Praxisbeispiel: Lernarrangement zur (Teil-) Öffnung des Unterrichts

Nachdem ich bereits in Kurzform allgemein Tipps zur Öffnung des Unterrichts zusammengefasst und an anderer Stelle auch theoretische Überlegungen vor allem zur Rolle als Lehrkraft dazu gestreift habe, möchte ich das Ganze nun an einem konkreten Lernarrangement aus der Unterrichtspraxis exemplarisch aufzeigen. Lisa Rosa hat zu Recht, daraufjohnny-automatic-bike-or-motorcycle--800px hingewiesen, dass es hier um vergleichsweise begrenzte Wahlmöglichkeiten geht, die von der Sachlogik des Lehrplans ausgehen und nicht konsequent vom Lernenden. Daher ist der Begriff „Personalisierung“ nur vorsichtig zu gebrauchen, trifft meines Erachtens den Ansatz aber trotzdem besser als Individualisierung oder Differenzierung, wenn auch – graduell gedacht – nur in geringerem Umfang.

„Stoffbereiche“ des Lehrplans

Das Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen, Europa zur Zeit Napoleons und Restauration

Teilthemen

Der Lehrplan nennt zu jedem Stoffbereich Inhaltsaspekte, Daten und Begriffe, die ich für die Lernenden in Teilthemen übersetzt habe. Sie konnten zwischen diesen Themen wählen, jedoch auch – sofern im zeitlichen Rahmen der Unterrichtsreihe (ca. 1750-1815) – selbst andere Themen wählen, mit denen sie sich auseinandersetzen wollten. Die Themen sind also als Anregungen und Ideen zu verstehen; die Liste ist aber grundsätzlich offen. Ein Schüler hat z.B. die Abschließung Japans in der Edo-Zeit als Thema für einen Vortrag gewählt. Eine andere Schülerin die Mode des Rokoko (mit Bezug zu Mangas). Falls verpflichtende Themen des Lehrplans nicht gewählt werden, übernehme ich diese und stelle sicher, dass alle verpflichtenden Inhalte im Unterricht aufgegriffen werden. Das war in dieser Unterrichtsreihe allerdings nicht der Fall.

  • England 1688/89 (Glorious Revolution)
  • Korsika 1755
  • USA 1776 (Unabhängigkeitserklärung und Verfassung)
  • Frankreich 1789 Anfang (Gründe, Auslöser und Start der Revolution)
  • Frankreich 1791 (Erste Verfassung, Rolle des Königs)
  • Frankreich 1792-1794 (Bedeutung von Koblenz und Kriegsbeginn)
  • Polnische Teilungen (Polnische Teilungen und Verfassung von 1791)
  • Napoleon (Aufstieg und Wiedereinführung der Monarchie)
  • Napoleon und das Heilige Röm Reich (Österreich, Preußen, Rheinstaaten)
  • Niederlage Napoleons und Neuordnung Europas

Weitere mögliche Einzelthemen: Revolution Haiti, Koblenz zur Zeit der Französischen Revolution, Bau der Festung Ehrenbreitstein, Wiener Kongress, Biographien: Jefferson, Robespierre, Ludwig XVI., Sieyès, Napoleon, Kosciuszko, Metternich.

Nach Wahl und Festlegung der Themen durch die Lernenden habe ich diese in eine Reihenfolge gebracht und mit den Lernenden in der Folgestunde abgesprochen.

Methodische Voraussetzungen

Die Klasse leidet bereits im dritten Jahr unter mir als Geschichtslehrer. Die Schülerinnen und Schüler mussten/durften/konnten bereits alle mindestens eine eigenständigen Vortrag mit medialer Unterstützung halten, eine längere schriftliche Ausarbeitung mit selbst gewählter „Forscherfrage“ erstellen, haben mit dem Flipped Classroom gearbeitet und auch schon kürzere Unterrichtssequenzen in Kleingruppen selbst vorbereitet und gehalten.

Lernprodukte

Die Schülerinnen und Schüler hatten die Wahl allein oder in Gruppen zu arbeiten. Die Erarbeitung – auch die Vorbereitung der Unterrichtsstunden – erfolgte wesentlich im Unterricht – und nur notfalls unterstützend zuhause (z.B. Mitbringen von Materialien, um in der Schule damit arbeiten zu können). Sie konnten als „Lernprodukte“ wählen: im Sinne von LdL eine Unterrichtsstunde vorzubereiten und durchzuführen, eine kleine Ausarbeitung von drei, eine große von zehn Seiten zu verfassen oder einen Vortrag zu halten. Wichtig ist mir für die Ausarbeitungen, dass die Lernenden eine konkrete eigene Fragestellung entwickeln und mit mir absprechen, auf die sie dann in ihrer Ausarbeitung eine Antwort geben. So wird sowohl individuell als auch in Gruppen gearbeitet, die Arbeitsergebnisse und die Inhalte werden jedoch mit den anderen Schülerinnen und Schülern geteilt und diskutiert.

Benotung

Die Unterrichtsstunden der Schülerinnen und Schüler werden nicht benotet, um ihnen Freiraum für die Umsetzung zu geben. Eine Note erhalten die Lernenden für die Mitarbeit im Unterricht ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler (in RLP sogenannte: Epo-Noten). Die übrigen Schülerinnen und Schüler erhalten ergänzend auch auf die Ausarbeitungen bzw. Vorträge Noten. Nur wer sich mit einer großen Ausarbeitung „rauszieht“, bekommt nur dafür eine Note, aber keine mündliche Note und hat auch die Möglichkeit zur Arbeit, sich in der Klasse oder auf den Flur zurückziehen. Einen eigenen Raum für individuelles Arbeiten in der Sekundarstufe I haben wir an der Schule leider nicht.

 

Wikipedia als Geschichtslexikon für Schülerinnen und Schüler der Klasse 8 – Schwierigkeiten und unterrichtliche Lösungsansätze

Anbei veröffentliche ich hier vorab schon einmal die Folien meines Beitrags zur Konferenz „Wikipedia in der Praxis. Geschichtsdidaktische Perspektiven“ am Freitag und Samstag in Basel. Weitere Informationen zur Konferenz sowie das aktualisierte und aufgrund von Absagen leider auch reduzierte Programm finden sich im Blog des Arbeitskreises „digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik“ der kgd. Für alle, die die Tagung online mitverfolgen wollen, der Hashtag lautet: #gld15. Für alle, die vor Ort sind, gibt es, da die Folien ja hier schon stehen, dann am Samstagmorgen die Gelegenheit für einen zweiten Kaffee 😉

P.S. Gerade gesehen, dass Slideshare den kursiven Schrifttyp eigenwillig geändert hat… das sieht in der Originalpräsentation anders aus. Hier bleibt das jetzt aber so. Ich hab ehrlich keine Lust, so lange mit Uploads rum zu experimentieren, bis das richtig angezeigt wird… dann halt Fraktur!

