Etherpads nutzen im Geschichtsunterricht

Für alle, die mit dem Begriff nichts anfangen können, hier kurz die Definition der Wikipedia:

EtherPad ist ein webbasierter Editor zur kollaborativen Bearbeitung von Texten. Etherpad erlaubt es mehreren Personen, in Echtzeit einen Text zu bearbeiten, wobei alle Änderungen sofort bei allen Teilnehmern sichtbar werden. Dabei können die Änderungen der verschiedenen Bearbeiter farblich unterschieden werden. Eine weitere komfortable Funktion ist die Möglichkeit neben der Textbearbeitung im Bearbeitungsfenster zu chatten.

Eine schöne Anwendungsmöglichkeit liegt in der Arbeit mit Jahreszahlen (siehe auch hier). Zum Einstieg eher aber noch zum Abschluss der Unterrichtsreihe zu einem Thema sammeln die Schülerinnen und Schüler in einem Etherpad relevante Jahreszahlen zu diesem Thema. Durch eine Vorgabe z.B 10, 15 oder 20 Daten zu sammeln, entsteht die Notwendigkeit eine Auswahl zu treffen. Dafür muss man sich über die Relevanz der jeweiligen Vorschläge verständigen.

Zur Diskussion und Auswahl über die Relevanz der Daten, Personen und Ereignisse nutzen die Schülerinnen und Schüler die Chatfunktion. Die Etherpads sind mittlerweile stabil und sind dauerhaft unter dem einmal erstellten Link erreichbar. Natürlich können die fertigen Zusammenstellungen auch als Word- oder PDF-Dokument gespeichert und weitergegeben werden.

„Heute gucken wir einen Film“ (Buchtipp)

Das vorliegende Buch ist eine veröffentlichte Masterarbeit von Britta Wehen, die an der Universität Oldenburg entstanden ist. Der ein oder andere Leser hat vielleicht auch zur Entstehung der Arbeit mit der Teilnahme an der Umfrage beigetragen, die auch hier im Blog verlinkt war.

Es ist eine Arbeit, die die Veröffentlichung gelohnt hat und in die jeder Geschichtslehrer, der bei Zeiten einen Film im Unterricht einsetzt, zumindest mal einen Blick werfen sollte.

Die Kernbotschaft der Arbeit ist klar formuliert:

Die große Möglichkeit für den Geschichtsunterricht liegt […] im grundlegenden Konstrukt- und Erzählcharakter des Films: Ein historischer Spielfilm verstanden als historische Narration, kann als Ergebnis eines Re-Konstruktionsprozesses der Vergangenheit de-konstruiert werden. (S. 34)

Die Ergebnisse ihrer Umfrage legen nahe, dass ein solcher Umgang im Unterricht wie aber auch ein entsprechendes Verständnis von historischen Filmen und Geschichte selbst als Konstrukt bei Lehrkräften wenig verbreitet ist.

Wehen stellt überzeugend dar, dass „die Frage nach der Korrektheit der Darstellung […] für sich allein genommen zu keiner historischen Erkenntnis“ (s. 36) führt, da es sich hier nur um einen Abgleich handelt. Daher müsse die „Leitfrage für die De-Konstruktion eines Geschichtsspielfilms […] immer die Frage, auf welche Weise im Spielfilm erzählt und gehandelt wird“ sein. (S. 36)

Obwohl Geschichtsspielfilme enorm populär sind und einen wichtigen Teil der Geschichtskultur, auch insbesondere der Lebenswelt der Schülerwelt, ausmachen, gibt es aus geschichtsdidaktischer Sicht bislang weder umfangreiche Studien zur Wirkungsweise dieser Filme noch dazu ob sie, wie von einer großen Mehrheit der befragten Lehrkrafte angenommen, die Entwicklung historischer Sachkompetenz fördern können.

Insgesamt gibt die Arbeit von Britta Wehen einen Einblick in ein spannendes, noch weitgehend unbearbeitetes Forschungsfeld, das nah am Unterrichtsgeschehen ist. Sie zeigt interessante Perspektiven auf, die dazu anregen, über den Filmeinsatz im eigenen Unterricht zu nachzudenken und diesen in Richtung einer stärkeren Kompetenzorientierung zu verändern.

