tag auch einen gemeinsamen Workshop „Lernen (wie) im echten Leben – Geocaching, Mobile Apps und selbst gestaltete Stadtrundgänge“ anbieten.

Auswanderung und Assimilation?

Zunächst wussten sie wenig von dem fernen Land. Einige wurden gezielt zur Ansiedlung in bestimmten Städten und Regionen angeworben. Mittlerweile leben sie dort schon seit Generationen, geben aber dennoch ihre Sprache nicht auf, sondern von Generation zu Generation weiter. Das ist gut möglich, weil sie eigene Gemeinschaften bilden, ihre eigenen Geschäfte haben und auch eigene Sport-, Musik- und Geselligkeitsvereine. Entsprechend haben sie auch eine eigene Presselandschaft, die über die Ereignisse in ihren Herkunftsregionen berichtet und das politische  Meinungsspektrum abdeckt. Sie haben ihre Heimat verlassen aus wirtschaftlichen Gründen, weil sie sich in der Fremde ein besseres Leben erhofften, oder aus politischen Gründen, weil sie in der Heimat wegen ihrer politischen Ansichten überwacht, zensiert oder sogar inhaftiert wurden.

Es sind vor allem Handwerker, Kleinbauern und Arbeiter aus armen, ländlichen Gebieten, die auswandern. Studierte Rechtsanwälte, Ärzte oder Lehrer sind nur wenige dabei. Kaum jemand beherrscht bei Ankunft die Landessprache. Oft gehen einige Wagemutige vor, andere, vor allem Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn kommen später nach und siedeln in der Nähe. So entstehen nach und nach kleine Stadtviertel, die nach ihrem Herkunftsland benannt sind: little Germanies.

Die Rede ist offensichtlich nicht von z.B. der türkischen Migration der letzten Jahrzehnte nach Deutschland, sondern von der Geschichte der deutschen Auswanderung, hier exemplarisch insbesondere der in die USA im 19. Jahrhundert. Aufmerksam geworden auf die offenkundigen Ähnlichkeiten bin ich durch einen Vortrag von Roland Paul vom Institut für pfälzische Geschichte auf dem Tag des Geschichtsunterricht an der Universität Saarbrücken.

Nicht nur angesichts der aktuellen Debatten um die Aussagen von Friedrich, Erdogan und zuletzt Seehofer scheint mir dies ein Thema zu sein, das im Geschichtsunterricht aufgegriffen und besprochen werden sollte, weil es die Schülerinnen und Schüler zur (aus historischer Sicht kompetenten) Teilnahme an der gesellschaftlichen Debatte befähigt. Geschichte als politisches Argument ist immer problematisch. Besonders an den Äußerungen des neuen Innenminister ist zu sehen, wie wichtig es ist, Migration nicht als Sonder-, sondern als Normalfall zu begreifen. Es gilt ggf. vorhandene naive Vorstellungen einer statischen Gesellschaft durch dynamische Konzepte zu ersetzen.

Viele Gegenden des späteren Deutschlands, wie z.B. die Pfalz, waren im 19. Jahrhundert vor allem Auswanderer-Regionen. Das Festhalten an den regionalen Traditionen (Kirmesfeiern, Karnevalsgesellschaften) und der eigenen Sprache durch die deutschsprachigen Auswanderer wird in der Literatur interessiert betrachtet und durchaus positiv gewertet (i.S. von „Es ist ihnen gelungen, ihre Sprache zu bewahren“ statt „Sie waren unfähig/unwillig, sich zu integrieren“). Die Vergleichbarkeit liegt auf der Hand, wird von den Familien- und Volkskundlern in der Regel nicht geleistet.

Spannend ist die sehr unterschiedliche Bewertung der beiden Phänomene (positiv das vermeintlich Eigene, negativ das Neue, Andere). Von der durch den Vergleich hervorgerufenen kognitiven Dissonanz, die auch bei den Schülern zu erwarten ist, sowie den Erfahrungsgeschichten von Kindern mit Migrationshintergrund kann der Geschichtsunterricht profitieren.

Als Material eignen sich Auszüge aus deutschsprachigen Zeitungen, wie z.B. den von Conrad Voelcker herausgegebenen „Hessischen Blättern“ oder „Der Pfälzer in Amerika“. Ideal für den Unterricht sind die Werbeanzeigen für die Geschäfte und Volksfeste, da diese leicht zu lesen sind und zugleich den „Community“-Charakter offenbaren. Zu finden sind solche z.B. im Buch von Roland Paul und Karl Scherer, Pfälzer in Amerika – Palatines in America, Kaiserslautern 1995. Davon ausgehend kann das Thema je nach Altersstufe vertiefend behandelt, Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede herausgearbeitet werden.

Der historische Vergleich und die Wahrnehmung der Ähnlichkeiten könnten zu einer gelasseneren Haltung in der Integrationsdebatte beitragen. Wobei ein im Sinne der Integration positiver Ausgang entsprechend dem historischen  Vorbild natürlich keineswegs garaniert ist.  Es bedarf dazu gemeinsamer gesellschaftlicher Anstrengung aller Beteiligten.