3 Tipps, um den Geschichtsunterricht zu öffnen – sofort!

johnny-automatic-prying-open-crate-800pxWie lässt sich der Geschichtsunterricht öffnen: von der Lehrer- zur Schülerzentrierung, vom Lehren zum Lernen und das im Rahmen der bestehenden Regelschule mit den vorhandenen Lehrplänen, einer Unterrichtstaktung von 45 Minutenstunden und fehlender Infrastruktur für Wlan oder eine 1:1-Geräteausstattung: kurz im Alltag für weiterhin die Mehrzahl der Kolleginnen und Kollegen.

Der Beitrag hat zwei Ausgangspunkte:

1) Die Veröffentlichung der Bertelsmann-Stiftung zu „Chancen der Digitalisierung für individuelle Förderung im Unterricht“, besonders mit der Untersuchung der Praxisbeispiele durch Jöran Muuß-Merholz (PDF), nach deren Lektüre ich auch den dort von Lisa Rosa verwendeten Begriff des personalisierten Lernens vorziehen würde und mir die Frage gestellt habe, was geht auch ohne digitale Medien. Sowie 2) die Frage danach, welche Spielräume die einzelne Lehrkraft hat im Rahmen des Bestehenden die gemeinsame Lernzeit in diesem Sinn anders zu gestalten, ohne vorab ihre Schule als Institution oder Schule als System zu verändern. Natürlich lässt mit entsprechenden strukturellen Veränderungen eine Vereinfachung und Erweiterung offener Lernformen erreichen, aber dafür gilt es dicke Bretter zu bohren; Schulen wandeln sich langsam.

Die folgenden Tipps sind vergleichsweise schnell umzusetzende und einfache Schritte, um über Auswahlmöglichkeiten nicht nur zu differenzieren, zu individualisieren, sondern historisches Lernen in der Schule ansatzweise zu personalisieren (vgl. die tabellarische Gegenüberstellung im PDF), in diesem Sinne zu öffnen, und damit Auseinandersetzung und Engagement zu fördern.

Wir haben es aber jeden Tag mit Kindern und Jugendlichen zu tun,

  • die u.a. direkten Zugang zu Informationen haben, die früher nur in gefilterter Auswahl oder über entsprechende Fachkenntnisse an speziellen Orten zugänglich waren und
  • für die aktiv sein und selber etwas zu tun, zentrale Kriterien für guten Unterricht und damit für gelingendes Lernen sind.

Hier drei Tipps aus der Praxis, die sich auch unter den gegebenen Bedingungen sofort umsetzen lassen:

1 Die Schülerinnen und Schüler können ihre Themen im Geschichtsunterricht selbst wählen.

Dies funktioniert im Rahmen der Lehrplanvorgaben. Die bieten nämlich immer auch Spielräume und nirgendwo steht, wie gelernt soll. Festgelegt werden nur die Ziele (Inhalte und/oder Kompetenzen). Was spricht also dagegen die „Römische Geschichte“ statt im Durchgang durch den Lehrplan oder das Schulbuch je nach Interesse und Neigung aufzuteilen? Während sich die einen mit den Punischen Kriegen beschäftigen, informieren sich die anderen über die römische „Familia“ und wiederum andere analysieren die Res Gestae des Augustus.

Ausgangspunkt kann immer das Schulbuch sein: Hier sind die lehrplanrelevanten Themen altersgemäß aufbereitet, einige Quellen und Darstellung bereits ausgewählt und aufbereitet. Darüber hinaus können natürlich weitere Materialien recherchiert und verwendet werden. Der Einstieg über die Schulbuchseite bringt zudem aber den notwendigen Kontext für eine weiterführende Recherche im Netz. Und wenn sich mal niemand für ein absolut verpflichtendes Unterthema des Lehrplans interessieren sollte, spricht nichts dagegen, als Lehrkraft für ein, zwei Stunden den Unterricht wieder zu übernehmen. Dies bietet sich auch immer wieder zwischendurch für Plenumsphasen zur Orientierung und Vernetzung an.

 

2 Die Schülerinnen und Schüler wählen ihre Lernprodukte selbst.

Die Schülerinnen und Schüler können selbst Unterrichtsstunden (LdL) oder Vorträge halten, schriftliche Ausarbeitung verfassen oder ein Video erstellen. Dabei ist die Beratung durch die Lehrkraft wichtig hinsichtlich der Machbarkeit in einem vorgegebenen Zeitrahmen, der notwendigen Voraussetzungen (Kenntnisse, Fähigkeiten, Verfügbarkeit technischer Geräte usw.) sowie der produktspezifischen Qualitätskriterien (Was macht einen guten Essay, eine gute Unterrichtsstunde, eine gute Filmdokumentation aus?).

Durch die unterschiedlichen Lernprodukte und deren gemeinsame Besprechung im Plenum wird übrigens auch zusätzlich sichergestellt, dass alle Schülerinnen und Schüler alle wesentlichen Inhalte des Lehrplans kennengelernt haben – wenn auch in unterschiedlicher Tiefe. Aufgrund der unterschiedlichen Zugänge, der eigenen Fragen und Schwerpunktsetzungen sowie der unterschiedlichen Lernprodukte können Themen auch doppelt oder dreifach gewählt werden. Dies ermöglicht Vergleich, Vertiefung, Wiederholung und Vernetzung im Plenum.

 

3 Die Aufgaben in Leistungsüberprüfungen und andere Formen der Leistungsbewertung offen gestalten.

Das ergibt sich bei der Bewertung von individuellen Lernprodukten von selbst, ist aber auch z.B. bei Tests möglich. So können die Schülerinnen und Schüler im Rückblick selbst für eine Epoche eine vorgegebene Anzahl von Jahreszahlen und Ereignissen auswählen, die sie für besonders relevant erachten und deren Relevanz sie auch begründen können. Dies kann individuell oder kollaborativ (z.B. über ein Etherpad oder auch in der Schule an der Kreidetafel) erfolgen. Was spricht dagegen – nichts zuletzt angesichts der bislang desaströsen Behaltensleistungen im Fach Geschichte – statt alle Jahreszahlen im Kapitel eines Schulbuchs, nur selbst ausgewählte zu lernen?