Britta Wehen, „Heute gucken wir einen Film“. Eine Studie zum Einsatz von historischen Spielfilmen im Geschichtsunterricht (Oldenburger Schriften zur Geschichtswissenschaft 12), Oldenburg 2012.

Geocaching als Teil der Geschichtskultur

Was Geocaching ist, brauche ich hier nicht zu erklären. Wer das nicht weiß, kann das auch an anderer Stelle nachlesen (z.B. hier oder hier). Der Blogbeitrag fasst eigentlich nur eine kleine Beobachtung der Geocaching-Touren der letzten Wochen zusammen.

Geocaching ist in den letzten Jahren zu einer Art Massen- bzw. Volkssport geworden. Hat man erstmal ein paar Caches an seinem Wohnort gehoben, fällt einem erst auf, nicht nur viele Caches überall im Land versteckt sind, sondern viele Leute sie Tag für Tag und natürlich vor allem am Wochenende heben.

Dabei gelangt man nicht nur zu den ungewöhnlichen, schönen oder sonstwie interessanten Plätzen, eine Großzahl der versteckten „Traditional“-Caches führt zu historischen Orten, die mehr oder minder vergessen, ein wenig ab vom Strom und der Aufmerksamkeit liegen…

In der Beschreibung vieler Caches begründen dies die Besitzer der Caches oft ausdrücklich damit, dass der Ort kaum beachtet wird, sie diesen aber interessant finden. So hat uns die Schatzsuche an reichlich zufälligen Städten und Orten in den letzten Wochen zu einer ehemaligen Synagoge geführt, die heute als Kulturcafé und Bibliothek genutzt wird, zu den abseitig gelegenen Fundament eines Limesturms, einer denkmalgeschützten, mehrere hundert Jahre alten Eichen, deren Name auf alte Handelswege verweist, und einem weitgehend unbeachteten frühneuzeitlichen Meilenstein.

Es ist eine wunderbare Art, sich ohne Reiseführer in unbekannten Städten von den Caches zu den besonderen Orten der Gemeinde führen zu lassen und diese so zu entdecken. Tausende von Menschen verstecken in Deutschland kleine Boxen und Dosen an historischen Orten, auf die sie damit aufmerksam machen und erinnern wollen. Und noch mehr Menschen machen sich auf diese Schätze zu entdecken und entdecken dabei auch immer unbekannte Orte und ihre Geschichte oder lernen bekannte Ort neu zu sehen.

Auch hier dienen digitale Medien nicht dem Abtauchen in „virtuelle Welten“, sondern dem Erkunden der eigenen Welt, lokaler und regionaler Geschichte(n) des Ortes, an dem man sich gerade befindet. In einer ausführlichen Beschreibung findet sich in der Regel eine Kopie des Wikipedia-Artikels oder sonstiger Kurzinfos zu dem jeweiligen Ort. Das wirkt oft ein bisschen lieblos, aber woher sollte man denn auch mehr oder andere Informationen bekommen. Und wer mal ein paar Jahre zurückdenkt, selbst wer einen Brockhaus zuhause stehen hatte, konnte darin kaum etwas über die Geschichte der kleinen Kapelle am Bach nachlesen.

Was für ein Teil im besten Sinne populärer und lebendiger Geschichtskultur!

Wenig überraschend ist, dass die Geschichtsdidaktik das Thema noch nicht entdeckt hat (zumindest ist mir nichts bekannt, für Hinweise bin ich dankbar). Die außerschulische und die politische Bildung ist hier (wiederum) weiter und wegweisend. Wer sich dafür interessiert, kann sich im Blog von Jöran Muuß-Merholz kundig machen und z.B. die beiden Projekte in Düsseldorf (Landtagsgeschichten) und Berlin (Martin Luther King) anschauen.

Das didaktische und methodische Potential von „Educaching“ für historisches Lernen auch gerade im schulischen Kontext liegt auf der Hand, ob nun Lehrkräfte einer Schule an einem Studientag gemeinsam eine Tour für ihre Klassen erstellen oder Schüler dies selbst tun im Rahmen eines Projekts im Unterricht oder in einer AG.

