Die Körber-Stiftung ruft zum Einreichen von Themenvorschlägen für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2012/13 auf. Weitere Infos und Bedingungen für mögliche Themen finden sich auf der Webseite der Stiftung.
Archiv des Autors: Daniel Bernsen
La memoria de Europa – The memory of Europe
Die aktuelle Ausgabe der von der Stiftung der europäischen Akademie in Yuste herausgebenen Pliegos de Yuste ist online. Die Artikel sind alle auf Englisch und Spanisch verfügbar und dem Oberthema der Erinnerungskultur gewidmet. Die meisten Beiträge beschäftigen sich mit der aktuellen Situation in Spanien. Dort beginnt man seit einigen Jahren die Aufarbeitung der Franco-Diktatur (1936/1939-1975), verbunden mit sehr kontroversen juristischen und politischen Debatten, die 2007 u.a. in ein Gesetz zur historischen Erinnerung (Ley de Memoria Histórica) durch die regierenden Sozialisten mündeten.
Im Heft ist übrigens auch ein kleiner Beitrag (PDF) meinerseits zu „Gipfel-“ bzw. Herrschertreffen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zwischen Karl V. und Franz I.
Google Webinars für Lehrer
In den letzten Beiträgen war hier viel von Google Maps die Rede deshalb abschließend noch ein paar Hinweise:
Wer sich die Einsatzmöglichkeiten von Google Maps oder andere Anwendungen von Google im Unterricht interessiert, dem seien die Google Online-Fortbildungen empfohlen. In Online-Fortbildungen, den sogenannten Webinars, werden jeweils die grundlegenden Funktionen gezeigt sowie Unterrichtsszenarien angesprochen. Die Teilnahme ist kostenlos, die Sprache (amerikanisches) Englisch. Voraussetzung für Anmeldung und Teilnahme ist allerdings die Registrierung bei Google. Man braucht nicht unbedingt eine Webcam, technisch reicht ein Computer mit Internetanschluss und Browser. Für eigene Fragen kann man die Chatfunktion nutzen. Die Anmeldung zur Fortbildung erfolgt per Mail, in der Antwort erhält man dann den Link für das Webinar.
Bereits durchgeführte Online-Fortbildungen sind auf der Website hinterlegt und können angesehen werden. Auch hierfür ist eine Google-Benutzerkonto nötig. Aktuelle Termine sowie weitere Informationen für Google im Bildungsbereich finden sich hier. Darüber hinaus hat Google weitere Informationen für den Einsatz seiner Produkte im Unterricht auf eigenen Lehrerseiten zusammengestellt.
Ich habe mal an so einem Webinar zu Google Maps teilgenommen und fand das gut, vor allem gut verständlich. Es richtet sich allerdings eher an Anfänger. Wer schon mit mit Google Maps gearbeitet hat, lernt nicht mehr viel Neues. Interessant war es trotzdem, gerade weil man auch Fragen zu Möglichkeiten und Funktionen stellen kann, die in meinem Fall auch alle direkt aufgegriffen und beantwortet wurden.
Geocaching und Google Maps
Durch den gemeinsamen Workshop mit Jöran Muuß-Merholz auf der Tagung httpasts://digitalmemoryonthenet der Bundeszentrale für politische Bildung ist mir klar geworden, dass sich Geocaching auch für schulische Kontexte und speziell auch für den Geschichtsunterricht eignet. Geocaching muss hier nicht erneut erklärt werden. Eine gute Einführung findet sich auf den Seiten von Jöran ebenso wie Beispiele für den Einsatz von Geocaching in der historisch-politischen Bildung.
Angeregt durch den Vortrag habe ich überlegt, wie man Geocaching und Kartenarbeit im Geschichtsunterricht verbinden könnte. Nur gehört habe ich von einem Projekt aus den Niederlanden, wo Jugendliche mit Kopien alter Stadtpläne und GPS-fähigen Handys die Geschichte der Stadt erkunden (Wer weiß, um welches Projekt es sich dabei handelt? Vielleicht einen Link dazu hat? Ich wäre dankbar für Hinweise. Ich habe es bisher leider nicht finden können.)
Will man Geocaching und digitale Kartenarbeit im Unterricht miteinander verbinden, geht dies zum Beispiel mit zwei parallelen Klassen oder je einer Klasse in Mittel- und Oberstufe, bei denen in nahem zeitlichen Abstand ein ähnliches Thema ansteht. Alternativ ist auch die Zusammenarbeit mit einer Kollegin, einem Kollegen in einer entsprechenden Partnerklasse (nicht unbedingt derselben Schule) sein.