In einem Test könnten zwei Aufgaben dann z.B. wie folgt aussehen: a) Nenne 5 Ereignisse der römischen Geschichte mit der entsprechenden Jahreszahl. b) Begründe, warum die 5 von dir ausgewählten Ereignisse jeweils für die römische Geschichte besonders wichtig sind. Alle Schülerinnen und Schüler schreiben zum selben Zeitpunkt denselben Test, aber es gibt nicht einen einheitlichen Erwartungshorizont, sondern eine Vielzahl richtiger Antworten. Die Konzeption der Prüfungsaufgaben passt zur inhaltlichen Öffnung des Unterrichts.

Die Schülerinnen und Schüler haben so die Möglichkeit unterschiedliche, individuell angeeignete Kenntnisse wiederzugeben, erworbene Fähigkeiten anzuwenden und zugleich ein vertieftes Verständnis historischer Zusammenhänge nachzuweisen, das sonst oft gerade beim Auswendiglernen und Abfragen von Jahreszahlen allenfalls oberflächlich eine Rolle spielt.

Buchners „Das waren Zeiten“ – neu für Rheinland-Pfalz

Zum neuen Teillehrplan Geschichte für die Sekundarstufe I in Rheinland-Pfalz, der zum nächsten Schuljahr zeitgleich in allen Jahrgangsstufen eingeführt wird, legt auch der Buchner Verlag eine eigene Ausgabe aus der Reihe „Das waren Zeiten“ vor. An den beiden Bänden habe ich als Autor und Herausgeber mitgearbeitet. In den letzten beiden Wochen haben wir das Konzept auf mehreren Veranstaltungen vorgestellt. Die Folien der Präsentation sind unten in diesem Beitrag zu sehen und können auch heruntergeladen und weitergegeben werden.

Der neue Lehrplan besteht aus zwei Elementen: dem gemeinsamen Vorwort für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer (PDF), das auch das eigene, fächerübergreifende Kompetenzmodell erklärt, sowie den Teillehrplan für das Fach Geschichte (PDF). Aufbau und Konzeption des Buchs erschließen sich nur auf Grundlage der Lehrplanvorgaben. Wir haben versucht, den Lehrplan möglichst präzise in den Büchern umzusetzen.

Das auffälligste Merkmal des neuen Lehrplans ist die Gliederung der Epochalen Schwerpunkte (ESP) anhand von jeweils fünf „Kategorien“ (Orientierung, Herrschaft, Wirtschaft, Gesellschaft, Weltdeutungen), die einen sektoralen Zugriff auf Geschichte bieten. In jedem Lernfeld müssen für die Unterrichtsgestaltung vorgegebene Leitfragen, Kompetenzen, Grundbegriffe und Inhalte berücksichtigt und sinnvoll zueinander in Bezug gesetzt werden. Beide Punkte (Zugriff über Kategorien und die Einzelelemente der Lernfelder) bedingen eine sorgfältige und langfristige Unterrichtsplanung. Deren Komplexität zusätzlich die Integration von Längsschnitten und den Auswahlmöglichkeiten bei den Inhalten gesteigert wird.

Der Lehrplan schwankt dabei einerseits zwischen Festlegungen, die eine bestimmten Kombination von Kompetenz, Inhalt und Methode festschreibt und damit Vorgaben bis in die einzelnen Unterrichtsstunden hinein macht (Beispiele Methodenkompetenz in den Lernfeldern I.4.3 oder II.2.2 des Lehrplans – was mir persönlich als unnötige Gängelung der Lehrkräfte erscheint). Andererseits lässt der Lehrplan sehr viele Wahlmöglichkeiten im Hinblick auf die Inhalte (Weglassen einer Kategorie pro ESP, große Auswahl von „Erweiterungs- und Vertiefungsthemen“ von denen jeweils nur 2 pro Doppeljahrgangsstufe verpflichtend sind).

Für mich ist kein roter Faden im Sinne einer didaktisch begründeten Auswahl der verpflichtenden Inhalte zu erkennen ist. So erschließt sich mir auch nicht, warum einige Themen, die mir zentral erscheinen nur in der freiwilligen Erweiterung oder Vertiefung auftauchen, an anderer Stelle aber in der Basis als verpflichtend gesetzt sind (vgl. z.B. Lernfeld I.2 oder Herrschaftslegitimation in Antike Basisinhalt, im Mittelalter Erweiterung usw.). Die genannten sowie weitere Punkte wurden übrigens mehrfach an die Lehrplankommission herangetragen, aber bei den Überarbeitungen des Lehrplanentwurfs nicht berücksichtigt.

Nichtsdestotrotz oder vielleicht gerade deswegen haben wir bei der Konzeption des Buchs versucht, die Auswahlmöglichkeiten zu erhalten und eine flexible Umsetzung des Lehrplans zu ermöglichen. Dies war ein Leitmotiv bei der Konzeption des Buchs. Die Präsentation unten zeigt auf, wie diese Wahlmöglichkeiten im Buch umgesetzt wurden. Auch die Doppelseiten sind nicht als fertige Unterrichtsstunden konzipiert, sondern bieten im Sinne eines Steinbruchs verschiedene Umsetzungsmöglichkeit und Schwerpunktsetzungen. Daher muss auch hier bei den Materialien und Aufgaben ausgewählt werden. Es ist nicht angedacht, dass alle Aufgaben und Materialien auf einer Doppelseite bearbeitet wird.

Aufgrund dieser zahlreichen Wahlmöglichkeiten haben wir überlegt, beispielhafte Stundenmodelle zu erarbeiten, von denen die ersten drei bereits verfügbar sind. Sie machen die enorme Arbeitserleicherung durch das Schulbuch deutlich, das die verschiedenen Elemente des Lehrplans zusammenführt und auf dieser Grundlage flexible Stundengestaltungen zulässt. Die Stundenentwürfe haben Modellcharakter und sollen eine möglichst hilfreiche Orientierung bieten, auch wenn sicher nicht jede/r die Unterichtsstunden genau so aufbauen wird:

Beispiele für Stundenmodelle zu einigen Doppelseiten (PDF)

Und noch eine abschließende Bemerkung: Vielleicht fragt sich der eine oder die andere LeserIn, warum ich an einem klassischen Schulbuch mitarbeite. Ausschlaggebend für die Entscheidung zur Mitarbeit war für mich die Aussage der beiden Herausgeber von „Das waren Zeiten“, die die Reihe seit 20 Jahren betreuen, in unserem ersten Gepräch: Wir wollen Geschichtsschulbücher für Kinder und Jugendliche machen. Bücher, die so ansprechend gestaltet und interessant sind, dass sie nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause zum Lesen in die Hand genommen werden. Das finde ich einen ebenso hervorragenden wie schwer einzulösenden Anspruch. Ob dies bei der Rheinland-Pfalz-Ausgabe gelungen ist, können nur die Leserinnen und Leser berurteilen.Ob dies bei der Rheinland-Pfalz-Ausgabe gelungen ist, können nur die Leserinnen und Leser berurteilen.