Gemeinsam mit dem Leiter der Stadtbildstelle Koblenz, die seit einiger Zeit auch GPS-Geräte für Schule zur Ausleihe anbietet, habe ich Projektanträge eingereicht, in denen wir zusammen mit Schülern  unterschiedliche Touren zur Geschichte von Koblenz erarbeiten wollen. Hoffentlich klappt das mit den Förderung, das würde uns durch die Unterstützung eine etwas professionellere Gestaltung erlauben.

Frisch aus der Druckerpresse: Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts

Im März ist das neue Handbuch in zwei Bänden erschienen. Das Werk soll auf „Grundlage des plausibel gemachten narrativistischen Paradigmas“ (Barricelli/Lücke, Bd. 1, S. 12) Geschichtsunterricht für das 21. Jahrhundert beschreiben und das mehrfach aufgelegte Handbuch der Geschichtsdidaktik ablösen. Die Herausgeber definieren dabei die Aufgabe der Sammelbände nicht im Abdruck von „wohlfeilen Rezepten für einen ‚erprobten‘ Geschichtsunterricht“, sondern das Ziel sei „das besonnene Vor- und Nach-Denken von Praxis.“ (beide S. 13)

Gemäß des Titels und Schwerpunkt dieses Blogs habe ich bislang nur einen schnellen Blick in das sechste Kapitel „Medien des historischen Lernens“, das sich im zweiten Band befindet, geworfen. Auf einen einleitenden Artikel von Michael Sauer folgen Beiträge zu Text- und Bildquellen, digitalen Medien und Filmen. Auf eine gelungene Systematik zu „Medien“ im Geschichtsunterricht muss man weiterhin warten. Vielmehr gibt es zwischen den Beiträgen einige Überschneidungen.

Nach der Kritik am „Handbuch Medien im Geschichtsunterricht“, das bei der Überarbeitung die mediale Entwicklung der letzten 10 Jahre völlig verschlafen oder ignoriert hatte, stellte sich mir die Frage, wie dies im neuen Handbuch aussehen würde.

Digitale Medien sind ja ausdrücklich erwähnt und haben gar einen eigenen Beitrag erhalten. Positiv zu erwähnen ist, dass u.a. Blogs und interaktive Tafeln Aufnahme in den Artikel gefunden haben. Inhaltlich ist der Beitrag jedoch enttäuschend. Waldemar Grosch verweist mehrfach auf seine Beiträge zu Schulbüchern der Zukunft und Computern im Geschichtsunterricht von 2001 resp. 2002. Grundlegende neuere Veröffentlichungen zum Thema lässt er aber außen vor.

Ich möchte das hier gar nicht in der Breite diskutieren und stattdessen exemplarisch nur zwei Zitate herausgreifen, die die Ausrichtung des Beitrags gut auf den Punkt bringen. So hat Grosche für das Thema „Blogs und virtuelle Hefte genau zwölf Zeilen übrig, deren Hauptbotschaft ist:

Abgesehen davon, dass Eselsohren und Fettflecke oder unordentlich eingeklebte oder überstehende Arbeitsblätter so vermieden werden können, kommt das Schreiben mit der Tastatur den Gewohnheiten der ‚Digital natives‘ entgegen. (S. 137)

Für interaktive Whiteboards, die er unter dem Titel „Smartboards“ behandelt (das ist so wie „Tempos“ für „Taschentücher – umgangssprachlich ok, aber in einer wissenschaftlichen Publikation?), sind ein paar Zeilen übrig, die in folgenden Satz münden:

Besonders schwer wiegt aber die Tatsache, dass ein solches Gerät letztlich für ‚Präsentationen‘ konzipiert, also einen lehrerzentrierten Unterricht fördert. (S. 137)

Ja, genau, deshalb sind in den letzten Jahren auch überall in den Schulen die Kreidetafeln zusammen mit den Overheadprojektoren eingemottet worden… Auch der Rest der Darstellung ist in Auswahl und Inhalt zwar weiter als das Handbuch Medien von 2010, aber nichtsdestotrotz um Jahre hinter der aktuellen mediendidaktischen Diskussion, die sich anzuschauen in diesem Bereich publizierenden Fachdidaktikern dringend empfohlen sei.