Ähnlich wie bei eTwinning-Projekten stellt Geocaching über die Orte eine Verbindung zur Lokal- bzw. Regionalgeschichte her, die aber idealerweise stets exemplarisch in einem größeren Kontext steht. Die erste Schülergruppe recherchiert Orte zu einem historischen Thema in ihrer Stadt oder Region, wählt diese aus (Frage der Relevanz für das Thema und die Gruppe!) und erarbeitet ein Multi-Cache mit z.B. der Aufgabe jeweils ein Foto zu machen, Informationen zu suchen und/oder Fragen zu beantworten.
Eine zweite Gruppe macht dann dieses Multi-Cache, eine Art digitale Schnitzeljagd, und verwendet die Informationen und Fotos, um damit eine eigene digitale Karte zu gestalten, die wiederum von anderen genutzt werden kann, z.B. zur Vorbereitung und Durchführung eigener Stadtrundgänge. Das Aufbereiten für das eigene Kartenprodukt wälzt die Inhalte um (zusammenfassen, um-/ausformulieren, Verbindungen herstellen usw.) und sichert sie damit. Außerdem werden sie so einer potentiell großen Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Die Idee zeigt eine mögliche, ich würde sagen, wahrscheinliche Entwicklung für die Arbeit mit digitalen Medien in Schule und (Geschichts-) Unterricht. Eine zunehmend wichtige Rolle werden mobile Endgeräte (Smartphones, Tablets) dabei spielen. Wie Alexander König in einem Gespräch vor kurzem zu Recht sagte: Es wird vor allem um die Einbindung der mobilen Endgeräte der Lernenden gehen. Hier wird an den meisten Schulen noch viel Nach- und Umdenken nötig sein, da noch weithin „Handyverbote“ gelten oder neu erstellt werden und die schulische Infrastruktur aus Sicherheitsüberlegungen oft ein geschlossene ist.
Das Beispiel des Geocaching verweist meines Erachtens auf eine grundlegende Entwicklung: Man „geht“ nicht mehr in den Computerraum und dort ins Internet, sondern Informationen sind mobil digital überall verfügbar. Sie sind nie losgelöst von der realen Welt, sondern stehen in enger Wechselwirkung. In Rückkopplungsschleifen erweitern die digital vor Ort verfügbaren Informationen meinen Blick auf und meine Deutung des realen Ortes, wobei ich aber auch fehlerhafte Informationen durch die Anschauung vor Ort korrigieren kann.
Somit werden die Konzeption deutlich getrennter Räume von realer und digitaler Welt sinnvollerweise aufgehoben und neue Bildungsperspektiven sichtbar. Im Alltag ist diese scheinbare Trennung schon lange kaum mehr eine zu sein (Auto, TV usw.), während sie im Bildungsbereich auch räumlich (noch) aufrecht erhalten wird. Allerdings gibt es bereits einige Schul- und Klassenprojekte gibt, die mit individuellen Smartphones und Tablets arbeiten und das, wenn man den Berichten glauben darf, recht erfolgreich, siehe z.B. hier und hier.
25. Archivpädagogenkonferenz in Münster
Am 3. und 4. Juni in Münster. Titel der Konferenz: „Spurensucher unterwegs – Forschend-entdeckendes Lernen in der Praxis am Beispiel des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten“
Programm, weitere Infos und Anmeldung auf archivpaedagogen.de
(via @lerngesch)
Um noch einmal auf das Thema der Tagung zurückzukommen…
Wer klickt bei einer solchen Nachricht auf „Gefällt mir“? Und warum? Bei der internationalen Version (siehe Bild unten) aktuell übrigens immerhin 118 Leute.
Was erwarten die Museumsleute in Auschwitz vom Posten solcher Nachrichten auf Facebook? Und was erwarten sie von ihren „Fans“ auf der Seite? Wie können/sollen sie darauf reagieren?
httpasts://digitalmemoryonthenet

Die Konferenz ist rum und sie war gut. Es gab viel Input, einiges zum Nachdenken und durchaus konträre Positionen. Ich fand es sehr interessant zu verfolgen, wie unterschiedlich die Einstellungen der Podiumsdiskutanden und anderer Teilnehmer zu Internet, Öffentlichkeit und Web 2.0 sind. Da man aber nichts wiederholen braucht, was woanders schon beschrieben ist, verweise ich hier schlicht auf die von Kollega Hodel beschriebenen Eindrücke auf histnet, die die Sache gut zusammenfassen.