Aber noch ein weiterer grundsätzlicher Punkt spielte eine Rolle: Was das alltägliche, selbstverständliche Lernen mit digitalen Medien im Unterricht angeht, stehen wir trotz aller bisherigen Ausstattungsinitiativen, Leuchtturmschulen und -projekten immer noch am Anfang. Den meisten Schulen fehlt weiterhin schlicht die Infrastruktur, um durchgängig mit digitalen Materialien, ob nun als e- oder m-Book oder in Form von freien Modulen, zu arbeiten. Das zeigt sich auch daran, dass für den Einsatz multimedialer Schulbücher ausgewählte Projektschulen erst entsprechend ausgerüstet werden. Das ist in Forschungsprojekten in Zusammenarbeit mit den Schulbehörden und Schulträgern möglich, aber nicht für den einzelnen Schulbuchverlag.

Digitale Medien sind in der Fläche auch 2015 immer noch die Ausnahme und nicht der Normalfall. Deshalb spielt das klassische Schulbuch weiterhin eine zentrale Rolle für die Umsetzung des Lehrplans und die Gestaltung des Geschichtsunterrichts. Und daher lohnt es sich meines Erachtens auch, sich einzubringen und dazu beizutragen, dass Lernenden wie Lehrkräften möglichst gute Bücher zur Verfügung stehen, die sie dann als Ausgangspunkt, Steinbruch, Leitfaden oder Lesebuch nutzen können.

 

Mit der „App in die Geschichte“ fürs Abi lernen

Metacognition-800px Das Lernen fürs Abi war so nicht nur Paukerei, sondern auch Spiel und sogar ein bisschen Spaß. Die Idee stammt von den Schülerinnen und Schülern des letzten Leistungskurses Geschichte. Die App in die Geschichte hatten wir im Unterricht des Leistungskurses als erste getestet. Drei der Lernenden waren auch beim Seminar in Bundesarchiv dabei, um ihre Sicht vorzustellen und mitzudiskutieren. Zugebenermaßen haben es nur wenige genutzt, die haben nach eigener Aussage aber davon profitiert.
Das Tagging Game der GeschichtsApp lässt sich zum Lernen einsetzen. Dabei können die „SpielerInnen“ auch Punkte für die Highscore sammeln, zugleich wiederholen sie aber zentrale Inhalte des Unterrichts und üben die Einordnung von Bildquellen. Dazu stellt die Lehrkraft aus dem Archiv der App geeignete Bildquellen, wie z.B. Karikaturen, für die jeweilige Lerngruppe zusammen und lädt ggf. weitere Bilder hoch, um sie als Sammlung zur Verfügung zu stellen. Während die Bilder im Archiv mit Metadaten wie Veröffentlichungsjahr, Autor, Kurzbeschreibungimage etc. erscheinen, sind sie im Tagging Game nur ohne weitere Informationen zu sehen und müssen selbstständig durch Verschlagwortung beschrieben werden.
Die Verschlagwortung funktioniert dann gut, wenn die SpielerInnen bereits das entsprechende Vorwissen mitbringen und so das jeweilige Bild fachlich korrekt entschlüsseln können, indem sie es historisch einordnen und die einzelnen Elemente möglichst präzise benennen (durch Identifizierung der abgebildeten Personen und Symbole, einer zeitlichen Einordnung usw.). So können in der Tat auf spielerische Art und Weise wesentliche Inhalte des Unterrichts sowie deren Zusammenhänge wiederholt und aufgefrischt werden. Historische Karikaturen zu diesem Zweck findet man zum Teil bereits im Archiv der App, ansonsten z.B. in den Wikimedia Commons.

Virtuelle Exkursionsorte für den Geschichtsunterricht

Hier habe ich eine Reihe von Beispielen von kostenlos, online verfügbaren historischen Orten und Gebäuden zusammengestellt, an die über das Web virtuelle Exkursionen von Zuhause oder aus dem Klassenzimmer unternommen werden können. Die Sammlung ist entstanden bei der Recherche für einen Beitrag für den im Frühjahr kommenden Jahres erscheinendencategory_genre_adventure-800px neuen Sammelband zu digitalen Medien im Geschichtsunterricht. An dieser Stelle noch ein großes Dankeschön an Michael Schmalenstroer für die ergänzenden Hinweise, die Eingang in die Liste gefunden. Weitere Hinweise sind herzlich willkommen!

Flucht und Migration als Thema im Geschichtsunterricht

„Schulbücher stellen Zuwanderung zu negativ dar“, so lautete im März 2015, also vor nmigration-is-not-a-crime-800pxicht einmal einem halben Jahr, die Schlagzeile in der ZEIT zu einem Artikel über eine Studie der Integrationsbeauftragten (deren Ergebnisse vollständig als PDF auf den Seiten der Bundesregierung). Weiter heißt es im Artikel die Studie zusammenfassend:

„Ausländer und Flüchtlinge werden in deutschen Schulbüchern immer noch negativ dargestellt. Zuwanderung werde im Sozialkunde- und Geschichtsunterricht, teilweise auch im Fach Geografie immer noch vor allem als „konfliktträchtig und krisenhaft“ beschrieben […] Danach erscheinen Migration und Verschiedenheit in den Büchern in erster Linie als Problem und Herausforderung für eine weitgehend homogen vorgestellte Gesellschaft. Integration werde zwar als notwendig dargestellt, aber nicht weiter konkretisiert und unterschieden.“

Beretis 2012 in der Zeitschrift des Geschichtslehrerverbandes geschichte für heute (2/2012) ein (etwas kurz geratenen) Themenschwerpunkt „Migration“ erschienen, in dem Peter Lautzas durchaus leidenschaftlich auf wahrgenommene Probleme hinweist und für die Aneignung einer positiven Grundhaltung zur Einwanderung wirbt. Lesenswert sind die didaktischen Überlegungen von Bodo von Borries in Historischen Denken Lernen (2008, S. 138-147) ebenso wie der von Bettina Alavi und Gerhard Henke-Bockschatz bereits 2004 herausgebene Tagungsband „Migration und Fremdverstehen“ (Rezension, Inhaltsverzeichnis und Leseprobe als PDF), in dem Wolfgang Hasberg abschließend festhält, dass „Fremdverstehen, Migration und interkulturelle Erziehung in der Geschichtsdidaktik zwar immer wieder diskutiert würden, dass bislang jedoch noch keine ‚konsequente Zusammenschau dieser drei Teilaspekte geleistet‘ worden sei (S. 233).