Resümee: Es bewegt sich etwas, aber langsam. Oder anders ausgedrückt: Es ist schade, wieder wurde eine Chance verpasst. Diesmal nicht mit einer Überarbeitung, sondern in einer komplett neuen Publikation. Der Blick zu den Nachbardisziplinen lohnt sich: Die Politikdidaktik z.B. ist hier wesentlich weiter.

Mal schauen, wie lange es dauert, bis sich die Geschichtsdidaktik ernsthaft mit der Digitalisierung auseinandersetzt. Aber Barricelli und Lücke schreiben es bereits zur Einleitung im allerersten Satz:

Geschichtsunterricht war wohl noch nie, seit es ihn gibt, zeitgemäß. (S. 9)

Unterrichtsentwurf: Wikipedia im Geschichtsunterricht

Die Arbeit im 12er-Leistungkurs ist nun in einen Unterrichtsentwurf für eine 8./9. Klasse zum Themenschwerpunkt Industrialisierung gemündet. Eine Kollegin wird die Mini-Einheit in den nächsten Wochen im Unterricht an unserer Schule umsetzen und testen. Ich stelle den Entwurf hier bereits zum Download und zur Diskussion zur Verfügung, auch wenn er sicher nach der Durchführung noch überarbeitet und nachgebessert werden wird.

Der Unterrichtsentwurf funktioniert so lange, wie der ausgewählte Schwerpunktartikel in dieser Form vorhanden ist und noch nicht grundlegend überarbeitet. Einen entsprechenden, thematisch passenden Artikel zu finden, war mit das schwierigste in der Vorbereitung. Ein Schüler ist jedoch auf den Artikel zur „Krupp AG“ aufmerksam geworden, der (zur Zeit noch) einige typische Schwachstellen der Wikipedia aufweist.

An dem Artikel lässt sich sehr gut die begrenzte Aussagekraft von formalen Kriterien aufzeigen. So erhält der Beitrag 8 von 10 Punkten bei Wikibu, inhaltlich handelt es sich jedoch um einen schwachen Artikel. Beispielhaft seien genannt: Zahlreiche Informationen fehlen (es fehlt u.a. die Zeit des Nationalsozialismus – trotz Hinweis auf  der Diskussionsseite), die Firmengeschichte wird vor allem personalisiert als Familiengeschichte beschrieben, die Redewendung „Hart wie Kruppstahl“ wird unkritisch ausschließlich als Verweis auf die Produktqualität thematisiert.

Krupp kommt als Unternehmen für die deutsche Geschichte darüber hinaus eine herausragende Stellung zu, deren exemplarische Behandlung den Unterrichtsansatz auch aus geschichtsdidaktischer Sicht rechtfertigt.

Der Unterrichtsentwurf steht hier als .doc und .odt zur Verfügung.

Qualitätscheck von Wikipedia-Artikeln

Es ist kein Zufall, dass ich hiermit schon der zweite Artikel diese Woche zur Wikipedia in diesem Blog findet. Der 12er-Leistungskurs Geschichte entwickelt gerade ein „Wikipedia-Unterrichtsmodul“ am Beispiel des Themenbereichs Industralisierung und Soziale Frage für die 9. Klasse. Wie erfolgreich Idee und Umsetzung sein werden, wird sich zeigen. Die Arbeit ist auf jeden Fall bislang interessant und anregend.

Aus den gemeinsamen Diskussionen habe ich versucht ein kleines Schema zu entwickeln, das sicher noch verbesserungsdürftig ist, aber wesentliche Aspekte bereits veranschaulicht. Die Idee von Blogs ist ja durchaus auch Zwischenergebnisse bereits öffentlich zu machen und zur Diskussion zu stellen. Kritik und Anregungen sind also sehr willkommen. Die Darstellung kann dadurch nur besser werden.