Die Tweets von der Tagung lassen sich auf Twitter noch nachlesen. Dort finden sich ebenso wie hier auch einige Links aus den Präsentationen und von den Institutionen der Tagung.
Für mich ergab sich eine gewisse Spannung aus der teilweise zeitgleich stattfindenden re:publica. Einige Teilnehmer bewegten sich auch zwischen beiden Veranstaltungen hin und her, so dass neben den Berichten im Netz auch immer wieder direkte Eindrücke ausgetauscht und verglichen werden konnten. Mir scheint, dass sich hier durchaus eine (doch noch große) Kluft bemerkbar macht. Wie Jan Hodel schreibt, war vor allem bei deutschen Institutionen eine starke Zurückhaltung und Skepsis in Bezug auf den Einsatz von Social Media in der eigenen Arbeit zu spüren, sofern es um mehr als reine Distributionskanäle für ihre Informationen geht. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die strukturellen Ähnlichkeiten der Vorbehalte gegenüber der Arbeit mit digitalen Medien in Schule und außerschulischen Lernorten (die verschiedenen Institutionen aus meiner schulischen Sicht einfach mal zusammenfassend): In beiden Feldern scheint es wesentlich um die Angst vor Kontrollverlust und mangelndes Zu-/Vertrauen in die Nutzer/Besucher/Lernenden zu gehen.
Etwas schade fand ich persönlich, dass wenig Raum und Zeit für die Diskussion der Vorträge war. Die spannend heterogen zusammengesetzte Teilnehmergruppe hätte sicher an der ein oder anderen Stelle stärker einbezogen werden können. Das Potential zeigte sich als am Samstagmorgen als eine halbe Stunde zur Diskussion zur Verfügung stand. Gleiches gilt für eine fehlende Abschlussrunde nach den Workshops am letzten Tag. Ein Zusammenführen der Eindrücke aus den verschiedenen Workshops mit Abschlussdiskussion wäre vermutlich schöner gewesen als das Auseinanderlaufen, hätte aber vielleicht den zeitlichen Rahmen in Hinblick auf Abreise etc. gesprengt.
Die Bundeszentrale für politische Bildung hatte während der Konferenz einen Live-Stream, der wohl in den nächsten Tagen auf der Internetseite zum Nachschauen zur Verfügung gestellt werden soll für alle, die nicht live dabei waren, genauso wie einige Interviews mit Referenten sowie eventuell weitere Materialien. Auch das Portal Lernen aus der Geschichte plant eine Dokumentation der Tagung in Form von Podcast-Beiträgen.
Update: Gerade im Blog von Alexander König entdeckt der Link zum Beitrag von 3Sat Kulturzeit über die Tagung.
Update 2: Die Bundeszentrale für politische Bildung bieten auf ihren Seiten eine umfangreiche Dokumentation der Tagung mit Thesenpapieren der Vorträge und Workshops.
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Die Teilnehmer des Workshops bekommen die Präsentation ja per Mail zugesandt. Wer sich sonst noch dafür interessiert, findet hier meine Präsentation zu Google Maps und selbst erstellten Stadtrundgängen mit den ensprechenden Links. An dieser Stelle auch nochmal Danke an Jöran für die nette und unkomplizierte Zusammenarbeit. Mir ist rund um Geocaching einiges klarer geworden und ich werde das sicher selbst mal bald ausprobieren 😉
Übrigens ist es auf Google Maps bisher nur möglich Bilder und Videos einzubetten, mit Audio-Dateien geht das noch nicht. Wer auf seinen Karten auf Google Maps Tonspuren einfügen möchte, muss zur Zeit noch einen Umweg gehen und diese bebildern, dann als Video abspielen und dann z.B. auf Youtube hochladen.
Die Rolle der Fiktion in der historischen Sinnbildung
Gestern habe ich einen Artikel von Wulf Kansteiner („Alternative Welten und erfundene Gemeinschaften: Geschichtsbewusstsein im Zeitalter interaktiver Medien“, in: Erik Meyer (Hg.), Erinnerungskultur 2.0. Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien, Ffm/N.Y. 2009, S. 29-54.) gelesen, der mich im positiven Sinn verunsichert, also zum Nachdenken angeregt hat. Folgt man der Argumentation von Kansteiner, so müsste das geschichtsdidaktische Konzept „Geschichtsbewusstsein“ grundlegend in Frage gestellt werden.