Aufgegriffen werden können das Thema Migration in allen Epochen und ist damit im chronologischen Durchgang in allen Jahrgangsstufen lehrplankonform integrierbar. In moderner angelegten Curricula, die mit Längsschnitten und Modulen arbeiten, ist in der Regel das Thema „Migration“ mindestens einmal explizit Gegenstand des Unterrichts. Gute Anknüpfungsmöglichkeiten an Standardlehrplanthemen bieten folgende historische Migrationsbewegungen und Begegungsorte, so u.a.:

  • griechische Kolonien,
  • römischer Limes und Völkerwanderungen („invasions barbares“)
  • Ostsiedlung im Mittelalter,
  • Vertreibung der Juden und deren Aufnahme in Polen und im Osmanischen Reich (Mittelalter/16. Jahrhundert),
  • Hugenotten (17. Jahrhundert),
  • europäische Auswanderung in die USA (18./19. Jahrhundert),
  • Adelsemigration während der Französischen Revolution (Koblenz),
  • Ruhrgebiet in der Industrialisierung (besonders die Arbeitsmigration aus den verschiedenen preußischen Territorien),
  • Exil in der NS-Zeit,
  • „Umsiedlung“ nach dem 1. Weltkrieg (z.B. Türkei/Griechenland oder Oberschlesien)
  • Flucht und Vertreibung während und nach dem 2. Weltkrieg (besonders Polen/Ukraine/Deutschland),
  • Anwerbeabkommen und „Gastarbeiter“ in den 1950er, 60er und 70er Jahren
  • sowie Flucht aus der DDR.

An den jeweiligen historischen Migrationsbewegungen lassen sich Ursachen, Auslöser, Mittel und Wege analysieren und miteinander oder mit heutigen Beispielen vergleichen. Begegnung und (gegenseitige) Fremdheitserfahrung, Ankunft und Aufnahme sowie die Spannung zwischen den Polen Abgrenzung und Assimilation können gleichfalls an zahlreichen Quellen untersucht werden. Wichtig erscheint mir, dass im Geschichtsunterricht deutlich wird, dass vermeintlich homogene, historisch unveränderte Gesellschaften eine Fiktion, Migration weder ein modernes Phänomen und noch eine Ausnahme, sondern der Normalfall ist.

Dazu passt der Ansatz, den Europäische Geschichte Online (EGO) verfolgt, der aber bislang nur kaum Anwendung auf Ebene des Geschichtsunterrichts gefunden hat. Unter dem Titel „Europa unterwegs“ sind dort einige interessante Beiträge zu Reisen und Migrationsbewegungen in der europäischen Geschichte zusammengestellt.

Die Besonderheit des Projekts ist der Forschungsansatz, „Prozesse interkulturellen Austauschs in der europäischen Geschichte […], die über staatliche, nationale und kulturelle Grenzen hinauswirkten“ (http://ieg-ego.eu/de/ego) in den Blick zu nehmen und „Europa als einen stets in Wandlung befindlichen Kommunikationsraum, in dem vielgestaltige Prozesse der Interaktion, Zirkulation, Überschneidung und Verflechtung, des Austauschs und Transfers, aber auch von Konfrontation, Abwehr und Abgrenzung stattfanden“ (ebd.) zu beschreiben.

http://ieg-ego.eu/de/threads/europa-unterwegs

In einem der ersten Blogbeiträge vor über sechs Jahren hatte ich bereits auf verschiedene Internetportale hingewiesen, die Informationen und Materialien zu historischen Aspekten von Migration bieten. Die Links habe ich geprüft und sofern notwendig aktualisiert.

Hier folgen nun noch einmal Links zu Materialien für den Unterricht. Weitere Hinweise auf online verfügbare Quellensammlungen und Unterrichtsideen bitte gerne über die Kommentarfunktion hinzufügen!

Auf den Seiten der Geschichtsdidaktik der Universität Erlangen findet sich eine Handreichung für Lehrkräfte mit dem Titel „Migrationsgeschichte. Sammeln, sortieren und zeigen“, die von Gesa Büchert und Hannes Burkhart herausgegeben und großteils auch verfasst wurde. Sie kann als PDF heruntergeladen werden:

http://www.geschichtsdidaktik.ewf.uni-erlangen.de/migrationsgeschichte.pdf

Gleichfalls eine „Handreichung für Unterricht und Bildungsarbeit“ bietet das Netzwerk Migration in Europa an. Der Schwerpunkt liegt auf der Gegenwart, es gibt aber auch Module zur Emigration der 1930er und 40 er Jahre sowie zur Genfer Flüchtlingskonvention von 1951:

http://www.migrationeducation.org/fileadmin/uploads/Broschuere_Deutsch_2.Auflage_01.pdf

Hilfreich vor einer unterrichtlichen Beschäftigung mit dem Thema „Migration“ ist auf jeden Fall die Lektüre der Überlegungen zur „Kulturalisierungsfalle“, die sich begleitend zur (Online-) Ausstellung „Deutsch-Osmanische Verflechtungen und Armeniergräuel im Ersten Weltkrieg“ finden. Dort sind auch aktuelle weiterführende Literaturangaben speziell zu Geschichtsdidaktik und -unterricht:

https://www.blogs.uni-mainz.de/fb07-armeniergreuel/didaktische-ueberlegungen/kulturalisierungsfalle-2/

Zunächst ist das aktuelle Projekt gefluechtet.de zu „Ursachen, Lebenssituation und Umgang mit Flucht“ zu nennen. Das kollaborativ verfasste Blog dokumentiert Biografiegeschichten von Flüchtlingen in Vergangenheit und Gegenwart und ist offen zur Mitarbeit.