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Verwendete Literatur/Links:

Christia Staas, Je umstrittener, desto besser. Was taugen die Geschichtsartikel der Online-Enzyklopädie Wikipedia? Ein Gespräch mit dem Historiker Peter Haber, in: DIE ZEIT, 08.07.2010 Nr. 28, online: http://www.zeit.de/2010/28/Wikipedia-Daten/komplettansicht

Wikibu, http://wikibu.ch/about.php

Thomas Emden-Weinert, Wikipedia und Wahrheit. Quellen für eine Quellenkritik, http://wikipedia-quellenkritik.de/2-Quellenangaben_zur_Quellenkritik/index.html

Bedeutung der Wikipedia für Schüler

Anbei nur eine kleine Beobachtung aus dem laufenden Unterricht: Die Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse hatten letzte Woche den Auftrag, zur römischen Geschichte allgemein und zur Rheinland-Pfalz und Koblenz speziell Internetseiten zu suchen und auf der gemeinsamen Lernplattform abzuspeichern. Weitere Vorgaben habe ich absichtlich nicht gemacht. Wir hatten im Vorfeld auch nicht über Suchstrategien oder Qualitätsmerkmale von Internetseiten gesprochen. Ich wollte mal sehen, welche Seiten von den Lernenden gefunden und für so gut befunden werden, dass sie für alle gespeichert und bereitgestellt werden.

Das Ergebnis ist – für die meisten Leser – vermutlich wenig überraschend: (Fast) Alle Links führten zur Wikipedia. Es gab nur zwei Ausnahmen: Eine Diskussion auf gutefrage.net sowie ein Link zur Seite roemische-kaiser.

Das heißt auch (vielleicht gerade?) jüngere Schüler greifen zunächst, vor allem und oft  offensichtlich auch ausschließlich auf die Wikipedia als Nachschlage- und Recherchewerk zurück. Dass viele Artikel dabei viel zu detailliert und komplex und dadurch für viele Schüler weitgehend unverständlich sind, ist nur eines der Probleme.

Für jüngere Schüler besonders geeignete Seiten, wie z.B. Planet Wissen oder Was ist was? werden gar nicht „gefunden“ bzw. aufgerufen und benutzt.

Die Konsequenzen sind nicht neu, die Beobachtung bestätigt eher bereits Bekanntes: (Geschichts-) Lehrer dürfen nicht von einem naiven Begriff von „digital natives“ ausgehen, sondern müssen altersgerechte Alternativen zur Information im Netz aufzeigen. Die Schülerinnen und Schüler müssen das Recherchieren im Internet lernen ebenso wie den Umgang  mit der Wikipedia (Reichweite, Grenzen, Hilfen). Fachspezifische Zugänge müssen dabei berücksichtigt. Nicht zuletzt deshalb muss dies Teil des Fachunterrichts sein.

Das schrittweise Erlernen von  „Informationskompetenz“  muss möglichst früh ansetzen und darf nicht nur an einen Kurs zur informationstechnischen Grundbildung, der vielleicht auch erst in der Klasse 8 oder 9 erfolgt, abgegeben werden, sondern gehört integrativ, in einem spiralförmigen Aufbau mit Wiederholungen und Vertiefungen als Querschnittsaufgabe in alle Fächer.

Podiumsdiskussion: Kritische Auseinandersetzung mit Positionen des Geschichtslehrerverbandes

Als sich im vergangenen Semester Studierende in einem Seminar zur Globalgeschichte auch mit der ZDF-Reihe ‚Unterwegs in der Weltgeschichte mit HaPe Kerkeling‘ auseinandersetzten haben sie sich an den Positionen des Verbands der Geschichtslehrer Deutschlands, der das Projekt begleitete, ebenso gerieben wie Studierende eines anderen Seminars am Kompetenzmodell des Verbands.

Erfreulicherweise kommt es nun zu einer Diskussion zwischen Studierenden und dem Vorsitzenden des Verbands der Geschichtslehrer Deutschlands, Dr. Peter Lautzas. Dabei soll es um Austausch, Erkenntnis, Reflexion und Perspektivierung des Geschichtsunterrichts in der Zukunft gehen. Aktuelle Konfliktlinien sollen dabei ebenso freigelegt werden wie auch gemeinsame Positionen. Vor allem aber geht es um die Suche nach den Grundlagen eines „zeitgemäßen und interessanten Geschichtsunterrichts“ (Lautzas).