Bedenkenswert in diesem Hinblick erscheint mir übrigens das Teilfazit der RLP-Ausstellung zur Auswanderung. Dort heißt es:  „Ethnisch geprägte Viertel, wie ‚Little Germany‘ in New York oder ‚Over the Rhine‘ in Cincinnati, deutsche Schulen, Zeitungen und Kirchengemeinden erleichterten den Immigranten zwar die Integration, zugleich wurden sie jedoch als ‚Zeichen mangelnder Anpassungsbereitschaft und als Rückzug in eine vermeintlich homogene ethnische Kultur verstanden. […] Um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert stellten deutsche Einwanderer und ihre Kinder zehn Prozent der US-Bevölkerung. Die meisten Immigranten waren schon seit Jahrzehnten im Land, und es gab kaum noch Zuzüge aus Deutschland, die dem ethnischen Gemeinschaftsleben hätte neue Impulse geben können. Die Heterogenität der Deutsch-amerikaner, ökonomische Integration und die fortgeschrittene Akkulturation führten insbesondere in städtischen Gebieten zum Verfall der Identität.“

Im übrigen sollte man nicht auf den Kurzschluss verfallen, dass es in den USA, die sich als Einwanderungsland verstanden, keine Konflikte gegeben habe. Vielmehr sind schon im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Belege für die Artikulation von Vorurteilen und „Überfremdungsängsten“, ganz ähnlich zu denen von heute, zu finden.

Es gibt zudem einige Seiten im Internet zum Thema, die sich auch im Unterricht einsetzen lassen:

Auswanderung aus den Regionen des heutigen Rheinland-Pfalz

Heimat Pfalz – Auswanderung

Zeitung: Buffalo Volksfreund (digitalisiert ab 1891)

Archivaria – the history of Buffalo, New York (digitalisierte Quellen)

Goethe-Institut: German-american site in Chicago

Palatines to America

Deutsch-Pennsylvanischer Arbeitskreis

Falls jemand noch Links zu thematischen Materialien oder zu weiteren digitalisierten deutschen Zeitungen aus den USA hat, wäre ich für Hinweise dankbar und nehme diese gerne hier auf.

Photo @dougtone auf Flickr

Buchtipp: Handbuch Medien in der politischen Bildung

Das Handbuch Medien in der politischen Bildung enthält entgegen seinem geschichtsdidaktischen Pendant Beiträge zu Chat, Blogs, WebQuests usw. Es gibt zahlreiche Überschneidungspunkte zu Geschichtsunterricht und -didaktik, u.a. auch mit einem eigenen Beitrag zum Thema „Denkmal“. Interessanterweise finden sich jedoch unter den Autoren wohl Gesellschafts-, Kultur- und Politikwissenschaftler und Didaktiker,  aber – soweit ich  gesehen habe – keine Geschichtsdidaktiker (Geschichtslehrer nur insofern als sie zugleich Politiklehrer sind).

Es wird ein sehr breiter Medienbegriff zugrunde gelegt, der eben von Web 2.0-Werkzeugen bis zum „leeren Blatt“ reicht.  Die Artikel sind alle gleich aufgebaut und miteinander mit Querverweisen verbunden. Qualität und Perspektive variieren stark, auch aufgrund der großen Zahl und der sehr unterschiedlichen Hintergründe der Autoren.  Die von mir bisher durchgesehenen Beiträge informieren alle grundlegend, leicht verständlich und vor allem praxisorientiert über das jeweilige Medium und bieten jeweils aktuelle Literaturlisten zum Weiterlesen.

Auf den ersten Blick ein gelungenes Handbuch, das auch jeder Geschichtslehrer im Schrank (oder noch besser griffbereit auf dem Schreibtisch) haben sollte, nicht nur weil es aktuell noch vorhandene Lücken in der geschichtsdidaktischen Literatur überbrücken hilft.

Erhältlich ist es auch in einer Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung für 4,50 €.

PS. Toll, dass im Artikel zum Chat eTwinning ausdrücklich erwähnt, leider aber falsch geschrieben der Name ebenso wie die Linkadresse. (Richtig muss es eTwinning.de heißen.)

Gedenkplatte Rye, England

 

Die Kleinstadt Rye im Südosten England gehört zu den berühmte Cinque Port (für mehr Infos auf das Bild klicken), deren Region heute als „1066 country“ vermarktet werden. Entsprechend finden sich in Rye alle paar Meter Gedenkplatten an Häusern, wo Könige genächtigt, Schriftsteller gelebt und sich andere bedeutende Ereignisse der Weltgeschichte ereignet haben…

Ähnliches gibt es übrigens auch in Weimar, wo sich in den Touriläden Postkarten und kleine Schilder kaufen lassen mit dem Satz: Hier war Goethe nie.

Wikipedia: Wie schreibe ich einen guten Geschichtsartikel

Die letzte Bearbeitung ist schon anderthalb Jahre alt, aber ich habe den Artikel  jetzt erst entdeckt und er passt gerade so gut. Nicht nur zur Karnevalszeit sehr schön zu lesen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wie_schreibe_ich_einen_guten_Geschichtsartikel

… und vielleicht auch mal eine augenzwinkernde Alternative zu trockener Methodeneinführung und erhobenem Zeigefinger in der Oberstufe! 😉