Eine umfangreiche Sammlung zu Projekt- und Unterrichtsideen sowie Materialien zu „Exil, Fremdsein und Migration“ bietet weiterhin der Exil-Club, dessen letztes Update allerdings bereits Mitte 2007 erfolgte, so dass mit Sicherheit einige der Links nicht mehr funktionieren werden:

http://www.exil-club.de/dyn/411.asp?Aid=248&Avalidate=96477687&&cache=4053

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat aktuell ein Dossier mit verschiedenen Beiträge zum Thema „Flucht und Asyl“ zusammengestellt: http://www.bpb.de/lernen/themen-im-unterricht/212843/flucht-und-asyl

Ebenso bieten Die Zeit wie auch die FAZ speziell für Schulen Texte und Materialien allgemein zum Thema „Migration“ an:

http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2015-03/zuwanderung-schulunterricht-lehrmaterial

http://www.fazschule.net/project/die-welt-in-bewegung2011

Didaktische Überlegungen insbesondere zur Landesgeschichte: Ulrich Maier, Migration als Thema der Landesgeschichte, in: Landesgeschichte in Forschung und Unterricht 1, herausgegeben vom Württembergischen Geschichts- und Altertumsverein, Kohlhammer, Stuttgart 2005, S. 9-23. http://www.schule-bw.de/unterricht/faecheruebergreifende_themen/landeskunde/modelle/epochen/neuzeit/migration/migration-als-thema.pdf

Unterrichtsideen, didaktische Überlegungen und Materialien in: Deutschland & Europa 45 (2004): Migration http://www.deutschlandundeuropa.de/45_02/Migration.pdf

Zu den Hugenotten am Beispiel der Familie De Maizière schreibt Charlotte Jahnz auf gefluechtet.de: http://gefluechtet.de/wp/2015/09/25/vom-religionsfluechtling-zur-funktionselite/

Eher touristisch angelegt, aber geradea deshalb mit geschichtskultureller Perspektive auch für den Unterricht nutzbar ist der sogenannte „Hugenotten und Waldenser-Pfad“: http://www.hugenotten-waldenserpfad.eu/

Eine Unterrichtseinheit vom Deutschen Polen-Institut im Rahmen seiner Veröffentlichungen „Polen in der Schule“ beschäftigt sich mit der Ostsiedlung im Mittelalter: http://www.poleninderschule.de/assets/polen-in-der-schule/downloads/arbeitsblaetter/Gesamtdatei-Ostsiedlung.pdf

Dort auch zur polnischen Emigration im 19. und 20. Jahrhundert: http://www.poleninderschule.de/assets/polen-in-der-schule/downloads/arbeitsblaetter/p-migration-01-didaktikliteratur01.pdf

Siehe dazu auch: Hellmuth Vensky, Polen prägten das Ruhrgebiet. Schimanskis Väter, in: Die Zeit Online, 2. März 2010, http://www.zeit.de/wissen/geschichte/2010-02/ruhr-polen/komplettansicht

Zur Auswanderung nach Nordamerika sei auch noch auf einen älteren Beitrag hier im Blog verwiesen: https://geschichtsunterricht.wordpress.com/2011/03/09/auswanderung-und-assimilation/

Siehe dazu auch: Bernd Brunner, Deutsche Massenmigration: Der große Aufbruch, in: : http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2011/03/Massenauswanderung/komplettansicht

Zur rheinland-pfälzischen Landesgeschichte auf die umfangreichen Seiten zum Thema „Auswanderung“. Neben den USA sind Brasilien, Osteuropa und das Exil während der NS-Zeit weitere Schwerpunkte: http://www.auswanderung-rlp.de/startseite.html

Koblenz als Zentrum der Emigration des französischen Adels 1791/1792:

Rhein-Zeitung: http://www.rhein-zeitung.de/region/lokales/koblenz/stadtgeschichte_artikel,-Teil-24-Koblenz-Zentrum-der-Royalisten-_arid,364571.html

regionalgeschichte.net: http://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/texte/aufsaetze/thielen-katharina-emigrationszentrum-koblenz.html

Landeshauptarchiv: http://www.lha-rlp.de/index.php?id=367

Prüfung historischer Bildquellen. Beispiel: Foto aus Kabul von 1972?

Theorie ist gut, aber funktioniert sie auch in der Praxis? Um die Leitfragen aus dem letzten Beitrag zu prüfen, habe ich mir mal folgendes (vielen vermutlich bekanntes) Bild vorgenommen:

https://twitter.com/Historicalmages/status/652830539687325696

Zeitgleich zu meinem Beitrag zur digitalen Bildquellenkritik schrieb jemand auf Twitter zu dem obigen Bild:

https://twitter.com/RainerSteinke/status/653101472071196672

Wenn man genau hinschaut, kann man tatsächlich den Eindruck haben, dass die Köpfe nachträglich verändert und aufgesetzt wurden. Aber stimmt die Vermutung oder handelt es sich um ein unverfälschtes Bild? Und selbst dann: Zeigt es tatsächlich eine alltäglich, typische Straßenszene aus Kabul im Jahr 1972?

An Afghan school girl sings a prayer in celebration and for blessing during a ground breaking ceremony in the village of Dar Bhabba in the Nangahar province May 15. The school that will be built here is funded by the Jalalabad Provincial Reconstruction Team. Photo by United States Army, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Afghan_girls_in_Nangarhar.jpg

An Afghan school girl sings a prayer in celebration and for blessing during a ground breaking ceremony in the village of Dar Bhabba in the Nangahar province. The school that will be built here is funded by the Jalalabad Provincial Reconstruction Team. Photo from May 15, 2007  by United States Army (Public Domain), https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Afghan_girls_in_Nangarhar.jpg

15 May 2007

Das Bild ist stark, weil es im Kontrast zu unserer heutigen Vorstellung von Afghanistan steht. Die Vergangenheit Afghanistans „vor den Taliban“ wird bildlich verdichtet zu einem modern, westlich orientierten Land. Dabei schwingt beim Betrachter dann mit, dass dies heute nicht mehr so ist, diese „gute Zeit“ durch Terrorismus und Islam(ismus) vernichtet wurde. Dabei könnte es aufgrund der zeitlichen und räumlichen Einordnung ebenso mit einem Titel „Afghanistan vor dem Einmarsch der Sowjetunion“ versehen werden… erst die Bildunterschrift ordnet das Foto ein und nimmt eine wertende Bedeutungszuschreibung vor.