Das Geschichtsbewusstsein hat sich zu einer der zentralen Kategorien der Geschichtsdidaktik entwickelt. In der Darlegung der verschiedenen Dimensionen des Geschichtsbewusstsein geht Pandel von einem „Wirklichkeitsbewusstsein“ aus, das das Individuum dazu befähigt zwischem Real/Historischem und Fiktionalem/Imaginären zu unterscheiden. Die Möglichkeit dieser Unterscheidung ist grundlegend für das Konzept von Geschichtsbewusstsein. So wird eben auch immer wieder darauf hingewiesen, dass jüngere Kinder diese Unterscheidung eben noch nicht treffen können.
Quasi selbstverständlich wird man den meisten Erwachsenen diese Fähigkeit zubilligen. Sie können (in der Regel) einen Roman von einem Sachbuch, einen Fantasyfilm von einer Dokumentation usw. unterscheiden und werden diese jeweils anders verarbeiten. Aus einigen Untersuchungen zur Oral History ist allerdings bekannt, dass Zeitzeugen in ihre Erzählungen Elemente fiktionaler Literatur und Filme einbauen, die sie als eigene Erfahrungen erinnern. Im Rückblick werden Fiktion und Realität offensichtlich nicht unterschieden, sondern werden zumindest teilweise in einer Erzählung miteinander verflochten. Mir ist nicht bekannt, dass dieses Phänomen in der Empirie oder Theorie zum Geschichtsbewusstsein bisher berücksichtigt worden wäre (Falls doch, wäre ich für entsprechende Literaturhinweise dankbar!).
Kansteiner geht von eben dieser Grundannahme aus, dass in der Erinnerung nicht mehr zwischen Real und Fiktiv unterschieden werden kann. Er argumentiert, dass die Verwischung sich durch die digitalen und interaktiven Medien, vor allem was Videospiele und virtuelle Welten angeht, in Zukunft verstärken wird. Erinnert wird in Abhängigkeit von der Intensität ausgelöster Emotionen. Die Immersion in immer realistischer anmutende digitale (Alternativ-)Welten fördert emotionales Erleben bzw. zielt direkt darauf ab. Besonders trifft dies natürlich auf die Übernahme von Rollen als Handelnder in Spielen zu, in denen das einfache Nachspielen vorgegebener Handlungsstränge zugunsten interaktiver Möglichkeiten der Kreation eigener Erzählungen abnimmt.
Kansteiner geht nur kurz darauf ein, aber ich würde stärker betonen, dass die Übernahme von fiktionalen Elemente als Eigenes in die Erinnerung bei allen fiktionalen Werken, die ein Individuum berühren/ihm oder ihr nahe gehen, schon immer der Fall ist; und dies bei jedem, nicht nur bei Zeitzeugen. Diese erinnerten „Erfahrungen“ tragen natürlich auch zur historischen Sinnbildung bei, die damit also keineswegs so rational wäre, wie die geschichtsdidaktische Theorie bisher vorgibt (wenn ich das denn richtig verstanden habe).
Was aber bedeutet es für die Theorie des Geschichtsbewusstsein, für historisches Lernen allgemein und den schulischen Geschichtsunterricht speziell,
– wenn der Einzelne zwar beim Anschauen, Lesen oder Spielen bewusst zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann (oder diese Unterscheidung z.B. im Geschichtsunterricht erlernt),
aber in der Erinnerung diese Grenze aufgehoben wird,
– fiktionale, kontrafaktische Geschichtserzählungen und Vergangenheitsdeutungen in Teilen als eigene Erfahrungen und Erkenntnisse erinnert werden
– und sich daraus Vorstellungen und Konzepte von Geschichte generieren?
Webangebote zum Thema Geschichtslernen gesucht
Die Bundeszentrale für politische Bildung sucht Webangebote zum Thema Geschichtslernen, die in einer öffentlichen Liste gesammelt und online gestellt werden sollen. Vorschläge können per Mail eingereicht werden. Langfristig ist die Einrichtung einer entsprechenden Datenbank angedacht.
Hinweis von Thomas Spahn
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Update 1: Hier findet sich die entstehende Linkliste auf den Seiten der BpB.