Die Podiumsdiskussion findet am 24.04. von 10-12 Uhr an der FU in Berlin statt.

Ich finde es gut, dass Lautzas dieser Diskussion stellt. Da wäre ich ja gerne dabei… aber von einem Live-Stream oder einer Aufzeichnung steht da nichts und mal eben nach Berlin jetten ist leider auch nicht.

Um das Zitat von Lautzas aufzunehmen: Was macht (Geschichts-) Unterricht „zeitgemäß und interessant“? Und was trägt der Geschichtslehrerverband dazu bei?

Arbeit mit digitalen Endgeräten, Lernplattformen, interaktiven Wandtafeln, Web 2.0, Wikis, WebQuests, digitalen Schulbücher, OER, kollaboratives Arbeiten …? Fehlanzeige.

Die Vorstellungen des Verbandes spiegeln sich vermutlich sehr gut in dem Panel auf dem Historikertag zum Thema Medialer Geschichtsunterricht: Innovation statt Beliebigkeit – Öffentlich-rechtliche Medien und Geschichte. In den Beiträgen geht es vor allem um die Kooperationen mit dem ZDF, die sicherlich sehr prestigeträchtig sind, aber auch in den vom Verband erstellten Materialien alles andere als innovativ und zum Teil auch inhaltlich problematisch sind.

Es geht aber auch um Geschichtsunterricht „über“ die Internetseite des Verbandes – worunter ich mir beim besten Willen nichts vorstellen kann, aber wer die Seite kennt oder sich mal anschaut, kann mir da vielleicht auf die Sprünge helfen…

„Lisa, the iconoclast“ oder die Simpsons im Geschichtsunterricht

Auf deutsch lautet der Titel der 16. Folge der siebten Staffel völlig anders, nämlich: „Das geheime Bekenntnis“. Der Film stammt bereits von 1996 und ich gebe zu, kein regelmäßiger Simpsonsgucker zu sein. Vielmehr bin ich nur zufällig auf die Folge aufmerksam geworden (Wer es genau wissen will: über einen Link auf Twitter zu einem Zeitungsartikel eines flämischen Nationalisten!).

Eine kurze Zusammenfassung der Folge findet sich u.a. in der Simpsonspedia:

„Lisa recherchiert für einen Aufsatz. Dabei findet sie Ungeheuerliches heraus: Stadtgründer Jebediah Springfield war in Wirklichkeit ein bösartiger Pirat. Lisa fühlt sich der Wahrheit verpflichtet und schreibt dies in ihrem Aufsatz. Ein Sturm der Entrüstung bricht los, niemand schenkt ihr Glauben – außer Homer. Durch Homers überzeugendes Auftreten als Ausrufer wird beschlossen, Jebediah zu exhumieren. In seinem Sarg sollte sich der Beweis finden, doch da ist keiner. Und zwar weil der Museumsdirektor ihn schnell verschwinden ließ. Als Lisa das herausfindet beschließen sie, die Sache öffentlich kundzutun. Aber als sie vor den Feiernden steht und sieht, dass alle nur wegen ihrem Glauben an Jebediah zusammenhalten, bringt sie es nicht übers Herz die Wahrheit zu sagen.“

(Besser und auch deutlich umfangreicher ist die Beschreibung der Folge in der englischsprachigen Wikipedia.)

Eine Folge der Simpsons dauert knapp über 20 Minuten, eignet sich also von der Länge ideal für den 45-Minuten-Schulrhythmus, so dass noch ausreichend Zeit zur Besprechung und Diskussion bleibt.

Wie lässt sich diese Folge für den Geschichtsunterricht nutzen?

Eingesetzt habe ich die Folge in der Oberstufe und wir haben daran verschiedene gesellschaftliche Funktionen von Geschichte erarbeitet (in einer Gegenüberstellung der Bewohner Springfields mit Lisa), die Unterscheidung von historischen Quellen und späterer Mythosbildung, die eine eigene Wirkmächtigkeit und Bedeutung entfalten kann, verdeutlicht und abschließend das Verhalten Lisas diskutiert.