In der Bildersuche bei Google findet sich über 600 Fundstellen, vor allem auf Twitter, aber auch in zahlreichen Blogs. Allerdings finden sich fast nirgendwo Informationen zum Bild. Es wird fast ausschließlich benutzt, um den Verlust von Frauen- und Menschenrechten in Afghanistan zu illustrieren, leider immer ohne Quellenangaben (siehe z.B. hier: http://www.amnesty.org.uk/womens-rights-afghanistan-history#.VhuIMCuoPJA) Auf einigen Seiten wird die Ausdruckskraft des Bildes mit dem Spruch: „Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte“ auch explizit evoziert. Ich habe keine Seiten gefunden, die den Kontext oder die Frage nach der Authentizität des Bildes diskutiert. Vermutlich haben die meisten Blogger dieses Bild selbst über eine (Google-) Suche gefunden und als passende Illustration für ihren Beitrag übernommen. Das Foto wird immer wieder unhinterfragt in einen ähnlichen Kontext eingebettet, dadurch verbreitet es sich nicht nur weiter, es erhält so auch eine wachsende Trefferrelevanz zu dem Thema in den Suchmaschinen und damit eine Art virale Form der Glaubwürdigkeitsbestätigung durch Reproduktion und Verlinkung.

Auffällig ist, dass auf einigen Bilder in der Google-Suche auch eine Überschrift auf Portugiesisch rechts im Bild („Cabul antes do Taleban“ – Kabul vor den Taliban) sowie ein längerer, aber auch in Vergrößerung kaum lesbarer Text in weißer Schrift links unten im Bild.

Sucht man nun diese „Überschrift“ kommt man auch auf folgende Seite: http://the1988.blogspot.de/2008/03/strangers-when-we-meet.html Dort ist der kleinere portugiesische Text in voller Länge wiedergegeben und verweist auch auf eine Fotografin, Harriet Logan, und ein Buch, „Frauen in Kabul“.

Recherche mit dem Namen ergibt folgendes Ergebnis: „The award-winning photographer Harriet Logan first travelled to Afghanistan in December 1997“ (http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/7637622.stm) Die Fotografin ist 1967 geboren und daher selbst mit Sicherheit nicht die Autorin des gesuchten Fotos, zumal sie 1997 zum ersten Mal in Afghanistan gewesen ist (Interview: http://www.bedales.org.uk/alumni/harriet-logan). Nicht auszuschließen ist allerdings, dass sie das schwarz-weiß Foto in ihrem Band verwendet hat, z.B. als Kontrast zu ihren eigenen Fotografien. Dies wäre dann im Bildband selbst zu prüfen, der mit genauem Titel heißt: Unveiled: Voices of women in Afghanistan. Ein Bild der Google-Suche zeigt eine Fotografie der Abbildung aus einem Heft oder Buch. Dem bin ich nicht weiter nachgegangen.

Andere Seiten verweisen auf einen „unbekannten Fotografen“, was aufgrund der Überlieferung bei Bildern nicht selten ist. Die Suche nach dem Bild führt auch zu Galerien mit Farbbildern aus dem Afghanistan der 1970er Jahren (z.B. Der Spiegel oder Daily Mail) . Das gesuchte S/W-Foto findet sich dort allerdings nicht.

Fazit

Der Versuch zeigt, dass der Onlinesuche allein vergleichsweise enge Grenzen gesetzt sind, um die Echtheit eines digital vorliegenden Bilds zu prüfen. Weder das Wer, Was, Wo noch Warum konnten eindeutig geklärt werden. Dennoch können aufgrund der Fundstellen einige hilfreiche Feststellungen zu dem überprüften Bild getroffen werden:

  • Der Vergleich über die Google-Bildersuche macht es sehr wahrscheinlich, dass hier ein Originalbild vorliegt, dass (abgesehen von den Schriftelement aus der Printveröffentlichung) nicht verändert oder aus verschiedenen Elementen neu zusammengesetzt wurde
  • ob das Foto das zeigt, was behauptet wird, nämlich westlich gekleidete Frauen in Kabul im Jahr 1972 kann hingegen nicht definitiv beantwortet werden, allerdings:
  • verweist die Kleidung der Frauen auf die 1970er Jahre und
  • der Vergleich mit anderen sicher belegten und verorteten Fotografien aus den 1970er Jahren zeigt ähnlich gekleidete Frauen, auch afghanische –  wobei es anhand der Fotos scheint, als ob dies eher eine auf bestimmte Milieus und die Hauptstadt beschränkte Ausnahme war.
  • Der Vergleich zeigt auch: Das Foto allein eignet sich nicht zur Illustration typischer Lebensumstände der gesamten Bevölkerung in Afghanistan in den 1970ern Jahren. Das Bild ergänzt um die implizite oder explizite Behauptung „So war das Leben der Frauen vor den Taliban in Afghanistan.“ ist auf jeden Fall irreführend.
  • Abschließend lässt sich festhalten, dass es sich um ein historisch mögliches Foto handelt, dass durchaus zu Ort und Zeit passen könnte.

Auch wenn ich die Ergebnisse der kurzen (ca. 30 Minuten) Recherche als unbefriedigend empfinde, wäre es aus meiner Sicht notwendig nicht erst in der Universität, sondern bereits in der Schule solche Verfahren einzuüben, ihre Möglichkeiten und Grenzen kennenzulernen und vor allem die Schülerinnen und Schüler dazu zu befähigen, selbst die Aussagereichweite ihrer Recherche sowie damit die Authentizität von Bildquellen bewerten zu können.

Original oder Fälschung? Annäherung an eine Checkliste zur Prüfung digitaler historischer Bildquellen

Die Frage stellen sich nicht nur Geschichtswissenschaftler und Kunsthistoriker, auch Journalisten müssen tagtäglich ihreMerlin2525-Original-Business-Stamp-2-800px „Quellen“ prüfen. Eike Rösch hat in der letzten Woche im Medienpädagogik-Praxisblog auf eine Zusammenstellung der Journalistengruppe „First draft“ hingewiesen, die einen Kriterienkatalog (PDF) vorgelegt hat, um die Authentizität digital vorliegender Fotos und Videos zu prüfen.