Stellt sich die Frage, ob diese Liste mit wachsender Anzahl von Verlinkungen nicht schnell sehr lang und damit unübersichtlich wird? Wäre es nicht besser, die Links zu verschlagworten und damit die Linksammlung auch mit hoher Linkzahl nutzbar zu halten? Nun gut, eine Datenbank ist ja geplant. Aber was spricht eigentlich für eine Datenbank? Mir scheinen spontan die Möglichkeiten des Social Bookmarking zur Organisation und Weitergabe der Informationen angesichts der Masse der Webangebote, die man verlinken könnte, eigentlich einfacher und angebrachter. Oder kann mir jemand auf die Sprünge helfen, was die Vorteile einer Datenbank zur Sammlung und Präsentation von Links sind?
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Update 2: Nach langer Pause werden übrigens im Bereich „Lehren & Lernen“ auf historicum.net auf wieder Links gesammelt. Bisher sind dort seit Neustart im September 2010 acht Webseiten, vor allem digitalen Quellen- und Textsammlungen, aufgeführt. Unter Link-Hints gibt es dort seit 2010 wieder Tipps mit kurzer Beschreibung der jeweiligen Seite, sortiert nach zeitlichem Eingang der Linkhinweise…
Geschichtsverstehen als sprachliche Übersetzungsleistung
Das schöne Wetter am Wochenende nutzend haben wir einen Ausflug zum Niederwalddenkmal oberhalb von Rüdesheim unternommen. Als Geschichtslehrer kann man (zumindest ich) an einem solchen Ort nur schwerlich abschalten, stattdessen sind die Ohren weit geöffnet für die vielen Gesprächsfetzen, die einen in der sonnigen Frühlingsluft so umschwirren.
Wir saßen auf den unteren Stufen, die von der Gedenkplatte (siehe Bild) hoch zum Monument führen. An uns vorbei läuft eine Frau, vielleicht Anfang 40, die sich mit ihrem Begleiter über die gerade gelesene Inschrift unterhält.

Dabei leistet sie im wahrsten Sinne des Wortes eine Übersetzungsleistung der Quellensprache in ihre eigene. Wir hören im Vorbeigehen nur einen Teil dessen, was sie sagt: „[…] des is zum Denke‘ an die Tote‘ un‘ fü‘ die heutije Jugend zum Nachmo‘. […]“
Da Sprache einen ganz wesentlichen Teil von Geschichtslernen und -verstehen ausmacht, ist es gut, dass sie stärker in das Blickfeld der Geschichtsdidaktik rückt. Ich bin immer noch fasziniert von der Art und Weise, wie die Frau sich den schwerfälligen Inschriftentext in ihrer eigenen Sprache verständlich gemacht hat. Am „Übersetzen“ der Quellensprache in eine den Schülerinnen und Schüler verständliche Form arbeiten Geschichtslehrer jeden Tag im Unterricht, meist allerdings die Lernenden auffordernd („Fasst den Text noch einmal zusammen!“ u.ä.) und nicht aus deren eigenen Verstehenswillen heraus.
Eine andere Übersetzungsleistung, die wir am Denkmal beobachtet haben, war nicht weniger interessant: So erklärte ein Deutscher einer vierköpfigen asiatischen Reisegruppe die einzelnen Elemente des Denkmals auf Englisch. Die Erklärungen waren kurz, aber die einzelnen Elemente wurden richtig identifiziert, umso überraschender war dann für mich seine Deutung der Germania-Statue: Das wäre „Germany“, das nach Frankreich blickte, mit dem man zuvor ja etwas „troubles“ gehabt hätte, aber der Blick zum Nachbarn sei dann bei Bau des Denkmals nach der Reichsgründung ein versöhnender und freundlichschaftlicher gewesen…
(die Ausstellung am Fuße des Denkmals schreibt, dass die Germania keineswegs nach Frankreich, sondern in den Rheingau blicke und den deutschen Lande die Kaiserkrone präsentiere, aber die Zielrichtung der Rheindenkmäler, wie auch in Koblenz, nach Frankreich ist tief verankert in den Köpfen)
Woher diese Umdeutung im Sinne einer deutsch-französischen Freundschaft kommt, durch den tatsächlichen Prozess nach dem 2. Weltkrieg oder einer gewollten positiven Selbstdarstellung bei den ausländischen Gästen, muss leider aufgrund der flüchtigen Beobachtung ungeklärt bleiben. Das lange Zitat aus der „Wacht am Rhein“ auf dem Denkmal fand jedenfalls bei der Erklärung keine Erwähnung…