Die offene Frage, wie die Schüler ihr Verhalten beurteilen, ob sie ihrer Meinung nach richtig gehandelt hat, führte zu einer weitgehend selbstläufigen, sehr kontroversen Diskussion. Es wurden dabei sowohl Unterschiede zwischen der deutschen und US-amerikanischen Geschichts- und Erinnerungskultur als auch mögliche Vergleichspunkte mit der deutschen Geschichte (Denkmäler, historische Vorbilder, moralische Integrität) diskutiert. Insgesamt konnten die Schüler in diesem Zusammenhang in selten umfangreicher Weise Vor- und Kontextwissen aktivieren und sinnvoll anwenden.

Die Simpsons-Folge ist auf jeden Fall ein guter Impuls für eine Einzelstunde oder kann als motivierender Einstieg in eine entsprechende Reihe dienen (z.B. zum Thema Denkmäler). Es scheint sich zu lohnen, auch solche geschichtskulturellen Produkte, selbst wenn sie, wie in diesem Fall rein fiktiver Natur sind, zum Gegenstand des Unterrichts zu machen, wenn man die Entwicklung des Geschichtsbewusstseins und den kompetenten Umgang mit geschichtskulturellen Phänomenen in das Zentrum des Unterrichts stellen will.

Vom Aufstieg und Fall der Blogosphäre?

Sascha Lobo schreibt heute unter dem Titel „Euer Internet ist nur geborgt“ über den Niedergang der zahlenmäßig eh nie bedeutenden deutschen Blogsphäre zugunsten von sozialen Netzwerken:

Der Grund für den Sinkflug des Blogs: Soziale Befindlichkeiten werden heute auf Facebook geteilt, kurze Mitteilungen und Links auf Twitter und auf Facebook, Fotos auf einer der hundert Plattformen sowie auf Facebook, Videos auf Youtube und auf Facebook – für fast jede Art von Äußerung, die in einem Durchschnittsblog 2005 der Netzöffentlichkeit präsentiert wurde, gibt es heute ein eigenes Social Network. Und Facebook.

Genau: Wurden Blogs früher oder von einigen bis vor kurzem als „Internettagebücher“ beschrieben, dann braucht sich genau dafür niemand mehr die Mühe zu machen, ein eigenes Blog zu betreiben. Genau diejenigen, die früher , bis vor kurzem oder bis heute Bloggen ablehnen, weil warum sollten sie ihr Privatleben als Tagebuch öffentlich machen, tun genau dies in sozialen Netzwerken.

Interessanterweise, und das fehlt mir bei Lobo, geht dieses Verlagern von Befindlichkeitsäußerungen und Linkhinweisen zugleich mit einer Aufwertung von Blogs einher, die zunehmend u.a. im Bildungsbereich und  in der Wissenschaft als Arbeits- und Publikationswerkzeug anerkannt werden. Hier findet gerade eine wenn auch langsame, so doch kontinuierliche Ausweitung und Aufwertung der Blogosphäre statt.

Mit Überraschung habe ich zuletzt gestern auf Twitter eine Nachricht entdeckt, die auf eine „Veranstaltung für Promovierende aller Fachbereiche“ zum „Bloggen in den Wissenschaften“ an der Universtität Koblenz-Landau hinweist. Ich mag Koblenz wirklich gerne und ich hoffe, mir ist hier niemand böse, wenn ich in dem Zusammenhang ganz positiv feststelle, dass wissenschaftlichen Bloggen offensichtlich auch an den Provinzunis angekommen ist.

Das ist nur ein Beispiel. Die wachsende Zahl von Lehrerblogs könnten dafür ebenso als Beleg dienen wie das Hypotheses-Portal oder die Tagung zu Weblogs in den Geisteswissenschaften. Einen – wie Lobo schreibt – „Niedergang der Blogs“  kann ich nicht feststellen. Es handelt sich vielmehr um eine funktionale Ausdifferenzierung: Für kurze Statusmeldungen eignet sich Facebook, für kurze Linkhinweise Twitter eben besser als ein Blog.