Interessanterweise sieht die Gruppe eine volle Bestätigung immer erst durch direkte Kommunikation mit dem Urheber des Bildes bzw. Videos sowie ggf. ein weiteres Prüfelement wie die Übereinstimmung von Landschaft und Wetter im Setting als gegeben an. Für das Prüfen historischer Fotos und Videos dürfte das Gespräch mit dem Autor in der Regel nicht mehr möglich sein – selbst wenn, ist es für die Lern- und Arbeitssituation z.B. in einem schulischen Kontext in der Regel nicht realistisch. Über ein soziales Netzwerk oder eine Suchmaschine wird man auf historische Bilder aufmerksam, wie lassen sie sich diese vergleichsweise schnell und sicher prüfen? Es geht dabei vor allem um die Frage: Zeigt die historische Aufnahme tatsächlich das, was auf Twitter, Facebook & co behauptet wird, dass sie es abbildet bzw. könnte das abgebildete Geschehen so stattgefunden haben?

Das Thema ist bereits einmal ausführlich in diesem Blog diskutiert worden (siehe hier). Auch wenn die Fragen der Journalisten nicht eins zu eins auf historische Quellen übertragbar sind, geben sie doch gute, weiterführende Anregungen zur Prüfung digitaler Bildquellen.

Daher hier der Versuch das Schema der Journalistengruppe für den Geschichtsunterricht zu adaptieren. In dieser Ausführlichkeit ist dies sicher nicht oft möglich, aber exemplarisch sinnvoll, um die Arbeitsschritte kennenzulernen und einzuüben und ggf. für eigene Recherchen, Referate oder Ausarbeitungen darüber verfügen zu können. An den W-Fragen wird deutlich wie ähnlich dieses Verfahren der klassischen Quellenkritik ist, auch wenn die verwendeten Werkzeuge digital sind. Entscheidend bei der Prüfung ist das Zusammenführen der Antworten zu allen Fragen, erst dies lässt mit hoher Wahrscheinlichkeit Fälschungen, Remixe und andere nachträgliche Veränderungen ausschließen.

1 Liegt das Originalbild vor?

Um dies zu prüfen, kann das Foto in eine Bildersuchmaschine eingefügt werden. Findet sich in der Bilderrückwärtssuche nur das gesuchte Foto in exakt identischer Weise und auch kein Bild, das Teile des gesuchten Fotos enthält, ist dies ein erster Hinweis darauf, dass man eine unveränderte Aufnahme vorliegen haben könnte. Ob ein Bild, z.B. mit Photoshop, bearbeitet wurde, lässt sich auch mit der Online-Software FotoForensics prüfen: Dort kann ein Bild hochgeladen oder eine URL angegeben werden. Das Programm führt eine Fehlerstufen-Analyse (ELAError Level Analysis) durch, die die Bilder auf unterschiedliche Kompressionsstufen hin untersucht.

2 Wer ist der Fotograf?

Wenn die Information nicht bei der Aufnahme dabei ist, lässt sich dieses gleichfalls über die Bildersuche feststellen. Finden sich auf diese Weise verschiedene mögliche Autoren für das Bild, kann besonders Einträge von Archiven, Museen und ähnlichen Einrichtungen – auch wenn ihnen immer wieder mal ein Fehler unterläuft – als besonders glaubwürdig eingeschätzt und entsprechend genutzt werden. Im Idealfall ist das Originalfoto sogar im Bestand des Archivs oder Museums, auf dessen Seite man Informationen dazu gefunden hat.

Der Name kann auch zur weiteren Recherche dienen, um mehr über die Person und die möglichen Umstände der Entstehung der Fotografie zu erfahren, z.B. über biographische Aspekte: Hat die Person zu dem Zeitpunkt des Fotos schon/noch gelebt? Ist bekannt, ob sich die Person zu diesem Zeitpunkt in dem Ort bzw. Land aufgehalten, wo das Foto entstanden ist?

3 Wo wurde das Foto aufgenommen?

Ob sich beim Bild selbst kein Hinweis findet oder einer angegeben ist, prüfen lässt sich der Ort der Aufnahme durch Vergleiche mit ähnlichen Bildern (siehe oben Bildersuche) Hinweise liefern. Ein Abgleich mit ähnlichen Bildern, ein Prüfen möglicherweise vorhandener Textelemente im Bild (Sprache, Stil), bei Personen der Kleidungsstil sowie typischer Landschafts- oder Architekturmerkmale erlauben ggf. eine ungefähre, machmal auch genaue Verortung der Aufnahme. Die verschiedenen Elemente sollten zueinander stimmig sein. Landschaftsmerkmale lassen sich zusätzlich durch digitale Kartenwerkzeuge, wie z.B. Google Maps und Google Earth, überprüfen.

4 Wann wurde das Foto aufgenommen?

Die Exif-Daten helfen bei digitalisierten Fotos nicht weiter, zukünftig werden sie ein wichtiges Element der Prüfung für alle Aufnahmen nach Einführung dieser Metadatenaufzeichnung in digitalen Geräten darstellen. Das Bild sollte genau betrachtet werden, um möglicherweise vorhandene Anachronismen für das vermutete oder angegebe Aufnahmejahr zu entdecken.

Datum, Zeit und Ort sollten zumindest bei Außenaufnahmen anhand der Schatten geprüft werden. (Dies gilt im übrigen grundsätzlich: Bei möglichen Zweifeln zunächst einmal das Bildmaterial daraufhin untersuchen, ob es Unterschiede oder Unstimmigkeiten im Schattenwurf bzw. der Ausleuchtung gibt.) Ist ein Aufnahmedatum angegeben, kann bei Außenaufnahmen auch ein Abgleich mit historischen Wetterdaten für den Ort der Aufnahme zur Überprüfung herangezogen werden. Am einfachsten ist die Suche mit WolframAlpha (hier eine Beispielsuche für den 30. Januar 1933 – siehe aber auch Deutscher Klimaatlas und für globale Daten auf Englisch für den Zeitraum 1900-2010: ERA-20c).

5 Warum wurde das Foto aufgenommen?

Um dies für historische Aufnahmen zu prüfen, ist entweder eine Kontextualisierung des Fotos in der Biographie des Autors oder in der Erstveröffentlichung notwendig. Zu beiden kann eine Bilderrückwärtssuche (siehe oben) direkt führen. Bei mehreren Fundstellen sind entweder die angegebenen Metadaten heranzuziehen oder die älteste Fundstelle herauszufinden. Ggf. ist eine ergänzende Recherche zum Autor notwendig. Ein Abgleich der biographischen Informationen mit den Hinweisen zur Erstveröffentlichung (Hat dieser Fotograf für diese Zeitschrift gearbeitet? Hatte dieser Nutzer einen Account bei „Wer kennt wen?“ usw.) kann als zusätzliche Prüfung dienen.